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Full text of "Vom Kaukasus zum Hindukusch"

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Sarbarö €aütst übraro 



Archibald Gary Coolidge, Ph.D. 

(Cla« ot iBSt) 




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Vom Kaukasus zum Hindukusch. 



Vom 



Kaukasus zum Hindukusch 



Reisemomente von Bernhard Stern. 



Mit 12 Vollbildern und 33 Textillustrationen nebst einem Anhang; 



Kaukasische Marschrouten. 



Berlin 

Verlag Siegfried Cronbach 

1893. 



1 



^e^sop- ^ 






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^ Harvard CoIIeg-e Library 

A, O-ift of 



▲rdbibald Gary Coolid^re ,PtuO^ 
July 1. 1S9Ö. 



Alle Rechte vorbehalten. 



Clichös uud Druck von Dr. E. Albert & Co., MQachen. 



Inhalt. 



8eite 

Auf der Wolgra nnd dem Kaspi 1-— 14 

Die Kalmückenstadt Zarizyn. — Wolgafahrt. — 
Eine interessante Bekanntschaft. — Die Stadt 
des Kaviars. — Ein galantes Abenteuer. — Im 
Theehaus. — Auf dem Kaspi. 

Die grusinische Heerstrasse 15—28 

Posthausleben in Wladikawkas. — Erster Anblick 
der Gebirgswelt. — Der kostbare Darialpass. 
— lieber den Kasbek. — Eine ossetische Le- 
gende von Christi Geburt. — In der Region der 
Lawinen. — Gefährliche Fahrt. — Tiflis. 

Ein Sonntag in TiHis 29—42 

Wanderung' zum Gottesdienst. — Historische Er- 
innerungen. — Die heutigen Kaukasier. — In 
russischen, georgischen und armenischen Kirchen. 
Mzchet die alte Königsstadt von Grusien . . . 43—56 
Eine versunkene Welt. — Die älteste georgische 
Kirche. — Die Bagratiden. — Ein Heiligtum. — 
Thaten der Apostelin Nina. 
Kntaiss die alte Königsstadt von Imeretien . . . 57—70 
Aus der Vergangenheit. — Eine königliche Liebes- 
geschichte und ihre Folgen. — In der Stadt. — 
Das Judenghetto. — In der Umgegend. — Das 
Kloster Gelaty. — Das Kloster Motzamethi. 



VI Inhalt. 



Seite 

Im Beiche der Kirke und Medea Ein Idyll aus 

Kolchis 71-82 

Urwald. — Heimat der Weinrebe. — Einsam- 
keit. — Poetische Träume. — Prosaische Wirk- 
lichkeit. — Die Enkelin der melodischen Kirke. 

— Die Festung Poti. 

Im Hafen Ton Batnm 83—102 

Das ehemalige Batum. — Die neue Stadt. — Ihr ' 

Hafen, Handel und Leben. — Der Zar in 
Batum. — Potemkinsche Strassen. — Hotels. 

— Eine schlüpfrige Badegeschichte. — Eine 
Negerkolonie. — Bodenstedts Villa. — Räuber- 
geschichten. — Vergnügungslokale. — Friedhof. 

Auf Apscheron 103—128 

Das alte und das neue Baku. — Geschichtliches. 

— Rache eines Arztes. — Das Regiment einer 
Frau. — Eroberung der Stadt durch die Russen. 

— Der Chanspalast. — Frühere Hinrichtungsart. 

— Die Geschichte vom Jungfernturm. — Die 
Neustadt. — Die schwarze Stadt. — In der Um- 
gegend. — Das Wolfsthor. — Moschee der 
Fatimeh. — Ewige Feuer. — Die Naphtaschätze. 

— Die brennenden Wasser. 

Die transkaspische Steppenbahn 129 — 182 

Usunadda, das Sand- Venedig. — Belebung der 
mittelasiatischen Steppen. — Der Bahnbau. — 
General Annenkow. — Schwierigkeiten beim 
Bau. — Erste Steppenansiedelungen. — Dauer, 
Kosten und Bedeutung der Bahn. — 4000 Brücken. 

— Steppenfahrt. — Oasen. — Skobelews Sturm 
auf Geok Tepe. — Bahnwächter. — Stationen. 

— Am Bahnhof von Asschabad. — Baba Dur- 



Inhalt. VII 



Seite 
mas. — Die Merw-Oase. — Historisches. — 
Neu-Merw. — Ruinen von Merw. — Ein Tag 
in Bochara. — Der Palast des Emirs. — Ent- 
setzliche Todesarten der Verurteilten. — Gebet 
in der grossen Moschee. — Bazare. — Juden. 

— Eine Schule im Freien. — Abend in Bochara. 

— Fahrt nach Samarkand. 

Samarkand das Wunderland 183—240 

Der Zar von Asien. — Das Serafschanthal. — 
Strassenleben. — In den Theestuben. — Bei 
den Juden von Samarkand. — Zu Tische bei 
einem Oezbegen. — Altertümer. — Im Garten 
der Erlaubnis. 

Momentbilder 241—252 

Auf dem Kasbek. — An den Ufern des Terek. — 
In der turkmenischen Steppe. — In der Oase. 

Anhang: Kaukasische Marschronten 253—322 



Auf der Wolga und dem KaspL 



1 

I BernbArd Stern, Vom Kaukasus zum Hindukusch. \ 

I 




Die Kalmückenstadt Zarizyn. — Wolgafahrt. — Eine interessante 
Bekanntschaft. — Die l^tadt des Kaviars. — Ein galantes Abenteuer. — 
Im Theehaus. — Auf dem Kaspi. 



Das war eine wandersame Fahrt voll seltsamer Aben- 
teuer nnd fast märchenhafter Erlebnisse. Ein einsamer, 
passloser Flüchtling, verfolgt auf Schritt und Tritt, irrte ich 
monatelang umher in den Steppen und Wüsten des euro- 
päischen und asiatischen Eusslands, durch die Landschaften 
an der Wolga und am Schwarzen Meere, durch die Gebirge 
des Kaukasus. 

Von Orel kommend, wo ich gerade den Zaren ge- 
troffen, als er von der Eisenbahnkatastrophe bei Borki nach 
Petersburg reiste, langte ich an einem Samstag Nachmittags 
in Zarizyn an. Zwei Stunden East. Des ewigen Fahrens 
müde, sprang ich fröhlich aus dem Wagen und eilte in die 
Strassen der Stadt, um meine Gliedmassen ein wenig wieder 
in Bewegung zu bringen und gelegentlich auch die Sehens- 
würdigkeiten der vielgenannten Kalmückenstadt in Augen- 
schein zu nehmen. Aber Zarizyn hat gar keine Sehens- 
würdigkeiten, wenn man nicht die wenigen gepflasterten 
Strassen, die Paar Laternen und den unerhörten Schmutz als 
solche rechnen will. 

Dagegen sind Handel und Verkehr dieser Stadt wol der 
Beachtung wert. In einer zum Hafen vortrefflich geeigneten 
Bucht des Eiesenstromes liegend, ist sie der Durchfuhrort 
aller Waren geworden, welche über Astrachan nach Asien 

1* 



4 Auf der Wolga und dem KaspL 

gehen und von dort koiianxeG. Die Reisenden nach Trans- 
kaspien und dem KaukasiM- nehmen ebenfalls, so lange Schiff- 
fahrt ist, etwa von April bis Oktober, ihren Weg viel lieber 
über Zarizyn und die Wolga als über den Kasbeck und die 
grusinische Heerstrasse. 

In Zarizjrn leben viele Kalmücken. Hier machte ich 
die erste Bekanntschaft mit dieser Menschenrasse, die ich 
später noch häufiger und näher kennen zu lernen gute Ge- 
legenheit hatte. 

Der Hafen der Stadt war voll von Dampfern, Segel- 
schiffen und Ruderboten. Zum grössten Teü hatten die 
bedeutenderen Fahrzeuge Naphta und Oel aus Baku an 
Bord. Sie sind eigens dazu eingerichtet, ihre Bäuche haben 
Reservoirs für Petroleum. Man pumpt dieses in Baku in die 
Schiffe hinein und in Zarizyn giesst man es wieder direkt 
aus den Schiffen in die bis zum Pristan oder Landungssteg 
herankonmienden Eisenbahnwaggons, welche die Feuerspeise 
über Odessa und Riga in alle Weltgegenden tragen. Beim 
Umpumpen der Naphta bleiben Rückstände, Astatki genannt, 
welche man sammelt und in einen nahe bei Zarizyn befind- 
lichen Teich schüttet. Dieser Petroleumteich ist nach und 
nach so gross geworden, dass man auf ihm in Boten herum- 
fahren kann. 

Nachdem meine Rastzeit abgelaufen, rief ich einen 
Iswoschtschik und fuhr auf holprigem Wege zum Dampfer 
»Weliky Knjäs Wladimir«, dem ich mich zur Reise nach 
Astrachan anvertrauen wollte. 

Als ich das Schiff betreten, war ich von seiner Pracht 
erstaunt. Ein Riesendampfer nach dem System der Missisippi- 
fahrer, mit aller möglichen Bequemlichkeit. Er kam von 
der berühmten Messestadt Nishny-Nowgorod, hatte also eine 



Auf der Wolga und dem Kaspi. 5 

starke Tour hinter sieh; trotzdem fand ich an Bord nur 
wenige Passagiere. £s war die letzte Dampferfahrt jener 
Saison. Schon stand der sibirische Winter vor der Thür, 
und das Wasser des Biiesenflusses verdickte sich da und dort 
zu Eiskhunpen. Unsere Reise wurde durch die vorgeschrittene 
Jahreszeit behindert und verlängert, und wir brauchten 
statt 24 Standen voUe 72. Mehrere Made blieben wir im 
Eise stecken, und es hiess, wir sollten au nächstbester 
Stelle aussteigen und uns mit Eahnückenpferden weiter 
bringen lassen. Glücklicherweise gelang es uns aber immer 
noch freie Waaserbaim zu bekommen. 

Auf dem Sciüffe war die Zeit indessen keineswegs zu 
lang. Es gab viel zu sehen und zu bewundem. Die Ein- 
richtung des »schwimmenden Hausesc war wirklich gross- 
artig. Prachtvolle Kajüten, Balkone und offene Gallerien, 
ein ünterhaltungssalon mit Klavier, ein Speisesaal, eine 
Apotheke boten vielfache Annehmlichkeiten. 

Die Gegenden, die wir passirten, zeigten zwar nichts 
Besonderes: eintönige, flache Uferlandschaften, häu% 
mit Schnee bedeckt. Dafür aber wussten die Passagiere 
selbst sich vortrefflich durch Erzählen von reizenden Ge- 
schichten 231 unterhalten. Häufig setzte sich der Kapitän, 
— ein hoher Marineoffizier, denn er führte den Titel eines 
Kontre-Admirals — zu uns und erhöhte die gemütliche 
Stimmung durch Mitteilung seiner Erlebnisse in Krieg und 
Frieden. Er war ein ausgezeichneter Trinker und legte 
Prob^i davon nicht nur bei Tische ab, sondern goss auch 
mehrere Male ausser der Zeit eine halbe Flasche Schnaps 
auf einmal wie Wasser hinunter. 

Die einzige Station, welche wir von Zarizyn bis Astra- 
ehan machten, war Ssarepta, ein nettes Städtchen am rechten 



6 Auf der Wolga und dem Kaspi. 

Wolgaufer, mit deutschen Ansiedlem und Nürnberger Leb- 
kuchen. Hier stieg eine junge Dame, Pascha Dombrowa, 
in unser Schiff. Sie reiste nach Transkaspien, um bei einem 
General in Asschabad, der militärischen Hauptstadt dieser 
neuesten russischen Provinz, die Wirtschaft zu führen. Auf 
Empfehlung des Kapitäns, der ihr sagte, dass ich mit ihr 
ziemlich die gleiche Eeise hätte, schloss sie sich mir an, 
und so sass ich denn Abends in ihrer Kajüte beim dampfenden 
Ssamowar und lauschte den Schilderungen ihres Lebens. Die 
waren gar interessant. Noch als Leibeigene, Anfangs der 
Sechziger Jahre geboren, wurde sie früh ihrer Eltern be- 
raubt. Nach Aufhebung der Leibeigenschaft kam sie unter 
sonderbaren Umständen und Verhältnissen überall im heiligen 
Zarenreich herum, machte viel Müh und Leid durch, war 
zuletzt bei einer deutschen Familie in Ssarepta und suchte 
nun in Transkaspien eine neue Heimat. Sie war sehr ge- 
scheid und resolut und hatte viel Männliches an sich: 
Kraft, Mut, Energie und einen — Schnurrbart, um den ich 
sie wirklich beneidete. 

Gegen Abend des dritten Tages nach meiner Abfahrt 
von Zarizyn kamen wir in Astrachan an. 

Die Stadt des Kaviars, die ehemalige Eesidenz der 
mächtigen Astarchanidenchane, ist womöglich noch schmutziger 
als Zarizyn, und man begreift, dass die Pest hier vor einem 
Jahrzehnt einen vortrefflichen Boden für ihre verheerende 
Ausbreitung finden konnte. Nun hatte es vor Kurzem auch 
geregnet, und so bildeten der Quai, die Märkte, die Strassen 
tiefe Kothlachen, die man zu Fuss kaum passiren konnte. 

Noch ärger sah es in den Höfen der Häuser aus. Wo 
ich auch hineinschauen mochte — allüberall entsetzlicher 
Schmutz, der seit Wochen, vielleicht seit Monaten hier auf- 



Auf der Wolga und dem Easpi. 7 

gehänft liegt, und kein Mensch denkt daran, ihn fortznränmen. 
Astrachan hat ebenfalls grossen Handel und Verkehr. Die 
Stadt liegt im Delta der Wolgamündung am Kaspi und ist 
der Stapelplatz für alle Waren, welche die Wolga nach Zarizyn 
und Nishny-Nowgorod hinaufgehen und den Eiesenstrom herab- 
kommen. Bekannt ist der kolossale Fischhandel, der hier be- 
trieben wird. Ein grosser Teil der Einwohner obliegt dem 
Fangen der Fische, ein anderer grosser Teil beschäftigt sich 
mit dem Trocknen, Salzen, Pöckeln und Versenden derselben. 
Der Geruch, welchen die vielen Millionen und Millionen 
Fische und Fischlein verbreiten, ist unbeschreiblich. Auf 
verschiedenen Schiffen und in vielen Magazinen wohnte ich 
der Verpackung der Fische und des Kaviars bei. Da gingen 
die Arbeiter — zum TeU unbeschreiblich schmutzige Ta- 
taren, Kalmücken und Perser — mit der Essware so um, 
dass mir der Appetit, astrachanschen Kaviar zu schlucken, 
für immer vergangen ist. Wie in Zarizyn ist auch hier 
der Hauptverkehr vom April bis Oktober, dann bedeckt 
das Eis die Wolga mit einer riesigen Schlittbahn, und in 
Astrachan herrscht bis zur Wiederkehr der wärmeren 
Jahreszeit Stille. Wir waren bei W^interanbruch ange- 
kommen — unser Schiff blieb hier bis zum Frühjahr liegen 
— und deshalb war das sonst wildstürmische Leben nicht 
so bewegt, aber noch immer lebhaft genug. 

In Astrachan befindet man sich schon ganz in Asien. 
Kalmücken und Kirghisen, Perser und Tataren füllen die 
Strassen und Plätze, halten die Buden auf den Märkten, 
lungern am Quai und auf den Schiffen herum, besitzen 
grosse Magazine und kleine Werkstätten, dienen als Kutscher 
und Arbeiter. Die Häuser sind grossenteüs aus Holz, 
niedrig und meist nach orientalischer Sitte mit einem platten 



8 Auf der Wolga und dem Kaspi. 

Dach versehen, auf welchem Abends die Frauen, gewöhnlich ver- 
schleiert, spazieren gehen und wo am Tage Wäsche trocknet. 

Astrachan ist im Ganzen genommen eine reiche Stadt, 
doch herrscht hier neben kolossalem Eeichtum ein Prole- 
tariat, wie es entsetzlicher kaum sonstwo in der Welt 
zu finden ist. Besonders die persischen Frauen sind ganz 
verkommen. In zerlumpten Hosen, ohne Ueberkleider, so 
dass selbst die delikatesten Stellen hervorschauen, stehen 
sie bettelnd an allen Strassenecken oder v rennen sie in die 
Fabriken, wo sie mit Männern zusammenarbeiten. Von den 
Kalmücken und Zigeunern schon gar nicht zu reden; die 
sind in moralischer Hinsicht gleich Null. 

Ich musste mich in Astrachan mehrere Tage aufhalten, 
da der Seedampfer nach Baku wegen heftiger Stürme nicht 
abgehen konnte. 

Mit Rücksicht auf meine Passlosigkeit hatte ich es 
bisher immer vermieden in Grasthöfen abzusteigen und 
mochte dies auch hier nicht thun; ich mietete mir daher 
eine Droschke und fuhr den ganzen Abend in den Strassen 
umher. Als es Nacht ward, fragte ich meinen Kutscher, 
einen Tataren, ob er vielleicht einen Bekannten hätte, wo 
ich über Nacht absteigen könnte. 

»Ja wohl. Barin!« 

Er nickte und peitschte den Klepper, und fort gings 
durch die mit knietiefem Koth bedeckten Strassen, vorbei 
an öden Feldern, niedrigen Häusern und verfallenen Hütten. 

Es war eine lange, lange Fahrt. 

Müde von den Erlebnissen meiner Eeise wurde ich vom 
Schlaf übermannt; das plötzliche Stillestehen des Wagens 
erweckte mich. Ich sah mich vor einem einsam daUegenden, 
langgestreckten y niedrigen Haus. Mein Tatar stieg aus, 



Auf der Wolga und dem Eaapi. 9 

klopfte mehreremale mit dem Peitschenstiel an die Pforte 
und rief: 

»Fedor Afanassjewitsch, ein Grast ist da!« 

Und bald darauf that sich die Pforte auf und ein hoher 
Mann mit patriarchalischem Graubart erschien, hiess mich 
willkommen und lud mich zum Eintritt ein. 

Einen Augenblick zögerte ich. 

Dann befahl ich meinem Kutscher gegen angemessenes 
Trinkgeld auf der Strasse bis zum Morgen zu warten — das 
war nichts Ungeheuerliches, da diese Leute auf ihren Drosch- 
ken leben, essen, trinken, schlafen und sterben — und nun 
folgte ich dem Alten. 

Wir schritten über einen unheimlich langen Hof in ein 
Hinterhäuschen. Der Wirt entriegelte die Thtir und wir 
traten ein. Ah ! ein Prachtzimmer ! An den Wänden Tep- 
piche, in der Mitte ein persisches Tischlein, davor drei 
übereinandergelegte Polster als Sessel. Von der Decke her- 
niederhängend eine grüne Ampel. In einer Ecke ein breites 
Bett mit schneeweissem Leintuch und einer weichen Woll- 
decke. 

Der Alte bat sich ein Trinkgeld auf »Tschay« aus, 
wünschte mir gute Nacht und ging. 

Ich nahm meinen Eevolver, legte ihn unter den Kopf- 
polster und begann mich auszukleiden. Wie ich damit fertig 
bin und mich ins bequeme Bett legen will, klopft es leise, 
leise. 

Ich öf&ie und herein tritt — ein Mädchen. 

Anjutka heisst sie, bringt mir Thee und will mir über 
Nacht Gesellschaft leisten . . . 

Nun ist mir klar, dass mein Tatar mich missverstanden 
hat. Aber ich füge mich in mein Schicksal. Anjutka ist 



10 Auf der Wolga und dem Kaspi. 

ebenso schön wie jung, sie spricht zwar nur persisch, allein 
wir verständigen uns doch 

Da raschelt es am Fenster. 

Erschrocken und gespannt lausche ich auf. Mag es 
Wahrheit, mag es Einbildung sein — ich sehe einen Men- 
schen draussen lauem — schnell entzünde ich Licht und 
ergreife meinen Revolver. Das Mädchen schaut mir ver- 
wundert zu, rührt sich aber nicht von der Stelle. 

Ich eile hinaus und rufe den Alten: 

»Fedor Afanassjewitsch!« 

Er kommt und sieht mich erstaunt an: 

»Gehst Du schon, Herr Wohlthäter? So früh? Gefällt 
Dir das Fräulein nicht? Ich sende Dir. ein anderes!« 

»Danke, Freundchen ! Heute habe ich keine Zeit. Aber 
morgen — morgen komme ich wieder.« 

»Gut, Herr Wohlthäter!« 

Er schliest die Pforte auf und ruft meinen Kutscher* 
Wie ich hinausgehe, fragt mich der Alte: 

»Hat der Herr Wohlthäter das Fräulein bezahlt?« 

»Ja, Freundchen!« 

»Wieviel, Barin?« 

»Zwanzig Rubel!« lüge ich. 

»Zwanzig Rubel?« Er beugt sich tief und küsst mir 
die Hand. 

»Schon gut, Brüderchen,« sage ich lachend, springe in 
den Wagen und flugs gehts davon — die ganze Nacht 
durch, Strassen auf und Strassen ab . . . 

Endlich halte ich vor einem Theehaus, wo Damen- 
bedienung ist, wo das in ganz Russland so beliebte »Organ« 
oder »Maschinerieorchester« Opern und Operetten vorträgt 



Auf der Wolga und dem Kaspi. 11 

und Theater gespielt wird. Ich schlürfe hehaglich meinen 
Thee, er thut mir ordentlich gut nach dieser Strapazennacht. 

Wie ich mich ein wenig umschaue, sehe ich an einem 
Nebentisch ein Gesicht, das mir nicht unbekannt scheint. 
Scharfe Blicke hin und her und plötzlich haben wir uns 
erkannt. Ein Schulkamerad aus Eiga — hurrah, alter 
Junge! Ich bin glücklich, überglücklich, erzähle ihm meine 
Schicksale und frage, ob er mich ein paar Tage bei sich 
behalten will. Aber er ist feige — o weh — er fürchtet sich. 

Da verabschiede ich mich enttäuscht, verlasse das Thee- 
haus, steige in die Droschke und von neuem beginnt das 
tolle Jagen, den ganzen Vormittag über. 

Mittags fahre ich zum besten Astrachanschen Eestaurant, 
speise dort und treffe Pascha Dombrowa. Beide sind wir 
erfreut und ich bringe den Nachmittag mit ihr zu. Gegen 
Abend gibt sie mir den Gedanken, mit ihr zusammen schon 
jetzt auf dem Dampfer »Cäsarewitsch«, mit welchem wir nach 
Baku reisen wollen, Station zu nehmen. Wir begeben uns an 
den Quai, aber das Schiff liegt nicht hier, sondern acht Stunden 
ausserhalb des Hafens, der ihm zu seicht ist, im offenen Meer 
bei Dewjatfttt oder Neunfuss. Der Dampfkawoss, der die 
Passagiere und ihr Gepäck zum »Cäsarewitsch« bringt, geht 
erst in 30 oder 40 Stunden hin. Trotzdem erlangen wir 
vom Kawosskapitän gegen ein gutes Trinkgeld die Erlaubnis, 
über Nacht auf dem Schiffe zu bleiben. 

Das war wieder eine unheimliche Nacht. 

Dann kamen noch lange, bange Stunden, und endlich 
stachen wir mit dem Kawoss — einem Schiffe von der Grösse 
eines gewöhnlichen Flussdampfers — in See. Das Meer war 
stürmisch erregt und abermals erlitten wir Verspätung, statt 
acht Stunden brauchten wir zwanzig. 



12 Auf der Wolga und dem KaspL 

Die Nacht war angebrochen. Dichter Nebel lagerte anf 
den bewegten Fluten des Kaspi, wilder Begen peitschte daher. 
Wir fuhren und fuhren und gaben Signale und Feuerzeichen 
und entluden unsere Kanonen. Aber vom Dampfer »Cäsare- 
witsch« war weit und breit nichts zu sehen und zu hören. 
Durch ein entgegenkommendes Schiff erfuhren wir, dass ihn 
der Sturm von seinem Ankerplatz Dewjatfut viele Werste 
weiter ins Meer hinausgetrieben. 

Da wir selbst Nachts nicht weiter ins Meer hinaus- 
zufahren wagten, blieben wir an Ort und Steile liegen. Das 
kleine Dampferchen wurde von den wilden Wellen gewaltig 
hin und her geschleudert. Dazu war es fürchterlich kalt. 
Das Schif hatte keine Einrichtung für Nachtaufenthalt, das 
Büffet war leer, nicht mal einen warmen Thee konnte man 
bekommen. Zum Glück führte ich einen kleiuen Ssamowar 
mit mir, den stellte ich nun auf, und Kapitän, Steuermann 
und Passagiere — - ausser Pascha und mir waren es bloss 
noch sechs — setzten sich herum und suchten sich zu er- 
wärmen und plaudernd zu zerstreuen. 

Bald sank einer nach dem andern in Schlaf, und eng 
an einander gepresst lagen wir da, bis der Morgen graute. 
Endlich, endlich brach er an, durch die schwarzen Wolken, 
die vom Himmel bis zum Wasser dicht niederhtagen, zuckten 
leicht und matt die wärmenden, erleuchtenden Strahlen der 
Sonne. 

Der Kawoss pfiff, stiess dicken Bauch von sich und setzte 
sich in Bewegung. Wie das Ding wackelte und zitterte, 
und krachte, wie es von einer Sturzwelle nach der anderen 
Übergossen ward 1 . . . Nun aber kam die Erlösung : wir er- 
blickten den »Cäsarewitsch«, ein machtvolles, prachtvolles 
Schiff, noch grösser als der »Wladimir«, noch schöoer, noch 



Auf der Wolga und dem Easpi. 13 

bequemer. Eine Treppe wird zn uns herabgelassen, erschöpft 
winde ich mich hinanf, stürze in meine Kajüte nnd sinke in 
festen Schlaf. . . 

Heftiges Wellenschankeln erweckt mich nnd jagt mich 
aufs Verdeck. Hochaufspritzende Fluten zischen empor, er- 
giessen sich über mich. Der Himmel wolkenschwer. Stür- 
mischer Wind, Schneeflocken mit sich fahrend, fegt daher. 
In dichten Pelz gehüllt, steht oben der Kapitän. Freundlich 
winkt er mich zu sich, erklärt mir die Beise und erzählt 
von früheren gefahrvollen Fahrten. 

Bald geht es dann zum Mittagessen. Ausser Pascha, 
einem langnasigen Armenier und mir fehlen alle Passagiere. 
Seufeend, seekrank liegen sie in ihren Betten. Ein vor- 
treffliches Essen und Getränk und, trotzdem wir ewig hin 
und hergeworfen werden, ein lustiges Plaudern . . . 

Am zweiten Tage der Fahrt gewahrten wir die Schnee- 
gipfel des Kaukasus und kurze Zeit darauf hielten wir bei 
der kleinen Festung Petrowsk, deren Häuserreihen von den 
Ufern des Meeres bergan steigen. Der Hafen ist nicht 
gross und eingegrenzt von halbkreisförmigen Steindämmen. 
Die Strassen von Petrowsk sind ziemlich nett und rein und 
breit. Den Sommer über kommen die Astrachaner gern her 
und erquicken sich in dem hier angelegten schönen Garten, 
den die Petrowsker stolz mit dem Petersburger >Ssad« ver- 
gleichen. 

Gegen Abendanbruch desselben Tages langten wir in 
der letzten Station vor Baku, in Derbend an ; diese Küsten- 
stadt ist duixh ihre kunstvollen Teppiche berühmt und liegt 
nicht minder schön als Petrowsk. An Bord unseres Dampfers 
erschienen viele Perser und Perserinnen — die Stadt war 
früher persisch — und brachten Trauben, Birnen, Pfirsiche, 



14: Auf der Wolga und dem Kaspi. 

Nüsse und Weine. Alles war spottbillig, so kosteten wunder- 
volle Trauben 2 und 3 Kopeken das Pfand. Während bei 
unserer Abfahrt von Astrachan starker Schneefall eine gute 
Aussicht auf baldige Schlittbahn eröffnet hatte, herrschte in 
Derbend eine wahre Julihitze. 

Am anderen Vormittag um 11 — es war an einem 
Montag — kamen wir endlich, nachdem wir das Vorgebirge 
Apscheron, den weit in das Meer hineinspringenden Aus- 
läufer des Kaukasus, umdampft hatten, in der Petroleumstadt 
Baku an. Wegen unserer ungeheuren Verspätung wurde 
ich von meinem in Tschomygorodok bei Baku lebenden Bruder 
nicht erwartet. So musste ich einen Wagen nehmen und 
zu seiner Fabrik hinausfahren. 

Stundenlang ging es über Stock und Stein, über un- 
geebnete Wege, hügelauf und hügelab. Der Kutscher kannte 
sich nicht aus, führte mich von Fabrik zu Fabrik, bis sich 
schliesslich ein Mann meiner erbarmte, sich auf den Wagen 
setzte und uns zum gesuchten Hause leitete. 

Es war das letzte in der langen Eeihe der Häuser, die 
Oehlrichsche Fabrik, hart am Ufer des Kaspi. Ich hielt, 
zahlte und sprang heraus. 

Welch ein Wiedersehen ! Bruder und Schwägerin waren 
schon in Angst um mich gewesen und nun glücklich, mich 
gesund und munter zu sehen. Sie führten mich zu einer 
Wiege — da lag die blondlockige Werotschka drin, eine holde 
Blume des Nordens in fernen Süden zu fröhlichem Gedeihn 
verpflanzt . . . Dann kam ein stattlicher Ssamowar auf den 
Tisch und prächtiges, schon seit Tagen fertiges Hausgebäck. 
Das liess ich mir gut munden und war voU fröhlicher Ge- 
fühle, und nach langer, endlos langer, aufregender Eeise 
genoss ich kurze Zeit ungestörter Ruhe. 




Die grusinische Heerstrasse. 



Posthansleben in Wladikawkas. — Erster Anblick der Qebirg^welt. — 
Der kostbare Darialpass. — Ueber den Kasbeck. — Eine ossetische Le- 
gende Yon Christi Geburt. — In der Begion der Lawinen. ~ Geftthrliche 
Fahrt. - Tiflis. 



Von der heiligen Eremlstadt an der Moskwa zieht sich 
quer durch die sarmatlsche Tiefebene eine Eisenbahnlinie 
bis knapp yor den Gebirgswall des Eaukasns. 

Hier aber, in der Station Wladikawkas, nimmt sie ein 
natürliches Ende, Denn ü'otz der genialsten Pläne und Ver- 
suche ist es noch nicht gelungen, über den himmelanstreben- 
den Kasbeck eine Lokomotive zu fähren. 

Will man nach Kaukasien zu Lande gelangen — und nicht, 
was die Meisten, so lange die Witterung günstig ist, vor- 
zuziehen pflegen, auf dem Kaspisee über Baku oder auf dem 
Schwarzen Meere über Batum — so muss man von Wladi- 
kawkas bis Tiflis die Pferdepostverbindung benützen, welche 
auf der abenteuerlich romantischen, aber wunderbar kunst- 
vollen, seit siebzig Jahren mit unendlichen Geldopfem er- 
haltenen und gepflegten grusinischen Heerstrasse nach Trans- 
kankasien führt. 

Der vor einem Jahrhundert gegründete Ort Wladikawkas, 
in deutscher Uebersetzung »Herr des Kaukasus«, ist durch 
seine Lage zu hoher Bedeutung gelangt. Er befindet sich, 
701 Meter über dem Meere, vor dem Eingange in das trotz- 

Bemhard Stern, Vom Kaukasus zum Hindnkusch. 2 



18 Die grusinische Heerstrasse. 

hafte Bergland und ist desshalb mit einer mächtigen Festung 
und einer starken Besatzung versehen. 

Um seine Mauern rauschen die schäumenden Fluten 
des Terek, an dessen schroffen Ufern hier eine herrliclie 
Vegetation blüht. In dem Städtchen mischt sich nordisches 
Leben mit südlichem. Eussische Wodkaschänken wechseln 
mit armenischen Theestuben, ein Moskauer Karussel macht 
einer Tifliser Schaubude Konkurrenz. 

Ein sonderbar lustiges und stürmisches Leben herrscht im 
Posthause, wenn die Wagen zur Eeise fix und fertig stehen und 
nur der Passagiere harren, die sich noch am Büffet gütlich 
thun. Hier schwingt eine reichlich bejahrte und noch reich- 
licher geschminkte Französin das Zepter und präsentirt den 
Hungrigen und Durstigen mit unnachahmlicher Grazie Wein 
und Schnaps, Butterbrod und Schinken. 

Neben den Beamten aus Petersburg und Finnland 
stehen Kaukasier in ihren ritterlichen Trachten — ach leider 
schlagen unter denselben nur selten ritterliche Herzen ! Und 
die stolz funkelnden, goldverzierten Dolche dienen weit 
häufiger zu Meuchelmord m Stunden der Trunkenheit, als 
zu heldenhaftem Kampfe. 

In einer Ecke knüpft ein verschmitzter Grieche Ge- 
schäftsverbindungen mit einem Armenier an. Wer von 
Beiden wdrd da hereinfallen? Sagt doch ein türkisches 
Sprichwort: Iki Jehudy bir Ermeny ; iki Ermeny birRumy; 
iki Eumy bir Schejtan — zwei Juden geben einen Armenier; 
zwei Armenier einen Griechen, aber zwei Griechen einen 
Teufel ! 

In einer anderen Ecke kauert am Boden eine Gruppe 
Kirghisen aus der Orenburger Steppe. Sie scheint mit einer 
in ihrer Nähe befindlichen Kalmückenschaar eine Wette 



Die grusinische Heerstrasse. 19 

eingegangen zu sein, welche von beiden Nationen hässlicher 
und schmutziger sein könne. 

Händler aus der Türkei wechseln mit Karai'ten aus der 
Krym eifrige Reden, Balten aus Kurland und Livland 
plaudern mit deutschen Kolonisten. 

Daneben aber bemerkt man auch nachlässige Ameri- 
kaner und englische Gentlemen mit Bädeker und Binocle; 
Deutsche, Franzosen, Italiener und eine Menge Frauen aller 
Völker — die »emanzipirte« Russin mit der Zigarette im 
Munde und die kokette Französin; die Kalmückin, welche 
ungenirt vor aller Welt ihr Kind säugt ; die Frau des Bur- 
laken, des Arbeiters von der Wolga; die Frau des Ise- 
witschen, des Flussschiffers von der Düna ; die Gattin eines 
auswärtigen Gesandten — kurzum Leute aller Schichten 
und Zonen im bunten Durcheinander. 

Und das ist ein Schwatzen und Stossen und Rufen, 
dass Einem schier Hören und Sehen vergeht. 

Da plötzlich ertönt das Zeichen des Postmeisters, welches 
zur Abfahrt mahnt, und der Storosh, der Portier, schreit 
mit dröhnender Stimme in die hin und her wogende Menge 
der Reisenden: 

»Die Tarantasse sind fertig!« 

Und Alles stürzt hastig zu den grossen mit je drei, zu- 
weilen auch vier Pferden bespannten Wagen und sucht sich 
bequeme Plätze, denn die Fahrt wird volle vierundzwanzig 
Stunden dauern, der Weg ist 214 Kilometer lang und geht 
durch unwirtbare, zum grössten Teil von ewigem Schnee 
bedeckte Gegenden. 

Noch einige Kommandorufe und die Reise beginnt. 

Eine kleine Abteilung Kosaken reitet dem Zuge voraus 
und eine andere folgt als Nachtrab. 

2» 



20 Die grusinische Heentrasse. 

Es ist Mh am Morgen nnd ziemlich kalt. MäJig ver- 
streuen sich die Nebel der Nacht nnd vor unseren erstaunten 
Blicken liegt das wundervolle Panorama der kaukasischen 
Geblrgswelt. Die Wände der Felsen schimmern bald in 
blendendem Weiss, bald rötlich, bald grün. Die Gipfel 
glänzen, von der aufsteigenden Sonnenflut übergössen, wie 
polirter Krystall, oder verkünden wie riesige Fackeln das 
Nahen des Tages. Wellenförmig beben im flüssigen Glanz- 
meer die Bergrücken, und in tausendfachen Farben glitzern 
und spielen die netzartigen Schneemassen, welche ein leichter 
Wind kräuselnd bewegt. . . 

Wir fahren in raschem Trab dahin. Es ist eine pracht- 
volle Chaussee, die ihresgleichen in der ganzen Welt 
nicht hat. 

Früher ging es hier nicht so sicher. Noch vor nicht 
langen Jahren konnte man bei einer Fahrt von Wladikawkas 
nach Tiflis sein Leben riskiren ; in den zahlreichen Schluchten 
und Gründen lauerten tückische Eäuber den Beisenden auf 
und überfielen sie samt der Eskorte, nicht nur im Dunkel 
der Nacht, sondern oft auch am lichten Tage. Am Wege 
bemerkt man von Zeit zu Zeit Kreuze ; sie zeigen dem jetzt 
so sicher und mhig Reisenden, dass an diesen Stellen j&üher 
harmlose Passagiere wilder Raubgier zum Opfer fielen. Auch 
heute noch treiben Räuber in diesen Gegenden ihr Unwesen, 
aber an der wohlbewachten Heerstrasse selbst gelingt es 
ihnen fast nie, einen Fang zu machen. 

Der Weg geht lange 2feit bergauf. Unter uns, neben 
uns schäumt der wüde Terek. Ueber uns lacht der ruhige 
blaue Himmel. 

Entlang der Heerstrasse läuft die Telegraphenlinie; 
bald stehen die Telegraphenstangen — Eisenschienen, darauf 



Die grusinische Heerstrasse. 21 

Holzsänlchen mit Tragarmen — an den Ufern des Masses, 
'bald, auf hochragenden Felsspitzen. 

In buntem Wechsel geht der Weg hierhin und dorthin, 
rechts und Unks, durch Schluchten und über Wasseradern. 

Kurz hinter der Station Balta sehen wir hoch oben 
eine einsame Burg: die Festung Dscherakowsk. 

Nach der Station Lars, 30 Kilometer von Wladikawkas, 
beginnt der Darialpass oder »enger Weg«, 2 Kilometer lang. 
Ein wundervoller Pfad. Nach Jermolows Plan wurde fünf 
Jahre an ihm gearbeitet. Die Summen, die er gekostet, 
soUen so hoch sein, dass man dafür Werst für Werst von 
Wladikawkas bis Tifis mit Silberrubeln belegen kann. Der 
Pass ist sehr schmal, häufig nur dreissig Schritte breit. 
Abgründe klaffen zu allen Seiten. Eine durch den Terek 
gebildete Schlucht hat eine Tiefe von 1000 Meter. Imm^ 
mehr engt sich der Weg, und dort, wo er am engsten ist, 
wo von der einen Seite nur schroffe Felsen starren, von der 
anderen schauerliche Schlünde gähnen, dort stürzt der 
Gletscherbach Dewdoraky mit entsetzlichem Gebrüll in den 
hochaufsprudelnden Terek. 

Am Wege eine trotzhafte Kosakenveste. Oben auf dem 
Felsen die Euinen der fast tausendjährigen Darialburg, in 
welcher die vielbesungene Bagratiden-Zarin Tamara ihr 
Zepter geschwungen. 

Nun wieder bergab. Aus den Höhen hernieder flammen 
Abendsonnenstrahlen. Und dicht vor uns taucht der Kasbeck 
auf. Die Tschetschenzen und Inguschen nennen ihn Besch- 
Lam-Kort, Haupt der fünf Berge; bei den Osseten aber 
heisst er Tschrissi-Zup, Christusgipfel, und an diesen Namen 
knüpft sich folgende Legende : Als Gott der Herr beschlossen 
hatte, Jesus Christus auf die Erde zu schicken, damit er 



22 Die grusinische Heerstrasse. 

das sündige Menschengeschlecht erlöse, konnte Gott der 
Herr auf der ganzen Welt nur eine Stelle finden, die nicht 
durch den sündigen Fuss der Menschen berührt und be- 
fleckt gewesen wäre, nämlich den Gipfel des Kasbeck. Hier 
legte er also das Jesuskindlein in einer goldenen Wiege 
nieder, daneben setzte er eine Taube und ein Schaf mit 
goldenen Hörnern. Die Taube musste die Wiege schaukeln 
und das Schaf mit seinem Blöken das Kind unterhalten. 
Damit aber Taube und Schaf nicht verhungerten, schüttete 
Gott der Herr ebendaselbst einen Haufen Weizen aus. Als 
Jesus herangewachsen war, stieg er auf die Erde nieder 
und vollbrachte seine göttlichen Thaten und kehrte dann 
wieder in den Himmel zurück. Aber zum Andenken an 
seinen Aufenthalt auf dem Kasbeck Hess er für immer die 
goldene Wiege und die Taube und das Schaf mit den gol- 
denen Hörnern auf dem Berge. Und noch heute schaukelt 
die Taube die Wiege, und das Blöken des Schafes ist 
Abends vernehmbar auf dem Christusgipfel . . . 

Der 4963 Meter hohe Kasbeck ist nur selten bestiegen 
worden. Bekannt sind mir aus früheren Jahren die Namen 
dreier Personen : Wholley, Freshfield und Kolenati, welche die 
Spitze erreichten. Eine der letzten Besteigungen war die 
des Küssen Pastuchow am 29. Juli 1889. 

Die mit den alten Germanen verwandten Osseten leben 
am Kasbeck bis zu einer Höhe von 3260 Meter, in Kegionen 
ewigen Schnees. Ihre in die Erde gemauerten Wohnungen 
gleichen kleinen Festungen, sind mit Türmen versehen und 
haben unterirdische Gänge. 

Die Station Kasbeck liegt 1396 Meter über dem Meere. 
150 Meter höher, vor der Front der Station, befindet sich 
eine armenische Kirche mit den Klosterruinen von Sameba. 



Die grusinische Heerstrasse. 23 

Der Weg geht weiter durch seltsam malerische Ge- 
genden. Gleic^ hinter der Station Kasbeck braust die 
Bjeshnaja Balka, der reissende Bach, ein schmales, un- 
scheinbares Ding, das aber im Frühjahre zu wilder Macht 
anschwillt und die in seiner Nähe liegenden Punkte schwer 
bedroht. 

Häufig und häufiger müssen wir jetzt Halt machen. 

Wir befinden uns in der Eegion der Lawinen, die 
zweimal im Jahre, im Frühling und Spätherbst, nieder- 
stürzen und mit mächtigen Blöcken den Weg sperren. 
Längs desselben sind daher SteinwäUe aufgeschichtet, um 
die Eeisenden vor dem Sturz in die Abgründe zu schützen. 
Am Wege befindet sich ein 100 Meter langer Lawinentunnel, 
an der Quelle der Baidara ein ossetisches Schutzhaus, am 
Wege stehen Kasernen für Schneeräumer. 

Langsam nahen wir uns der Krestowaja Gora, dem Kreuz- 
berg, dem Höhepunkte des Passes, 2393 Meter über dem Meere, 
der Grenzscheide zwischen Europa und Asien. Die Strasse 
biegt sich in spitzem Winkel, geht jäh bergab, vorbei an 
entsetzlichen Abgründen. 

Dann die Station Gadaür, ein einfaches Posthaus. Den 
Wartesaal bildet ein kleines, aber nettes Zimmer. Auf dem 
Boden ein Leinwandteppich, an den weissgetünchten Wänden 
Bilderdrucke — religiöse und militärische Motive, Porträts 
des Zaren, der kaiserlichen Familie, der populärsten Generale. 
In einer Ecke ein wohlig wärmender Ofen, in einer anderen 
eiu Schrank. Vor einem Sopha ein weissgedeckter Tisch, 
darauf der obligate Ssamowar mit Theeservice und kaltes 
Büffet. Hölzerne Bänke und Sessel entlang den Wänden, 
in der Mitte des Zimmers, vor dem Theetisch. 

Nach kurzer Rast wird die Weiterfahrt angetreten. 



2^ Die grusinigche Heentrasse. 

Die nächsten fünfzehn Kilometer geht der Weg auf 64 
eng aufeinanderfolgenden Windungen, welche mit Trümmern 
von Steinblöcken häufig bedeckt sind, hastig bergab. Auf 
diesen fünfzehn Kilometern fällt die Strasse um 899 Meter, 
von 2387 Meter bei Gadaür auf 1488 bei der Station MletL 

Dunkelheit, Nacht liegt über dem Weg. Ein heftiges 
Schneegestober erhebt sich. Der Wind weht scharf. Die 
Kälte wird fürchterlich, unerträglich, und fest und fester 
htlle ich mich in den weiten kaukasischen Mantel, in die Burka. 
In der tiefsten Finsternis wird die Reise ununterbrochen fort- 
gesetzt, die Pferde finden aber trotzdem sicher den Weg. 

Mit einem Male wird Halt gemacht. 

Die Soldaten steigen von ihren Eossen und fuhren die- 
selben am Zügel. Die Wagen werden durch Hemmschuhe 
geschützt und von den rückwärts befindlichen Leuten mit 
Stricken zurückgehalten und so an zu schnellem RoUen 
verhindert. 

Der Pfad scheint jetzt fast senkrecht herabzugehen, ist 
äusserst schmal und schlüpfrig. Von der einen Seite endlos 
hohe schroffe Felsen, von der anderen endlos tiefe Abgründe. 

Die Finsternis wird immer dichter und das Schnee- 
gestöber heftiger. Der Weg ist nicht mehr zu erkennen. 
Die Soldaten entzünden Fackeln, und Schritt um Schritt 
ziehen wir vorwärts. 

Plötzlich ertönt aus einem Wagen ein durchdringendes 
Geschrei. 

»Halt!« 

»Was gibts?« 

»Die Hemmschuhe sind abgefallen, die Stricke gerissen, 
der Wagen samt Insassen droht in den Abgrund zu rollen»« 

»Reisst die Thüre auf!« 



Die grosiiiiBcbe HeeratTawe. 

Man Tersncht es. Aber sie ist - 
gefroren. 

Nur mit grösster Mülie tmd Aufopf< 
gelingt es den Eosaken, welche den an 
storz Bchwebendea Wagen mit den Hi 
krampfhilft anibalten, die Wand dess 
einzubrechen und die Pasaagiere zn n 
Der Wagen aber stürzt samt den 
Rossen hinab . . . 

Entlang dem rechten Ufer 
de8 Aragwastroms geht die Heer- 
Btrasae weiter. 

Von blassem Mondlicht nm- 
flinunert erscheint anf hohem 
Bei^sgipfel ein altes, nraltes 
Bauwerk: die Kirchenruine von 
Ananür. 

Feierliche Stille . . . 

Nor noch wenige Stunden 
danert die abenteuerliche Reise. 
Mit den ersten Moi^enstralilen 
UfjLt das Ende der Fahrt. 

Die Vegetation ist wieder 
blühender, die Luft wärmer ge- 
worden. 

Vor uns liegt Mzchet, die 
letzte Station der Heerstrasse. 
Auf der wunderbaren Steinpfeiler- 
briicke, welche General Golowin 
1841 aof den noch sichtbaren 
Resten der von Pompejus er- 



26 Die grusinische Heerstrasse. 

richteten Brücke erhaut hat, übersetzen wir den von Boden- 
stedt so schön besungenen Kurfluss. 

Und nun liegt, im Kontrast zu den schauerprächtigen 
Schneebergen hinter uns, in dem Kessel vor uns ein lieb- 
liches grünendes Thal mit herrlichen Gärten und Rasen- 
teppichen, und inmitten eine prächtige Stadt. 

Das ist Tiflis! 

Freilich, von hier aus erscheint die grosse Eesidenz 
des einstigen Königreiches Georgien oder Grusien gar 
winzig, wie ein Schmuckkästchen, in welchem die gold- 
glänzenden Paläste, die sonnenbestrahlten Kuppeln der 
Kirchen und Moscheen die funkelnden Edelsteine bilden. 

Gewaltige Häuser gleichen Schachfiguren. Die grössten 
Strassen sind feine schmale Bänder, eingewebt in den bunten 
Riesenteppich. 

Das ganze wildwogende Leben unter uns vermag 
nicht einmal dumpfe Laute emporzusenden, und die 
Tausende, die drunten geschäftig hin und her eilen, er- 
scheinen wie eine Masse durcheinander gewürfelter Steck- 
nadelköpfe. 

Die Kasernen sind Kinderbauwerke, die Gärten kleine 
Blumenbeete, der Kur aber gleicht einer langen dünnen 
Reihe blitzender Silberstücke . . . 

Und endlich bin ich unten und schaue selbst empor 
zu den stolzen Bergen, welche von allen Seiten aufragen 
und aus denen der kamelbuckelförmige Gipfel des Kasbeck 
bis über die Wolken reicht. 

Von dem seltsamen Leben berauscht wandere ich durch 
die Strassen. 



Die grusinische Heerstraase. 27 

Ausser Kairo bietet wohl keine Stadt des Orients so 
viele interessante, abwechslungsreiche Bilder wie Tiäle. 

Orient und Occident, zwei so ganz verschiedene Welten, 
stoBsen hier an einem knappen Qebiete eng au einander. Eu- 
ropäische Knltnr 
blüht au der 
Maner morgen- 
Ifindischer Abge- 
schlossenheit. 

An der einen 
Seife einer Strasse 
sich mächtige Gebät 
Uagazine mit 
Spiegelscheiben, mi 
Dingen einerwestlicl 
Stadt — an der and< 
aber sieht man nui 
Hütten, kleine 
Buden, offene 
Werkstätten. 

Dort europäi- 
sches Leben, eu- 
ropäische Klei- Mzchet: Brücke, 
düng — hier 
keine Spur mehr davon. 

Hier ist Alles asiatisch: in den engen, krununen 
Grassen bewegen sich fremde Völker in fremden Trachten 
und mit fr^nder Sprache, und in den sinnbetäubenden 
I^m der lauten Menge schallt das Geschrei der südlichen 
Tiere. 



.y 




Tiflis: Armenische Kirche. 



Wanderang zum Gottesdienst. — Historische Erinnemngen. — Die 
heutigen Eaukasier. — In russischen, georgischen und armenischen Kirchen. 



Früh morgens schon bin ich aufgewacht und ans Fenster 
getreten und lasse meinen Blick hinausfliegen in die fernste 
Feme. Er gleitet durch die Schleier der Morgendämmerung, 
die langsam und leise auseinanderwallen, bis zu den 
Bergen, um welche die Sonne bereits ihre ersten Lichtwellen 
fluten lässt; nach und nach enthüUen sich ihm die Schön- 
heiten der Bergnatur; bewundernd fliegt er von Gipfel zu 
Gipfel und von der Höhe zur Tiefe und haftet plötzlich an 



Tiflis ; Kathedrale Darid. 



Ein Sonntag in Tiflis. 33 

weissen Punkten, die sich hier und da leuchtend vom dunklen 
Felsengrund abheben. 

Das sind die Kathedralen Metechki, Ssion und David. 

Frohen Mutes eile ich hinaus und wandere über die 
noch öden Strassen empor zu diesen Kirchen. 

Auf weltentrückten Bergesspitzen schweben sie, die 
Nachbarinnen des Donners, verloren im endlosen Aether- 
raum, erhaben über all den kleinen Leiden und Freuden, die 
drunten im Thale die Menschenherzen erfüllen. Mit ihren 
glänzenden Kuppeln hängen sie wie vielzackige Sterne am 
Firmament. Ihre Türme recken sich empor in die Wolken 
und die Klänge ihrer Glocken vermählen sich dem Sausen 
des Windes . . . 

Vom Dome der Metechki beginnt es zu läuten. 

Und in das Summen und Dröhnen der georgischen Kathe- 
drale tönt das Summen und Dröhnen der anderen Kirchen, der 
russischen Kathedrale, der Kirche Ssion und der Kathedrale 
David. Und bald summt und dröhnt es von allen Ecken und 
Enden, und von der Festung herab rollt Kanonendonner, 
welcher den Ausgang des Statthalters zum Gottesdienste 
meldet. 

Und nach und nach füllen sich die bisher verödeten 
Strassen und Alleen, welche zu den verschiedenen Kirchen 
fähren, mit Männern in weiten Gewändern und überprächtig 
gekleideten Frauen, über deren Schultern der schneeweisse 
Schleier, die Tschadra, niederwallt. Und durch die Menge 
drängen sich dicke Popen mit roten Schnapsnasen und 
schwarzen Röcken und buntem Zierrat, gefolgt von Kirchen- 
dienern, welche Weihrauchfässer schwingend und Gebete 
stammelnd den Weg zur Kirche zurücklegen. 

Bernhard Stern, Vom Kaukasus zum Hindukusch. 3 



34 Ein Sonntag in Tiflis. 

Sinnend gehe ich mit der Menge und lausche dem Klange 
der Glocken. 

Nicht monoton ist er wie der Glockenklang der abend- 
ländischen Kirchen, sondern voll melodischer Musik. In 
das tiefe Bass der Hauptglocke mischt sich das leise 
liebliche Gebimmel der kleineren Glocken. Aus den Tönen 
scheint bald eine stürmische Fröhlichkeit hervorzujubeln, 
bald seufzt aus ihnen eine bange Schwermut. Seltsam flüstern 
sie voi^ längst vergangenen Zeiten und rufen die Erinnerung 
an die grosse Geschichte dieser Stadt, an ihre einstige Pracht 
und Macht wieder wach. Und ich erlebe mit ihr all ihren 
Glanz und ihren grenzenlos tiefen Sturz und all das Weh, 
das über sie gekommen und das grösser ist als jenes von 
Troja und Athen, von Jerusalem und Byzanz, Karthago und 
Eom, Bagdad und Granada, Madrid, Bochara und Samarkand 
erlebte . . . 

Nirgends ward so viel Leid und Blut, so viel Brand 
und Zerstörung gesehen als in der herrlichen Stadt am Kur, 
über die sich oft und oft die tatarischen Hyänen unter dem 
grossen Tamerlan, die Krieger des Aga Mohammed Chan 
und die mordlustigen Scharen der Türken und Perser er- 
gossen. Die Wasser des Kur glichen wahrlich zu manchen 
Zeiten Strömen von Blut, die hochschweUend über die Ufer 
zu steigen drohten. Die stolzen Paläste und Kirchen der 
Christen sanken ebenso häufig in den Staub, wie die Mo- 
scheen und Medressen der Mohammedaner. 

Aber immer wieder gelang es den heldenhaften Kau- 
kasiem, ihre Prachtresidenz zum alten Glanz zurückzu- 
führen, und trotz all des Leids, das Tiflis durchgemacht, ist 
diese Stadt doch noch heute eine der schönsten und interes- 
santesten des Morgenlandes. 



36 Ein Sonntag in Tiflis. 

Die »heldenhaften« Bewohner dieser Stadt treilich haben 
nur noch wenig Heldenhaftes in sich. 

Sie sind Sklaven des weissen Zaren, und ihr höchster 
Ehrgeiz geht dahin, ein Ordensbändchen oder ein Titelchen 
zu erhaschen. Die Sagen von ihren einstigen Thaten klingen 
uns wie kindische Ammenmärchen. 

Es blieb den »Nachkommen des Prometheus« von ihrer 
hochgerühmten Eitterlichkeit nichts als die ritterliche Kleidung 
und ein bischen heisses Blut, das häufig im Raub und im 
Todschlag ahnungsloser Eeisender zum Ausbruch kommt. 

Die »Hüter der Kultur«, wie ein englischer Minister die 
Kaukasier genannt, sind unterwürfig, demütig, fast feige 
gegenüber den Russen. 

Das Land mit den stolzen, himmelstürmenden Bergen, das 
»Haus der Freiheit, das Gott den Völkern gebaut«, dient dem 
Moskowiter als behaglicher und einträglicher Wohnort. 

Und »der Leuchtturm der Hof&iung«, der einst vom 
Gipfel des Kasbeck in die Herzen der Menschheit unbeugsamen 
Mut gestrahlt, ist jählings erloschen und das »Bollwerk 
gegen Welteroberer« niedergerissen, zerstört . . . 

Handel und Verkehr erblühen allerdings im Lande und 
der Wohlstand mehrt sich scheinbar von Jahr zu Jahr. 
Aber die Freiheit — die Freiheit ist verloren 

Die Glocken sunmien und dröhnen und laden die Gläu- 
bigen zum Gebet. Aber diese denken auf der Wanderung 
zur Kirche an alles Andere eher als ans Gebet. Die Frauen 
senden unter den Schleieni feurige Blicke überallhin, während 
die Männer in aller Eüe Handel treiben, mündlich Käufe 
und Verkäufe abschliessen. Es ist auf den Strassen zur 
Kirche ein heftiges Wogen und Drängen und Schreien, dass 



38 Ein Sonntag in Tiflis. 

man eher eine Wanderung zu einem Volksfest, als zum Beten 
zu sehen venneint. 

Erst beim Betreten der Gotteshäuser mässigt sich das 
Getobe. 

Da wird es still und stiller. Männer und Frauen müssen 
sich trennen : die ersteren haben ihre Plätze im Vordergrund, 
in der Nähe des Hauptaltars, die Weiber aber befinden sich, 
teils sitzend, teils stehend, teils auf den Knieen liegend , in 
einem besonderen Eaume. 

Eine heilige Stille und Feierlichkeit herrscht in den 
Gotteshäusern der Eussen und Georgier, deren religiöse Dog- 
men und Gebräuche die ganz gleichen sind. Ein berückender 
Zauber liegt in der weihrauchgeschwängerten Luft, in der 
grandiosen Glanzentfaltung bei der Ausschmückung der in- 
neren Hallen, im Pomp, w^elcher alle Zeremonien begleitet. 

Die Hauptaltäre sind mit Gold, Süber und Edelsteinen 
überdeckt und an den Wänden nehmen allerlei prachtvolle 
Heiligenbilder, kostbare Geräte und Figuren die Blicke ge- 
fangen. Zu dem Glanz und Metallreichtum gesellt sich das 
seltsam mystische Schimmern, welches durch die Vereinigung 
des schwach einfallenden Sonnenlichts mit dem flackernden 
Feuerschein der Kirchenkerzen entsteht. 

Hinter dem Hauptaltar hervor dringt der Chorgesang, 
welcher von hierzu bestimmten und durch lange Jahre 
geübten Soldaten und Soldatenkindem ausgeführt wird. 
Dieser Gesang begleitet harmonisch das Vorbeten des 
Priesters, der im prangenden Festkleid mit lang herab- 
wallendem Bart und Haar auf der Tribüne steht und dem 
Ganzen einen weihevollen Anstrich zu geben, durch kluge 
Berechnung auf die Sinne der Zuhörer zu wirken weiss. 
Er hebt und senkt die Stimme je nach den Worten des 



40 Ein Sonntag in Tiflis. 

Textes und bewegt seinen Körper nach dem Takte des 
Cliorgesanges. 

Und die Gläubigen lauschen andächtig den Worten 
des Priesters und schlagen unermüdlich das griechische Kreuz 
über Stime, Mund und Brust und beugen sich tief nach 
der Richtung des Altars. 

Und schwerer Weihrauchduft flutet vom Deckenbogen 
hernieder und steigt aus allen Ecken und Enden empor und 
legt sich auf Herz und Sinn und berauscht und betäubt, bis 
endlich ein Wort des Priesters den religiösen Zauber wieder 
bannt und den Gläubigen den Aufbruch gestattet . . . 

Lange nicht so prunkend wie in den georgischen und 
russischen Kirchen ist der Gottesdienst in den armenischen. 
Ihre Ausstattung entbehrt gewöhnlich ebenso des blendenden 
Glanzes, wie ihre religiösen Zeremonien ohne allen Pomp in 
Scene gesetzt werden. 

Wie in den russischen und georgischen Kirchen besteht 
auch in den armenischen der Gottesdienst bloss in leeren 
äusseren Zeremonien, welche jedoch kühler und eintöniger 
wirken als dort, da sie keine Hebung und Unterstützung 
durch priesterUchen Pomp oder architektonischen und büd- 
nerischen Schmuck erhalten. Auch hier giebt es Chorgesang, 
allein derselbe ist nicht so musikalisch abgetönt und anregend 
wie der in den russischen und grusinischen Kirchen, sondern 
so unmusikalisch und hässlich, dass man sich bei seinem 
Anhören am liebsten die Ohren zuhalten möchte; andacht- 
erweckend wirkt er jedenfalls nicht. 

Was das Kreuzschlagen anbetrifft, so verstehen dies die 
Armenier noch weit besser als die Eussen und Grusinier, und 
sie machen von ihrer Geschicklichkeit so oft und nachdrücklich 
Gebrauch, dass ich mich manchmal wunderte, wie es ihr Brust- 



Ein Sonntag in Tifiis. 



41 



kästen aushalten konnte. Eigentümlichen Eindruck macht es, 
wenn die Versammelten plötzlich bei gewissen Stellen des Ge- 
betes sich heftig auf die Brust klopfen, zu Boden stürzen, 




Tiflis: Moschee. 



die Köpfe nach der Richtung des Hauptaltares tief neigen, 
um dann wieder mit jähem Euck aufzuspringen. 

Solche Bewegungen erinnern stark an die Zeremonien 
des mohammedanischen Gottesdienstes und thatsächlich steht 
die Religion der heutigen orientalischen Christen dem Is- 



42 Ein Sonntag in Tiflis. 

lamismus — trotz der Verschiedenheit der Dogmen — sowol 
in den Formen als auch in der Ausübung sehr nahe, viel näher 
jedenfalls als dem Christentum der Occidentalen. Das morgen- 
ländische Christentum und der Islamismus gleichen sich vor 
Allem in dem einen Punkt, dass beide Religionen heute nichts 
weiter als ein leeres Formen- und Zeremonienwesen bilden 
und keine wirkliche Bedeutung im Leben haben. Fleissiger 
Besuch der Kirchen oder Moscheen, gedankenloses Herschnat- 
tem der vorgeschriebenen oder vorgetragenen Gebetformeln, 
ewige Wiederholung gewisser Geberden und treue Beobach- 
tung der Speisegesetze und Fasten — darin besteht augen- 
scheinlich das Wichtigste, das beide Eeligionen von ihren 
Bekennem verlangen. 




Mzchet 
die alte Königsstadt von Grusien, 



Michet: Kathedrale. 



Wäliiend Tiflis, die neue Eönigsstadt am Enr, in 
hetTlichem Gl£mze prangt, ist Mzchet, die alte Eesidenz 
Georgiens, vergessen und verlasseii, und obgleich sie nur 
zwanzig Werst von der ersteren entfernt ist, verirrt sich 
selten ein Beisender dorthin. 

Dort wo der kleine Bei^trom Aragwa in den durch 
tiefe Felsenthäler stürmisch dahinbraus enden Kur sich er- 
giesat, dort liegt das alte Slzchet, einst die Eesidenz der 
Herrscher und der Sitz der georgischen Eatholikosse — 
hente ein armseliges Dorf, ein Haufe minenhafter Stein- 
lianten nnd morscher Holzbaraken inmitten einer nnver- 
gängUch herrlichen Natur ! . . . 

Etwas wunderbar Traumhaftes liegt über diesem Ort, 
der nicht von unserer Welt zu sein scheint; er gleicht 



46 Mzchet die alte Königsstadt von Grusien. 

einem phantastischen Gebilde, das die Wolken aus fernen 
Märchenlanden hierhergetragen. 

Ein Meer von goldigem Sonnenglanz flutet durch die 
Lüfte. Aus seinen Wogen ragen schimmernd die zackigen 
Schneegipfel des Kaukasus hervor, um die sich Eilanden 
gleich blühende Gärten mit Millionen buntfarbigen, berau- 
schende Düfte verströmenden Blumen reihen. 

Unten im Thale zieht die Aragwa dahin; ihr Wasser 
ist so krystaUklar, dass man bis auf den Grund sehen kann, 
und auf diesem vermeint man ebenfalls ein Sprossen und 
Blühen wahrzunehmen, gleichsam als hätten die Sonnen- 
strahlen auch dorthin ihren Weg gefunden und in feuchter 
Tiefe eine blühende Welt hervorgezaubert: Steine, die sich 
vom Felsen losgerissen, zogen Blumen und Sträucher mit 
sich und Hessen sie teils auf der Oberfläche des Flusses liegen, 
teils halten sie sie am Grunde fest . . . 

Vor meinem Auge steigt es empor wie Bilder einer 
längstverflossenen Zeit. 

Aus ihrem Verfall scheint, von einem Lebenshauch 
geweckt, die Stadt wieder auferstehen und in altem Glanz 
erblühen zu wollen. Die magische Gewalt des Lichtes, das 
vom Himmel niedersinkt und sich im krystaUenen Flusse 
spiegelt, ist so zauberhaft, dass sie die erloschene Herrlich- 
keit mit einem verjüngenden Schein umstrahlt. 

Aber nicht lange währen diese Träume. Bald er- 
wacht der düstere Gedanke, dass die Pflanzen rings auf 
den Felsen und in den Thälem nur deshalb in so wuchern- 
der Fülle strotzen, weil sie von dem Verwesungsstaub und 
dem Moder einer unglücklichen Nation gedüngt werden. 
Denn der Ort, der einst die Hauptstadt eines mächtigen 
Eeiches gewesen, ist heute zu einem elenden Dorfe herab- 



Mzchet die alte Königsstadt von Grusien. 47 

gesunken, und die Nachkommen jener Heroen, die seine 
Mauern gegen Perser, Türken und Tataren verteidigten, 
sind Sklaven des weissen Zaren. 

Kein Ort im Kaukasus ist so reich an historischen Erinne- 
rungen wie Mzchet, das nach einer Tradition der Eingeborenen 
von einem Nachfolger Noahs, namens Mzchet, erbaut worden 
sein soll und demnach die älteste Stadt der Welt sein dürfte. 
Schon vor zweitausend Jahren, also noch in heidnischen 
Epochen, war Mzchet als die Hauptstadt von Georgien be- 
kannt. Tiflis wurde erst im zwölften Jahrhundert die Resi- 
denz der georgischen Herrscher, nachdem es vorher bald zu 
Armenien, bald zu Persien gehört. 

In Mzchet hatten bis zur Eroberung von Tiflis die 
letzten Könige des Landes ihren Sitz, und dort liegen auch 
die letzten begraben ; in Mzchet lebten beständig die Katholi- 
kosse oder Patriarchen, demi von dieser Stadt aus ver- 
breitete sich das Christentum in Georgien, im Kaukasus. 
Aber heute findet man in dem morschen Dorfe nicht mehr 
viel Merkwürdiges. 

Nur der alte Dom ragt noch ungebrochen und legt 
Zeugnis ab von vergangener Herrlichkeit der einst »ruhm- 
erföllten, reichen und mächtigen Stadt«. 

Diese Kathedrale ist überhaupt die älteste christliche 
Kirche Georgiens. Als ihren Gründer bezeichnen einige Berichte 
den König Mirian, welcher im Anfang des vierten Jahr- 
hunderts durch die heilige Nina zum Christentum bekehrt 
wurde. Der erste Bau soll von Holz gewesen und später, 
im Jahre 364, von König Mirdad durch ein schönes, 
steinernes Gebäude ersetzt worden sein. Nach anderen 
Chronisten entstand der Dom erst gegen Ende des fünften 
Jahrhunderts, zur Eegierungszeit eines Königs Wachtang, 



48 Mzchet die alte Königsstadt von Ginisien. 

welcher hier auch die Eesidenz des georgischen Patriarchen 
errichtete. 

Im Jahre 1318 wurde die Kathedrale von einem Erd- 
heben zerstört, aber durch Georg den Sechsten wieder 
aufgebaut. Bald darauf stürmten die Tatarenhorden die 
Welt und auf ihren Raubzügen kamen sie nach Kaukasien ; 
von ihrem Anprall erschüttert brachen die festesten Burgen 
und Städte jählings wie Kartenhäuser zusammen, und auch 
Mzchet musste fürchterliches Leid über sich ergehen lassen ; be- 
sonders schwer aber wurde seine ehrwürdige Metropolitankirche 
von der Eaubgier der asiatischen Weltstürmer mitgenommen, 
welche keinen Stein auf dem anderen Hessen, die Altäre und 
Heiligenbilder zertrümmerten, die kostbaren WeihgefUsse 
mit sich schleppten oder in die Aragwa versenkten . . . 

Nach dem Wegzug der Tataren führte König Alexander 
einen neuen Bau auf. Aber da kamen die Perser unter dem 
Schach Abbas und später die Lesghier verheerend ins Land, 
welche das, was ihre Vorräuber übrig gelassen, plünderten 
und vernichteten. 

Auch sonstige Unfälle hatte die Kirche zu bestehen. 
So stürzte im Jahre 1656 ihre Kuppel, wahrscheinlich in 
Folge eines Erdbebens ein; diesmal war es ein mohamme- 
danischer König Rostoy, welcher den christlichen Tempel 
restauiirte. König Wachtang der Zweite, der zu Anfang 
des achtzehnten Jahrhunderts lebte, verschönerte die 
Kathedrale vielfach, und nach ihm thaten dies mehr oder 
minder die wenigen übrigen Herrscher, so dass der Dom 
von Mzchet zu Ende des vorigen Säkulums der schönste des 
Königreiches war; und heute ist er jedenfalls noch der in- 
teressanteste und merkwüi'digste unter allen christlichen 
Gotteshäusern im Kaukasus, wenn man die historischen 



Mzchet die alte Königsstadt von Grusien. 49 

Erinnerungen in Betracht zieht, die sich an seinen Bestand 
knüpfen nnd deren kurze Aufzählung zugleich eine knappe, 
aber viele dickleibige Bände ersetzende Skizze der ganzen 
Geschichte Kaukasiens giebt. 

Der Dom an und für sich hat jedoch auch etwas un- 
läugbar Imposantes. Er bildet ein Kreuz, über dessen 
Mittelpunkt die konisch geformte Kuppel sich erhebt. Seine 
Höhe beträgt 112, seine Länge 178, seine Breite 78 Fuss. 
Der Gesamtbau ist in drei Schiffe geteilt, dereii Gewölbe 
auf mächtigen Pfeilern ruhen. 

Die Architektur, obgleich im Charakter des georgischen, 
im Allgemeinen wenig packenden Styls, ist äusserst wirkungs- 
voll und erfüllt das Innere der Kirche mit zauberischer Weihe. 
An den Wänden bemerkt man alte abgeblichene Fresken, die 
hier und da von neueren unterbrochen werden. Sie stammen 
teils von griechischen Malern, teils von Genuesen, die mit den 
Georgiern stets in reger Verbindung waren, und stellen 
biblische Scenen, sowie Episoden aus der Urgeschichte des 
Christentums in Georgien vor. lieber den Gemälden glaubt 
man unleserliche Inschriften in georgischer und griechischer 
Sprache zu erkennen. Früher sollen sich an den Wänden 
und Pfeilern die Freskobilder der alten Herrscher befunden 
haben ; da die Farben aber stark erblichen waren und man 
die Gesichter nicht mehr gut unterscheiden konnte, hielt man 
es für das Beste, Alles einfach zu — übertünchen. 

In den Gewölben der Kirche wurde die Mehrzahl der 
grusinischen Könige und Katholikosse begraben. Bei den 
verschiedenen Verwüstungen, welchen der Dom von Mzchet 
anheimfiel, entgingen auch die Leichen nicht der Wut der 
Eroberer ; sie wurden meist aus den Grüften herausgeschleppt, 
in Stücke zerrissen und in alle Winde zerstreut, so dass 

Bernhard Stern, Vom Kaukasus zum Hindukusch. 4 



50 Mzchet die alte Königsstadt von Grusien. 

sich heute unter den Grabsteinplatten oft nur leere Gräber 
befinden. 

Der vorletzte selbständige König von Georgien, Herak- 
lius der Zweite, hat seine Ruhestätte in diesen Gewölben ge- 
funden. Neben seinem Grabe ist das seiner Tochter Thekla, 
die in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts starb. Von 
seinen Nachkommen ist nun fast Niemand mehr am Leben. 
Die Dynastie der Bagratiden, die einst dem georgischen 
Eeiche Glanz und Zauber verliehen, die viele Jahrhunderte 
hindurch dem Lande mehr oder minder tüchtige Herrscher 
gegeben, ist erloschen und vergessen, obwohl nicht einmal 
ein Jahrhundert seit dem Aufboren ihrer Herrschaft ver- 
flossen ist . . . 

Ausser dem denkwürdigen Dom giebt es in Mzchet kein 
anderes gut erhaltenes Bauwerk aus früherer Zeit. Li der 
Umgebung, besonders am linken Ufer der Aragwa, finden 
sich noch einige Trümmer. Auf dem Gipfel des Berges 
Sarkinethi, der sich vor der alten Eesidenz erhebt, liegt 
die burgartige Ruine einer Kirche Stepan-Zminda, in welcher 
noch zu Anfang dieses Jahrhunderts Gottesdienst abgehalten 
wurde. Im Innern hat diese Kirche seltsamei'weise einen 
grossen Altar, was gegen den griechischen Gebrauch ist; 
eine Nische desselben enthält ein Bild des heiligen Johannes 
mit dem in griechischer Schrift darunter gemalten Attribut: 
d^iokoyog. 

Tritt man aus der Kirche und schaut hinab, so gewinnt 
man herrliche Aussicht über die unten befindliche verfallene 
Stadt und über die Ufer des Kur und der Aragwa, an 
welchen beiden Flüssen sich in früherer Zeit die Vorstädte 
von Mzchet befunden haben. Im Norden der alten Hauptstadt 
liegen noch heute einige Ueberreste des ehemaligen Vorortes 



Mzchet die alte Eönigsstadt von Grusien. 51 

Samthawro; in der Mitte der übrig gebliebenen Trümmer 
steht die Euine einer Kirche, welche mit der Metropolitan- 
kathedrale von Mzchet Baustyl und Verzierungen gemein 
hat. Ihr Gründer soll König Mirdad, welcher gegen Ende des 
vierten Jahrhunderts lebte, gewesen sein ; sie wäre demnach 
nicht viel jünger als der Dom von Mzchet. 

Eine andere Merkwürdigkeit von Mzchet ist ein Baum, 
unter welchem ein Kleidungsstück Christi vergraben liegt. 
Im dritten Jahre der Eegierung des georgischen Königs 
Aderk, so erzählt die Legende, wurde Jesus geboren. Mehrere 
der seit Nebukadnezars Zeit in Georgien ansässigen Juden 
begaben sich damals nach Palästina, unter ihnen ein gewisser 
Elios aus Mzchet. Derselbe war Zeuge der Kreuzigung 
Christi und erhielt dessen Unterkleid. Als er nach Mzchet 
zurückkehrte, kam ihm seine Schwester entgegen, die unter- 
dessen zum Christentum übergetreten war. Die Nachricht 
von der erfolgten Kreuzigung erschütterte sie tief und sie 
erbat sich von ihrem Bruder das von ihm mitgebrachte 
heilige Gewand. Kaum hatte sie es jedoch ungeduldig in 
die Hand genommen, so fiel sie tot zu Boden. König 
Aderk selbst versuchte vergeblich, das Gewand aus ihren 
erstarrten Armen zu lösen und befahl, das Mädchen samt 
dem Gewände zu beerdigen. Der Baum, unter welchem die 
Heilige ruht, blüht fort und immer fort . . . 

Seit jener wunderbaren Begebenheit wurde Mzchet ein 
beliebter und berühmter Wallfahrtsort, wohin noch gegen- 
wärtig Alles, was in Tiflis Beine und Krücken hat, an jedem 
ersten Oktober pilgert und zwar baifuss,- die Damen nicht 
ausgenommen. 

Dass eine Wanderung von zwanzig Werst über 
steinigen, oft kothigen Boden für die durch besondere 

4* 



52 Mzchet die alte Eönigsstadt von Grusien. 

Kleinheit und Feinheit ausgezeichneten Füsschen der Tifliser 
Damen kein Spass ist, wird man leicht begreifen. Aber 
ebenso erklärlich ist der Fanatismus der georgischen Frauen, 
welche diese Wanderung antreten, um am Grabe einer Ge- 
schlechtsgenossin erbauliche Gebete zu singen. Die Frauen 
in Georgien waren in ihrer socialen Stellung niemals be- 
neidenswert. Es muss ihnen daher schmeicheln, wenn ihre 
Schwestern im politischen oder religiösen Leben eine wichtige 
Rolle gespielt haben, und sie umgeben die Erkorenen mit 
wunderbaren Legendenkränzen ; so die Königin Tamara und 
die heüige Niua, welche letztere von Mzchet aus das 
Christentum in Georgien verbreitet hat. Zahllose Legenden, 
die noch heute im Munde des Volkes leben, berichten von 
den Thaten dieser heiligen Frau. 

Nina hörte während eines Aufenthaltes in Jerusalem von 
Juden, deren Verwandte in Mzchet lebten, dass in Georgien 
das Volk heidnisch sei, und fasste den Entschluss, dieses 
Volk dem Christentum zuzuführen. Als sie später aus Eom, 
wo sie sich zu gleichen Zwecken aufhielt, vor den Ver- 
folgungen des Kaisers Diocletian fliehen musste, führte sie 
diesen Entschluss aus und begab sich unter seltsamen Aben- 
teuern nach Kaukasien. 

Sie wandte sich zuerst nach Armenien, um den dort 
herrschenden König Trdat zu bekehren. Allein derselbe blieb 
ihren Bitten und Lehren unzugänglich und drohte ihr mit 
Marter und Tod, worauf sie sich nach Georgien begab, um 
in Mzchet Zuflucht zu suchen. Als sie hier ankam, geschah 
es, dass gerade ein Opferfest zu Ehren des Gottes Annas 
begangen ward, und als sie die römische, noch von Pompejus 
erbaute Brücke über den Kur betrat, traf sie den König 
Mirian, welcher sich mit seinem Gefolge zur heidnischen 



Mzchet die alte Königsstadt von Grusien. 53 

Opferfeier begab. Während diese vollzogen ward, kniete 
Nina nieder und betete inbrünstig zu ihrem Gotte, dass er 
ihr beistehe in der Gefahr, in welche sie sich ihm zu Ehren 
begeben habe, dass er ihr Kraft leihe, zum Ruhme seines 
Namens die vorgefasste Unternehmung zu vollbringen. 

Und siehe da! ein Wunder geschah! 

Während die heidnischen Priester das Opfer darbrachten, 
umzog sich der bis dahin wundervoll klare Himmel mit 
schwarzen Wolken, Blitze zuckten zur Erde, mächtige 
Donner grollten und ein riesiger Sturm kam daher und 
erfasste das Götzenbild, das bis jetzt für die Georgier der 
Gegenstand ihrer höchsten Verehrung gewesen war, stürzte 
es von seinem Postament und zerbrach es in tausend 
Stücke . . . 

Entsetzt standen der König und sein Volk vor dem 
Ungeheuerlichen. 

Wohl ahnte man, dass dasselbe in dem Gefolge des christ- 
lichen Gastes gekommen sei, allein Niemand wagte es, der 
heüigen Nina ein Leid zuzufügen. 

Und diese, durch das hehi-e Wunder ermutigt und beseelt, 
begann jetzt ihr Bekehrungswerk. Aber lange blieben ihre 
Mühen erfolglos. Ein neues Wunder erst musste geschehen, 
ehe MMan beschloss, sich und sein Volk zum Christentum 
bekehren zu lassen. 

Als der König sich einstmals auf der Jagd befand, 
verirrte er sich: am hellen Tage sank ein dichter Nebel- 
schleier bis auf den Teppich des Waldes und verhüllte alle 
Wege. In der Finsternis verlor der König auch sein Gefolge 
und sah sich plötzlich allein. Ein beängstigendes Gefühl er- 
griff ihn, aus der Finsternis stiegen schauerliche Bilder em- 
por und höhnten ihn. 



54 Mzchet die alte Königsstadt von Grusien. 

Da rief er in seiner Not zu allen heidnischen Göttern 
um Beistand. Aber vergebens. Die Finsternis ward noch 
stärker, der Nebel noch dichter. 

Und näher und näher drängten sich die Schatten an ihn 
heran und schlangen sich um sein Haupt und seine Brust 
und drückten ihn nieder. 

Da ging es plötzlich wie ein leuchtender Strahl durch 
seinen Sinn. 

Und er sank nieder und rief aus tiefstem Herzen: »Gott 
der Christen ! Erhöre mich, errette mich ! Dein Knecht will 
ich sein mein Leben lang, ich und mein ganzes Volk wollen 
Deine hehre Lehre annehmen und treu befolgen. Erhöre 
mich, errette mich, verlasse Deinen Knecht nicht!« . . . 

Und siehe da! ein Wunder geschah! 

Der Nebel erhob sich sogleich und Mirian vermochte in 
die Stadt zurückzukehren, wo schon das Volk ängstlich ver- 
sammelt war und seiner harrte. Und dann eilte der König 
zu Nina und wiederholte sein Gelübde und bekannte sich mit 
seinem ganzen Volke zum Christentum . . . 

An der Stelle, wo einst das vom Sturm gestürzte Götzen- 
bild gestanden, und an jenem Platze im Walde, wo König 
Mirian sein Gelübde gethan, errichtete die Apostelin Kreuze 
aus Weinreben, welche ihr von der heiligen Jungfrau im 
Traume überreicht worden waren. 

Die heilige Nina war auch in vielen anderen Beziehungen 
die Wohlthäterin der Georgier und einigemale errettete sie 
die Hauptstadt aus grosser Not. Als dieselbe einst von 
Feinden schwer belagert war, schritt sie auf einem Seil, 
welches von der Metropolitankirche zur Kathedrale von 
Samthawro gespannt war, aus dem letzteren Orte nach der 



Mzchet die alte Königsstadt von Grusien. 55 

Residenz hinüber nnd brachte dorthin Lebensmittel und 
Nachrichten. 

Das Kreuz der Nina bewahrt jetzt die Kathedrale zu 
Mzchet. Dieses Kreuz wurde seit dem Tode der Heiligen 
in der Familie der georgischen Könige als ein Heiligtum 
gehütet und galt als Palladium des Landes. 1720, als 
Türken, Perser und Lesghier in Georgien einfielen, brachte 
man vor AUem das Kreuz der Nina in Sicherheit und 
flüchtete es in die schwer zugängliche Kirche Ananür. Von 
dort brachte der georgische Metropolit das Heiligtum nach 
Moskau, aber Alexander der Ei*ste Hess es feierlich wieder 
der Kathedrale von Mzchet zurückstellen, als diese in russi- 
schen Besitz kam. 

Nina starb am 14. Januar 338. Dieser Tag ist noch 
heute als Gedächtnisfest der Heiligen ein hoher georgischer 
Feiertag. 

Ninas Grab liegt in dem Dorfe Sygnach in der georgi- 
schen Provinz Kachetien. Sygnach bedeckt von drei Seiten 
einen runden Berg vom Fusse bis zum Gipfel. Der obere 
Teil des Dorfes hat eine zertrümmerte Mauer, die einst 
30 Fuss hoch gewesen. Hinter ihr liegt die schön erhaltene 
Klosterkirche Bodby, die in ihrer äusseren wie inneren 
Konstruktion von allen Kirchen des Orients verschieden ist ; 
dieselben sind fast sämtlich im Eundkuppelstyl gebaut, die 
Kirche von Sygnach aber besitzt keine Kuppeln, sondern 
bloss ein langes Gewölbe und zwei Nebengewölbe. Sie soll 
von Nina selbst erbaut sein, und in ihr befindet sich das 
Grab der Apostelin. 

Das ist ein wahrhaft paradiesischer Ruheort. Pappeln 
spenden kühlen Schatten. Friede, tiefer Friede ruht auf 
dieser Stätte. Kein Laut unterbricht die zaubervolle Ein- 



56 Mzchet die alte Eönigsstadt von Grusien. 

samkeit, kein Windhauch wagt sich durch die Unbeweglich- 
keit der Lüfte. 

Und rings umher, soweit der Blick reicht , prangt die 
Natur in üppiger Fülle und Frische. Ueberall wuchert, 
strebt, klettert, windet und verschlingt sich die kräftigste 
Vegetation. Fruchtbäume jeglicher Art, besonders Feigen 
und Kirschen, Pflaumen und Aepfel blühen hier, und ge- 
waltige Nussbäume wechseln mit Linden und Eschen, Ahorn 
und Buchen, während Lorber, Myrten und wilde Rosen sich 
um Reben, Winden und Scharlachbeeren ranken. Es ist dies 
ein Grabesschmuck, schöner als der allerschönste Garten- 
schmuck auf unseren europäischen Friedhöfen. 

Und dazu der tönende Wellenschlag des Alasanj, der 
silberblitzend durch die Thäler zieht, dessen Klänge sich 
mit den Aeolsharfentönen der Urwaldbäume zu einer sanften 
melodischen Totenklage verweben. Und jenseits der Ufer 
leuchten im Schneeglanz die Gipfel des Kaukasus herüber. 
Friede, hehre Poesie, biblische Feierlichkeit, wunderbare 
Natur leihen dieser heüigen Stätte unsagbaren Märchenreiz. 




Kutaiss 
die alte Königsstadt von Imeretien. 






^ , ^ ^ ^ ^ <^ ^ 



Aus der Vergrangenheit. — Eine königrliche Liebesgeschiclite und 
ihre Folgen. — In der Stadt. ~ Das Jadenghetto. — In der Umgegend. — 
— Das Kloster Gelaty. — Das Kloster Motzamethi. 



Es ist ein ganz wundersamer Weg nach Kutaiss. 

Von Batum oder Tiflis fährt man mit der Eisenbahn 
bis zur Station Eion und von hier mit einer Zweigbahn nach 
der ehemaligen imeretischen Königsresidenz, welche an Stelle 
der alten kolchischen Hauptstadt Aea oder Kytäa liegen 
soll. Da die Züge im Kaukasus niemals besondere Eile 
haben, kann der Eeisende die Landschaften, die man durch- 
zieht, mit Müsse betrachten. 

Welche märchenhafte Gegenden! 

Die Natur scheint in immer neuen, unbeschreiblich 
schönen Gestaltungen unerschöpflich, ein entzückendes Büd 
folgt dem andern. 

und dann Kutai'ss selbst! 

Diese Stadt liegt wie vörzaubert inmitten grünbekränzter 
Berge, an beiden Ufern des Eion oder Phasis, der hier in 
wilder Lust dahinstürmt und von den Ufern grosse Steine 
und Erdstücke mit sich reisst. 

Bings leuchten aus duftigen Hainen liebliche Villen und 
in lauschigen Thälem liegen heitere Dorfschaften. Im 
Norden und Süden ragen der grosse und der kleine Kau- 
kasus, und der Elberus hebt seine seltsam geformten Gipiel 
über die Wolken. 

Die Luft ist warm und weich. 



60 Kutaiss die alte Königsstadt von Imeretien. 

Ein herrliches Klima begnadet dieses Land, das einen 
strengen Winter ebensowenig kennt, als einen allzuheissen 
Sommer. Kutaiss liegt 146 Meter über dem Meere, und 
die Fieberdünste finden hier keinen so günstigen Boden wie 
in den Marschen Mingreliens, in den sumpfigen Ebenen um 

Poti oder Batum. 

Die Stadt Kutaiss ist hauptsächlich wegen ihrer Ver- 
gangenheit interessant. 

Im Mittelalter wurde sie nach dem Sturz von Mzchet 
die Metropole von ganz Georgien und erlebte als solche ihre 
Glanzzeit, die jedoch nicht lange währte : Tiflis riss bald 
die Hegemonie im Kaukasus an sich, und Kutaiss sank 
immer mehr und mehr. 

Im fünfzehnten Jahrhundert zerfiel Georgien in drei 
Königreiche : in das kachetische, kartalinische und imeretische. 
Die Trennung wurde der Anlass zu unaufhörlichen Kriegen, 
da ein Eeich dem andern den Hang streitig zu machen 
suchte. Aber auch im Innern jedes einzelnen Landes 
wühlten blutige Bürgerkämpfe. So folgte in Imeretien kein 
Herrscher dem andern in friedlicher Weise. Seit seiner 
Loslösung vom georgischen Mutterreiche bis zum Untergang 
seiner Selbständigkeit, im Laufe von 370 Jahren, wurde 
Imeretien von 30 Königen beherrscht. Von diesen starben 
aber nur 7 als Regenten, und zwar alle eines gewaltsamen 
Todes. Die anderen 23 gingen noch bei Lebzeiten des 
Thrones verlustig, sie wurden von Gegnern verdrängt und 
vertrieben. 

Der unglücklichste aller imeretischen Fürsten, welche 
sich »Könige der Könige« nannten, war ein Bagrat. Der- 
selbe bestieg 1660 den Thron. Obgleich er kaum sechzehn 
Jahre zählte, vermählte ihn seine Stiefmutter Nestar-Dared- 



Euta^Css die alte Königsstadt von Imeretien. 61 

schan, die als eine lasterhafte Frau geschildert wird, gleich 
nach seinem Kegierungsantritte mit der Prinzessin Ketewan. 

Nicht lange genoss Bagrat sein junges Eheglück in 
Frieden. 

Als er zum Manne heranwuchs und schön und stattlich 
ward, verliebte sich seine Stiefmutter in ihn und be- 
gehrte, dass er die Ketewan Verstösse und sie selbst heirate. 

Aber Bagrat liebte seine Gemahlin, die schöne Ketewan, 
und weigerte sich, dem Wunsche der Nestar-Daredschan zu 
willfahren. 

Darob entbrannte die Verschmähte in wildem Hass und 
beschloss, sich fürchterlich zu rächen. Sie zettelte eine 
Revolution an, nahm den König gefangen und liess ihm 
durch einen ihrer Günstlinge, den Fürsten Wachtang, die 
Augen ausstechen. Nach dieser Greuelthat vermählte sie 
sich mit Wachtang und bestieg selbst den Königsthron 
von Imeretien. 

Die Getreuen Bagrats riefen den Fürsten Wamek Da- 
diani herbei, und der kam mit einem mächtigen Heere 
herangerückt. Wohl sandte ihm Nestar-Daredschan kriegs- 
geübte Truppen entgegen, aber Wamek Dadiani siegte, 
drang in die Burg der Königin und liess dem Gemahl der- 
selben zur Vergeltung gleichfalls das Augenlicht rauben. 
Die Nestar-Daredschan entzog sich ihm jedoch, und er kehrte 
wieder heim. Bagrat auf den Thron zurückzuführen war 
ihin ebenfalls nicht gelungen. 

Nun riefen die Imeretier, welche der tyrannischen, 
eine wüste Günstlingswirtschaft führenden Königin nicht 
geneigt waren und sich nach Bagrat und seiner schönen 
Gemahlin zurücksehnten, den Pascha Osman von Achalzych 
herbei, und dieser eroberte die Stadt und nahm die Königin 



62 KutaYss die alte Eönigsstadt von Imeretieii. 

gefangen. Doch auch die schöne Ketewan beanspruchte er 
als Lohn für seine Hülfe, und als man sie ihm nicht gut- 
willig gab, entführte er sie gewaltsam, da er ja Herr im 
Lande war. Dann zog er ab, und Bagrat bestieg von neuem 
den Thron. Ueber den Verlust seiner Ketewan tröstete er 
sich, indem er bald zum zweiten Male heiratete. 

Wieder war seine Ruhe nur kurz. 

Den König von Kartalinien lockte das herrliche Ime- 
retien, und er hätte es gerne erobert. Da er das begehrte 
Land von Bürgerkriegen zerrissen sah, rüstete er ein Heer 
aus und rückte, um den günstigen Zeitpunkt zu benützen, 
gegen die Hauptstadt Kutaiss. 

Diese Gefahr wendete Bagrat glücklich ab, er besiegte 
den Kartalinier-König. 

Doch schon drohte ihm ein neues Unglück. Seine Stief- 
mutter hatte in der Gefangenschaft die Gunst der Türken 
zu erwerben gewusst, ein Heer erbeten und erhalten und 
zog nun rachedürstend gegen Bagrat. 

Vor Kutaiss aber ereilte sie des Schicksals Rache, sie 
wurde von unbekannter Hand ermordet. Dir Tod rief Be- 
stürzung in den Reihen der Ihrigen hervor, die sich, Wach- 
tang an der Spitze, dem König Bagrat widerstandslos er- 
gaben. 

Wachtang wurde von Bagrat selbst niedergemacht. 

»Du hast mir die Augen durchbohrt, ich reisse dir jetzt 
das Herz aus« — 

Mit diesen Worten tötete der blinde König den blinden 
Gemahl der Nestar-Daredschan. 

Bagrat lebte nur noch kurze Zeit und auch diese unter 
fortwährenden Bürgerkämpfen. 



KutaYss die alte Königsstadt von Imeretien. 63 

Sein Schicksal ist typisch, ist ein Spiegelbild des Schick- 
sals fast aller imeretischen Herrscher: Palastrevolutionen, 
Franenliebe und Franenhass, kleine und kleinliche Motive 
fährten Fürsten auf den Thron oder vernichteten sie . . . 

Seit einem Jahrhundert gehört Kuta'iss zu Eussland, 
und seitdem hat sich das Aeussere der Stadt ziemlich ver- 
ändert. 

Von der alten, nach orientalischer Sitte gebauten Ka- 
pitale sind nur einige armselige Trümmer übriggeblieben, 
umschlungen von dichten Epheuranken, welche die immer 
mehr zerbröckelnden Fragmente der versunkenen Herrlich- 
keiten mühsam zusammenhalten . . . 

Unverwüstlich ist nur die Natur ringsumher. 

An den Stellen, wo einst im Schatten prächtiger Weiss- 
buchen, Ulmen und Platanen reges Eitterleben geherrscht, 
ist dies Leben längst verstummt; die Natur aber blüht immer- 
fort in ihrer alten Pracht. Auf dem Berge, wo ehemals das 
vielbesungene Aea und später die imeretische Königsstadt 
gelegen, steht heute eine russische Festung ; allein am Fusse 
dieses Berges fluten die Wasser des Phasis, die seit Jahr- 
tausenden diesen Weg ziehen . . . 

Die merkwürdigsten Euinen in Kuta'iss sind die des 
Stadtteils Uchimerion mit den Eesten der Burg, deren Zer- 
störung 1769 erfolgte. 

Der russische General Todleben war damals dem 
schwachen König Salomo zu Hülfe geeilt, der einer Revo- 
lution machtlos gegenüberstand. Die Imeretier riefen in 
ihrer Not die Türken herbei, welche sich früher als die 
Eussen des Landes bemächtigten und Uchimerion, die 
Burg von Kuta'iss, besetzten. Als aber General Todleben 
seine Geschütze gegen die Stadt spielen liess und die Türken 



64 Kutaiss die alte Königsstadt von Imeretien. 

merkten, dass sie in derselben nicht genügend sicher wären, 
Hessen sie ihre Schützlinge in Stich und zogen heimlich ab. 
Ohne Blutvergiessen drangen die Eussen ein und gaben dem 
König Salomo seinen Thron wieder, um die Türken an 
einem zweiten Okkupationsversuche zu hindern, sprengte der 
imeretische König auf Todlebens Rat die Burg üchimerion 
in die Luft. Der Türken war er nun ledig — aber die 

Russen blieben ... 

Die Trümmer zeigen noch einzelne Stücke einer Citadelle, 
Thore, Wasserleitungen, Kaskaden. Auch die Reste einer 
Kirche mit georgischen Skulpturen fesseln das Auge. 

Dies ist ziemlich AUes, was Kutaiss an Bauwerken 
vergangener Zeiten erübrigt hat. — 

Die neue Stadt hat nichts Besonderes, sie gleicht einer 
gewöhnlichen russischen Provinzstadt mit einförmig geraden 
Strassen, mit einigen nach alltäglichem Muster errichteten 
Gebäuden und dem obligaten Stadtpark, welcher allerdings 
dank der wunderbaren Natur von unvergleichlicher Schön- 
heit ist. 

Die Hotels sind schlecht und schmutzig, die Wirte und 
Kellner — meist von höchstem Adel, der im Kaukasus billig 
ist — eitel und unwillig in der Bedienung der Gäste, die 
gleichsam nur da sind, unverschämte Rechnungen zu be- 
gleichen. 

Das bürgerliche Leben bietet geringe Freuden, das 
militärische gar keine. Der Aufenthalt ist mit Schwierig- 
keiten verbunden und Ausländem selbst ein Besuch fast 
unmöglich, da man dazu früher eingeholte Erlaubnis der 
Regierung braucht. Bis man eine solche erhält, kann man 
getrost eine Weltumschiffung vornehmen. Denn Kutaiss ist 
eine militärische Hauptstadt des Kaukasus. 



Kutal'ss die alte Eönigsstadt von Imeretien. 65 

Die Einwohnerzahl beträgt nicht viel über 15000 und 
zerteilt sich auf Imeretier, welche den Haaptbestand der 
Bevölkerung bilden, auf Armenier, Juden und Russen. 
Griechische und türkische Händler und lasische Tagelöhner 
finden sich vereinzelt, ebenso die ossetischen und swaneti- 
schen Gebirgler, welche im Bazar Satteldecken, Bui^kas, 
Häute von Bären, Füchsen und Mardern, und Wachs und 
Honig feilbieten. 

Die Imeretier ähneln den Georgiern stark, doch ist ihr 
Gesichtsschnitt ausdrucksvoller und edler. Die Schönheit 
der Frauen sowol als die der Männer ist berühmt. In den 
ärmlichsten Hütten von Euta'iss trifft man häufig mit bunten 
Lappen kaum genügend bekleidete Gestalten, die zu Marmor 
verwandelt vortreffliche Seitenstücke zu der Canovaschen 
Venus des Palazzo Pizzi oder zum Apollo des Belvedere ab- 
geben könnten« 

Wie sehr sich auch das Aeussere der Stadt vei^ndert 
hatj das Leben der iSngeborenen ist unverfälscht geblieben, 
und besonders hat »ich unter den Imeretiern die sogenannte 
kaukasische Tracht reiner und schöner erhalten, als in den 
anderen Städten, welche bereits grossenteüs russifizirt siud. 

Mehr Sehenswürdigkeiten als in der Stadt selbst fand 
ich in der Umgegend von Kutaiss, in dem acht Werst ent- 
fernten Kloster Gelaty. 

Der Weg nach Gelaty führt durch das Judenghetto der 
alten Königsstadt und gibt Gelegenheit, einen flüchtigen 
Blick in das Leben und Treiben dieses versprengten Teils 
des israelitischen Volkes zu werfen. Die Leute leben meist 
vom Handel, da ihnen andere Erwerbswege vollständig ver- 
schlossen sind, und in diesem einzigen haben sie auch eine 
grosse Konkurrenz an den schlauen Armeniem. 

Bernhard Stern, Vom Kaukasus zum Hindukusch. 5 



Cr> KutaÜBs die alte Königsstailt von Imeretieu. 

Nach Terlassen des Ghetto gelangt man ins Bionthal 
mid dann abwärts in entzückende Fluren, bis man nach 
kaum drei Standen gemütlieher Fnsswandemng das Kloster 
Gelaty auf einem Bei^vorsprung vor sich liegen sieht. Von 
oben ist eine Anssicht, die sich nicht beschreiben lässt nnd 
die auch kein Bild getreu darzustellen vermöchte. 



Kloster Gelaty. 

Unten dehnt sich das Thal des srothen Flusses«, des 
Tzchal Tzitheli, welcher von den östlich liegenden Nake- 
ralabergen hemiederBtrömt und unterhalb Kutaiss in die 
Kwirila mündet. 

In der Feme vor uns leuchtet der deutlich sichtbare 
Kegel des Tetmuld. 

Und wenden wir die Blicke nach rückwärts, so sehen 
wir die vielgeformten imeretischen Berge emporsteigen und 
vor ihnen die Landschaften Letschgum und Badscha mit 
dem Chomliberg . . . 



Kutai'ss die alte Königsstadt von Imeretien. 67 

Tritt man ans der Natur in die Kii'che, so spürt man 
den mächtigen Gegensatz zwischen der göttlichen Unsterb- 
lichkeit, die draussen waltet, und der irdischen Vergänglich- 
keit, welche in dem von Menschenhand errichteten Gottes- 
hause wühlt. 

Zwar ragt der gigantische Bau mit seinen gewaltigen 
Steinen, von denen manche einen Klafter Durchmesser haben, 
trotz seines Alters von sieben Jahrhunderten noch immer in 
wunderbar festem Gefüge; allein in den Hallen ruht nur 
der Staub vergessener Herrlichkeiten. 

Tiefe StiUe, TotenstiUe. 

Nur da und dort fällt ein abgebröckeltes Mauerstückchen 
zu Boden oder ein Windhauch schleicht sich durch die 
Deckenspalten und erregt die Unbeweglichkeit zu einem 
leisen kurzen Erzittern . . . 

Die Klosterkirche von Gelaty ist ein byzantinischer 
Centralbau mit einer von einem kegelförmigen grünen Dach 
überdeckten Kuppel und hat im Innern die gewöhnliche 
Kreuzform der griechischen Gotteshäuser. 

Viel Pracht und Glanz muss hier einst gewaltet haben. 
Noch steht in unerhörtem Schmuck von Gold und Perlen 
und Edelsteinen der Ikonostas da und in goldenen Eahmen 
sind Eeliquien eingefasst und viele kostbare Heiligenbilder 
mit meist griechischen Inschriften zieren die Wände, die 
Säulen und Gänge. 

Ein Wunderstück ist ein Mosaikbild der Muttergottes, 
ein Geschenk des Kaisers Alexius Comenius an den Zaren 
David. Ein anderes Muttergottesbüd stammt, wie viele hier 
befindliche Reliquien, aus der Kirche von Zizunda, ein drittes 
aus dem Dorfe Chachuly am Flusse Tortuma im türkischen 
Grusien, ein viertes aus dem Dorfe Azchury neben Achalzych. 

5* 



68 Eutal'ss die alte Königsstadt von Imeretien. 

Unter den Handscluifben befindet sich ein im 11. Jahr- 
hundert geschriebenes Evangelimn mit Miniaturen. 

Interessant sind zahlreiche Steine mit Inschriften in 
Versen. Als der Reisende Thielemann den ihn begleitenden 
Priester um Mitteilung des Inhalts dieser Verse bat, er- 
hielt er zur Antwort, Niemand könnte sie entziffern. Thiele- 
mann nahm einen Abdruck nach Europa mit und hier ent- 
puppten sich die im christlichen Gotteshause angebrachten 
Verse als kufische Inschriften, welche den Namen Mohammeds 
mit den zwölf Imamen anführten . . . 

Die Wände, namentlich in der Nähe der Portale und 
Fenster, haben flachen Eeliefschmuck, der von gediegenem 
Formensinn zeugt. 

Ein häufig wiederkehrendes Ornament ist ein reizendes 
kleines, rings von stufenförmigen Hohlkehlen umgebenes 
lateinisches Kreuz. 

Die Fresken an den Wänden erscheinen teils als Er- 
zeugnisse der späteren strengen byzantinischen Kunst, teils 
sind sie im Mittelalter zur Zeit der Blüte der italienischen 
Malerschulen von Genuesem, die häufig nach dem Pontus- 
lande kamen, restaurirt worden. Auch die neueste Zeit 
machte wie im Dom zu Mzchet so auch im Kloster Gelaty 
kühne Eenovirungs versuche: russische Offiziere vertrieben 
sich die traurige Gamisonseinsamkeit durch — einfaches 
Ueberstreichen der Fresken . . . 

Die Bilder stellen zumeist Porträts imeretischer Fürsten 
vor, auf deren Häuptern die schöne Königskrone prangt. 

Diese Krone existirt noch in Wirklichkeit. In einer 
KapeUe des Klosters liegt sie nebst anderen kostbaren Re- 
liquien; eine morsche Kiste birgt sie, die edlen Steine sind 



EutaYss die alte Königsetadt von Imeretien. 69 

von Staub fast blind, die goldenen Keifen nnd Bügel ge- 
schwärzt und das Kreuz auf der Spitze zerbogen und ge- 
brochen . . . 

Eine andere Klosterkapelle birgt das Grab des Königs 
David, der diese Kirche erbaut hat und den Beinamen der 
»Erneuerer« führte. 

Epheu bedeckt die Gruft, mit einem dichten Teppich, 
unter welchem eine Steinplatte mit einer Inschrift in 
Chuzuri hervorleuchtet: 

»Sieben Könige haben mir gehuldigt; Perser, Türken 
und Araber habe ich besiegt und aus meinem Lande gejagt . . .« 

Neben dem Grabe befinden sich als Siegestrophäen 
eiserne Thorflügel, die man früher für die Thore der alt- 
berühmten, der Sage nach von Alexander dem Grossen 
erbauten Stadt Derbend hielt, bis der Forscher Brosset nach- 
wies, dass sie von dem Zaren Dmitry, dem Sohne Davids 
des Erneuerers um die Mitte des zwölften Jahrhunderts aus 
dem alten Gündscha, dem heutigen Jelissawetpol, gebracht 
wurden. 

Eine Sage erzählt, dass hier auch die berühmte Zarin 
Tamara begraben sei ; dies behauptet indessen die Tradition 
noch von vielen anderen Orten. 

Nur wenige Werst vom Kloster Gelaty entfernt liegt 
das Kloster Motzamethi mit einem auf Löwen ruhenden 
Sarkophag. 

Die Natur ist auch hier berückend schön. 

Während Gelaty stolz von einem weit hinausragenden 
Bergvorsprunge niederschaut, liegt Motzamethi gleichsam in 
einer stillen Höhle im Thal Tzchal Tzitheli und ist von 
üppig sprossenden, nie welkenden Pflanzen und Bäumen 



70 Kutal'ss die alte Königsstadt von Imeretien. 

Fiühling und Sommer, Herbst und Winter bedeckt und 
versteckt. 

Lorbeeren und besonders Buchsbäume von riesiger Höhe 
schlingen ihre Aeste um das Kloster, und Epheu und wilder 
Wein ranken sich wuchernd zum Dache empor und schmücken 
den vereinsamten Bau mit immergrünen flatternden Fahnen, 
mit Schmuck und Zier, die schöner und unvergänglicher sind, 
als die kostbarsten und dauerhaftesten Ornamente von 
Menschenhand . . . 



(s^fSS^^ 



Im Reiche der Kirke und Medea. 

Ein Idyll aus Kolchis. 








Urwald. — Heimat der Weinrebe. — Einsamkeit. — Poetische 
Träame. — Prosaische Wirklichkeit. — Die Enkelin der melodischen Kirke. 
— Die Festung Poti. 



Das alte Kolchis ! . . . 

Träume ich? Bin ich von Zauber befangen? Oder ist 
es Wirklichkeit ? . . . 

Ich wandre durch Kolchis, durch das Land, aus welchem 
der kühne Argonautenfuhrer Jason das goldene Vliess und 
die Medea geholt, in dem der »göttliche Dulder« Odysseus 
so herrliche Tage mit der »melodischen« Kirke verlebt! 

Das alte Kolchis ! . . . 

Schon lange ist es nicht mehr, was es einst gewesen! 
Die Schönheiten von Menschenhand, die hier geblüht, die 
hohe Kultur, die Prachtstädte und Kolonien am Pontus 
Euxinus und am Phasis, dem heutigen Rion, sind seit vielen, 
vielen Jahrhunderten untergegangen . . . 

Geblieben aber sind die landschaftlichen Wunder. 

Und um ihretwillen vergisst jnan gerne die Gefahren, 
welche Einen beim Zug durch dieses Land erwarten, vergisst 
man das tückische Fieber, die Bestien und Eäuber, die 
Schlangen, Skorpionen und Taranteln, die endlosen Sümpfe, 
die undurchdringlichen Urwälder. 

Man achtet nicht mehr der Mühen, man kümmert sich 
nicht mehr um die Gefahren, man gewöhnt sich an sie, man 



74 Im Reiche der Kirke und Medea. 

gewinnt sie sogar lieb. Die dichten Pfade werden vertraut, 
die gefährlichste Stelle im Urwald bietet eine willkommene 
Euhestätte für die Nacht, und als bester Schutz gegen 
Sonne und Eegen erscheinen die engverschlungenen Aeste 
der fruchtreichen Bäume und die üppig wuchernden Schling- 
pflanzen . . . 

Herrlich, wunderherrlich ist dieser Urwald. Er gleicht 
einem Riesenfestpokal, den die Genien der Natur mit den 
süssesten Reizen vollgegossen, damit man aus ihm seltene 
Wonnen schlürfe . . . 

Wohin das Auge blickt, nirgends sieht es einen nackten 
Stein, einen nackten Fels. Alles ist grün beki^änzt. Alles 
sprosst ununterbrochen frisch. 

Rosen, Myrten, Rhododendren und Famkräuter winden 
sich zwischen Wallnussbäumen und Erlen, W^eiden und Silber- 
pappeln, umschlingen Aprikosen und Kirschen, Birnen und 
Aepfel. Neben der Buche, Linde, Eiche, Ulme und Platane sehe 
ich den Feigenbaum und Lorbeer, die Kastanie und den Erd- 
beerbaum. Das Grün des Epheus bildet einen Gegensatz zum 
Rot der Berberize, die Heckenwinde paart sich dem wilden 
Hopfen, die drüsenartige Brombeere dem Maiblumenbaum. 

Die Regentin dieser Wunderwelt aber ist die Rebe. Hier 
war ihr Stammland, von hier aus zog sie in stolzem Triumph- 
zuge durch Kleinasien nach dem durstigen Europa und weiter, 
endlos weiter, überall »Segen spendend, Herzen erquickend, 
Geister beflügelnd.« Hier prangt sie noch in ihrer vollsten 
Ueppigkeit und Ungebundenheit. W^ährend sie bei uns an 
ihrer freien Entfaltung gehindert, an Stöcke oder Bäume 
gelehnt wird, breitet sie sich hier mächtig aus, windet sie 
ihre weitauslaufenden Schlingen um alle ihre Nachbarn und 
ringelt sich sogar bis zu den höchsten Kronen der Buchen 



Im Reiche der Kirke und Medea. 75 

und Eschen empor und bildet oben ein prachtvolles rot- 
schimmemdes Traubendach, auf welchem die Sänger der 
Lüfte sich gütlich thun . . . 

welche Stille, welche Euhe ! . . . 

Die Haine durchzieht kein lauter Wind. 

Die Einsamkeit wird weder durch Geschrei von Affen, 
noch durch blutdürstiges Gebrüll von Löwen und Tigern, 
weder durch Gestöhn stürmisch dahinrasender Büffelherden, 
noch durch Gestampf wilder Elephantenscharen unterbrochen. 

Nur auf weichen Sohlen flüchtet ein Zephirhauch durch 
die ünbeweglichkeit. Nur manchmal raschelt ein dürrer 
Zweig sterbensmüde in das duftige Blumengrab auf dem 
Rasenboden. Zagend plätschert eine schwache Welle des 
träge dahinschleichenden Phasis über die Ufer, aber heftig 
erschrocken über den ungewohnten Laut, den sie verursacht, 
zieht sie sich hastig wieder zurück. Hier und da rudert 
eine Ente über den Strom oder einige Eosen baden sich in 
seinen Fluten . . . 

Des Nachts aber, wenn der Mond mit seinem magischen 
Licht die Lüfte erfüllt, erwacht ein flüchtiges, geheimnis- 
volles Leben. 

Aus den sonst unbeweglichen Bäumen und Sträuchern 
wachsen phantastische Gestalten heraus. 

Das Wasser des Phasis erzittert im seltsamen Glanz 
des Zauberlichtes wie flüssiges Silber. Glitzernde Brücken 
spannen sich von Baum zu Baum. Es tönt von tausend und 
abertausend Stimmen, welche aus den tiefsten Tiefen hervor- 
dringen, aus den höchsten Höhen herabklingen. Die Blumen 
verbreiten einen betäubenden Duft. Von einem külilen 
Winde bewegt, neigen sich die Urwaldstämme, als ob 
sie beten wollten. Durch den Hain rast der braune Bär 



76 Im Reiche der Kirke und Medea. 

und in sein lautes Brnrnmen mischt sich das Geheul der 
Schakale, die jetzt aus ihren Höhlen herbeieilen. Von Blume 
zu Blume flattern Nachtschmetterlinge, schwirren zahllose 
Käfer . . . 

Mit dem ersten Morgengrauen aber erstirbt jäh der 
spukhafte Trubel der Nacht, und über die einsame Wildnis 
senkt sich tiefe Stille, Totenstille .... 

Und diese Sülle berührt mich so wunderbar, wie ich 
einsam durch die Wildnis wandere. 

Eine Seligkeit ohnegleichen erftillt mich — eine 
märchenhafte Seligkeit, die mich all die bitteren Leiden 
vergessen lässt, welche ein hartes Schicksal mir oft und 
reichlich zugemessen. 

Ich lehne mich an zitternde Rebenranken, und sie wiegen 
mich leise, leise hin und her, als wären sie ein Ruhenetz, und 
über mein Haupt senken Silberpappeln und Eschen dichten 
schattigen Schutz gegen die Sonnenglut. 

Und mit offenen Augen träume ich seltsame Träume . . . 

Da erscheint der alte Homer und setzt sich lächelnd 
zu mir und erzählt mir wieder seine alten Geschichten. 
Und andächtig lausche ich ihnen und hier, auf dem Boden, 
wo sie teilweise gespielt, verstehe ich sie ganz anders, als 
im kalten toten Hexametertext. Es ist als steige aus den 
Blumen und Bäumen volles frisches Leben hervor, und es 
singt und summt um mich in wunderbaren Weisen . . . 

Die Vögel des Waldes erwachen aus ihrer todähnlichen 
Ruhe und schwingen sich munter auf die dichtbelaubten 
Zweige und zwitschern entzückt Lieder der Freude. 

Die stillen Lüfte bewegen sich plötzlich, als fühlten 
sie Verständnis für die Klänge der Vergangenheit, die in 
melodischen Akkorden durch den Urwald wogen. 



Im Reiche der Eirke und Medea. 77 

Und der Phasis hält in seinem trägen Lauf ganz still, 
um staunend den Märchen zu lauschen, die sich einst an 
seinen Ufern zugetragen und die er längst vergessen . . . 

Da nahen sie Alle, Alle, die längst entschwundenen 
Gestalten — der König Aeetes, Jason und Medea, Theseus 
und Orpheus, Kastor und Pollux und der vielgeprüfte 
Odysseus, den Poseidons grimme Wut unablässig verfolgt 
und aus. der geliebten Heimat in weite fremde Welten ge- 
jagt hat. 

Und an der Seite des göttlichen Königs von Ithaka 
ruht in »silberhellem Gewand die melodische Kirke«, die 
den Gatten der Penelope mit heissen Worten und Küssen 
zum blumenbestreuten Lager schmeichelt . . . 

Aber der schlimme Eurylochos stört das Gekose und 
mahnt den liebestrunkenen König, des Vaterlandes zu ge- 
denken, und — vorüber sind die schönen Tage im kolcloi- 
schen Aranjuez. 

Und verschwunden ist die ganze alte Welt! Ver- 
schwunden der König Aeetes, verschwunden die Kirke, die 
Medea und Alle, Alle, die hier gelebt . . . 

Ich blicke auf aus meinen wachen Träumen. 

Nicht der Palast von Aea liegt vor mir, — nur die elende 
Hütte eines mingrelischen Fischers. .Nicht heiter willkommen 
heisst der Fischer den Fremdling, — mit rauhen Worten 
fragt er um mein Begehr. 

Nur die muntere Magd, die unter der morschen Hütten- 
thür steht, erscheint mir wie eine Erinnerung der mythischen 
Zeit, wie eine echte Enkelin der melodischen Kirke. 

Wol schmückt sie kein »silberhelles Kleid mit goldig 
blitzendem Gürtel«, aber ihre Lumpen in gelben und weissen 
Farben sind so niedlich und malerisch umgeworfen, dass sie 



78 Im Reiche der Kirke und Medea. 

allen Sclimuck, alle Prachtkleidung reichlich ersetzen. 
Lächelnd beut sie mir rotbackige Aepfel, schmelzende 
Birnen, glühende Trauben, funkelnden Wein. 

Damit ist die kostenlose Gastfreundschaft erschöpft. 
Für alles Uebrige wird prosaisch geblecht. 

Die Nacht bricht an, der Fischer schenkt mii* gastlich 
Quartier für teures Geld. Mein Zimmer hat dabei nur dea 
Namen eines solchen — in Wahrheit ist es ein Loch im 
Hüttendach, ohne Verschluss, jedem Luftzug freigegeben, 
bisher bewohnt von Katzen und Ratzen. Die Einrichtung 
beschränkt sich auf einige Holzklötze, von denen der eine 
ein Tisch, der andere eine Bank, der diitte irgend etwas 
sein soll, das ich nicht zu enträtseln vermag. Mein Lager 
endlich ist nicht »aus schönprangenden Kissen und Teppichen, 
von Leinwand«, sondern aus einigen, mit faulem Stroh und 
Schilf gefüllten Säcken bereitet. 

Dass ich auf solch elendem Lager nicht so gut mhe, 
wie weiland König Odysseus auf dem der göttlichen Kirke, 
werden Leser und Leserin füglich begreifen. Und wie Er- 
lösung aus Marterqualen erscheint mir der Anbruch des 
Morgens. 

Kaum zucken die ersten Lichtblitze durch mein Käm- 
merlein, erhebe ich mich hastig, wasche mich mit weichem 
W^asser des Phasis, stärke meinen leiblichen Menschen mit 
warmer Müch und einem Riesenstück Brod und wandere 
weiter, dem nahen Pontus entgegen, zur russischen Festung Po ti. 

Die liebliche Fischerstochter giebt mir das Geleite. 

Lustig und lebensheiter eüt das bildhübsche Mädl mit mir 
den Weg entlang und plaudert munter von ihrem Treiben 
und Sinnen. 

»Wie alt bist du?« frage ich sie. 



Im Reiche der Kirke und Medea. 79 

»Sechzehn Jahre, Herr Wohlthäter,« lautet ihre Ant- 
wort. 

»Sechzehn Jahre und noch ohne Mann? Aber bei 
euch heiraten die Mädchen doch früh?« 

»Nun«, meint sie, »ich bleibe auch nicht sitzen.« 
»Bist du denn deinem Vater nicht schon zur Last?« 
»Allerdings! Mein Vater hätte mich schon oft nach 
Stambul verkaufen mögen. Aber ich mags nicht.« 

»Und kann er dich nicht zwingen?« 

»Früher konnten die Väter mit ihren Kindern wol thun, 
was sie wollten. Seit der Russenherrschaft aber ist Manches 
anders geworden und besonders der Mädchenhandel nach 
Stambul ward strenge verboten, und wehe dem Vater, der 
sein Kind wider dessen Willen verkauft.« 

»Wovon lebt Ihr denn hier?« 

»Es gehört nicht viel zum Leben. Die Natur gibt frei- 
willig das Meiste, es ist ein herrliches Land, unser Mingreüen ! 
Doch verdient man auch etwas: ein Bischen Fischefangen, 
ein Bischen Holzfällen — das bietet uns schon das Nötige. 
Unsere Bedürfnisse sind nicht gross: Morgens Milch und 
Brod, Abends Brod und Milch, Mittags Fische und Früchte 
— das genügt vollkommen . . . Uebrigens, mich wird der 
Vater bald los und dann- hat er gar keine Sorgen mehr!« 

»Wieso wird er dich los? Gehst du in Dienst?« 

»Ich in Dienst? Herr Wohlthäter, wo denkst du hin?« 
Sie lacht heU. »Da danke ich schön! Da müsste ich ja 
verrückt sein ! Nein, nicht in Dienst ! Nicht Dienerin werde 
ich, sondern Herrin — frei, völlig frei!« 

Dir Gesicht leuchtet vor Freude und in jubelndem Ton 
ftlhrt sie fort: 



80 Im Reiche der Kirke und Medea. 

»Im nächsten Frühjahr, da kommt von den Bergen ein 
Falke geflogen und entführt sein Täubchen, das hier in 
trüber Einsamkeit seiner harrt. Ei, wird das ein glückliches 
Leben werden! Denn du musst wissen, hochwolgeborener 
Herr Wohlthäter : der Falke, der kühne Falke, das ist mein 
Bräutigam, und das Täubchen, sein süsses Täubchen, das 
bin ich . . . Und entführen wird er mich ... Er ist ein 
armer Bursch, man sagt ein Räuber — was weiss ich, was 
kümmerts mich ? Er liebt mich und ich liebe ihn und folge 
ihm, wann und wohin er mich ruft.« 

»Und dein Vater?« 

»Mein Vater?« Sie sieht mich erstaunt an. 

»Mein Vater?« wiederholt sie fragend. »Liebe ich ihn 
denn? Ich liebe nur ihn, mein Duschinka, mein Seelchen, 
meinen kühnen Falken ! Was hat mir mein Vater im Leben 
geboten? Schläge, Schläge, Schläge! Aber bei ihm, dem 
Teuem, finde ich Liebe, vielleicht auch Schläge, aber — « 
ihr Mündchen verzieht sich zu einem reizenden Lächeln — 
»Schläge mit Liebe . . . Mein Vater kann mir nichts, nichts 
anhaben, nichts, Herr! Und wenn er es auch versuchte, 
was würde es ihm helfen?... Liebe lässt sich nicht ge- 
bieten, Liebe lässt sich nicht verbieten; leichter ist's in 
woUnen Säcken heisse Kohlen zu verstecken, als zwei Liebenden 
verwehren, dass sie treu sich angehören . . . Wenn die Zeit 
kommt, da schleicht mein kühner Falke Nachts an unser 
Haus, klopft leise, leise an die Thür und ruft: Golubuschka, 
mein süsses Täubchen ! . . . Und ich erwache aus holden 
Träumen zum höchsten Lebensglücke und schlüpfe aus der 
dumpfen engen Hütte und fliege dem süssen Mann ans Herz 
und flugs ziehen wir auf geschwinden Rossen von dannen, 
auf Nimmerwiedersehen . . . Mein Vater wird grosse Augen 



Im Reiche der Eirke und Medea. 81 

machen, wenn er morgens aufwacht und sein Töchterchen 
nicht findet und sich um das Kaufgeld geprellt sieht.« 

Plötzlich hält sie inne. 

»Was ich da Alles zusammenschwatze! Du hast wol 
genug, Herr Wohlthäter? Aber du bist auch schon erlöst 

— deine Begleiterin verlässt dich, du bist in der Krepost 
Poti.« 

Eine zierliche Verbeugung, und das muntere Mädl kehrt 
um und läuft lustig den Weg zurück. 

Langsamen Schrittes trete ich meine Wanderung durch 
die Krepost an. 

Welch eine traurige »Festung« ! 

Vergebens sucht mein Auge den Hafen, welchen die 
Eussen zum Schutz ihrer Besitzung und um ihr eine er- 
höhte Bedeutung zu verschaffen, vor einigen Jahren hier 
angelegt. Wie viele Millionen Eubel, wie viele Hunderte 
Menschen gingen dabei zu Grunde! Und all dies ist um- 
sonst verschwendet worden. 

Die Hafenwerke und die Brücken, welche ins Meer 
hineinragten, hat eines Tages einer jener Stürme, die am 
Ostufer des Pontus Euxinus periodisch sind, buchstäblich 
verweht. Anfangs hatte man sogar die transkaukasische 
Bahn von Tiflis direkt nach Poti geführt. Jetzt ist der 
letztere Ort nur eine Zweigstation geblieben, während sich 
aller Hauptverkehr nach dem in seltener Schnelligkeit auf- 
blühenden benachbarten Batum wendet. 

Die thatsächlichen »Sehenswürdigkeiten«, welche dem 
heutigen Besucher Potis in die Augen faUen, sind schnell 
aufgezählt. Ich nenne vor Allem einen »botanischen Garten« 

— nämlich einen Sumpfplatz mit einigen Bäumen und 
Schmarotzerpflanzen ; bei Regenwetter wird dieser botanische 

Bernhard Stern, Vom Kaukasus zum Hindukusch. (> 



82 Im Reiche der Kirke und Medea. 

Grarten zu einem »zoologischen«, denn es gibt dann in dem- 
selben mehr Frösche als Bäume und Pflanzen. 

Die Frösche bilden überhaupt den grössten Teil der 
jetzigen Einwohner von Poti. Neben ihnen herrschen Mücken 
und allerlei lebensgefährliche Fieber. Die Menschen sind 
nicht sehr zahlreich. Von europäischen Familien fand ich 
deutsche, französische, englische, russische. Die übrigen 
menschlichen Wesen sind Türken, Perser, Armenier und 
Griechen, welche zum kleineren Theil als schlechte Arbeiter, 
zum grösseren jedoch als Bummler, Diebe oder Mörder 
vegetiren . . . 

Dies ist der Ort, wo der irrefahrende König von Ithaka 
so herrliche Tage mit der melodischen Kirke verlebt, wo 
der kühne Argonautenführer Jason das goldene Vliess und 
die Medea geholt ! . . . 

Dies ist Kolchis, das alte märchenumwobene Kolchis ! . . . 




Im Hafen von Batum. 



Da» ehemallga Batum. — Die neue Sladt. — Ilir Hafea, Handel und 
Leben. — Der Zar in Batum. ~ Potemkinsche Strassen. — Hotels. — 
Eine BChlUpMge Badegeschicbte. — Eine Negerkolonie. — Bodenstedte 
Villa. — Eänbergesohlelitea. — Vergnilgungalokale. ■— Friedhof. 



Aus den Wogen des Pontns Eusinus, nahe der Stelle, 
wo in Urzeiten die weltberühmte kolchische Hauptstadt 
Kytäa gestanden, blüht mächtig die Hafenstadt Batum empor. 

Welch ein elendes Nest war Batum noch vor wenigen 
Jahren. Kanm tausend Menschen vegetirten in zweihundert 
halbzerfallenen Holzhütten. Die wenigen Kauf buden waren 
fast das ganze Jahr geschlossen, weil es nur an den Bazar- 
tagen etwas umzusetzen gab, und diese fanden bloss einmal 
un Jahre statt. 



86 Im Hafen von Datum. 

Dann ging es in Batmn allerdings ziemlich lebhaft zu. 
Aber es war ein Tag von 365 und von dem Ertrag dieses 
einen konnten die Bewolmer, wären ihre Ansprüche auch 
noch so bescheiden gewesen, nicht leben. Sie beschäftigten 
sich daher die übrigen 364 Tage mit Bauben und Morden 



Ein Stück AU-Bitnm, 

und Mädchenhandel. Das war recht einträglich nnd Batmn 
ein guter Schlupfwinkel für allerhand lichtscheue Gewerbe, 
Hier gab es keine Polizei, kein Zollamt. Die Strassen 
waren öde und mit Kot knietief bedeckt, und in den Ebenen 
ringsum fährten nur wilde Eber nnd Büffel ein flottes Leben, 
nnd schwere Fieberluft strömte aus den dumpfigen Niedemngen 
an der Mündung des Tscharoch und zog über die EHjene 



Im Hafen von Batum. 87 

von Kahaber, an deren Rande, hart am Meeresufer, sich 
Batmn, die Hauptstadt Lazistans, befindet . . . Hier konnte 
man Mädchen und Beute leicht verstecken und zu See oder 
zu Lande weiterbringen. Kam hin und wieder eine mili- 
tärische Patrouille in das Nest, so vollführte sie, vom Klima 
gedrückt, ihre Pflichten nur lässig und zog bald ab. 

Aber alles Gute ist leider vergänglich, und auch die 
Räuber und Mörder Batums erlebten eines Tages das Ende 
ihrer Herrlichkeit. Der Hafenort Poti, von dem die Russen 
geglaubt, er würde ihnen ein Odessa oder Riga sein, wurde 
eines Tages von einem Orkan vernichtet, und alle An- 
strengungen, dort wieder einen brauchbaren Ankerplatz zu 
schaffen, waren vergebens. Da verfiel man aut das 1878 
von der Türkei abgerissene Batum, untersuchte den Ort und 
fand hier eine prächtige Bucht. 

Schnell nahm man das Werk in Angriff, und binnen 
weniger Jahre erstand auf der Stelle des einstigen Räuber- 
nestes eine grosse Handelsstadt mit einem vortrefflichen 
Hafen, in welchem ganze Flotillen von Kriegsschiffen und 
Kauffahrem, von Segelboten und Personendampfern ankern. 

Batum zählt jetzt bereits 25000 Einwohner und ver- 
grössert sich fortwährend. Export und Import stehen in 
hoher Blüte. 

Die wichtigsten Handelsartikel sind die Naphtaprodukte : 
Bakus Petroleumschätze fiuten über Batum nach allen wich- 
tigeren Hafenplätzen Europas. 1890 wurden 50 Millionen 
Pud Naphtaprodukte über Batum exportirt. In Batum 
können gleichzeitig über 1 1 Millionen Pud Petroleum lagern. 
Die Mengen, welche täglich aus Baku in eigens gebauten 
Cistemenwaggons kommen, betragen 134000 bis 168000 Pud. 



88 Im Hafen von Batum. 

Ausser Petroleum exportirt Batum jährlich noch 8 Mil- 
lionen Pud Manganerz und zwar zum Teil nach Eussland, 
zum Teil nach Frankreich, Belgien, Holland, England, Deutsch- 
land und Oesterreich-Üngam. In der Nähe des Hafens be- 
finden sich reiche Mangangruben, zu denen die Eegierung 
jetzt eine Zweigbahn bauen wiU. Viel Brennholz wird nach 
der Krim und Odessa verschifft. Eichen, Fassdauben und 
Eisenbahnschwellen gehen hauptsächlich nach dem Auslande; 
ebenso feine Nutzhölzer: Nussholz in Form von Blöcken, 
Knollen und Planken, Buchsbaumholz und Süssholz. Trans- 
kaspische Wolle und Baumwolle, besonders die bocharische 
Baumwolle, welche von schöner weisser Farbe ist und 
ziemlich lange kräftige Fasern hat, verschifft man von Batum 
nach Frankreich und Amerika. Kaukasische Weine, Aepfel, 
Cocons, Kuhhaare und Schweineborsten bilden schliesslich 
gleichfalls bedeutende Exportartikel. 

Importirt werden: aus Belgien und Deutschland Schwarz- 
blech zur Herstellung von Petroleumreservoirs ; aus England 
Weissblech, grosse Mengen kaustischer Soda zur Eaffi- 
nirung des Petroleums in eisernen Trommeln von 6 Centnem 
Schwere, feuerfeste Steine für Dampfkesselheizungen, feuer- 
feste Thonerde und Cement. Das letztere wird jetzt viel 
in Noworossyssk am Schwarzen Meer fabrizirt und dürfte 
daher sein Import aus England bald aufhören. 

Aus verschiedenen Ländern kommen: Luftziegel zum 
Häuserbau, Maschinen, besonders Werkzeugmaschinen, tech- 
nische Gummiwaaren, Quincaillerieartikel , Arzneimittel, 
Textilwaren. Es gibt in Batum zahlreiche Greschäfte mit 
Wiener Galanteriewaren, französischen Nippes, freilich meist 
Pofel-Nippes, und englischen Stahlfabrikaten. 



Von Batum bestellt unnnterbrocliener Verkehr nach den 
wichtigsten Hafenplätizen Europas. Abgesehen von den nissi- 
echen Gesellschaften, welche allein — mit Ausnahme der 
dänischen Forende Dampskib Selskab — die Verbindnng 
zwischen den russischen Kiisten- 
orten unterhalten dürfen, gehen von 
Triest, Venedig, Marseille, Ant- 
werpen, London nnd Hamburg nach 
Batom und zni-ück regelmässig 
Schiffe des Österreich- ungarischen 
Lloyd, der Donaudampfschiffahrts- 
Gesellschaft, sowie einiger griechi- 
scher, englischer, deutscher und 
italienischer Bhedereien. 

Schon der erste Eindruck, den 
das heutige Batum macht, ist ein 
angenehmer, namentlich wenn man 
die schöne Lage der 8t;adt am dunkel- 
blauen Ueer und am Fusse der hohen 
waldreichen Berge in Betracht zieht. 

Die Strassen sind zum Teil 
neu und nach europäischem Muster 
gerade, die Häuser jedoch meist 
aus Holz und nur einen oder zwei, HafenatbeEter. 

seltener drei Stock hoch. 

Bei dem Aufbau der Stadt ging man zuweilen echt 
russisch vor. Die früheren Barackenstrassen niederznreissen 
hätte der Verwaltung zuviel Geld gekostet. So delogirte 
man die Eingeborenen und — setzte ihre Häuser einfach 
in Brand . . . A'iertel um Viertel ging in Flammen auf, um 
neuen Bauten Platz zu machen. 



90 Im Hafen von Batum. 

Kurz vor meiner Anwesenheit war der Zar dort ge- 
wesen. Um ihm ein möglichst günstiges Bild von Batum 
zu bieten, liess man auf dem praktischen Brandwege häss- 
liche und schmutzige Stadtteile verschwinden, während 
man in anderer, nicht minder origineller Weise neue Strassen 
schuf: man errichtete Bretterwände, versah diese mit falschen 
Fenstern und Balkonen und hängte viele Teppiche und 
Blumen rings herum. Und der gute Zar fahr frohen Mutes 
durch diese herrlichen Strassen und äusserte sich hoch- 
befriedigt über das schnelle Aufblühen Batums, über die 
schönen Häuser und die schönen Strassen. Und die klugen 
Beamten wurden mit Ehren und Orden überschüttet . . . 
Potemkin bleibt in seinem Vaterlande unvergessen! . . . 

Das Leben in der Stadt bietet äusserst mannigfaltige 
Bilder. Europa und Asien sind hier vertreten. Neben Eng- 
ländern, Eussen, Deutschen und Franzosen treffen wir alle 
Völkerstämme Kaukasiens : Tscherkessen, Georgier, Grusier, 
Lasen, Lesghier, Mingrelier, Imeretier, Türken, Juden, Ta- 
taren, Perser. Der Bazar, in einer orientalischen Stadt 
die Hauptsehenswürdigkeit, unterscheidet sich nicht viel von 
dem anderer kaukasischer Ortschaften. In offenen Werk- 
stätten sitzen Handwerker, Schneider, Schuster, Schmiede, 
Münzenhändler, Bilderverkäufer, Krämer, Juweliere, Gold- 
und Silberarbeiter und Teppichhändler. 

Das Klima Batums ist schlecht, fiebererzeugend, feucht 
und dabei von unerträglicher Glut, welche oft bis Weih- 
nachten anhält. Anfangs Dezember erlebte ich noch eine 
Hitze von 25 Grad Celsius und mehr. Die Sterblichkeit ist 
gross. Die Europäer bleiben dort infolgedessen nicht als 
ständige Einwohner. Die Meisten reisen nur hin, um in 
kurzer Zeit viel Geld zu verdienen und dann in besserer 



Gegend eise bessere Existenz begründen zn können. Aber 
wie Zahllose gehen an dieser HoSnnng zogmnde. 

Mit dem Anfschwnng der Stadt bessern sich die sani- 
tären Zostände, man baut Infüge trockene Hänser, umgibt 
sie mit kleinen Gärt«n, reinigt 
fleissig die Strassen und ver- 
wendet besonders grosse Sorg- 
falt ani Herbeischaffnng eines 
guten Trinkwassers. 

Die Eestaurationen sind 
gut, halten vorzügliche rnssi- 
Bche und ausländische Weine 
und Biere, und die Hotels 
lassen ebenfalls niclits zu 
wünschen übrig. Die grössten 
sind: Franzija, Jewropa und 
Imperial. Im letztgenannten 
Gasthaus stieg ich ab. Der 
Inhaber, Friedrich Omenzetter, 
stellte mir die Rectmung in 
deutscher Sprache ans. Die- 
selbe war ziemlich bürgerlich. 
Zimmer kostete, Bedienung ein- 
gerechnet, IV. Kübel täglich; Ein Musoba-Dienstmmn. 
Kerzen 20 Kopeken das Stück, 

eine Portion Thee 15, Butter 20, Käse 15, zwei gekochte 
Eier 15, Limonade die Flasche 20, eine halbe gebratene 
Ente 50. 

Am Morgen nach meiner Ankunft ^ Ich traf in Batom 
nach Mittemacht ein — wollte ich gleich in aller Frühe 
ins Bad. Ich setzte mich in eine Droschke und befahl dem 



■92 Im Hafen von Batum. 

lawoschtschik, mich in die Badeanstait an fiiliren. Wir 
zog^D. in voüem Galopp durch die Strassen, kreuz und quer 
wol gute dreiviertel Stunden. Endlich hielten wir vor dem 
Badehaus, einem niedrigen, mit einer Glaskuppel versehenen 
Steinhan. 

Der Wirt, em Armenier, trat mir mit tiefen Bücklingen 
■entgegen und geleitete mich durch einen schroutzigen Gang 



Hotel Imperial. 

in eine schmutzige Wartehalle; hier öfDiete er eine der 
vielen Thfiren, und wir traten in eine schöne, aber ebenfalls 
sclimutzige Kammer. 

Teppiche hmgen an den Wänden, bedeckten den Boden. 
In der Mitte des Zimmers stand ein Ruhebett ; davor be- 
fanden sich zwei niedrige Sessel. In einer Ecke war ein 
Schrägen zum Äuihäugen der Kleider. 

Der Wirt schlug einen der Wandteppiche zurück und 
ich sah eine zweite Kammer, die Badekammer, mit einer in 



Im Hafen von Batum. 93^ 

den Boden eingelassenen Marmorwanne, mit Douche und 
Schwitzbank. 

Ich fragte, ob der unerwarteten Pracht erstaunt, nach 
dem Preise des Bades und erhielt zur Antwort: 

»Was du geben willst, Herr!« 

Darauf Hess ich mich natürlich nicht ein und verlangte^ 
Bestimmtes zu wissen. Aber der Wirt entgegnete: 

»Was du geben willst, Herr!« 

»Zwanzig Kopeken,« sagte ich ärgerlich, da ich dachte,, 
dass ich den Mann sonst nicht zur Eede brächte. 

»Das ist zu wenig, Herr,« sagte der Armenier, der 
durch mein niedriges Anbot gar nicht verblüfft schien. »Das. 
ist zu wenig. Sagen wir also drei Eubel oder zwei und 
einhalb oder zwei. Aber dies ist das Billigste, Herr!« 

Der Mann Hess mit sich handeln. Und schliesslich er- 
hielt ich das Bad — um 40 Kopeken. 

Nachdem ein Wärter unter meiner Aufsicht Alles ge« 
säubert, die Wanne gewaschen und frisch gefüllt und ich 
selbst die Badewäsche auf ihre Trockenheit und Eeinheit 
untersucht, verabschiedete ich Wirt und Wärter. 

Aber schon nach einer Minute erschien mein Wirt. 
wieder, und zwar mit drei pudeljungen, blendend - schönen 
Mädchen. Die stellte er vor mir auf mit den Worten: ich 
könnte mir eine von ihnen als — Frotteurin wählen. 
Schelmisch lächelnd trat er von einer zur anderen und pries 
in schwungvollen Worten die Eeize einer Jeglichen. 

»Herr,« rief er zum Schluss, »ist dein Herz denn von. 
Stein, dein Blut von Schnee? Herr, nur fünfzehn Eubel 
und du geniessest Wonnen des Himmels.« 

Ich lachte, packte den poetischen Mädchenhändler am 
Kragen und schob ihn samt seinen Begleiterinnen zur Thür. 



94 Im Hafen von Batum. 

Da schrie er voll Verzweiflang : »Herr, nur zehn Enbel, 
ntir acht, sechs, drei — ■* 

Aber wnsonst. Ich bUeb kühl bis ans Herz hinan, 
schlug die Thiir zu und zog das Ruhebett davor. Dann 
badete ich gemütlieh . . . 



H6tel de Fraoce. Kussische Kathedrale. 

Als ich nach dem Bade wieder aut die Strasse trat, 
sah ich einige Häuser weiter — das Hotel Imperial. Ich 
traute memen Augen kaum, aber es war doch so. Und nun 
war mir klar, dass mein Iswoaehtschik mich früher mit der 
langen Fahrt gefoppt. Er hatte mich in eiaem Kreise um 
die ganze Stadt geführt, um eine ordentliche Bezahlung zu 
erlangen. 

Gegen Mitt^ besuchte ich den Komptoirinhaber Hillert, 
welchem ich empfohlen war. Er stellte sich mir auch sofort 



mit grösster Liebenswürdigkeit für die Zeit meines Batmner 
Anfenthaltea zur Verfügung, wir holten seine Fraa ab, 
mieteten einen Wagen und fahren hei wnndervoüem Wetter 
ein wenig in die Umgegend. 



Slrassenlype. 

Die ersten zwei Werst boten wenig Interessantes — 
öde Felder mit Sümpfen und Fieberteichen. 

Doch bald gelangten wir an ein Dörfchen mit vielleicht 
ei&em Dutzend strohbedeckter Hütten. In diesen hausen 
seit langen Jahren mehrere Negerfamilien, deren Herkunft 
man nicht weisa nnd die sich von den übrigen Einwohnern 



96 Im Hafen von Batum. 

Batums in strenger Abgeschiedenheit halten ; nur allwöchent- 
lich einmal senden sie Einen ans ihrer Mitte in die Stadt, 
damit er Lebensmittel einhandle. In ihre Hütten lassen sie 
keinen Fremden. Einige kecke Leute wollten sich einst den 
Eingang ins Negerdorf erzwingen, wurden aber blau und 
braun geprügelt und mussten sich schleunig zurückziehen. 
Da die Neger im Uebrigen harmlose Leute sind, lässt die 
Polizei sie in Ruhe. 

Nachdem wir wieder einige Werst zurückgelegt, sahen 
wir über eine grüne Wiese ein helles Häuschen winken, und 
Hillert sagte mir, dass in demselben Friedrich Bodenstedt 
lange Zeit gewohnt und gedichtet. Ich hätte gern dies an- 
mutige Dichterheim Mirza-Schaffys besucht. Aber als wir 
hinkamen, war die Pforte geschlossen, auf unser wiederholtes 
Klopfen öf&iete niemand, tiefe Stille lag ringsum . . . 

So zogen wir weiter. Hillert erzählte mir von seinem 
Leben und Treiben am Orte, wie es hier gar so freudlos 
und wie die Existenz nur schwer zu ertragen sei, wie 
Wohnungen soviel kosten — er zahlte für 3 Zimmer nebst 
Küche 800 Eubel jährlich — , wie man hier Groldgruben zu 
finden glaube und sich bloss bitter täusche. Unter den Ge- 
sprächen waren wir den Bergen näher gekommen. Wir 
begegneten mehreren Eeitem, Soldatenpatrouillen, Landleuten. 

Dann war es eine* Zeitlang einsam, ganz einsam. 

Wir befanden uns inmitten der prächtigsten Bergnatur 
und zogen auf schmalem Pfade dahin, vorbei an jähen Ab- 
gi'ünden, welche von drohenden Felsblöcken überwölbt und 
hier und da von Wasserstürzen durchbrochen waren. Die 
Wunderthäler des Tscharoch thaten sich vor uns auf, und 
das Auge vermochte alle die Herrlichkeiten kaum zu fassen . . . 



Endlich hobeo wir voa den zauberhaften Bildern die 
Blicke. Da sahen ^vir uns eine eeltsame Gmppe entgegen- 
eilen: zwei Damen und einen Herrn — in Urkostümen! 



Russische Sänger. 

Nun waren Bie dicht bei uns, und nachdem sie uns geheten, 
ihnen Tücher und Eöcke umzuwerfen, erzählten sie uns : 
der schöne Nachmittag hatte sie verlockt, sich tiefer und 
tiefer in die Berge zu verlieren. Da plötzlich sahen sie 

Beraliard Stern, Vom Kaukaans lam Hlndukusoh. 7 



98 Im Hafen von Batum. 

sich von Eäubem umringt, die ihnen nicht nur alle Wert- 
sachen und Waffen, sondern auch die Kleider abnahmen und 
sie dann splitternackt laufen Hessen. Sie waren froh, mit 
dem Leben davon gekommen zu sein . . . 

W^ir nahmen die drei — es v\^ar eine europäische 
Familie — in unsren Wagen und kehrten eilig in die 
Stadt zurück, wo unser sonderbarer Einzug bei der christ- 
lichen wie mohammedanischen Strassenjugend nicht geringe 
Hallohs erweckte. Sofort meldeten wir den Vorfall der 
Polizei, und diese sandte zahlreiche Patrouillen ins Gebirge, 
selbstverständlich umsonst, denn die Eäuber hatten sich 
längst in ihre unauffindbaren Schlupfwinkel, vielleicht auch 
liinter die nahe türkische Grenze zurückgezogen. 

Solche Vorfälle gehören nicht zu den Seltenheiten, denn 
die Berge neben Batum bieten ganz vorzügliche Schlupf- 
winkel, prächtige Schluchten und Hinterhalte für raublustige 
Banditen, und es gelingt den russischen oder türkischen 
Behörden fast nie, die Eäuber zu züchtigen. In der Stadt 
selbst war es ja früher auch nicht geheuer, und bis in die 
Strassen derselben drangen noch vor wenigen Jahren räube- 
rische Scharen. 

So arg ist es jetzt natürlich nicht mehr, aber doch 
noch schlimm genug, abgesehen von den vielen Opfern, 
welche die Blutrache fordert. Dieselbe geht hier ordentlich 
im Schwange und ist weit verbreiteter als in anderen 
Gegenden des Kaukasus. Fast in jedem Monat weist die 
Kriminalstatistik grausige Fälle dieser Unsitte auf. Ganze 
Geschlechter und Stämme haben sich dadurch gegenseitig 
ausgerottet. Zwar sind schwere Strafen auf Blutrache- 
morde ausgesetzt, aUein man kann dem üebel nicht steuern, 
da die Meisten offen oder heimlich stets Waffen mit sich 



tragen und die Polizei in Batmn kein Ansehn besitzt; die 
Beamten derselben sind groesenteils von einer selbst in ßnss- 
land seltenen Versotfenheit nud Bestechlichkeit, nnd wer 



sich dem Arm des Gesetzes entziehen will, dem wird dies 
nicht allzu schwer gemacht. Andere Verbrechen, Diebstahl 
oder Mord ans Eanbgier, kommen in der Stadt seltener vor, 
vielleicht nicht hänfiger, als in jeder Hafenstadt. Die meisten 
ereignen sich in den »Vergnngmigslokalen« am Qnai nnd 



werden in der Trunkenheit yollführt Die Zahl der Wirts- 
l^nser iat ansBerordentlich gross, Tind ancli die äuBserlich 
harmloBen Theestnben Bind Höhlen des Lasters. 

Vergniignngalokale in ed- 
lerem Sinne gibt es in Batum 
vorlänfig fast gar nicht. Der 
Handel und Beichtum der Stadt 
steigen von Jahr zu Jahr, aber 
nichts geschieht für ihre wirk- 
liche Verschönerung und für die 
Bildung nnd sittliche Erhöhung 
der Einwohner. Ein Theater 
existirt dort nicht, dagegen fand 
ich einen Zirkns, der auf der 
Reise nach TiHia in Batnm 
kurzen Aufenthalt genommen. 
Auf der Heimkehr von der Vor- 
stellung, die gar nicht übel ge- 
wesen, verfehlte ich den Weg, 
und ehe ich mich versah, stand 
ich auf freiem Felde und nach 
wenigen Schritten vor dem 
Friedhof, nahe dem Ufer des 
Wasserverkäufer, Meeres . . . 

Ein heftiger Wind zog ans 
Südwesten heran und sang unheimliche Lieder, und die 
Wellen des Pontus, welche in der Ferne zischender Brandung, 
in der Nähe taneenden Wassei^eistem glichen, prallten 
heftig gegen das Gestade und fluteten über dasselbe, und 
ihr Kauschen und Brausen und das Klappern und Krachen 
der vom Winde bewegten einsamen Baumstämme und Tele- 



Im Hafen von Batum. 101 

graphendrähte, und das Geschrei nächtigen Getieres stimmten 
eine beängstigende Melodie ... Es war, als jammerten nnd 
winselten aus den Grabhügeln die Geister jener, welche 
hier frühen Tod gefunden, sei es im Dienste der Kegierung, 
im Kampfe gegen Türken und Räuber, sei es im eigenen 
Dienste, in der Jagd nach Gold, aus Not und Leid, als 
Opfer des Klimas . . . 




Auf Apscheron. 



1 







Das alte und das neue Baku. — Geschichtliches. — Bache eines Arztes. 

— Das Begiment einer Frau. — Erohemng der Stadt durch die Bussen. 

— Der Chanspalast. — Frühere Hinrichtungsart. — Die Geschichte yom 
Jnngfemturm. — Die Neustadt. — Die schwarze Stadt. — In der Um- 
gegend. — Das Wolfsthor. — Moschee der Fatimeh. -- Ewige Feuer. — 
Die l^aphtaschätze. — Die hrennenden Wasser. 



Wer vor einem halben Jahrhundert das altberühmte 
Baku besuchte, fand dort eine scheinbar dem Untergang 
geweihte Stadt. In der Mitte einer kleinen Bucht standen 
eingezwängt in enge Festungsmauem knapp 800 morsche 
graue Häuser, deren Dächer mit Erdharz roh überzogen 
waren. Bloss einige Minarets und Schiesstürme brachten 
Abwechslung in die gräuliche graue Monotonie. In den 
800 elenden Hütten und Häusern lebten 4000 armselige Perser, 
Tataren und Armenier. 

Auf dem Meere sah man nur die hässlichen zweimastigen 
Fischtransportbote aus Astrachan und die schwarzen persi- 
schen Einmaster. Die letzteren brachten aus Ghilan und 
Masenderan Früchte, Reis, Seide, Baumwolle, und führten 
Naphta, Salz, Safran oder Waren aus Porzellan und Glas 
zurück. Glas und Porzellan kamen mit den Astrachan- 
schen Schonten oder Fischtransportboten, während Salz, 
Naphta und Safran Erzeugnisse Bakus waren. Im Ganzen 
besass Baku damals eine Flotte von 8 grösseren Fahrzeugen 



106 Aut Apscheron. 

mit einer Lastengrösse von 24200 Pud und 36 kleineren 
mit einer Lastengrösse von 52700 Pud. 

Dem üebrigen entsprechend war auch der Bazar — 
eine Doppelreihe offener Baracken aus faulem Holz — von 
grosser Dürftigkeit. Reis, Früchte, gläserne, gusseiseme 
und Porzellanwaren, Thee und Kaffee, und hin und wieder 
Seide oder Baumwolle bildeten die hauptsächlichsten Umsatz- 
artikel. In einigen Hütten hatten Schneider, Schuhmacher, 
Schmiede und Scherenschleifer recht primitive Werkstätten 
aufgeschlagen. 

So war es vor einem halben Jahrhundert, so blieb es 
bis vor einem Jahrzehnt. 

1879 aber, als die Stadt infolge des Aufschwunges der 
Petroleumindustrie sich schnell zu heben begann, finden wir 
in Baku bereits 15604 Einwohner, 23 Moscheen, 3 russische 
Kirchen, 18 Karawanserais , 39 Badeanstalten, 20 Lehr- 
häuser, 1 Synagoge. 

Und nun gar heute! 

Mehr als 60000 Einwohner leben und streben, handeln 
und schaffen, lehren und lernen in Baku. 

Der stolze Hafen ist übervoll von Dampfern und Dampfer- 
chen, von grossen und kleinen Segelschiffen und Barken. 
Am Quai tummeln sich in ihren häufig höchst malerischen 
Trachten Vertreter aller Völker Europas und Asiens. 

Der Bazar ist zu einem wahren Weltkaufhaus geworden, 
wo neben den gewöhnlichen Handwerkern sich Mülionen- 
Kaufleute bewegen, neben einfachsten Handelsartikeln und 
Lebensmitteln die feinsten und kostbarsten Waren der 
ganzen Welt aufliegen. Da finden wir Zucker aus den 
südrussischen Plantagen, Thee aus China, Eeis und Früchte 
aus Persien, einheimische Produkte: Weizen, eine gross- 



108 Auf Apscheron. 

körnige Gerstenart, Safran, welchen man mit Sesamöl zu 
platten Kuchen knetet, Naphta, Wein, Baumwolle, Feigen, 
schmackhafte süsse Melonen und Arbusen oder Wasser- 
melonen, eine besondere Art langer roter, nur hier heimi- 
scher Zwiebeln und Opium. Zwischen diesen Gegenständen 
liegen wunderbare Seidenstoffe aus Nucha, Polster und Decken 
aus Turkmenien und Bochara, Teppiche aus Karabagh, Dia- 
deme, Schleier und Gürtel aus Tiflis, Moskau und Isfahan. 
Besonders in die Augen fallen die einheimischen Gold- und 
Süberarbeiten, die Becher, Teller und Krüge, welche geradezu 
entzückend sind; und doch 'werden sie bloss mit den ein- 
fachsten Werkzeugen, mit Hammer, Meissel und Stichel 
gemacht. 

Wie der Bazar im alten Stadtteil, so zeugen auch die 
prachtvollen Magazins und Paläste und die bequemen Woh- 
nungen in den neuen Strassen von dem Reichtum des heu- 
tigen Baku. Denn reich ist und immer reicher wird diese 
Stadt, in deren Naphtaindustrie allein ein unerschöpfliches 
Kapital steckt. 

Baku hat aber auch eine ausserordentlich günstige Lage. 
Die Bucht auf der Südseite der Halbinsel Apscheron, wo 
Baku 16 Meter unter dem Niveau des Schwarzen und 
9,7 Meter über dem des Kaspischen Meeres liegt, bildet 
einen kreisförmigen geräumigen Hafen mit zwei Einfahrten. 
Hier finden die Schiffe bei den heftigsten Stürmen sicheren 
Ankerplatz. In der geschütztesten Ecke liegt eine gross- 
artige mechanische Werkstatt für Trockendocks, welche der 
russischen Dampfschiffsgesellschaft »Kaukasus und Merkur« 
gehört. 

Das Klima ist im Yerhältniss zu dem der anderen 
Küstenplätze am Kaspi ziemlich günstig, aber an und für 



110 Auf Apscheron. 

sich für Europäer häufig unerträglich. Der Eegenfall be- 
trägt nur 23,4 mm im Jahre. Das Thermometer sinkt nie 
unter den Gefrierpunkt. Die Differenz zwischen der höchsten 
und niedrigsten Temperatur ist 20 bis 22** C, die mittlere 
Jahrestemperatur 14,3** C. Das Trinkwasser ist elend. 

Die Stadtvertretung hat indessen den Ingenieur Altuchow 
jüngst (im April 1892) beauftragt, eine 114 Werst lange 
Wasserleitung aus dem Flusse Kur nach Baku zu legen; 
die Kosten dieser Leitung sind auf 4 — 6 Millionen Eubel 
veranschlagt. 

In und um Baku fehlt jeder Waldbestand, selbst von 
niedrigem Straucbholz ist nichts zu sehen. Aus diesem 
Mangel sind die grosse Trockenheit und die ununterbrochenen 
Winde von Nord, Ost und Süd zu erklären. Ein windstiller 
Tag gehört zu den grössten Seltenheiten. Dieser Eigentüm- 
lichkeit soll Baku seinen Namen verdanken — vom persi- 
schen Badekubah oder Badkube, Ort der wechselnden Winde, 
Nische der Winde. Andere leiten jedoch Baku vom arme- 
nischen Bagin, Götzentempel, her und weisen dabei auf die 
uralten Feuertempel der Ghebem hin, welche sich in der 
Umgegend befinden. 

In den Monaten Juli und August herrscht hier eine 
barbarische Hitze, welche Alles niederdrückt und erschlafft, 
und es ist heute schwer zu begreifen, wie die Araber diese 
Gegend als ein »Eosenparadies« bezeichnen konnten. 

Dagegen ist die herrliche Aussicht, welche man um 
Baku hat, uneingeschränkt zu loben. Nach dem Meere und 
den nahegelegenen Inseln zu ist sie besonders reizvoll. 
Südlich und westlich erblickt man die Berge, Ausläufer des 
Kaukasus, welche dem Panorama Abwechslung verleihen 
und zugleich zur Kühlung der Luft manchmal etwas bei- 



Auf Apscheron. 111 

tragen, indem sie von ihren Höhen frische Brisen ins Thal 
senden, um die trockenen, tropisch heissen Süd- und Ost- 
winde, wenn auch nur für kurze Stunden, zu vertreiben. 

Wie fast alle berühmten Städte im Kaukasus von 
Alexander dem Grossen herrühren sollen, so schreibt man 
auch die Erbauung von Baku dem makedonischen Welt- 
eroberer zu. Doch ist dies durch nichts erwiesen. 

Arabische Schriftsteller erwähnen die Stadt im zehnten 
Jahrhundert und soll sie damals 400 Jahre alt gewesen sein 
und den Namen Schabbah geführt haben. Eine Ueberschwem- 
mung — nach Anderen ein Erdbeben — vernichtete sie 
und nur einige geborstene Bauten mit runden Türmen und 
kleinen viereckigen Fenstern, welche im Meere, 4 Meter 
unter der Oberfläche liegen und noch deutlich sichtbar sind, 
geben Zeugnis von ihrem einstigen Bestand. 

Die Ueberschwemmung soll übrigens der Sage nach 
keineswegs durch ein Naturereignis eingetreten sein. Viel- 
mehr erzählt sie Folgendes: Zwei Aerzte leiteten einen 
Fluss aus sanitären Gründen nach Schabbah oder Baku. 
Die Kollegen aber entzweiten sich und aus Hass durchbrach 
der Eine die Dämme. 

Bald nach der Katastrophe bauten die Einwohner in 
höher gelegener Gegend eine neue Stadt, welche wegen 
ihrer Naphtaquellen den steten Zankapfel aUer umwohnenden 
Völker bildete. So gehörte sie bald den Chalifen, bald den 
persischen Schachs, bald den armenischen Königen. Auch 
die Türkei hatte mehrere Male die Oberhoheit über Baku. 
Die Russen di*angen zum ersten Mal 1723 in die Stadt, 
mussten sie jedoch 1735 wieder den Persem überlassen. 

Der vom Schach eingesetzte Statthalter machte sich 
unabhängig. Einer seiner Nachfolger, Melik Mohammed 



112 Auf Apscheron. 

Chan, imterlag indessen dem eroberungssüchtigen Feth Ali 
Chan von Derbend, vermählte sich mit der Schwester des 
Siegers und überliess aus Blödsinn oder Furcht die Zügel 
der Regierung seiner Frau, welche dieselbe auch mit Klug- 
heit und Würde zu führen wusste. Er selbst machte eine 
Wallfahrt nach Mekka, kam glücklich zurück, galt und 
lebte als ein halber Heiliger und kümmerte sich nicht um 
sein Land und seine Familie. 

Als Melik Mohammed Chan starb, hinterblieben seine 
zwei Söhne unmündig, daher nach dortiger Sitte der Bruder 
des Verstorbenen, Chan Tschan Bey, hätte folgen sollen. 
Dieser Herr schätzte aber seine Augen und seine Gesundheit 
höher als das wankende Thrönlein von Baku, verzichtete 
auf die Regierung des Landes und erbat sich bloss einige 
Dörfer zur Bestreitung seines Unterhalts. In Baku jedoch 
führte die Wittib des seligen Melik Mohammed Chan in 
Gemeinschaft mit ihrem Bruder Feth Ali Chan von Derbend 
das Regiment . . . 

Um jene Zeit kam der Reisende Reineggs dorthin. Er 
schildert das damalige Baku als eine in Form eines stumpfen 
Dreiecks gebaute schöne Stadt. Sie war mit einem Graben 
und dicken festen Mauern umgeben, auf denen einige Kano- 
nen, »sogar auch Mörser« lagen. Niemand verstand aber 
von diesen Geschützen Gebrauch zu machen. Die Häuser 
und besonders die Kaufhäuser lagen so nahe am Meeresufer, 
dass man die Schiffe vor ihren Thoren aus- und einladen 
konnte. Die Herrschaft des Chans von Baku — richtiger 
der Chanin — - erstreckte sich über 32 Dörfer, welche — 
im Gegensatz zu der von Bächen und Flüssen und jeder 
Vegetation entblössten Ebene um Baku selbst — ungemein 
fruchtbares Land besassen. »Allein die Einwohner«, fährt 



Auf Apscheron. 113 

Eeineggs fort, »gemessen dieses grossen Geschenks der 
Nator nicht, wie sie sollten, sie missbrauchen es nach asiati- 
scher Art, und in der Jahre -Blüte schon zeigt das gelb- 
liche Sltemde Gesicht des Mannes die Schwäche und Ent- 
kräftung, die er sich aus ünmässigkeit zuzog. Dennoch ist 
ihre stille Geselligkeit bei diesem allgemeinen Uebel sehr zu 
loben; nur dass sie zum Handel faul, mit dem Erworbenen 
geizig, und Einzelne bei dem geringsten Unternehmen 
furchtsam werden; deswegen pflegen sie auch ihren Handel 
und ihre Feldarbeit gemeinschaftlich zu besorgen. Selbst 
beim Umgraben ihrer Safranfelder würde keiner eher Hand 
anlegen, wenn nicht alle Besitzer zugleich dasselbe thäten; 
denn da diese Pflanze nur fünf, höchstens sieben Jahre 
Nutzen bringt, so ertragen sie insgesamt des letzten Jahres 
schwache Ernte, lesen zu gleicher Zeit die Zwiebeln aus 
den aufgepflügten Feldern und pflanzen mit vereinten Kräften 
neue Gärten an, aus welchen sie im ersten Jahre schon 
reichen Nutzen ziehen . . .« 

Der Witwe des Melik Mohammed Chan folgte Hussein 
Kuli, welcher der letzte Chan von Baku war. Denn als er 
verräterischerweise den General Zizianoff ermorden liess, 
wurde Baku 1806 von den Küssen' belagert und genommen. 
Hussein Kuli entwischte zwar der Strafe; sein Sohn aber 
fiel mit der Stadt in die Hände der Sieger, trat darauf in 
die Dienste des Zaren und brachte es bis zum General. 
Nebenbei war er ein sehr gelehrter Mann, welcher ein vor- 
treffliches russisches Buch über die tatarischen Sprachen 
geschrieben und viel wichtiges Material zur Geschichte der 
kaukasischen Länder und Völker gesammelt hat. Er lebte 
noch 1850. 

Die Russen erkaniiten anfangs gar nicht die Wichtigkeit 

Bernhard Stern, Vom Kaukasus zum Hindukusch. 3 



114 Auf Apscheron. 

des neu gewoimeiien Hafens. Durch einen Zufall wurde 
derselbe gleichsam erst entdeckt. 

Schemacha, die bisherige Hauptstadt der Provinz, wurde 
1859 durch ein Erdbeben zerstört. Infolgedessen flüchteten 
sich die Einwohner und Behörden von dort nach Baku. 
Dieser Ort wurde nun an Stelle Schemachas Hauptstadt 
der Provinz und schwang sich von Jahr zu Jahr mehr 
empor. Seine gegenwärtige Blüte aber begann mit der 
Ausbeutung seiner grossartigen Petroleumquellen. 

Das heutige Baku besteht aus drei Teilen: aus der 
alten asiatischen, der neuen russischen und der »schwarzen« 
Stadt. 

Die Strassen der alten Stadt oder Starygorods sind 
eng und schmutzig, die meisten kann nicht einmal ein 
Wagen passiren. Wagen, wie wir sie kennen, sind in Baku 
erst seit wenigen Jahren eingeführt. Früher bediente man 
sich dort nur der Pferde oder zweirädriger unbequemer 
Gestelle, Arba genannt. 

Die Bezeichnung der Strassen ist in ganz Baku russisch 
und persisch ; ein in Eussland seltener Fall, dass neben dem 
heiligen Eussisch noch eine andere Sprache offiziell ge- 
duldet wird. 

Die Häuser der Eingeborenen kann man eher als Hütten 
bezeichnen. Sie sind niedrig und haben nach der Strasse 
zu niemals Fenster. Die ganze innere Seite eines solchen 
Hauses ist ein undurchsichtiges Gitterwerk. In demselben 
befinden sich jedoch einzelne Stücke, welche ausgehängt oder 
fortgeschoben werden können und so Thüren oder Fenster 
bilden. Glasfenster gibt es keine, ebenso fehlen Schränke, 
Betten, Tische und Oefen. Statt der letzteren findet man 



Auf Apscheron. 115 

zuweilen Kamine, statt der Betten und Tische Diwane, 
Teppiche und Kissen, statt der Schränke Nischen. 

Besondere Merkwürdigkeiten der alten Stadt sind der 
Kis-Kalassi oder Jungfemturm und der Bala Hissar, der 
vom grossen Schach Abbas 1650 in arabischem Styl im 
höchsten Teile der Stadt erbaute, jetzt unbewohnte und ver- 
fallene Palast der einstigen Chane von Baku. 

Ehemals muss dieser Palast von stolzer Pracht gewesen 
sein. Seine Bauart ist wirklich merkwürdig. Die Muschel- 
kalksteine sind so fest ineinandergefügt, dass man die 
Fugen kaum erkennen kann. Die Thüren und Fenster sind 
kunstvoll ausgehauen und mit durchbrochener Arbeit geziert. 
Allerdings ist heute das Meiste verfallen und zerstört, der 
hohe, viereckige Turm zerbröckelt, und die ganze Aussen- 
seite zeigt fast keine Spur früherer Herrlichkeiten. Dafür 
aber merkt man in den Resten der inneren Gemächer, welch' 
ein Meisterwerk persischer Baukunst hier in Trümmern 
liegt. Besonders die grosse, mit Arabesken reich geschmückte 
Pforte ist bewundernswert. Diese Arabesken sind so zart 
und fein und sinnig, dass sie wie durch Zauber versteinerte 
Spitzengewebe erscheinen. 

Durch die Pforte gelangt man in einen schönen ge- 
räumigen Vorhof und von hier in einen runden Saal, wo 
der Chan mit seinen Ministern Eat pflog, wo aber auch 
Grericht gehalten ward. In der Mitte des Saales befindet 
sich eine 18 Zoll breite Oeffnung, eine Art Verliess, 
welche vormals mit einer wegschiebbaren Säule bedeckt ge- 
wesen war. Wenn die Hinrichtung eines zum Tode Ver- 
urteilten geheim bleiben musste, so nahm man die Säule 
weg, Hess den Verurteüten an der Oeffnung niederknieen 
und schlug ihm mit einem Säbel den Kopf ab, welcher in 

8* 



116 Auf Apscheron. 

das Yerliess fiel, ohne dass ein Blutstropfen den Boden 
netzte. Dann wurde auch der Rumpf hinuntertransportirt, und 
man setzte die Säule wieder auf den schauerlichen Schlund . . . 

Neben dem Palast befand sich noch vor wenigen Jahren 
der Schachbrunnen, aus welchem man vorzügliches Wasser 
schöpfte. Er war 86 Meter tief in den Felsen gehauen 
und eine ziemlich steile Treppe mit mehreren hundert 
Stufen führte hinunter. Ob dieser Brunnen noch in Be- 
nutzung ist, weiss ich nicht. Das Wasser, welches ich in 
Baku trank, war elend, sandig, schmutzig und hatte unan- 
genehmen Naphtageschmack. Da zog ich den prächtigen 
Landwein vor, der hinter dem, von Bodenstedt so feurig be- 
sungenen Kachetiner nicht zurücksteht. 

Unweit des Bala Hissar erhebt sich der Kis-Kalassi 
oder Jungfemturm. Er hat 17 Meter im Durchmesser und 
42 Meter Höhe. lieber seine Entstehung berichtet eine Sage : 

In dem altbertihmten Baku lebte einmal ein gross- 
mächtiger Chan. Der grossmächtige Chan hatte eine wunder- 
schöne Tochter. In die wunderschöne Tochter des gross- 
mächtigen Chans verliebten sich viele grossmächtige Herren, 
Fürsten ungeheurer Eeiche, gewaltige, siegreiche Helden. 
Aber die Schöne von Baku schenkte keinem dieser Fürsten 
und Helden Grehör. Die Schöne von Baku hing ihr Herz 
an einen schlichten Jüngling von niederer Herkunft. Darob 
ergrimmte wol der stolze Chan. Aber er liebte seine Tochter 
zu sehr, um sie zu strafen, und forderte sie deshalb in 
Güte auf, ihre Wahl unter den mächtigen Bewerbern schnell 
zu treffen. Besonders gern hätte er einen, allerdings alten, 
dicken und gebrechlichen, aber überaus mächtigen Fürsten 
zum Schwiegersohn gehabt. Die Prinzessin aber schwor: 
»Nur dann will ich mich diesem alten dicken Fürsten ver- 



iLeuchCtunn oder Jungrerntunni. 



118 Auf Apscheron. 

mahlen, wenn am Ufer des Meeres ein Turm ersteht, hundert- 
mal so dick als der verschmähte Alte, zwanzigmal so hoch 
als der Speer des geliebten Jünglings. Erst auf der Spitze 
des Turmes sei das Brautgemach.« Und der Chan, dem 
die Partie mit dem reichen alten Herrn sehr am Herzen 
lag, berief sogleich aUe Arbeiter seines Eeiches und Hess 
das Werk in Angriff nehmen. Er schonte weder Menschen 
noch Steine, bis der Turm die gewünschte Höhe und Dicke 
hatte. Dann wurde auf der Spitze ein prächtiges Braut- 
gemach hergerichtet und mit den wundervollsten Teppichen 
und Polstern geschmückt. Und nun stieg die Prinzessin 
hinauf. Von oben aber sprang sie in die Fluten . . . 

Eine andere Version der Sage gibt noch an, dass der 
Chan selbst von sündiger Begier zu seiner schönen Tochter 
erfasst war. 

Die Bakuschen Tataren erzählen übrigens, dass dieser 
Turm von den alten Bewohnern zum Schutze gegen die 
Truchmenen oder Turkmenen der kaspischen Ostküste 
erbaut wurde. Sie sind nämlich der Ansicht, dass die 
Westküste des Kaspi mit der Ostküste früher durch einen 
schmalen Landstreifen verbunden gewesen. Der Russe Ko- 
lotkin hat vor vielen Jahren in Astrachan einmal eine alte 
persische Karte gesehen, auf welcher dieser Zusammenhang 
thatsächlich klar bezeichnet war. 

Der Turm ist aus Muschelkalksteinen fest gemauert 
und nach der Meeresseite mit einer breiten vorspringenden 
Leiste versehen. Von dieser wird wahrscheinlich die schöne 
Chanstochter ihren halsbrecherischen Sturz gethan haben. 
An der inneren Wand des Turmes führt eine steinerne 
Wendeltreppe zui* flachen Spitze, wo jetzt im ehemaligen 
Brautgemach eine Leuchtturmlateme angebracht ist. Wer 



Auf Apscheron. 119 

von den Schiffern, die heute diese Laterne als Zeichen 
sicherer East nach stürmischer Fahrt erblicken, denkt an 
die Geschichte von der schönen Prinzessin und ihrem dicken 
alten Bewerber? . . . 

Die neue Stadt, Nowygorod, hat breite Strassen, grosse 
freie Plätze, stattliche moderne Gebäude. Nahe dem Meere, 
an der südlichen Spitze der Bucht, erheben sich das Admi- 
ralitätsgebäude und das Hauptzollamt, Kasernen und Werk- 
stätten. Im Innern der neuen Stadt befinden sich zahlreiche 
russische Kirchen, zwei oder drei schlechte Hotels, ein Gym- 
nasium und ein Erziehungsinstitut für junge Mädchen »zur 
heiligen Nina«. 

Die schwarze Stadt, Tschomygorod, ist die Stadt der 
Naphtafabriken. üeberall schwarze Mauern, schwarze 
Dächer, schwarze Schornsteine, aus denen Tag und Nacht 
Rauch und Funken aufsteigen. Und auch die ungepflasterten, 
unbeleuchteten Strassen starren von schwarzem Schmutz. 
Von einem Fussweg oder einer Fahrstrasse ist so gut wie 
nichts zu sehen. Die Flächen — anders kann man's nicht 
nennen — sind mit Teichen aus Naphta, Petroleum und den 
Eückständen der Fabrikation bedeckt und darüber laufen 
kreuz und quer freie, auf dem Boden liegende Eohrleitungen, 
über welche Menschen und Wagen fortwährend stolpern. 
Bald unterbricht den Weg ein Hügel, bald ein Schlund. 
Eine einzige Strasse ist besser; sie wurde 1888 gelegentlich 
des Zarenbesuches hergerichtet. Man merkt dem Ort sein 
schnelles Entstehen an. Vor einigen Jahren war hier noch 
Wüste. Jetzt befindet sich da eine ganz mächtige Fabrik- 
stadt. Aber die Bequemlichkeiten einer Stadt sind so gut 
wie gar nicht vorhanden. Selbst Krämerläden oder Ess- 
warengeschäfte trifft man selten. Ich erinnere mich, dass 



120 Auf Apscheron. 

ich mit meinem Bruder eines Brodlaibes wegen eine halbe 
Stunde durch entsetzlichen Kot wandern musste ; dabei lebt 
mein Bruder dort schon seit Jahren und kennt sich so 
ziemlich aus. Wie muss es erst einem Fremden ergehen! 
Die Verbindungen der schwarzen Stadt mit dem eigentlichen 
Baku sind selbst heute noch recht dürftige. Jeder Fabriks- 
direktor hält deshalb Pferde und Wagen. Lohndroschken 
bekommt man nur, wenn man sie extra herausbestellt hat, 
und kostet eine Fahrt zur Stadt dann 3 bis 5 Eubel. 
Aerzte und Apotheken gibt es in Tschomygorod nicht, und 
das Herbeiholen derselben ist äusserst kostspielig. Längs 
der Meeresküste verkehren wohl einige kleine Dampfer von 
den Fabriken nach Baku; dieser Verkehr ist aber völlig 
ungenügend. Hoffentlich wird es jetzt, von Jahr zu Jahr 
besser. 

Noch interessanter als Baku selbst ist die Umgegend. 
Einige Werst hinter der Stadt befindet sich das »Wolfsthor«, 
eine Oeffiiung in einem Felsen, durch welche man nach 
kurzer Wanderung zu einem ungeheuer düsteren Thale ge- 
langt. Nackte Felsen steigen empor, trübe Sümpfe ziehen 
sich endlos hin, grauenvolle Schluchten und Grüfte sperren 
ihre drohenden Schlünde auf . . . Und ringsherum kein 
lebendes Wesen, kein Vogel, keine Pflanze, nicht einmal ein 
Wurm, nicht einmal ein geknickter Strauch. Das Geringste 
thäte so wohl in dieser fürchterlich starren Oede . . . 

Näher zur Stadt, hundert Schritte vom Meeresufer ent- 
fernt, ist eine kleine Moschee mit einem halbverfallenen 
zierlichen Minaret. Das ist die Moschee der Fatimeh, der 
Enkelin des Propheten, welche der arabischen Dynastie der 
Fatimiden den Namen gegeben und in der Verbannung hier 
gestorben. lieber ihrem Grabe wurde diese Moschee erbaut. 



Bohrturm mit Gerüst. 



122 Auf Apscheron. 

welche seit jeher bis in die Gegenwart ein Wallfahrtsort 
für unfruchtbare Frauen blieb. Jede, die zu Fuss hieher 
pügert, sieht in kaum Jahresfrist ihre Hoffiiung erfüllt. 

Die grössten Wunder Bakus sind die ewigen Feuer 
der Parsen, die brennenden Wasser und die Naphtafontänen. 

Zu allen Zeiten galt Baku als das Mekka der Parsen 
und das aus der Erde ohne weitere irdische Nahrung von 
selbst hervorbrechende Feuer im einstigen Tempel von 
Atesch-Dja, drei Meilen von Baku, bildet ihr grösstes 
Heiligtum, wohin früher zahllose Pilger aus allen Welt- 
gegenden strömten, wo jetzt jedoch bloss einige wenige Ein- 
siedler ein frommes Leben andachtsvoll beschliessen. Und 
auf der heiligen Stätte erheben sich nun die Dörfer Ssura- 
chany und Balachany mit profanen, rauchgeschwärzten 
Naphtafabriken. Auf einem Flächenraum von 9V» km sind 
hier etwa 500 Brunnen zum Schöpfen der Naphta erbohrt. 
Gewaltige Türme bedecken die Bohrlöcher, von denen 
manche bei 30 cm Durchmesser 300 m Tiefe haben. Mittels 
Dampfkraft wird die Bohrstange eingetrieben, bis sie ein 
Naphtalager erreicht; dabei geschieht es zuweilen, dass die 
Erdgase mit Gewalt entweichen und mehr als hundert Meter 
hohe Naphtafontänen emporschleudem. 

Wie schnell die Petroleumgewinnung fortgeschritten 
ist, zeigt die einfache Bemerkung, dass sie vor 50 Jahren 
etwa 150 000 Pud, im letzten Jahre aber über 250 000 000 Pud 
betrug. Der Preis der Naphta war bis 1877 durchschnitt- 
lich 45 Kopeken pro Pud, beträgt jetzt aber nur 4 Kopeken. 
Diese unglaubliche Billigkeit ist zum Teil eine Folge der 
geringen Arbeitslöhne, die hier gebräuchlich sind. Dieselben 
belaufen sich auf 30 bis 40 Kopeken täglich pro Mann. 
Die Arbeiter sind meistens Tataren, welche als anstellig 



nnd züTerläsai^ gelten, nnd Perser, von denen man das- 
selbe nicht immer behaupten kann. Anfseher, Ingenienre nnd 
Birectoren sind Knssen, Deutsche, Engländer, Armenier und 
Schweden, anch Franzosen und Amerikaner. 



NaphCafoDtäne. 

Bei dem fast gänzlichen Mangel an Holz nnd Kohlen 
in der Umgegend von Baku hat man sich in den dortigen 
Fabriken oder EafFmerien von Anfang an daranf eingerichtet, 
die bei der Destillation der Napbta in grosser Menge, etwa 
55 bis 60 Procent hinterhleihenden schwersiedenden Rück- 
stände, die von den Tataren Masnd, von den Bnssen Astatki 



124 Auf Apscheron. 

genannt werden, als Heizmaterial zu benutzen. Auch für 
die Heizung der Dampfkessel auf den Schiffen der Wolga, 
des Kaspi und des Schwarzen Meeres, sowie der Loko- 
motiven im Kaukasus und im übrigen Russland werden jetzt 
die Rückstände der Naphta gebraucht. Der Heizwert der 
Astatki beträgt nach Professor Engler nahezu das Doppelte 
von dem der Steinkohle. Gewöhnliche Brenner geben zwölf- 
fache Verdampfung; mittels Brenner besserer Konstruktion 
aber können mit 1 kg Rückstände 14 bis 15 kg Wasser 
verdampft werden. Für die Destillation von 100 Teilen 
Rohnaphta auf Petroleum, dort Kerossin geheissen, werden 
3 bis 4 Teile Rückstände verbraucht. In kleineren Fabriken 
wird die Feuerung mit Rückständen auf die primitivste Art 
ausgeführt. Man schiebt die Rückstände auf flachen Schalen 
in den Feuerun^raum, oder man tropft sie auf Schalen oder 
Steine oder auch unmittelbar auf die Herdsohle der Feuerung 
auf und lässt sie dortselbst abbrennen, wobei starker Russ 
sich entwickelt. In den grösseren Fabriken aber sind kunst- 
volle Brenner, Forsunka, eingeführt, welche die Rück- 
stände-Feuerung leichter und schneller machen, ohne Rauch 
aufkommen zu lassen. Mit Forsunkas werden auch die 
Wohnungen der Beamten und Arbeiter, sowie die Küchen 
geheizt. Ein kleines Reservoir an der Wand enthält die 
Feuerspeise, ein Rohr verbindet das Reservoir mit den Oefen 
oder dem Küchenherd. An der Spitze des Rohres ist eine 
Vorrichtung, welche das Naphta verdünnt oder frei laufen 
lässt. Dieser Krahn regulirt die Wärme sicher und leicht. 
Interessant ist die Art der Wasserbeschaffung. In der 
Nähe der Naphtafundorte gibt es kein brauchbares Wasser. 
Die Gegend hat wohl einen kleinen See, doch besitzt dessen 
Wasser über 4 Proc. Kalk- und Salzgehalt — mehr als vier- 



Auf Apscheron. 125 

mal 80 viel wie das Wasser des Kaspi — und ist daher 
unverwendbar. Das für die Kesselspeisung nötige Wasser 
wird nun auf zweierlei Weise beschafft. Erstens wird in 
grossen, eigens dazu angelegten Teichen das Eegenwasser 
sowie das Condenswasser des Dampfes gesammelt und durch 
Aufgiessen einer dünnen Naphtaschicht vor Verdunstung ge- 
schützt. Zweitens wurden Leitungen angelegt, welche aus 
dem 11 Werst entfernten Kaspischen Meer Seewasser her- 
beiführen. Bei beiden Anlagen zeichnete sich besonders 
die Firma Gebrüder Nobel aus, welcher Baku grossenteils 
seinen mächtigen Aufschwung verdankt. Sie schuf, nach 
Mitteilung des Ingenieurs Arthur Ehrenfest, bis September 
1890 Behälter für Regenwasser für insgesamt 2 Millionen 
Eubikfuss. Auch die ersten und grössten Leitungen stellte 
diese Firma her. Die erste baute sie 1880. Dieselbe be- 
ginnt in der schwarzen Stadt, in der Kerossinfabrik Nobels. 
Hier befindet sich ein unterirdisches gemauertes Eeservoir, 
welches mittels eines Kanals direkt mit dem Kaspischen 
Meere verbunden ist. Eine Pumpe saugt das Wasser aus 
diesem gemauerten grossen Eeservoir und drückt dasselbe 
durch eine Leitung nach Balachany, wo es in einen kleinen 
Teich ausfliesst. Alsdann wird es durch eine Pumpstation in 
einige, das ganze Terrain durchziehende Hauptspeiseleitungen 
gedrückt, welche es den Speiseanlagen der verschiedenen 
Kesselgruppen zuführen. Die Seewasserzufuhr für die 
Nobelschen Werke beträgt 40 000 Pud = 655 000 Liter 
pro Tag. 

Nicht minder interessant ist die Transportweise, welche 
in Baku gebräuchlich ist. 

Die Naphta wurde bis 1875 durch Arbas von den 
Fundorten nach den Fabriken expedirt. Eine Arba vermochte 



nnr zwei FaBS zn tr^en, eines lag im Wagen, ein zweites 
hing zwischen den zwei, oft über 2'h m hohen Rädern. Die 
Ausgaben für diese Art Versandt sollen 1874 etwa zwei 



iDDCres der Fabrik Nobel, 

Millionen Mark betragen haben. Da legten 1875 Gebrüder 
Nobel zwei frei über den Boden hinlührende Eohrleitimgen 
nach amerikanischem System, eine mit 125 mm, eine zweite 
mit 150 mm weiten Eisenröhren — die HersteUnng der 
letzteren kostete 800000 Mark — nnd bald folgten die 
anderen grossen Baf&nerien, während die kleineren gegen 



Auf Apscheron. 127 

nicht gar hohe Bezahlung die Leitnngen der anderen be- 
nutzen. 

Die Versendung nach auswärts geschieht mittels Kisten 
oder in eigens konstruirten Dampfern und Waggons. Die 
Kistenfabriken, deren Produktionsfähigkeit von 2000 bis 40000 
Kisten pro Tag beträgt, beziehen das Material zur Her- 
stellung zum Teil aus dem Auslande. So kommen die 
Bretter zu den Kisten über Galatz, Odessa und Batum aus 
Oesterreich, die Bleche und Zinne aus England, die Ma- 
schinen zur Holzbearbeitung aus Deutschland, die Maschinen 
zur Blechbearbeitung aus Amerika. Eine hölzerne Kiste 
enthält zwei Blechdosen, jede gefällt mit 1 Pud, etwa 
V» Centner, Petroleum. 

Die Dampfbote oder Tanks und die Cistemenwaggons 
— beide zuerst von Nobel eingeführt — haben eiserne Be- 
hälter, in welche das Petroleum direct eingepumpt wird. 
Die Dampfer können 6500 bis 8300 MC, die Waggons je 
100 MC au&iehmen. 

Kleine Massen Rohnaphta gehen von Baku auf Kamelen 
in die benachbarten Gebiete, nach Daghestan, auch nach 
Persien bis Kurdistan, wo die Bewohner das Oel seit langen 
Jahrhunderten ungereinigt in primitiven Ampeln als Be- 
leuchtungsmaterial verwenden. Ein Kamel befördert etwa 
300 kg. 

Die Arbas sind ganz ausser Gebrauch gekommen, und 
die Tataren der Gegend, die damit einen Hauptverdienst 
verloren haben, sind nicht wenig böse auf die teuflischen 
Neuerungen der Fremden. 

Wunderbar wie das Land ist hier auch das Meer. 
Zahllose Stellen desselben sind wegen ihrer — Brennbarkeit 
berühmt. 



128 Auf Apscheron. 

Wirft man in diese Stellen ein brennendes Zünd- 
hölzchen, so fängt das unter den Fluten schlummernde Gas 
Feuer, das sich immer mehr verbreitet, und bald leuchtet 
und loht es rings umher, die feurigen WeUen heben und 
senken sich; es ist ein wahrhaft zauberischer Spuk. Aber 
plötzlich weht ein Windstoss her, die seltsame Illumination 
erlischt und Alles liegt wieder ruhig und still . . . 



(5^ 



Die transkaspische Steppenbahn, 



Bernhard Stern, Vom Kaukasus zum Hindukusch. 




TJsnnadda, das Sand-Venedig. — Belebung der mittelasiatischen 
Steppen. — Der Bahnban. — General Annenkow. — Schwierigkeiten beim 
Bau. — Erste Steppenansiedelungen. — Dauer, Kosten und Bedeutung 
der Bahn. — 4000 Bracken. — Steppenfahrt. — Oasen. — Skobelews Sturm 
auf Geok Tepe. — Bahnwächter. — Stationen. — Am Bahnhof Ton Ass- 
chabad. — Baba Durmas. — Neu-Merw. — Buinen von Merw. — Ein 
Tag in ^chara. — Der Palast des Emirs. — Entsetzliche Todesarten der 
Verurteilten. — Gebet in der grossen Moschee. — Bazare. — Juden. — 
Eine Schule im Freien. — Abend in Bochara. — Fahrt nach Samarkand. 



Wild bewegt war der tückische Kaspisee, als ich in 
Baku den Dampfer »Cäsarewltsch« bestieg, um die Eeise 
nach dem jenseitigen Ufer, nach Usunadda, anzutreten. 

Zweimal wöchentlich ist solcher Schiffsverkehr zwischen 
den Endstationen der kaukasischen und der transkaspischen 
Bahn. 

Unsere Fahrt gestaltete sich ausserordentlich stürmisch, 
und ich war der Einzige unter den Passagieren, dem der 
Appetit nicht versagte, dem die Schaukelei der hochgehenden 
Wogen nichts anhaben konnte. Und während die Anderen 
ächzten und stöhnten und selbst der erste Steuermann sich 
der Seekrankheit ergeben musste, sass ich beim dicken gut- 
mütigen Kapitän und trank mit ihm den prächtigen Kümmel- 

9* 



132 Die transkaspische Steppenbahn. 

Bchnaps, den ich mir aus meiner Vaterstadt Elga mit- 
gebracht. 

Die Reise sollte nur 18 oder 19 Stunden dauern, wir 
brauchten aber mehr als 40. Da die Ztige von Usunadda 
nach Samarkand im Anschluss an die von Baku kommenden 
Dampfer nur zweimal wöchentlich — Dienstag und Sonn- 
abend — verkehren, ich aber durch die Verzögerang an einem 
Donnerstag ankam, war ich gezwungen, in Usunadda statt 
zwei Stunden zwei Tage zuzubringen. 

Von dieser Aussicht nicht gerade besonders erfreut, 
packte ich meine Sachen und Sächelchen, nahm Abschied 
vom Kapitän und Schiffspersonal und ging über den schmalen 
Pristan oder Landungssteg in die »Stadt«. Das »Logirhaus« 
war nicht schwer zu finden, ich mietete eine kleine Kammer, 
und nachdem ich eine gute Portion Insektenpulver im Bett 
als Präservativ gegen zudringliche Gesellschaft ausgestreut, 
legte ich mich zu kurzer Ruhe nieder. Aber nicht lange 
konnte ich dieselbe gemessen, bald machte ich die bittere 
Erfahrung, dass das Mittel, das mir sonst auf den Reisen 
und selbst in der schmutzigsten aller Städte, in Astrachan, 
so vortreffliche Dienste geleistet, in Transkaspien keine 
Kraft mehr hatte. Ich ergab mich in mein Schicksal, stand 
wieder auf und wanderte umher in den Strassen Usunaddas . . . 
Nein, nicht in den Strassen — Usunadda hat nur eine 
Strasse. 

Usunadda oder »die lange Insel« war noch vor einigen 
Jahren eine öde, trostlose Sandfläche. Da mit einem Male 
ward es lebendig auf derselben. Eisenbahnbataillone er- 
schienen und legten Schienen in den Sand. Die Sandbank, 
welche die Insel mit dem turkmenischen Festland verband 
und einen Fuss tief unter dem Wasser dahinging, ward mit 



Die transkaspische Steppenbahn. 133 

einem Damm beworfen, der über die Oberfläche des Meeres 
ragt, und Pfeiler wurden in den so künstlich geschaffenen 
festen Boden gerannt, und nach und nach entstanden auch 
»Häuser«, die ein asiatisches Sand- Venedig bilden. 

Inmitten der neuen Stadt steht ein rohes, unansehn- 
liches Holzkirchlein, und um dasselbe reihen sich ein Bahn- 
hof, ein Logirhaus, die Apotheke, die Post, Wirtshäuser, 
Arbeiterhütten, Füzzelte, zwei Bazare — ein turkmenischer 
und ein armenischer — , Theestuben, ja sogar eine Art 
Theater. Von der Kirche zum Pristan führt die schmutzige 
Strasse, an welcher sich zu beiden Seiten Reihen von Privat- 
wohnungen hinziehen. 

Unter Wohnstätten darf man sich nichts denken, 
was unseren Häusern in Europa nur irgendwie ähnlich 
sähe. Man hat darunter gewöhnliche Lehmbauten oder ge- 
radezu Erdbauten zu verstehen. Steinfundamente oder Stein- 
wände trifft man in üsunadda als auch in Transkaspien nur 
selten. Dieselben sind alsdann nicht aus behauenen, sondern 
aus unbearbeiteten und roh aneinander gefügten Steinen er- 
richtet, welche man durch Lehm oder Mörtel verbunden hat. 

Li üsunadda sah ich eine Menge kleiner »astrachani- 
scher Holzhäuser«. Dieselben wurden in Astrachan her- 
gestellt, dann wieder zerlegt, nummerirt, auf Barken geladen 
und mit diesen über das Meer nach üsunadda transportirt, 
wo man sie nach Nummern wieder zusammenstellte. Solch 
ein Haus kam auf 600 Rubel, der Transport auf 120, die 
Aufstellung auf 30 — Alles in Allem kostete es also am 
Orte seiner Bestimmung 750 Rubel. 

Grössere Gebäude aus Holz wurden in üsunadda selbst 
errichtet, doch bezog man das Holzmaterial für sie eben- 
falls aus Russland über die Wolga und den Kaspisee. 



134 Die transkaspische Steppenbahn. 

Usunadda ist nnn der Ausgangspunkt der Eisenbahn 
nach dem alten Wunderland Samarkand* — einer Eisenbahn, 
wie ihresgleichen auf dem ganzen Erdenrund keine zweite 
zu finden ist. Der menschliche Geist, dem nichts zu schwer 
und nichts unerreichbar ist, hat hier einen glänzenden 
Trumpf ausgespielt und nut der transkaspischen Bahn eine 
wunderbare That leicht wie ein Kinderspiel vollfährt. 

Jahrtausende lang bestandene Hindernisse, welche die 
von undurchdringlichen Steppen umschlossenen Oasen Mittel- 
asiens von Europa getrennt, sind beseitigt. 

Die Pfade, auf welchen zahllose Karawanen durch die 
ünwirtlichkeit der Natur, durch Sandstürme, Sonnenglut, 
Schneewehen und nicht minder durch Tücke und Mordlust 
der Steppenbewohner zu Grunde gegangen, werden nun frei 
und sorglos und sicher im Coupe des Eisenbahnzuges be- 
fahren. Das Innerste Asiens ist mit dem Abendlande eng 
verbunden und beider Handel und Verkehr, die sich früher 
auf ewig langen Wegen gesucht, sind einander in die nächste 
Nähe gerückt. 

Von Indien und Afghanistan, von Bochara und Chiwa 
gehen die Waren nach Nishny-Nowgorod und Moskau, nach 



* Ein Telegramm der Köhiischen Zeitung meldete jüngst 
aus Petersburg: Bei den Ministerien der Finanzen und der 
Kommunikationen sind Gesuche grosser industrieller Firmen 
von Moskau, welche in Mittelasien Handel treiben, um Kon- 
zession einer Eisenbahn von Samarkand nach Chokand — 
300 Werst — eingelaufen. Die Gesuchsteller fordern weder 
Regierungsgarantie noch Subsidien. Von dem erforderlichen 
Baukapital in der Höhe von 10 bis 12 Millionen Bubel sind 
7 Millionen bereits gezeichnet. Die Ministerien stehen dem 
Projekt wohlwollend gegenüber. 



Die transkaspische Steppenbahn. 135 

• 

der Newa und dem Schwarzen Meer und von da weiter 
nach dem westlichen Europa mit seltener Schnelligkeit. 

In den öden unwirtlichen Wüsten erwacht plötzlich ein 
ungeahntes unglaubliches Leben. 

Dort, wo Menschen früher nie hatten weilen können, 
sammeln sich Massen von Handwerkern und Arbeitern, 
Kaufleuten und Soldaten, pflanzen Baumschulen, befestigen 
den beweglichen Sandboden, bauen Häuser und Kirchen und 
Kasernen, Apotheken und Fabriken, Werkstätten und Ge- 
schäftsmagazine. 

Städte und Städtchen wachsen aus dem Boden, wo der 
Schienenweg vorbeiführt. Durch die Eisenbahn erhält eine 
tote Welt frisch pulsirendes Leben; Kisil Arwat, Asschabad, 
Merw, Tschardschui, Bochara und Samarkand: aus ihren 
Ruinen erstehen neue Städte mit mächtigem Handel und 
Wohlstand, mit zahlreichen Eiawohnem, die sich von Jahr 
zu Jahr mehren. 

Solche Erfolge haben namenlose Mühe gekostet, und 
das Unternehmen gelang wol zum grossen Teü deshalb, 
weü ein Mann wie General Annenkow an seiner Spitze 
stand, ein wahrhaft genialer Mann von rastloser Energie 
und seltenem Mut, der sich durch keine Zweifel beirren liess, 
der allen Nörgeleien und Spötteleien zum Trotz das Riesen- 
werk in Angriff nahm und es auch ruhmvoll zu Ende führte, 
obgleich Gegenwühlereien persönlicher und sachlicher Feinde 
ihm ununterbrochen Hindemisse zu bereiten suchten. An- 
fangs hatte er beim Bau der Bahn durch die Natur der 
Strecke, durch die schlechten Hülfsmittel, die ihm zu Ge- 
bote standen, mit gewaltigen Beschwerlichkeiten zu kämpfen. 

Das Baumaterial und die Arbeiter mussten aus Peters- 
burg und Moskau, aus Südrussland und dem Kaukasus her- 



136 Die transkaspische Steppenbaho. 

heigezogen werden. Die ersten MannBcliaften brachte man 
in Zelten unter, die späteren in nach ond nach hergestellten 
Erdwohnnngen nnd Erdhütten. 



General Annenkow. 

Nach dem Bericht des verstorbenen Staatsrates Hey- 
felder, eines Deutschen, welcher bei Annenkow als Cheiarzt 
angestellt war nnd dessen mit echt dentschem Fleiss zu- 
sammengestellten Dokumenten nnd Nachrichten ich die Hanpt- 
daten über den Bahnban entnehme, gelangte man in die 
»Wohnnngen« dnrch einen schräg gewundenen Gang, der 



Die transkaspische Steppenbahn. 137 

oft auch treppenartig ausgehauen war. Das Innere war 
ein Gelass, das bald einem Stall, bald einem Gemach ähnlich 
sah und zuweilen mehrere Abteilungen hatte ; die Licht und 
Luft spendende FensteröflEhung befand sich an einer dem Ein- 
gange entgegengesetzten Seite schräg, seitlich oder oben; 
in letzterem Falle war sie mit Gebälk eingefasst und mit 
Schilf oder Laubwerk tiberdeckt. 

Diese Erdwohnungen oder »Sakli« schtitzten im Sommer 
vor den Sandstürmen, vor der sengenden Glut und dem 
blendenden Licht in der schattenlosen Steppe, und boten im 
Winter einen warmen, angenehmen Aufenthalt. 

Noch einfacher als die Sakli waren die »Erdhütten«: 
ganz gewöhnliche Löcher, welche man mit einem primitiven 
Dach aus Balken, Eeisig oder Erde versah und durch eine 
ebenso primitive Thüre verschloss. 

Das Schwierigste beim Bahnbau war wol die üeber- 
windung des Flugsandes, welcher niemals stille stand, sondern 
sich fortwährend bewegte, der keine Schienen hielt, keine 
Vegetation vertrug. Durch Begiessen mit Seewasser und 
durch Bedecken mit herbeigeführter Lehmerde gelang es 
endlich, ihm mehr Beständigkeit zn geben. 

Dadurch war der Boden indes nicht auch vor Ver- 
sandung durch Stürme geschützt, und deshalb wurden dort, 
wo das Letztere zu befürchten war, wagrechte Saxaulzweig- 
schichten angebracht, die etwas über die Dämme und Schienen 
herüberragten. An einigen Stellen, wie in Merw und Kisil- 
Arwat, wurden Millionen junger Bäume, Tamarixstauden 
und wilder Hafer angepflanzt. Oder man stellte — gleich 
Vorrichtungen gegen Schneewehen — kreuzweis überein- 
ander gesteckte Schindellehnen auf, an welchen sich der 
Flugsand sammelte. 



138 Die transkaspische Steppenbahn. 

Fast ebenso schwierig wie die Besiegung des Flug- 
sandes war die Versorgung der Mannschaften mit Wasser. 
Man destillirte Meerwasser und führte dieses mit den Eisen- 
bahnzügen zur Verteilung umher. Man grub femer artesische 
Brunnen und zog Wasserstrassen und Kanäle selbst aus 
weitentlegenen Flüssen. 

Die Bahn, 1360 Werst oder 1433 km lang, war äusserst 
schnell, in knapp zwei Jahren fertig, was umsomehr hervor- 
zuheben ist, als alle Maschinen, alles Material und selbst 
die Menschen von weit hergeschafft wurden, als das 
Klima und das Terrain grosse Hindemisse boten. Die 
Schnelligkeit ist aber eine Folge davon, dass nicht viel ge- 
zögert wurde, dass alles ohne Aufenthalt von Statten ging. 
War eine Strecke baufähig befunden worden, so warfen die 
Erdarbeiter sofort den Damm auf. Traf man auf Flüsse, 
Kanäle, Wasserbehälter, so überbrückte man dieselben so- 
gleich mit schon vorrätigen, aus Petersburg herbeigebrachten 
eisernen Bogen von je zwei Meter Breite. Auf die Erd- 
arbeiter folgten dann die Techniker, die Schwellen- und 
Schienenleger und die Telegi^aphenbauer. 

Für die wichtigeren Arbeiten wurden Eussen verwendet, 
für die gewöhnlichen aber Asiaten: Perser, Turkmenen, 
Bocharen, seltener Kirgisen und Kalmücken. Während die 
Küssen anderthalb Eubel für den Tag erhielten, waren die 
Asiaten mit 22 — 30 Kopeken vollkommen zufrieden. Sie 
lebten sehr bescheiden. Leichte Kleidung genügte ihnen, 
ihre Füsse waren nackt oder mit rohem Bastgeflecht be- 
kleidet, ihr Mittagsmahl bestand bloss aus Eeis oder einer 
Arbusenschnitte. Die Zahl der beim Bahnbau beschäftigten 
Asiaten überstieg 20000, während nur ein paar tausend 
Eussen im Dienste standen. 



Die transkaspische Steppenbahn. 139 

Alle Arbeiter bildeten ein ganzes Armeecorps, welches 
militärisch organisiert war. Je 50 — 100 Mann unterstanden 
ausgedienten Soldaten, welche wieder von Offizieren befehligt 
wurden. Militärischen Anstrich hatte ebenso alles Uebrige; 
die Stationsvorsteher, die Oberkondukteure, die Depotbeamten 
und Mechaniker waren Offiziere und Soldaten, aktive oder 
ausgediente. 

Die oberste Leitung lag in den Händen Annenkow's. 
Ihm standen ein Kanzleichef, vier militärische Beamte, zwei 
Oberingenieure und mehrere ünteringenieure zur Seite. Je 
25 bis 50 Werst der zu bauenden Strecke wurden von einem 
der letzteren beaufsichtigt. 

Die Arbeiter beschäftigten sich nicht alle auf einmal, 
sondern in zwei Partien, von denen die eine von 6 Uhr früh 
bis 12 Uhr Mittags, die andere von 12 Uhr Mittags bis 6 Uhr 
Abends verwendet wurde. Täglich stellte man im Durch- 
schnitt 3 bis 4 Werst fertig. 

Die Beförderung des Materials und der Menschen ge- 
schah mit der Bahn selbst. Es bestand eine bewegliche 
Kaserne — nämlich ein Zug von 30 bis 50 Wagen, welcher 
mit dem Bau vorrückte. Er enthielt in zweistöckigen 
Waggons Wohnzimmer, Schlafräume, Speiselokale, Küchen, 
das Offizierskasino, die Kanzlei des Generals, Wasservorräte, 
Esswaren, ein Zeughaus, eine Apotheke, ein Lazareth und 
ein Badezimmer. Jeder Wagen war 7 Meter lang, 3 Meter 
breit und fasste in beiden Etagen 50 Mann. 

Für Beheizung und Beleuchtung beim Bau der trans- 
kaspischen Bahn verwendete man Naphtarückstände , und 
dieses Material ist auch jetzt noch in Gebrauch. Die Loko- 
motiven, die Stationshäuser, die Wohnungen, die Kasernen 



140 Die traDskaspische Steppenbahn. 

nnd Posten werden alle mit Naphta geheizt, welches gleich- 
falls zum Kochen, Hir Backöfen nnd znr Zimmererwärmnng 
dient. 

Die Kosten der transkaspischen Bahn beti-agen erstaun- 
licher Weise nur 43520000 Rubel, also 32 000 per Werst, 
wovon 14000 Enbel auf Rails, Klammem, W^aggons, Ma- 
schinen, und 18000 auf Arbeiter, Wasserleitungen, Stationen, 
Brückenbauten kommen. So ist diese Eisenbahn nicht blos 
eine der am schnellsten gebauten Bahnen, sondern auch eine 
der billigsten. Schnelligkeit ist eben Ersparnis. Die Ar- 
beiter waren hier allerdings nicht teuer. Dass Gebirgs- 
züge, enge Thäler, Schluchten, Städte, Privatbesitze, welche 
anderswo grosse Kosten verursachen, fast gänzlich fehlten, 
ist nicht so wichtig, denn es kommen dafür andere Dinge 
in Betracht, nicht minder grosse Schwierigkeiten 'als jene, 
und besonders nahm die unglaublich grosse Zahl der Brücken 
— es sind mehr als 4000 auf der ganzen Strecke — viel 
Zeit und Geld in Anspruch. 

Die transkaspische Bahn ist ein mächtiges Werk sowol 
vom miütärischen als kommerziellen, vom russisch-patrioti- 
schen wie wissenschaftlich-geographischen und kulturhistori- 
schen Standpunkt betrachtet. 

Die Turkmenensteppe, welche im Süden durch das 
Plateau von Iran, im Norden durch den Amu Darja, im 
Osten durch das kaspische Meer begrenzt wird, welche 
früher die unüberwindliche Kluft zwischen Europa und Asien 
büdete, ist jetzt das Land, welches beide Weltteüe ver- 
knüpft. Sie ist zu einer bequemen Verkehrsstrasse ge- 
worden, und Orient und Occident treffen sich auf ihr leichter, 
als es je bisher der Fall gewesen, und auf demselben Wege, 
wo einst, im grauen Altertum, die Wogen des Oxus zum 



Die transkaspische Steppenbahn. 141 

Easpischen See schäumten, stürmt heute das Dampfross da- 
hin. Die morsche Vergangenheit weicht der kraftvollen 
eisernen Neuzeit. 

Der kürzeste Weg nach Indien, den die Völker des 
Abendlandes seit Jahrhunderten, seit Jahrtausenden gesucht, 
ist gefunden; das Problem, an dessen Lösung sich die 
grössten Männer aller Zeiten und Zonen vergebens gewagt, 
ist gelöst. 

Columbus zog einst — gerade vier Jahrhunderte sind 
seitdem verflossen — rastlos durch die Meere und suchte In- 
dien, aber er fand es nicht und entdeckte statt seiner die 
Neue Welt. 

Vasco de Gama erreichte das vielgepriesene, vielbegehrte 
Land allerdings, allein auf dem gewaltigen Umweg um das 
Kap der guten Hoffnung. Und doch galt die Entdeckung 
dieses Weges als ein weltbewegendes Ereignis. Die Eeise 
nach dem Reiche der Wischnuanbeter nahm — wie früher 
Jahre — jetzt bloss Monate in Anspruch. 

Da wurde endlich in unserem Jahrhundert das Dampf- 
schiff erfunden, und was Monate gedauert, wurde in Wochen 
vollführt. 

Noch mehr schwanden die Entfernungen, als der Suez- 
Eanal des genialen Lesseps den Weg um Afrika ersparte. 
Die Fahrt betrug jetzt bloss 30 bis 40 Tage. 

Die transkaspische Bahn hat selbst diese Zeitdauer um 
das dreifache verkleinert. Man macht keinen Bogen, keinen 
Umweg mehr von Europa nach Indien ; man fährt von Paris 
und London, Berlin und Wien nach dem alten Samarkand 
— und vielleicht bald nach Kalkutta — in einer geraden 
Linie, man gelangt auf dem kürzesten, sichersten, ein- 
fachsten Weg aus dem Herzen des Occidents in das Herz 



142 Die transkaspische Steppenbahn. 

des Orients. Und das unersättliche Eussl^^nd ist dem eng- 
lischen Indien, von welchem es noch vor wenigen Jahren 
durch eine Breite von mehr als tausend Werst getrennt 
war, um ein gewaltiges Stück näher gerückt, es steht hart 
an der Grenze des gesegneten Landes, nach welchem es 
schon seit Jahrhunderten zärtlich begehrend schielt, und 
kann seinen plumpen, Alles zerstampfenden Fuss dorthin 
setzen, wann es will . . . 

Wem dies Alles bei der Eeise von üsunadda nach 
Samarkand durch den Sinn geht, dem redet das Tik-Tak 
des durch die Wüste dahinsauseuden Zuges eine eigene 
Sprache 

Nachdem ich mich in üsunadda ein paar Tage elend 
gelangweilt, kam endlich der erlösende Abreisetag. Der Zug 
setzt sich in Bewegung und fort geht's in unwirtliche Wüsten 
und Steppen. 

Schauen wir uns ein wenig unter meinen Reisegefährten 
um! Es sind ihrer nicht viele — ein paar Turkmenen, 
Bocharen, Perser, Armenier, russische Offiziere und ein 
Vertreter jener Nation, die man überall anzutreffen gewohnt 
ist: ein Engländer. Alle füliren eine Unmasse Gepäck mit 
sich : Körbe mit Speisen und Getränken, den unentbehrlichen 
Ssamowar, allerlei Kochgeschirre, ja sogar Bettzeug, ver- 
mittelst dessen sie sich's auf der über 75 Stunden an- 
dauernden Heise nach Samarkand recht bequem machen. 

r 

Die russischen Eisenbahnkondukteure sind nicht so 
geizig mit den Plätzen im Zuge wie die europäischen. Da 
nimmt jeder Passagier eine Bank für sich oder gar zwei, 
und streckt sich behaglich aus und raucht und schläft, und 
kein Störenfried belästigt ihn. 



Die transkaspische Steppenbahn. 143 

Die Züge führen vorläufig nnr zwei Klassen : die zweite 
und dritte. Die Wagen der zweiten Klasse sind hellgelb, 
die der dritten heUgrün, ganz so wie im übrigen Bnssland. 

Für die mohamedanischen Franen sind besondere Ab- 
teilnngen bestimmt. Jeder Wagen trägt die russischen 
Buchstaben S. W. Sh. D., die Bezeichnung der Bahn, 
i^ünlich Sakaspisskaja wojennaja shelesnaja doroga: Trans- 
kaspische Militäreisenbahn. 

Die Bänke der zweiten Klasse sind einfach und lang, 
ohne allen Komfort, ohne Tuchbekleidung. An der einen 
Seite im Innern ist ein freier Eaum zum Durchgang; an 
beiden Enden befinden sich die Ausgänge, seitwärts gibt 
es keine. Die Waggons dritter Klasse sind womöglich noch 
einfacher eingerichtet, als die der zweiten. Sie dienen 
hauptsächlich für die Beförderung von Soldaten und Arbeitern. 

Bei der langen Reise, die meist durch Wüsten und 
Sandsteppen geht, kann leicht ein Unglück geschehen, und die 
Kondukteure halten deshalb alle möglichen Medikamente und 
Bettungsmittel in ihrem, mit einem Oten versehenen Käm- 
merchen. 

Von üsunadda bis Merw läuft die Bahn hart an der 
persischen Grenze hin und berührt sie bei der Station Lutafan. 

Im Süden gewahrt man die Ausläufer des Elberus in 
malerischer Abwechsehmg , im Norden aber nur die Wüste 
Kara-Kum. 

Die Gegend wird nach und nach geradezu trostlos. 
Wohin der Blick reicht — Sand, Sand und nichts als Sand . . . 

Bricht die Nacht herein, so ist es ein seltsam unheim- 
liches Büd, das die Steppe bietet: das Licht des Mondes 
und der Sterne webt gespensterhafte Gestalten in die stille 
Luft, und durch die Einsamkeit tönt kein Laut, als das 



144 Die transkaspische Stepp^ibahn. 

Keuchen des Zuges, der sich durch die Wüste seinen 
Weg bohrt. 

In den Wagen liegen die Eeisenden schnarchend am 
Boden und auf den Bänken, und das Kerzenlicht hüllt Alles 
in dichte Dämmerung. 

Die ersten 170 Werst sind vollständig wasserlose Strecke. 
Erst dann, bei der Station Kasandshiek, trifft man auf die 
ersten Süsswasserquellen. Hierauf wieder Steppe bis Kisil- 
Arwat, von wo sechs Strassen nach allen Windrichtungen 
führen. 

Bei Kisil-Arwat beginnt die Oase von Achal-Teke, 
welche 217 Werst lang und abwechselnd 6 bis 15 Werst 
breit ist und von der ein überschwängliches turkmenisches 
Sprichwort sagt : »Als Adam aus dem Paradiese vertrieben 
worden, fand er in der ganzen Welt keinen schöneren Ort 
zu seiner Niederlassung, als Achal-Teke.« 

Nach langer Wüstenfahrt macht dieser Landstrich 
wirklich einen entzückenden Eindruck, doch darf man keines- 
wegs erwarten, dass die »Oase« ein grünes Paradies mit 
Wald und Feld und Wiesen sei, mit Palmen und duftigen 
Eosenhainen, durchzogen von silberschimmemden Bächen 
und Kanälen. 

Die Oasen Transkaspiens sind meist schwächliche 
Pflanzungen, welche selbst im Frühling zu keiner besonderen 
Blüte gedeihen. Sie zerfallen je nach dem Grade der Be- 
wässerung in mehr oder minder reich bebaute und be- 
wachsene Felder mit Getreide und Fruchtgärten, in W^ein- 
gärten von massiger Ausdehnung, in Weideland an den 
Niederungen der Flüsse und auf etwa vorkommenden Höhen. 
Der Baumwuchs, meist in Gestalt von Pappeln, ist haupt- 
sächlich auf die nächste Nähe des Wassers beschränkt. Erst 



Die tranakaepiBche Steppenbahn. 



später, hinter Merw, und besonders Im Serafechanthal, stSsst 
man auf Oasen, die nnseren Begriffen entsprechen. 

Das Wasser, welches die Oase Achal-Teke befruchtet, 
wird von dem an der persischen Grenze gelegenen, 2000 m 
hohen Köpet-Dagh hei^:eleitet und in Becken an den Stationen 
gesammelt. 

Nun geht es über erträglicheren fruchtbaren Boden, vorbei 
an verhältnisrnftsaig gut bewohnten Gegenden bis znr ersten 
grösseren Station, 
1 



Bahnhof Geok Tepe, 

Geok-Tepe ist ein historischer Ort Da war es, wo 

1 12/24. Jannai' 1881 der ruhmvolle Skobelew, der später 

mbmlos in einem Dimenhans geendet, die Tekkes 



Es kostete einen heftigen Kampf, die Tekkes waren 
mntig, tapfer, energisch. Der mssische General machte 
seine Soldaten in einem Tagesbefehl anftnerksam, dass sie 
sich auf eine »rasende Verteidigung» des Feindes, auf einen 
iVerzweiflungskampf« gefasst machen müssten. 

Und er sagte nicht zuviel. 

Die Tekkes schlugen sich wie Helden und hielten aus 
bis Not und Hunger ihren Wideretand brachen . . . 

rn, Vom Kaukosns inm Hindnkusch. 10 



146 Die transkaspische Steppenbahn. 

i 

Geok-Tepe zählte vor dem Sturm der Eussen eine Be- 
satzung von 35 000 Mann, hatte aber in seinen Mauern nnr 
ein einziges Geschütz, einen Vierpfiinder mit Sandstein- 
kugeln. Die Belagerer dagegen waren bloss 5000 Mann 
stark, besassen aber 70 Geschütze. Am 12/24. Januar 
Vormittags 11 Uhr entlud sich eine von den Eussen gelegte 
Mine und ein Teil der Mauern Geok-Tepes flog in die Luft. 

Da gab Skobelew den Befehl zum Sturm und mit lautem 
Urrah drangen seine OfOziere und Soldaten in die Bresche. 

Die Belagerten sammelten sich an der bedrohten Stelle 
zum letzten Widerstände. Was sie ergreifen konnten — 
Steine, Mauerstticke, Sandklumpen — warfen sie den Feinden 
entgegen; mit Lanze, Säbel und Messer fochten sie ver- 
zweifelte Zweikämpfe, bis es endlich den Eussen gelang, 
in der Bresche einige Geschütze aufzupflanzen und von hier 
aus verderbenbringende Kugeln in die Eeihen der Feinde 
zu schleudern. 

In Massen sanken die Verteidiger von Geok-Tepe ; mehr 
als die Hälfte von ihnen flel dem Blutbade zum Opfer. Die 
IJeberlebenden, von wildem Entsetzen erfasst, versuchten zu 
fliehen. Aber Skobelew selbst, gefolgt von zwei Eskadronen 
Dragoner und einigen Sotnien Kosaken, setzte ihnen nach 
und machte noch 8000 Tekkes nieder . . . 

Die Eussen, welche nur 4 Offiziere und 55 Soldaten — 
abgesehen von 190 Offizieren und 311 Soldaten, die ver- 
wundet wurden — verloren haben sollen, zogen als Sieger in 
die eroberte Stadt ein. Sie fanden dort 7000 Menschen- 
leichen und zahllose Tierkadaver auf den Strassen. Sieben 
Friedhöfe enthielten ebenfalls viele hundert Msche Gräber. 
Hinter der Festung auf dem Wege zur Wüste lagen Tausende, 
die auf der Flucht erschlagen worden, und ebenso war die 



Die transkaspische Steppenbahn. 147 

Gegend vor der Festung, besonders die Seite, von welcher 
die Enssen in die Stadt gestürmt, ein riesiges Leichenfeld. 
Fortwährend stampften die Pterde der Sieger Schädel und 
Körper von oberflächlich Begrabenen aus dem Erdboden. 

Die Tekkes hatten sich wie Helden geschlagen, aber sie 
waren dem russischen General, dessen sie vorher gespottet, 
trotzdem unterlegen . . . Und die einstigen Helden, die keine 
Zucht und Ordnung gekannt, die sich keinem Gesetz und 
keiner Oberhoheit gefügt, die halbnomadischen, räuberischen 
Horden, die man die Hyänen Mittelasiens genannt, die noch 
heute stolz und hochfahrend von sich sagen: »Wir sind ein 
Volk ohne Haupt, wir sind alle gleich, bei uns ist jeder 
ein König« — sie wurden halbzivilisirte gehorsame Sklaven 
des russischen Kaisers und erinnern sich nur dann noch 
ihres früheren Blutdurstes, wenn sie in den Reihen ihrer 
Besieger und Bedrücker für die Unterdrückung anderer 
asiatischer Völker kämpfen . . . 

Die Eisenbahn fährt dicht an der alten, vom Bache 
Germab durchzogenen Festung vorüber, wo der Sturm der 
Russen stattfand, während die neue Stadt einige Werst 
höher auf gesünderem Territorium liegt. 

Weiter, weiter braust der Zug durch die eroberten 
Landstriche . . . 

Der Tag ist angebrochen. 2iittemd huschen seine 
Lichter über die blühende Gegend der Achal-Teke-Oase. 

Am Wege stehen oft Forts, Kasernen, Kibitken, kegel- 
förmige Lehmhütten, Filzzelte. Dazwischen liegen frucht- 
bare Felder und Gärten mit Blumen und Sträuchem, zahl- 
reichen Bäumchen und Bäumen. 

Was einem Europäer auffällt, ist der vollständige 
Mangel an Bahnwächterhäuschen. In der Wüste gibt es 

10* 



148 Die transkaspische Steppenbahn. 

keine Chansseen, also auch keine regelmässigen Bahnüber- 
gänge. Die Reisenden übersetzen die Schienen, wo es ihnen 
passt. Statt der Wächterhäuschen sind deshalb alle 127« Werst 
Kasernen errichtet, wo mehrere Bahnwärter und Arbeiter 
zusammenwohnen. Jede Kaserne hat ein Türmchen, von 
dem man bei dem flachen Terrain und der Trockenheit der 
Luft die Hälfte des Weges leicht überblicken kann. Ausser- 
dem gehen täglich je zwei Personen von den einzelnen 
Kasernen aus je 6 Werst auf und ab, um etwaige Hinder- 
nisse von den Schienen zu beseitigen. Auf dem Hinwege 
reitet der Eine und der Andere geht zu Fuss; auf dem 
Rückwege reitet der Letztere und der Erstere geht. 

Die nächste grosse Station, welche wir berühren — 
60 Werst östlich von Geok-Tepe — ^ ist Asschabad, der Sitz 
eines militärischen Kommandanten, eine Station erster Klasse 
wie Merw^, Tschardschuy, Bochara und Samarkand. Es gibt 
vier Klassen von Stationen. Die Zahl der Stationen über- 
haupt ist 59, davon sind 15 Hauptstationen. 

Jede grössere Station hat Büffets, Logirhäuser, welche 
die in Mittelasien noch fehlenden Hotels ersetzen, Telegraph, 
Wohnhaus des Stationschels und der Eisenbahnbeamten und 
eine Kaserne für die Arbeiter ; femer Reservoirs für Wasser 
und Petroleum, kleine Werkstätten und Lokomotiv-Remisen. 

Die Bauten, anfangs Kibitken, später durch astrachani- 
sche Häuser ersetzt, sind jetzt meist aus gebranntem oder 
getrocknetem Ziegel, hier Samon genannt. 

Um die Bahnhöfe werden überall »Gärten« angelegt — 
das heisst, man bepflanzt den sandigen Boden so gut es geht 
mit allerlei Bäumen und niedrigem Gesträuch, mit Tamarisken, 
Pappehi, Weiden und Schlingpflanzen. 



Die transkaspische SteppenbAhn. 149 

Asschabad, vor einigen Jahren ein Hanfe Erdhätten 
und LehmbauteD, ist lieQte eine blüLende Festting'BStadt mit 
10000 Einwohnern, einbegriffen Gamlaon, mit steinernen 
Bauten, KaBemen, Lazareten, Proviantmagaainen, reichen 
Bazaren, hat lebhaften Handel nnd Verkehr, besitzt eine Bnch- 
drnckerei, ein Photographle-Atelier, zahlreiche Handwerker- • 
laden, Erämergeschäft« und znletzt, aber nicht in geringster 



Bahnhof Asschabad. 

Zahl, "Wodkahänser, wo man guten, sehr guten Schnaps 
bekommt, ein Labsal für die Russen und die Eingeborenen. 

Der Bahnhof ist fiir die Verhältnisse gross nnd schön. 
Betrachten wir einen Augenblick das Leben beim Ankommen 
des Zages, welcher hier längeren Aufenthalt nimmt. 

Welch ein Treiben und Drängen und Stosaen nnd 
Schreien ! 

Der Speisesaal ist ein nettes Zimmer, geräumig, sauber, 
mit weissgedeckten Tischen, auf denen dampfende Speisen 
der Abnehmer harren. Neben den Tellern liegen Ser- 
vietten, Gabel, Messer — lauter Dinge, welche in Zentral- 



150 Die transkaspische Steppenbahn. 

asien noch vor zwanzig, noch vor zehn Jahren völlig un- 
bekannt waren. Im Na sind alle vorhandenen Plätze besetzt, 
das aufgestellte Essen wird mit Hast verschlungen. Schtschi, 
das beliebte Kohlgericht in Suppe, bevorzugt man vor Allem, 
dann nimmt man Fleisch, Beefsteak, Thee oder Kaffee, 
Butterbrod, Wein, Bier und besonders Schnaps, viel Schnaps. 
Alles hat seine festen Preise, wie auf den Bahnhöfen im 
europäischen Eussland, auf jedem Tisch liegt eine vom 
Stationschef kontrollirte und eigenhändig unterzeichnete 
Speisekarte, und etwaige Beschwerden über schlechte Kost 
oder Ueberhaltung im Preise sind an diesen zu richten und 
werden streng bestraft. Braten kostet 30 bis 40 Kopeken; 
ein Butterbrod — das im Russischen ebenso heisst — be- 
legt mit Käse oder Fleisch 5 Kopeken; Suppe 10, mit Ei 15 ; 
Kaffee mit Brod, Milch und Zucker 15; Thee mit Zucker 
und Brod 10, Milch dazu 5 ; heisses Wasser zum Ssamowar 
ein ganzer Liter 2 Kopeken ; Bier 30 oder 50 Kopeken die 
Flasche; Wein aus der Krim 55 Kopeken der halbe Liter. 
Man sieht, recht erträgliche Preise, besonders wenn man 
die Oertlichkeit in Betracht zieht. 

Auf dem Bahnhof kann man die interessantesten Studien 
machen. Hier ist der Eendezvous-Platz der Offiziere der 
Garnison; hierher kommen sie, um mit den Durchreisenden 
ein paar Worte zu wechseln, um zu erfahren, was es draussen 
in der Welt Neues gibt. Die Leute führen ein freudloses 
Dasein, um so freudloser, je ehrlicher und gewissenhafter 
sie sind. Ein grosser Teil der Beamten und Militärs ist zu- 
sammengewürfeltes Volk. Männer von fragwürdigem Rufe, 
verkommene Künstler und Schriftsteller, Kurpfuscher und 
herabgesunkene Grossindustrielle, spitzbübische Offiziere und 
Edelleute hat man hierhergesandt als Zivilisatoren, als Be- 



Die trEtnskaepiBche Steppeubahn. 151 

amte, als Aerzte! Allerdings findet man anch brave, ehr- 
liche Leute, die nur Fflichtgefiilil hier hält, allein diese 
leben dann erst recht znräckgezogen nnd einsam nud 
traurig. . . 



nen von Niasa, Bahnhof Bahi Duraus. 

Bis Geflrs, 32 Werst 
Ton Asschabad, ist Kulturland, dann folgt ein 45 Werst 
breiter Wüstenstreifen , hinter dem die Tedschen-Oaee be- 
ginnt, als Fiebemest nnd dnrch Milliarden kleiner gefähr- 
licher Fliegen berüchtigt, aber mit einem lehmigen, znr 



152 Die transkaspische Steppenbahn. 

Ziegelbereitung geeigneten Boden. Mitten in der Wüste eine 
freundliche Station: Baba Durmas. 

Nach üeberwindung eines langen schweren Wegestückes 
erreichen wir die Merw-Oase. Dem eben durchzogenen 
öden lehmigen Boden folgen jetzt üppige Ansiedlungen. 

Eine der wichtigsten russischen Errungenschaften des 
letzten Jahrzehnts war die unblutige Annektirung von Merw. 
Denn dieses Gebiet, welches selbst der »grosse« Skobelew 
nicht zu unterjochen vermocht hatte, das aber 1884 »frei- 
willig« um die russische Schutzherrschaffc ansuchte und die- 
selbe gnädigst erhielt, ist eine der letzten Etappen auf dem 
Zuge der Zaren nach Indien. 

Die Oase Merw, eine meist aus Thonboden bestehende, 
hier und da von Sandstreifen durchzogene Ebene liegt öst- 
lich vom Tedschenflusse bis zum Ende des Murghab und 
büdet einen Teil jenes russischen Gebietes, welches — im 
Süden von Persien und Afghanistan, im Norden von Chiwa 
begrenzt — sich vom Kaspi bis zum Oxus oder Amu Darja 
erstreckt. 

Sie hat 64 Kilometer Länge, ebensoviel Breite und ein 
Areal von über 4000 qkm. Die Einwohnerzahl beträgt 
nach den Einen 100000 oder 200000, nach den Anderen 
300000 oder eine halbe Million. Sicheres feststellende 
Volkszählungskommissionen gibt es unter den halbzivilisirten 
oder richtiger halbwüden Völkern Mittelasiens noch nicht. 

Ihre Fruchtbarkeit verdankt die Oase von Merw dem 
Murghab oder weissen Fluss, der auf dem Sefadkusch Af- 
ghanistans entspringt und etwa 320 km lang ist. In einer 
Entfernung von 192 bis 224 km fliesst er eine weite Strecke 
parallel mit dem Tedschen. Bei Pendscheh, etwa 200 km 
nördlich von Herat, dort, wo der Kuschk sich in ihn ergiesst, 



Die transkaspische Steppenbahn. 153 

hat er eine Breite von 18 und eine Tiefe von 9 m. Von 
hier an verflacht er sich inmier mehr, ist dann nur 7 m tief 
und dann noch weniger und kann zuweilen sogar durch- 
watet werden. Hinter Julutan, wo eine Brücke über ihn führt, 
geht er in die Ebene von Merw über, die er in kunstvoll 
angelegten Kanälen durchflutet. 

Die heute zu Eussland gehörige Oase hat eine wunder- 
same bunte Geschichte, die bis ins graue Altertum zurück- 
reicht. 

Beginnt doch die iranische Geschichte überhaupt nächst 
Balch und Seistan mit Merw oder Muru, dem reinen, dem 
festen, welches Ormuzd als das dritte von ihm geschaffene 
Land bezeichnet. Später wurde Merw eine parthische Pro- 
vinz, unter dem Namen Marghiana. Von Alexander dem 
Grossen behaupten Sagen und Legenden, dass er in Merw 
geweilt, doch ist dies durch keine historisch beglaubigte 
Thatsache erwiesen. Sicher dagegen ist, dass dort Antiochus 
Zoter, Sohn des Seleukos Nikator geherrscht. 

Zu den frühesten Bewohnern Merws seit der neuen 
Zeitrechnung gehörten nestorianische Christen. Im Jahre 420 
wurde dieser Ort sogar zum Sitz eines Metropoliten erwählt. 

Wenige Jahrhunderte später brauste der Islamsturm 
über die Welt und brach auch die Mauern von Merw, wo 
die Gouverneure der Chalifen die Hauptstadt Chorassans, 
die berühmte Schadschihan, die Königin der Welt, gründeten. 

Unter der Herrschaft der Araber erblühte für Merw 
die Glanzzeit. Mehr als 700000 Einwohner wetteiferten 
miteinander in der Ausübung von Kunst und Wissenschaft, 
in der Pflege alles Edlen und Nützlichen. 

Da prangten im Grün der Palmen weisse wundervolle 
Häuserlabyrinthe und durch duftige Eosenhaine schlang sich 



154 Die transkaspische Steppenbahn. 

leuchtend der silberne Murghabfluss, und in weiten Pracht- 
gärten bltihte das schönste Blumenleben. In Marmorbassins 
spiegelten sich Lustbauten mit goldenen Zinnen, und im 
Scheine der Sonne funkelten gleich Eiesendiamanten die 
Denkmäler und Tempelkuppeln. Auf den Höfen der Mo- 
scheen und in den reichen Bazaren flutete ein mächtiges 
Treiben, ein heiteres, vielgeschäftiges Durcheinander von 
Eeitem und Fussgängem, von Kaufleuten und Kriegern, 
Derwischen und Gelehrten . . . 

Eine interessante Episode in der Geschichte des islamiti- 
schen Merw bildet das Auftreten Mokannas, des »verschleierten 
Propheten von Chorassan«, welcher durch fünfzehn Jahre 
das Land beunruhigte. Er trug sein Antlitz stets mit einem 
grünen Schleier, nach Anderen mit einer goldenen Larve 
verhüllt, daher sein Name Mokanna, der Verschleierte. Seine 
Anhänger Messen Seffldschamegan , die Weissgekleideten. 

Was Mokanna in seinen Lehren verkündete und ob er 
im Allgemeinen gewisse Dogmen aufstellte, darüber ist nichts 
bekannt. Vambery, welcher über den Lebensgang Mokannas 
in seiner monumentalen Geschichte von Bochara ausführlich 
berichtet hat und auf den ich mich hier stütze, meint: 
aus den Kundgebungen des verschleierten Propheten 
könnte man die Vermutung gewinnen, dass er die 
Lehre der Inkarnation zu verbreiten beabsichtigte und dass 
aus ihm der Einfluss sowol indischer, als auch altpersischer 
Eeligionsbegriffö heraussprach. Ein Merwer Schriftsteller 
Narschachi, welcher drei Jahrhunderte nach Mokanna ge- 
lebt, behauptet, dass die Anhänger desselben sich aller Ge- 
bete und frommen Handlungen enthalten, Weibergemeinschaft 
geübt und das Töten eines Mohammedaners als das gott- 
gefälligste Werk betrachtet hätten. 



j 



Die transkaspische Steppenbahn. 155 

Mokanna oder Haschim bin Hekim war ans Geze im 
Merwer Gebiet gebürtig und hatte sich' bereits in frühester 
Kindheit durch seltenen Scharfsinn und grosse Kenntnis in 
Geheimkünsten und Geheimwissenschaften bemerkbar ge- 
macht. Zur Eegierungszeit des Ebu Muslim, welcher in 
der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts unserer Zeit- 
rechnung als Vasall der Chalifen in Merw residirte, trat er 
mit der Behauptung seiner prophetischen Sendung auf; doch 
verhielt er sich bei Lebzeiten des genannten Eegenten, 
welcher sich von einem Riemerlehrling zu einem der ersten 
Herrscher seiner Zeit aufgeschwungen, vollkommen ruhig und 
versteckt, und erst nach Ebu Muslims Tode, als im Lande 
Unruhen ausbrachen und Streitigkeiten der Regierenden die 
Ordnung lockerten und lösten, erachtete er seinen Moment 
für gekommen. 

Und er ging unter das Volk und verkündete in stolzen 
Phrasen seine Religion. Aber man verspottete ihn. Und der 
neue Prophet wurde respektlos nach Bagdad geschleppt und 
dort eingesperrt. Auf rätselhafte Weise gelang es ihm zu 
entkommen, und er nahm nun wieder in der Umgegend von 
Merw seinen Aufenthalt, fand anfangs auch viele Gläubige, 
konnte jedoch, keinen festen Fuss fassen und begab sich da- 
her schliesslich in eine zu Kesch — heute Schehri Sebz — 
gehörige, auf dem Berge Sam oder Sanam gelegene Festung. 
Hier soll er sich durch vierzehn Jahre lang ununterbrochen 
aufgehalten und von da aus durch einen »Stellvertreter« den 
Religionskrieg, den er in Mittelasien entfacht, geleitet haben. 
Während Mokanna sich in strengster Verborgenheit hielt, 
kämpfte der Stellvertreter im Namen des verschleierten 
Propheten, welcher sich auch Gott nennen liess, für die 
heilige Sache. 



156 Die transkaspische Steppenbahn. 

• 

Die Zahl der Bekehrten wuchs immerfort, und die neue 
Lehre gewann noch mehr durch die Unterstützung der 
Türken, deren Islamtum damals keineswegs felsenfest war 
und welche die ihnen gebotene Gelegenheit zum Eauben 
gern wahrnahmen. Und nun beherrschte Mokannas Macht 
durch lange Jahre jene Gegenden. Seine Truppen überfielen 
die Dörfer der Eechtgläubigen, zerstörten die Moscheen und 
machten die Bewohner zu Sklaven oder mordeten sie er- 
barmungslos. 

Aber endlich war der Stern Mokannas im Niedergang. 

In einem heftigen Kampfe mit den arabischen Truppen 
fiel »der Stellvertreter Gottes« und die Weissgekleideten, 
ihres Feldherm beraubt, wichen auseinander. 

Nun zog der Statthalter von Chorassan Muaz bin Mus- 
lim, welcher sich mit dem wegen seiner Tapferkeit berühmten 
Emir von Herat, Said ul Harischi, vereint hatte, mit einem 
gewaltigen Heere gegen Mokanna selbst, um ihn in seinem 
Schlupfwinkel zu überfallen. 

Hier hatten sich 50000 Weissgekleidete zum Schutze 
ihres Gottes versammelt. Um sich für die bevorstehenden 
schweren Stunden zu stärken, begehrten sie endlich einmal 
das Antlitz des Erhabenen zu schauen. Er aber, »der Herr 
aller Welten«, mochte ihnen die Bitte nicht erfüllen und 
sandte ihnen einen Boten und Hess verkünden: 

»Vernehmet meine Diener, dass auch Musa mein gött- 
liches Haupt unverhüllt sehen woUte, jedoch die Strahlen 
meines Glanzes nicht aushalten konnte. Denn den Erd- 
geborenen tötet mein Anblick.« 

Die Weissgekleideten schworen aber hoch und teuer, 
dass ihnen selbst die Opferung ihres Lebens leicht fallen 



Die transkaspische Steppenbahn. 157 

würde, könnten sie des gewünschten Glückes nur einmal 
teilhaftig werden. 

Da der verschleierte Prophet durch längere Weigerung 
den Unmut seiner Diener zu erwecken fürchtete, versprach 
er, ihre Bitte zu erfüllen und sich ihnen in unverhüllter 
Herrlichkeit zu zeigen. Er berief seine Gläubigen für den 
Abend vor das Festungsthor. Hier stellte er alle seine 
Weiber mit Spiegeln in den Händen auf, und die Strahlen 
der versinkenden Sonne reflektirten in den Spiegeln, und als 
vom Wiederscheine Alles ringsum in hellem Glänze erstrahlte, 
liess er die Thore öffnen, und das hinausflutende Licht 
blendete die Augen der draussen harrenden Gläubigen der- 
artig, dass sie in den Staub sanken und demütig riefen: 

»0 Gott, genug für uns von dieser Herrlichkeit ! Wenn 
wir mehr sehen, erblinden wir . . .« 

Und die Thore der Festung schlössen sich wieder, und 
die Weissgekleideten erhoben sich, gestärkt zu neuem 
Xampf . . . Ach, und sie brauchten Mut und Geduld und 
Vertrauen zu ihrem Gott, denn der nun herannahende Feind 
war von ungeheurer Uebermacht. 

Muaz sandte zuerst einen Boten an Mokanna und bot 
ihm friedliche Lösung an. Der Prophet aber wies dies An- 
erbieten stolz zurück, und der Kampf begann. 

Die Mohammedaner konnten die Festung nicht im ersten 
Sturm erobern. Die Belagerung zog sich in die Länge, 
dauerte Wochen, Monde, Jahre. Als endlich aber Kizum, 
der Bruder Mokannas und jetzige Befehlshaber der gött- 
lichen Herscharen mit 30 000 Weissgekleideten den Feinden 
in die Hände fiel und gleich darauf auch die Besatzung der 
äusseren Festung, welche aus den treuesten Anhängern des 
verschleierten Propheten bestand, von bitterstem Hunger 



158 Die transkaspische Steppenbahn. 

gepeinigt, sich ergeben mnsste — da waren Mokannas Tage 
gezählt . . . 

In diesen Tagen, als der Prophet sich von seinen Ge- 
treuen verlassen sah nnd keine HofEhnng anf Eettnng mehr 
hatte, versammelte er alle seine Weiber zu einem Zech- 
gelage und kredenzte ihnen Wein, in welchen er schon früher 
heimlich Gift gemischt. Und alle tranken und starben eines 
sofortigen Todes — bis auf Eine, namens Banuka, welche 
Mokannas That bemerkt und den Wein statt in ihre Kehle 
in ihren Busen geschüttet hatte und nun als Scheintote da- 
lag und so Zeugin der letzten Momente des Gottes ward. 

Mokanna, der Alle tot glaubte, stürzte sich jetzt in 
einen drei Tage hindurch erhitzten Ofen, in welchem er 
spurlos verschwand . . . 

Banuka wartete vergebens auf die Wiederkehr Mokannas. 
Da erhob sie sich, sperrte das Festungsthor auf und übergab 
die Zitadelle samt allen Eeichtümem und Wunderh|ilfsmittelii 
des Gottes dem Feinde, aber gegen eine angemessene Be- 
lohnung. Sie soll 10 000 Aktsche (2000 Francs) bekommen 
haben. 

Der glückliche Ausgang des durch fünfzehn Jahre ge- 
führten Kampfes erweckte überall im Lande Freude, und die 
noch übrig gebliebenen verstefckten oder offenen Anhänger 
Mokannas wurden arg bedrückt. Doch soll es noch mehrere 
Jahrhunderte später — 512 oder 1128 — vereinzelte Weiss- 
gekleidete gegeben haben. 

Nach Mokannas Tod kehrte in Merw keineswegs der 
Friede ein. Fortwährende Bürgerkriege durchwühlten das 
Land, entkräfteten das Volk. Jedes erquickende Bild ward 
wie mit einem eisernen Besen jählings wieder hinweggefegt, 
um grauenvollen Scenen Platz zu machen, und da, wo einst 



Die transkaspische Steppenbahn. 159 

Laute des Friedens, Worte der Wissenschaft, des ruhigen 
Handels und fröhlichen Wandels ertönt, war nun ein Orkan 
wüster Stimmen entfesselt. Die Blüte der Kunst, welche 
ehemals im Diadem der »Weltenkönigin« eine herrliche Zier 
gewesen, lag vom rauhen Kriegssturm entblättert im Staube, 
und das heitere Leben, das in frischen Strömen das Land 
durchzogen, war in ein Meer von Thränen und Blut ver- 
wandelt. Und überall, wohin man den Blick wandte, ge- 
wahrte man rauchende Trümmer, und überall, wohin das 
Ohr angstiich lauschte, vernahm man Fluch und Gestöhn, 
Pferdestampfen und Schwertgerassel . . . 

Im Jahre 933 rissen die Bocharen die Hegemonie Mittel- 
asiens an sich und auch Merw unterlag ihrer Macht. 

Zwei Jahrhunderte später nahte aus der Gobiwüste jener 
entsetzliche Orkan, welcher über die ganze alte Welt ver- 
heerend zog: unter Staubwolken und Feuergarben kam mit 
seinen blutdürstigen Horden der ;> schon mit bluttriefender 
Hand geborene« Mongolen-Chan Dschengiz, der grosse Welt- 
verwüster, dahergebraust. Die Erde ward ihm unterthan, 
ihm gehorchten alle Länder vom Ostozean bis zam baltischen 
und adriatischen Meere, von den Palmenhainen am unteren 
Indus und am Euphrat bis zu den Eisgefilden Sibiriens, und 
tiberall, allüberall ragten Pyramiden von Menschenknochen, 
die er gehäuft . . . 

Auch die Mauern des alten Merw erzitterten vor seinem 
Ansturm. Mutig leisteten die Bewohner Widerstand und 
harrten durch 22 lange bange Tage aus. Dann aber, von 
Not und Hunger gepeinigt und von Uneinigkeit entkräftet, 
beschlossen sie, sich zu ergeben. 

Sie sandten einen angesehenen Mann mit reichen Ge- 
schenken, vielem Geld, prächtigen Gewändern, zahlreichen 



162 Die transkaspische Steppenbahn. 

wenige Häuser xmd Hütten blieben noch stehen und dienten 
als Gefängnisse für Deportirte. 

Seit Anfang unseres Jahrhunderts gehörte das Gebiet 
von Merw abwechselnd zu Bochara und Chiwa, bis 1846 
die Tekke-Turkmenen die letzte chiwenische Besatzung über- 
fielen und ermordeten. Die Tekkes bauten darauf unweit 
des alten Merw eine neue Festung, Kauschud-Chan-Kala. 

Nach dem Sturz Geok-Tepes fanden es die Tekkes für 
angezeigt, sich 1884 »freiwillig« unter russischen Schutz zu 
stellen. 

Dies kam Keinem unerwartet, der die mittelasiatischen 
Verhältnisse und besonders Eusslands Beziehungen zu den 
Ländern am Oxus mit aufmerksamem Auge verfolgte. Schon 
Peter der Grosse hatte zärtliche Gelüste für jene Gebiete 
gehegt, und vor allen mochte ihn die Oase von Merw, welche 
inmitten von Wüsten und Salzsteppen in reicher Blüte 
prangt, ordentlich gereizt haben. Und der grosse kluge 
Peter sandte Böten an die damaligen Herren von Merw und 
schloss mit ihnen 1713 ein Bündnis; seine Absicht ging da- 
bei dahin, sich mit List oder Gewalt des »verbündeten« 
Staates zu bemächtigen. Aber es geschah nicht gleich nach 
dem Herzen des grossen Zaren, welcher sich stets so sehr 
nach dem Meere gesehnt, ob es nun Ostsee oder Pontus 
Euxinus, Persischer Busen oder Indischer Ozean hiess . . . 
Erst beinahe hundert Jahre später, 1803, nahm der Abdal- 
stamm der Turkmenen das erste russische »Schutzdokument« 
entgegen — und nun regnete es solche zu Dutzenden. 1811, 
1813, 1820, 1837, 1840 und 1856 erneuerte sich das stiUe 
heimliche »Bündnis«. Freilich war es vorläufig immer nur 
von kurzer Dauer, und die russischen Soldaten, welche mehr- 
fache Versuche gemacht, sich in Transoxanien, besonders in 



Die transkaspische Steppenbahn. 163 

der Merw-Oase, festzusetzen, mussten kläglich jedesmal wieder 
abziehen. Darob grosser Aerger und Verdruss im Winter- 
palast an der Newa. Endlich, endlich glückte es dem Zar- 
Befreier, in Merw-Turkmenien anständige Erfolge zu er- 
ringen. Die völlige Besitznahme des Landes blieb Alexander 
dem Dritten vorbehalten, welcher 1884 von den Tekkes 
um die Gnade des russischen Jochs angegangen wurde — 
eine Gnade, die er gern und sofort gewährte. 

Das neue Merw — die Festung Kauschud-Chan-Kala — 
besteht erst seit 1860 und war bis vor wenigen Jahren ein 
geförchtetes Räubemest, ist jetzt aber zu einem Kreuzungs- 
punkt friedlicher Karawanenzüge, zu einem der wichtigsten 
Zentren mittelasiatischen Handels geworden. 

In den Strassen, welche zum Teil sogar gepflastert und 
mit Laternen versehen sind, erheben sich neben den mit 
Zeltleinwand überdeckten Holzbaracken und Lehmhütten der 
Eingeborenen grosse europäische Bauten aus Ziegelsteinen 
mit Glasfenstem und Steintreppen und reizenden Garten- 
anlagen. Und auf dem Marktplatz wogt ein lebhafter Ver- 
kehr, wie fast in den Bazaren von Tiflis, in den Kauf- 
häusern von Moskau und Petersburg, von Kasan und 
Nishny-Nowgorod. 

Hinter Merw befindet sich die berühmte Brücke über 
den Amu Darja, welche ganz aus Holz gebaut ist und auf 
3000 Pfeilern ruht. Bei mittlerer Geschwindigkeit dauert 
die Bahnfahrt über dieselbe 15 Minuten. 

Sechsundzwanzig Werst von der Festung Kauschud- 
Chan-Kala liegt die Station Beiram Ali mit den Euinen des 
alten Merw. 

Kein Laut mildert die Stille der Wüstennacht. 

11* 



164 Die transkaspische Steppenbahn. 

Grenzenlos dehnt sich vor mir das Trümmerfeld, und 
tiber die phantastischen Formen zuckt fast furchtsam das 
graugelbe Mondlicht. 

Von unheimlichem Zauber gebannt, schreite ich näher 
und näher, und über halbzerfallene Stufen dringe ich ins 
Innere ein. 

Schutt über Schutt, Euinen an Ruinen, eine Kultur- 
geschichte auf der anderen! . . . 

Hier und da ragt noch ein Tempel mit geborstenen 
Wänden. Vor den mosaikverzierten Portalen halten Stein- 
kolosse die Wacht, und an den schwanken Säulen leimen 
wie im Todeskrampf rätselhafte Statuen. Drohend hängen 
die Gewölbe der Decken herab und in den Nischen prangen 
Schriftzeichen und Bilder. 

Matt sinke ich auf einen Marmorblock nieder. Es ist 
der Grabstein eines grossen Herrschers. Was blieb von 
ihm ? Und was von all den Königen und den Nationen, die 
hier gelebt, gekämpft, geherrscht, gestorben? 

Vermodert sind sie. Hire Asche zerstreut der Wüsten- 
wind in alle Gegend. Millionen Wesen sind in Atome auf- 
gelöst, und sie und ihre Thaten, die einst die ganze Welt 
aus den Fugen zu reissen drohten, sind vergessen, ver- 
gessen — 

Nur auf der einen oder anderen Seite gedenkt die Ge- 
schichte flüchtig ihrer. Ich schlage diese Seiten auf, und 
aus den knappen Skizzen gestalten sich mir die Büder alter, 
uralter Zeiten . . . 

Erst langsam und lose, dann immer klarer und fester 
erhebt sich vor meinem staunenden Auge die ehrwürdige 
reine gesegnete Feste des Ormuzd in ihrer ersten Jugend- 
blüte. Die Erde ist voller Wonnen und die Menschheit 



11 



Die transkaspische Steppenbahn. 165 

sorglos selig. Noch trübt ihr Herz und ihren Geist kein 
falscher, unverstandener Glaube. Des Lichtes hehre Lehre 
strahlt ihnen auf der Bahn des Lebens, erhellt die schlichten 
Hütten, begleitet sie bei der friedlichen Arbeit und erquickt 
sie im Tode . . . 

Das Blatt wendet sich: Jahrhunderte, Jahrtausende sind 
entschwunden ! 

In der Wüstenoase, wo einst nur ein kleines Dorf ge- 
standen, dehnt sich eine mächtige Stadt, deren Umfang ein 
halbes Hunderttausend Fuss fasst und deren ganzes Weich- 
bild mit einer zwanzigmal so grossen Mauer umgeben ist, 
um sie vor den häufigen Raubeinfällen der Nachbarn zu 
schützen. Lautes Leben wogt in ihren Strassen, und alte 
Märchen werden wach, und sagenhafte Gestalten schreiten 
stolz einher. Da sehe ich wieder den Perser Kyros und 
den grossen Makedonier Alexander und den Antiochus Zoter, 
den Ebu Muslim und die Weltverwüster Dschengiz und 
Timur . . . 

Ein kühler Windhauch streicht mir über Stirn und 
Wangen und weckt mich auf aus meinen wachen Träumen, 
und gleich nächtigen, plötzlich verscheuchten Vögeln ent- 
schwinden die Büder der Vergangenheit. 

Morgennebel lagern dicht um mich, und in den Wogen 
des Sandes, die mir zu Füssen branden, sehe ich nur die 
Trümmer der Stadt, die hier einst gestanden. 

Um die Altäre schallt statt Kriegsgeschrei und Siegs- 
gesang höhnisches Krächzen der Eule, zwischen den zer- 
fallenen Arkaden schleicht die Hyäne raubsuchend dahin, 
aus den Königsgräbem ringeln sich Schlangen empor. Ab- 
gründe Mafien zu allen Seiten, und unheimlich klingt das 
Steingeröll, das unter meinen Schritten in ihre Tiefen sinkt. 



166 Die tranBkaspische Steppenbahn. 

In den Nischen re^ert stolz die Spinne, aus den Hallen 

eines einstigen Prachtpalastes dringt GrabesBchaner hervor, 

ans jedem Winkel, jedem Spalt grinst höhnisch der Tod . . . 

Durch die Moi^en^Lmmenmg blitzen plötzlich zwei 

schwache kleine Pünktchen, so klein wie Stecknadelköpfchen. 
Und wie ans fernen, endlos fernen Welten tönt zn mir ein 
Eanschen, seltsam verworren nnd dumpf. Dann wird Beides 



Merw-Ruicen, 

deutlicher — das Licht und der Laut. Und Beides kommt 
näher und i^ier. Die Pünktchen werden heller und grösser 
— faustgross. Und der Ton wird stärker und regelmässig 
wie das Ticktack einer Riesenuhr . . . 

Lant imd Licht — Beides erscheint mir bekannt, wo habe 
ich es nur gesehen und gehört — oft gesehen und oft gehört? 

Tick tack, tick tack . . . 

Hit einem Male ein schriller langgezogener Pfiff ! Nun 
weiss ichs — dies ist der Pfiff einer Lokomotive ! Aber ist 
es möglich — eine Lokomotive, hier im innersten Asien? . . . 



Die transkaspische SteppeDbahn. 167 

Und schon zieht pustend und keuchend ein Eisenbahnzug 
vorüber . . . Ueber die Trümmer der Vergangenheit braust 
triumphirend die siegreiche Neuzeit . . . 

Der Tag ist angebrochen, das Dunkel wie durch einen 
Sturm plötzlich hinweggescheucht, und heiss ruhen die Sonnen- 
strahlen auf der Gegend. 

Noch einen letzten Blick auf das wundersame Trümmer- 
feld will ich richten. 

Hier ragt ein quadratisches Bauwerk empor ; mehrere Eck- 
spitzbogen, eine Kuppel, eine hübsche, buntfarbige Galerie und 
Arkaden zeugen von einstiger Pracht. Dort liegt vor zerfallenen 
Bogenhallen mit hohen Fassaden ein grosses Grab aus licht- 
grauen Marmorsteinen. Und noch einige Grüfte und Mausoleen 
und zerschmetterte Kuppeln und Gewölbe — und das ist 
Alles, Alles, was von der Stadt des Zoroaster und des An- 
tiochus und von der Weltenkönigin der Araber übrig- 
geblieben . . . 

Von Merw bis Bochara und von da bis Samarkand hört 
man oft die Sprache der Vergänglichkeit, der Weg geht 
jetzt fortwährend über Ruinen. 

Wenn wir Tschardschuy , die Grenzstation zwischen 
Transkaspien und dem Emirat Bochara, hinter uns haben, 
gleiten wir über eine häufig zerstörte und wiedererrichtete 
Brücke über den Amu Darja, welcher hier 4 Kilometer breit 
ist. Die jüngste Ueberbrückung dieses auf der Pamir ent- 
springenden und nach einem Lauf von 2200 km in den Aral- 
See mündenden Flusses hat 250000 Eubel gekostet. Um 
das einen halben Tag in Anspruch nehmende Oeffnen der 
Brücke zu vermeiden, falls Dampfer oder Bote durchfahren 
wollten, gehen von beiden Seiten der Brücke Schiffe strom- 
auf und stromab — bis Kungrad, oberhalb Chiwa, und bis 



168 Die tränst aepiache Steppeubabn. 

Kilif an der bocharisch-afgrhanischea Grenze — and PasBa- 
giere und Güter werden in Tschardschny nm^laden. 

Nun sind wir im Gebiet des Emirs yon Bochara'; dessen 
Herrsebertage wol auch gezählt sind. Wir halten in seiner 



Der Emb von Bochara. 

Besidenz, genannt iDie Edle<, die »Stadt der Tempel«, die 
>Stütze des Islamst:, die so reich ist an seltsamen Alter- 
tümern und wunderbaren historischen Erinnerungen, aber 
nicht minder an Sclunntz und Lasterhaftigkeit 

In die fernste Vergangenheit reicht die Geschiclite von 
Bochara-al-scherif, dem edlen Bochara, znrfick. Sieber ist 



Die transkaspische Steppenbahn. 169 

nach Gibbon, dass es schon zur Zeit des Kaisers Justinian 
in Mawera-un-Nuhr — zwischen Oxus und Jaxartes — einen 
Chachan oder Kaiser der orientalischen Türken gegeben, 
welcher von Nuschirwan gestürzt ward. Von da ab herrschten 
in Mittelasien persische Easse und Sprache, bis im achten 
Jahrhundert die Araber kamen. Auf die Statthalter der 
Chalifen folgten die Eegenten aus dem Hause des Seldschuk, 
dann die Uiguren, die Charezmer, die mongolischen und 
tatarischen Welteroberer, Dschengiz-Chan und Timur, und 
die Fürsten aus dem oezbegischen Hause Scheibani; der 
grösste der Letztgenannten, Abdullah-Chan, geboren 1533, 
der seine Eesidenz und sein Land mit vielen nützlichen und 
schönen Einrichtungen und Bauten beschenkte, war der erste 
bocharische Emir, welcher mit Eussland — damals unter 
Iwan dem Schrecklichen — Handelsbeziehungen anknüpfte. 
Dem Abdullah-Chan folgte bald die aus dem Chanat Astrachan 
vertriebene schwächliche Familie der Astarchaniden und 
dieser, als ihre Macht 1737 durch Nadir-Schach gebrochen 
worden, die blutgierige Famüie der Mangiten. Deren erster 
Fürst, ein jählings auf den Thron gelangter Derwisch, zer- 
störte Merw und ernannte einen Eeis-i-Scheriat, einen Wächter 
der Eeligionsgesetze, welcher in Begleitung von Peitschen- 
trägem durch die Strassen seiner Hauptstadt zog und die- 
jenigen zu Tode prügeln liess, welche nicht gei^ug religiös 
erschienen oder Wein tranken und Tabak rauchten. Dieses 
edlen Fürsten würdig war sein Enkel, der berüchtigte Nass- 
ruUah-Bahadir, welcher die Engländer Conolly und Stoddart 
martern und ermorden liess und alle Fremden, welche seine 
Eesidenz zu betreten sich erkühnten, mit einem schrecklichen 
Ende bedrohte, ümsomehr ist der Mut zu bewundem, mit 
welchem der Missionär Wolff, ein geborener Jude, der Vater 



170 Die transkaspische Steppenbahn. 

des jetzigen bekannten Diplomaten Sir Henry DnumnondWolff, 
sich in die Höhle des Bluttyrannen wagte. Nach ihm musste 
noch 1863 der grosse Ungar Vambery, als Hadschi ver- 
kleidet, heimlich die Stadt betreten. Wenige Jahre später 
aber war die Macht der Emire von Bochara durch russische 
Bajonette gebrochen, und heute erhebt sich in nächster Nähe 
des Palastes, in welchem der wahrscheinlich letzte Emir 
Muzzaffer-ed-din residirt, das Gebäude der russischen 
Possolstwo oder Gesandtschaft, welche in Bochara minde- 
stens ebensoviel zu sagen hat als der Landesfnrst, und deren 
ganzer Bedarf an Speise, Trank und Wohnung, ja sogar 
an Wagen, Pferden und Dienerschaft vom bocharischen 
Staate bestritten werden muss, was demselben mehr als 
20 000 Eubel jährlich kostet. Selbstverständlich ist nun der 
Verkehr von Europa nach Bochara mit weit weniger Schwierig- 
keiten verbunden als früher, und die Zahl der Eeisenden, 
welche als Forscher oder Kaufleute, oder einfach als 
Touristen dorthin ziehen, mehrt sich von Jahr zu Jahr. 

Kommt man nach Bochara mit der transkaspischen 
Bahn, so hat man von der Station zur Stadt noch einen 
kurzen Ritt durch die sogenannte Gräberstrasse zurück- 
zulegen — vorbei an zahllosen niedrigen Erdhügeln, auf 
denen Stangen und Stöckchen stehen, mit allerlei bunten 
Lappen, zuweilen auch mit Pferdeschweifen behängt. Mancher 
Hügel ist von beutesuchenden Schakalen aufgerissen und da 
ragt eine Hand, dort ein Fussknochen oder ein zertrümmerter 
Schädel hervor . . . Man denkt unwillkürlich an Weresch- 
tschagins mittelasiatische Schädelpyramide . . . Vorüber, 
vorüber . . . 

Endlich stehen wir vor den altertümlichen, mit zahl- 
reichen Türmen, Zinnen und Schanzen versehenen Mauern 



Die transkaspische Steppenbahn. 171 

der Stadt, welche nach Angabe der Eingeborenen zwei 
Millionen Seelen haben soll, in Wahrheit aber bloss hundert- 
tansend zählt, auf einem Areal von knapp 8 qkm. 

Mehrere hundert Moscheen und Medressen lassen bald 
erkennen, dass man sich im ehemaligen ;» Stützpunkt des 
Islams« befindet. Die meisten Bethäuser und Schulen sind 
heute zerfallen, nur etwa 80 Moscheen und 100 Medressen 
stehen noch in Grebrauch. Bazare besitzt Bochara eine Un- 
menge, femer 38 Karavanserais und 16 öffentliche Bäder. 

Die Strassen und Gassen, welche nicht besonders be- 
nannt werden, sondern nur den Namen ihres Stadtteils 
tragen, sind unbeschreiblich eng und schmutzig, haben oft 
nur einen oder zwei Meter Zwischenraum, so dass die Karren 
und selbst die Fussgänger stecken bleiben. 

Die Wohnhäuser entsprechen nicht im Entferntesten 
europäischen Begriffen, sie sind meist farblose kahle Lehm- 
klumpen, nur selten erhebt sich eiu besserer Privatbau. Da- 
gegen sind die Moscheen und Medressen, auch die alten und 
minenhaften, reich an reizender Architektur, an köstlichen 
Ornamenten, an farbenprächtigem Zierat der Hauptthore, 
der Wände, der Kuppeln. 

Die Enge der Gassen treibt die Bocharen auf die vielen 
freien, meist mit Teichen und Gärten umgebenen Plätze, 
besonders auf den Rhigistan. Zwei Seiten desselben werden 
von fünf Moscheen und Medressen eingenommen, eine dritte 
Seite aber von einem Teich, an welchem die Faullenzer 
lagern. Hier spazieren auch die Batschas oder Tanzknaben, 
welche in Bochara die weibliche Halbwelt ersetzen. 

Nahebei befindet sich eine Theestube; durch die offene 
Thür schaue ich von hier aus auf den Teich und sehe den 
Leuten zu, die im schlechten, schmutzigen Wasser ihre Hände 



172 Die transkaspische Steppenbahn. 

und Fasse waschen, mit demselben Wasser aber auch ihren 
Mund ausspülen und ihren Durst löschen. Die Folge solcher 
Unreinlichkeit sind fortwährende Krankheiten. Im Winter 
1888 bis 1889 herrschte hier eine Diphteritis-Epidemie, 
welche an manchen Tagen 700 Opfer forderte. Die ge- 
wöhnlichste Krankheit, welche durch das elende Trinkwasser 
in Bochara erzeugt wird, ist die Filaria medinensis, dort 
Eischta genannt. Sie entsteht durch einen zylindrisch ge- 
formten Wurm, welcher sich im Mai und August unter der 
Haut entwickelt, wöchentlich um etwa 2,5 cm an Länge 
zunimmt und entweder ausgestreckt oder zu einem Haufen 
von 5 cm Dicke zusammengeballt liegt. Die Barbiere sind 
sehr geschickt in der Heilung dieser Krankheit; sie pflegen 
eine Nadel unter den Wurm einzuführen — derselbe bildet 
an der äusseren Haut einen Abszess — und drücken ihn 
mit den Fingern in einer zwei bis fünf Minuten andauernden 
Operation heraus. Der Wurm hat eine Länge von einem 
bis zwei Metern. Zerreist er und bleibt ein Theil in der 
Wunde zurück, so zieht sich die Krankheit leicht monate- 
lang hin, doch nimmt trotzdem der Bochare immer nur die 
Hülfe des Barbiers in Anspruch, zu europäischen Aerzten hat 
er als zu Ungläubigen geringes Vertrauen. Es gibt natür- 
lich auch mohammedanische Doktoren; die heilen zumeist 
aber nur mit — Koransprüchen, was bloss problematische 
Wirkung haben soll. 

Eine Hauptsehenswürdigkeit ist der Ark, der Palast des 
Emirs. Mit nicht gerade wohligen Gefühlen schaue ich zu 
diesem unheimlichen uralten Bauwerke auf, in dessen Kerkern 
gar mancher Europäer ein elendes Ende gefunden. Hohe 
kahle graue Mauern, rechtwinkelige Türme, Gralerien und 
Terassen bilden die Hauptfront. Hier prangt die Uhr mit 



Die transkaspische Steppenbahn. 173 

dem grünen Emailzifferblatt, dem Ueisterwerk des italienischen 
Uhnnaehera Giovanni Orlando, welchen Emir Nassmltah 1851 
ermorden liess. Die Wanderlust hatt« den Orlando bewogen, 
von seinem schönen Vat«rlande nach dem fernen sagen- 
umwobenen Chokand zn ziehen. Bei der Erstünnnng dieser 
Stadt durch die Bocharen fiel er in die Hände Nassmllahs. 



Palast des Emirs. 

Eine Zeit lang wurde er von Letzterem gut behandelt 
und als bocharischer Hofuhrmacher verwendet; doch als 
einmal im Räderwerk der Uhr des Tyrannen eine Störung 
eintrat, wnrde Orlando herbeigerufen, und als er nicht gleich 
zn helfen vermochte, wurde ihm selbst das Räderwerk seiner 
. Lebensulir jah zum Stehen gebracht. 

Gegenüber der Burgfassade steht die bocharische Hanpt^ 
wache: Infanteristen und Kavalleristen in roten Jacken, 
ledernen Hosen, Juchtenstiefeln und Lammfellmiitzen ; Ar- 
tilleristen in blanen Rücken mit rotem Kragen; alte zer- 



174 Die transkaspische Steppenbahn. 

\ 

brochene Geschütze, daneben neue Flinten, blitzblanke Säbel 
nnd Lanzen. 

Unfern dem Palast erhebt sich die grosse Moschee, auf 
einer Terasse, 30 Meter hoch. Die Vorderseite ist mit ver- 
glasten Steinen omamentirt ; einige sind herabgefallen, andere 
farblos und verwittert. Von dem Manari Kellan, dem grossen 
Minaret, welches 60 bis 70 m hoch ist, müsste man eine 
prachtvolle Aussicht haben; doch wird das Besteigen des- 
selben nicht gestattet, weil man dann in die Gemächer der 
Frauen hineinschauen könnte. 

Dies Minaret dient nicht bloss für den Muezzin, um die 
Gebetstunden auszurufen, sondern hat auch die Bestimmung 
einer — Eichtstätte: in stiller Nacht werden die Verur- 
teilten von hier hinabgestürzt . . . Obgleich die russische 
Gesandtschaft im Auftrage ihrer so humanen Regierung der- 
artige Barberei zu verhindern sucht, geschah diese Vollziehung 
der Todesstrafe im Sommer 1888 allein dreimal. 

Uebrigens sind die Beamten des Emirs in der Hinsicht 
nicht einseitig. Eine andere, allerdings etwas langwierigere 
Todesstrafe ist der Aufenthalt im sogenannten Wanzenloch, 
einer in der Burg befindlichen, 4 Meter tiefen und 2 Meter 
breiten Grube, wo Wanzen gezüchtet werden. Ein Ver- 
urteilter, der hier hineingeworfen wird, vermag unter den 
grässlichsten Qualen kaum den dritten Tag zu erleben. 

Kürzer ist das — sagen wir schaffotähnliche Verfahren: 
der Delinquent kniet nieder, ein Profoss hält seinen Kopf 
fest, ein zweiter seine Füsse, ein dritter aber schneidet ihm 
mit einem kurzen Messer einfach die Kehle durch . . . 

Aus dieser schauerlichen Betrachtung stört mich das 
plötzliche Gewühl von Menschenmassen. Es ist Freitag, der 
Euhetag der Mohammedaner. Vom Minaret erschallt der 



Die transkaspische Steppenbahn. 175 

Euf des Muezzins, und die Grläubigen strömen zum Gebet 
in die Moschee. Unwillkürlich werde ich mitgezogen und 
bin im Innern. Ein grosser, unbedeckter Hof von beinahe 
hundert Meter im Quadrat bildet den Betraum. Nach Be- 
hauptung der Eingeborenen sollen hier 10 000 Personen 
Platz haben, was aber unglaublich ist. Den Hof umgibt 
ein breiter, aus Backsteinen aufgeführter, gewölbter Gang 
mit zwei oder stellenweise drei Schiffen. Der englische 
Missionär LandsdeU nennt diesen Gang eine Eeihenfolge zu- 
sammenhängender Kolonnaden, welche ihn, weü sie »fünf 
Bögen oder Säulenhallen« haben, an das hebräische Bethesda 
in Jerusalem erinnerten. Vor mir, auf der dem Eingang 
gegenüberliegenden Seite erhebt sich der Pischtak, das 
Heiligtum, auf welchem der Mollah den Gottesdienst mit 
einem langgezogenen Tone eröffnet, worauf die Beter mit 
grösster Genauigkeit sich aufstellen, dann niederknien und 
wieder aufstehen, dabei leise ein Gebet murmelnd. Viele 
bleiben auf den Knieen liegen, in Gruppen von zweien und 
dreien, zuweilen auch einzeln. Unter den Knieen haben sie 
einen Bet-Teppich ausgebreitet. Da bietet sich ein Genre- 
bild: auf einem kostbaren Teppich, in prächtigem Seiden- 
gewande, kniet ein Reicher; daneben aber befindet sich ein 
armer Teufel, der aus Mangel an einem Bet-Teppich sein 
Kleid abgestreift hat und auf diesem kniet . . . Das Be- 
nehmen der etwa 800 Personen zählenden Versammlung 
war würdig und ruhig, ich hätte mich in einer weltabge- 
legenen stillen Klause glauben können. 

Ganz anders als im Innern der Moschee geht es auf 
dem freien, mit schattigen Bäumen bedeckten Platz vor der- 
selben zu. Hier finden sich Handelsleute ein, Faulenzer 
recken ihre Glieder im Grase, Gelehrte disputieren, dazwischen 



176 Die transkaspische Steppenbahn. 

« 

betet ein Frommer, der sich mit dem obligatorischen Gottes- 
dienst nicht genug gethan. 

Aehnliche Bilder, nur in noch grösserem Massstabe, 
bieten die Bazare, wo alle einheimischen Händler ihre Kauf- 
buden und Bureaux haben. Mit Persien, Indien, Afghanistan, 
China und besonders Eussland hat Bochara regen Handels- 
verkehr. Alljährlich wird aus Eussland für etwa 15 Millionen 
Eubel eingeführt und für ebenso viel dorthin ausgeführt. 

Der Import besteht in Eisen, Glas, Zucker, Porzellan, 
Leder und Kurzwaren; der Export in Baumwolle, Seide, 
Dännen, Schafwolle, getrockneten Früchten, Lammfellen 
und Teppichen. 

Die Kaufstände sind viereckige Nischen ohne Verschluss. 
Vorne hockt der Verkäufer, im Hintergrunde hängen und 
liegen bunt durcheinander die Waren. In jedem Laden wird 
nur ein einziger Artikel verkauft, und die Läden mit dem- 
selben Artikel befinden sich immer in je einer besonderen 
Gasse, so dass man in der einen nui' Bäckerläden, in der 
anderen nur Schuhläden trifft; da gibt es bloss Schneider, 
Fischhändler, Holzhändler, dort nur Verkäufer von Getreide, 
Salz, Holz oder Kohle; in einer Strasse leben Apotheker, 
Fruchthändler, Obstverkäufer, Schmiede, Mützenmacher, in 
einer anderen nur Silberarbeiter, Waffenerzeuger, Zelte- 
macher. 

Was das Herz sich wünscht, was der Sinn erdenkt, 
was der Mensch nur braucht zu seinem Leben, zu seiner 
Bequemlichkeit, zu seinem Luxus, jedes Erzeugnis Bocharas, 
aber auch jedes Erzeugnis Mittelasiens, Eusslands, Afghani- 
stans, Persiens und Indiens wird hier feilgeboten: Brot, 
Lichte, Brennöl, Mehl, Gerste, Dschugara-Mohrhii'se, Salz, 
Holzkohle, gestreiftes Baumwollzeug, echte und imitirte 



Die transkaspische Steppenbahn. 177 

Juwelen, Gold und Silber, Kupfer und Messing, Leder, Kleie, 
Medikamente, Eier, Milch von Kühen und Schafen, Pferde- 
geschirre, Taue, Gewebe, Stickereien, Zinnschtisseln, Thon- 
krüge, Obst, Zuckerwerk, Getreide, Goldrtiben, grünes 
Gemüse, Nosch-Blätterstaub für Zahnputzen, Pasteten, Seiden- 
waren, Schläuche, Porzellanwaren, Fett, rohes und gekochtes 
Fleisch, Seidenpapier, Schreibrohre, Tintenfässchen, Bücher 
und Manuskripte in allerlei bunten Einbänden, Glaskorallen 
und noch hunderterlei Dinge. 

Interessant sind die Geldwechsler, welche an den 
Strassenecken ihre Buden haben und alles fremde Geld 
gegen Tilla, Tengi und Pul einwechseln. 1 TiUa Gold ist 
gleich 20 Tengi Süber oder 64 Pul Messing. 1 Tilla Gold 
ist normal gleich 5 Rubel. Der Kurs ist aber fortwährend 
schwankend. 

An einer anderen Ecke werden bocharische Briefmarken 
verkajift — blaue prunkvolle Stücke, die erst seit zwei 
Jahren im Gebrauch sind. Ihre Herrlichkeit wird wohl nur kurze 
Zeit währen und bald wieder den russischen weichen müssen. 

Eine Landes-Spezialität bilden die Zelte, aus licht- 
grünem oder hellblauem BaumwoUzeug, innen mit schönen 
vielfarbigen Mustern aus Halbseide oder ebenfalls Baum- 
wolle. Ein solches Zelt, in welchem man zwei Betten be- 
quem unterbringen kann, kostet 50 Rubel. 

WafFenliebhaber finden in den Waffenhandlungen ganz 
prächtige Gewehre, alte Schwerter und Messer, Dolche mit 
türkisbesetzten Griffen, Lanzen mit seltsamen Verzierungen. 

Russische Waren sind in den Bazaren wenig zu sehen, 
die russischen Kauf leute — es sind vorläufig kaum zwei 
Dutzend russischer Firmen in Boch^wa vertreten — haben 
ihre Bureaux und Magazine in meist neugebauten Häusern. 

Bernhard Stern, Vom Kaukasus zum Hindukusch. 12 



178 Die transkaspische Steppenbahn. 

In den Strassen der Bazare kann man die Trachten 
aller Völker Mittelasiens studiren. Die Bocharen selbst 
haben Turbane, weite Chalate, Pluderhosen, hohe Schaft- 
stiefel mit spitzen Absätzen. Bocharische Frauen sieht 
man selten; sind sie jung und schön, so dürfen sie nur 
mit einem schweren Rosshaarschleier über dem Kopf, als 
unbehülf liehe Kleiderpäcke , dahinschleichen; sind sie alt, 
so dürfen sie wol unverschleiert gehen, das thun aber nur 
die Bettlerinnen, welche in den Seitengässchen am Boden 
kauern. Zahllos wie in jeder orientalischen Stadt sind auch 
hier die Bettler, man stolpert jeden Augenblick über sie. 
Aus der Menge heben sich die kräftigen Figuren der 
Afghanen in eigentümlicher Kleidung heraus. Auch die Juden 
fallen auf, sie sind immer noch sehr bedrückt und haben 
wol keine Aussicht auf Besserung, ob sie nun unter bocha- 
rischer oder russischer Regierung bleiben ; sie sind einer be- 
sonderen Kleiderordnung unterworfen, haben eine Art Czapka 
aus pelzverbrämtem schwarzen Atlas und den Gabardin oder 
Kaftan, ihr Kopf ist bis auf die Seitenlocken rasirt, um den 
Leib dürfen sie gesetzlich statt des Gürtels nur einen Hanf- 
strick tragen. Die jüdischen Männer und Frauen sind oft 
von verblüffender Schönheit, die letzteren gehen unverschleiert. 

Tausende und Abertausende erfüllen die Bazare. Das 
ist ein stürmisches Leben, das aller Beschreibung spottet. 
Mitten in diesem Getobe jedoch, mitten unter all den hin 
und her fahrenden Arbas, den stampfen den Rossen, den 
stöhnenden Eseln und Kamelen, den schreienden Käufern und 
Verkäufern, mitten in diesen engen schmutzigen Gassen be- 
findet sich etwas, was unter solchen Verhältnissen, in solcher 
Umgebung eben nur in Bochara existiren kann: eine Ele- 
mentarschule, eine Maktab . . . 



Die transkaspische Steppenbahn. 179 

In der Strasse erheben sich nämlich mehrere je 35 bis 
40 Centimeter von einander entfernte, 25 Centimeter hohe Holz- 
balken, neben denen 25 bis 30 SchtQer am Boden kauern, wobei 
die Balken ihnen als Tische für die Bücher dienen; die 
Schreibhefte aber halten die Schüler in der linken Hand, wäh- 
rend sie mit der Eechten schreiben, die Tintenfässer werden 
an den Gürteln getragen. In diesen Elementarschulen hen'scht 
keine Klasseneinteilung, der eine Schüler lernt laut die ersten 
Anfangsgründe, sein Nebenmann schreit nicht minder laut 
das vorgeschrittenere Pensum ab. Der Unterricht dauert 
von Morgens 6 bis Nachmittags 5, mit 2 Stunden Mittags- 
pause. Freitag ist keine Schule , Donnerstag nur bis 12. Die 
Lehrer an den Elementarschulen werden, wie LandsdeU erzählt, 
von den Bewohnern des Distrikts gewählt, in welchem sich 
eine solche »Schule« befindet. Als Gehalt bekommen sie von 
jedem Schüler 10 bis 50 Kopeken monatlich, ausserdem jeden 
Donnerstag einen Kuchen und allmonatlich noch einen Extra- 
kuchen mit Rosinen. Der Unterricht des Schülers beginnt 
mit einem Gebet; »Barmherziger Gott, erleuchte das Herz 
Deines Sklaven, Dein Sklave ist ein Muselmann, der danach 
dürstet, den Koran zu lesen, er fleht um Deinen Schutz, 
denn er hat viel gesündigt.« Dann lernt der Knabe das 
Alphabet, hierauf das Aldschad, das Auswendigwissen 
schwieriger Worte. Ist er so weit, so bekommt er einen 
ganzen Wochentag frei; den benutzt er dazu, um aus dem 
Eltemhause dem Lehrer ein Geschenk zu bringen. Nun- 
mehr beginnt das Koranstudium; sind einige Kapitel des 
heiligen Buches absolvirt, dann wird von dem Lehrer und 
den Kollegen des Schülers eine Dankprozession gebildet, 
welche bei den Verwandten des Knaben Geld und Kuchen 
für den Lehrer sammelt. Auch während des weiteren 

12* 



180 Die transkaspische Steppenbahn. 

Koranstudiums wiederholen sich diese Prozessionen. Der 
Koran wird in arabischer Sprache gelernt, nach diesem 
kommen auch persische Werke an die Reihe, und mit einigen 
Versen des Emir Nevai in türkischer Sprache endet ge- 
wöhnlich der Unterricht. Besonders Fleissige studiren auch 
noch die oezbegischen Gedichte Fasuls. Andere, welche 
Mirsa's oder Schreiber werden wollen, suchen sich im Schön- 
schreiben zu vervollkommnen. 

Nach Absolvirung der Maktab oder Elementarschulen 
ist man reif für die Medressen oder Hochschulen. Die letz- 
teren sind vornehmer ausgestattet als die wsteren, und haben 
oft berühmte und gut dotirte Professoren. 

Von den Maktabs ist noch zu bemerken, dass die Lehrer 
zumeist die Kinder in ganze Pension nehmen, bis sie die 
Schule beendet haben. Infolgedessen haben die Lehrer nicht nur 
für das geistige Wohl ihrer Zöglinge zu sorgen, sondern auch 
streng über ihr körperliches Befinden, ihr Betragen und ihre 
Sauberkeit zu wachen. An jedem Donnerstag schaut der Lehrer 
die Fingernägel der Knaben nach, sind dieselben nicht rein, so 
werden die Finger zusammengebunden, und ein Röhrlein von 
feinstem Bambus saust so lange auf sie nieder, bis der Lehrer 
diese Lektion für wirkungsvoll hält. Zuweilen kommt es vor, 
dass ein bocharisches Jüngerl die Schule schwänzt, um ein 
Stündchen auf den Naschmärkten der Bazare zuzubringen. 
Erfährt dies der Lehrer, so sendet er einige andere Knaben 
aus, die den Schwänzenden aufsuchen und ihn zur Schule 
schleppen. Hier legt man ihn auf den Boden, steckt seine 
Füsse in eine hochgezogene Schlinge und gibt ihm auf dem 
weichsten Teü seines Körpers die Bastonnade, wobei seine 
Häscher als Lohn ihrer Bemühung die ersten Schläge geben 
dürfen .... 



Die transkaspische Steppenbahn. 181 

Die Erziehung der bocharischen Mädchen ist gleich 
Null. Es gibt nur eine oder zwei Bibi-Kalfas, Mädchen- 
schulen, die aber fast gar nicht besucht werden. Die Frauen 
leben hier ganz abgeschlossen von der übrigen Welt. Des- 
halb gibt es hier gar keine geselligen Unterhaltungen, des- 
halb wird es mit Anbruch des Abends in Bochara totenstill. 
Nur einzelne Lämpchen und Laternen flackern durch die 
unbewegliche Nacht und leuchten den einsamen Wanderern, 
welche verstohlen in die verrufenen Theestuben der Batschas 
schleichen 

Kurz nur ist die Strecke von Bochara nach Samarkand. 
Nach einer Fahrt von 150 Werst, die zum Teil durch sehr 
fruchtbares Gebiet geht, verlassen wir bei der Station Kättä- 
Kurgan das Emirat Bochara wieder und sind wenige Stun- 
den darauf in Samarkand, dem alten Marakanda der Make- 
donier, dem reinen hellglänzenden irdischen Paradies der 
Araber, der einstigen Prachtstadt des weltstürmenden Timur. 




Samarkand das Wunderland. 



/, 






\ 



Der Zar von Asien. 



Von Zeit zn Zeit taucht das Gerücht aaf, der Kaiser 
von Rnssland wolle sich in der einstigen Hauptstadt des 
welt^türmenden Timnr zum Zaren von Asien krönen lassen. 

Ein Witz der Weltgeschichte : ein 

Alexander, der grosse Makedonier, war 
der älteste, historisch bekannte Herr- 
acher von Samarkand; ein Alexander, 
derEaiser aller Renssen, ist der jüngste. 

Ans den Wüsten, die rings mn 
das Thal des goldstrenenden Seraf- 
schan liegen nnd den Zugang zur hei- 
ligen Stadt jedem Fremden bis vor Timur. 
venigen Jahren unmöglich machten, 
brachen in alten Zeiten die weltgeisselnden Horden Mittel- 
asiens hervor; durch diese Wüsten führen heute russische 
Eisenbahnen nach der Wunderstadt. 

Und von ihr ans will Kaiser Alexander, gleichsam als 
Nachfolger des Samaniden Ismael, des Dschengizcban, des 
Timm- nnd des ScheiTiani, das Zartnm Asien gründen; und 
der Ort, wo durch Jahrhunderte hindurch das Machtwort 
chinesischer und arabischer, mongolischer und tatarischer, 



18i> Samarkand das Wunderland. 

persischer und oezbegischer Welteroberer erscholl, soll die 
Eesidenz dieses Zartums sein. 

Neben das europäische Petersburg, neben das halb- 
asiatische Moskau rückt das asiatische Samarkand als dritte 
Hauptstadt des mächtigen Slavenreiches ! . . . 

Alexander der Dritte, Kaiser aUer Eeussen, wird Zar 
von Asien. 

Dies ist kein utopischer Gedanke. Schon sind ungeheure 
Strecken des grössten aller Erdteile dem russischen Zepter 
unterworfen. Immer weiter und weiter, ohne Aufsehen, ohne 
gewaltige Krieg.e zu erwecken, dehnt sich die zarische Macht. 

Der schwächliche Emir von Bochara ist bereits ein 
blosser VasaU des Kaisers von Russland. Vom heiligen 
Blumenreich der Mitte fällt eine Provinz nach der anderen 
an den unersättlichen Nachbar. In Persien nagt und nagt 
der Zahn des russischen Bären verderbenbringend an den 
bröckelnden Fundamenten des Reiches. Das arme, von 
ewigen Bruderkriegen durchwühlte Afghanistan bebt vor 
einem Anprall des Riesenkolosses. Und mit dem unaus- 
bleiblichen Untergang Afghanistans ist der Weg nach dem 
englischen Indien frei, nach welchem seit Peter dem Grossen 
alle russischen Herrscher zärtlich begehrend schielten, bis 
nun Alexander der Dritte hart an den Grenzen des ge- 
segneten Landes steht ... 



(5«rXi^!s3t^ 



Das Serafschanthal. 

In den Jahren, wo Andere den Homer erst zu lesen 
beginnen, habe ich die von ihm erzählten Abenteuer des 
Odysseus bereits erlebt, und gleich diesem ward ich von 
seltsamen Schicksalen in tausenderlei Mühen und Gefahren 
getrieben. Einen guten Teil der bewohnten Erde habe ich 
zu Wasser und zu Lande durchzogen. Die Wogen des 
Pontus Euxinus schleuderten mich an die Küsten von Kolchis, 
die Fluten des Kaspischen Meeres führten mich nach Trans- 
oxanien, durch die Steppen und Oasen Mittelasiens gelangte 
ich nach dem alten Marakanda der Makedonier, dem viel- 
berühmten Samarkand des Mittelalters und der Neuzeit. 

Nicht als harmloser Tourist komme ich dorthin. Nicht 
als Gelehrter, der von unstillbarem Wissensdurst getrieben 
die fernsten Reiche der Welt aufsucht. Nicht als Jünger 
Merkurs, der mit gefülltem Beutel Länder und Meere durch- 
zieht, um exotische Geschäftsverbindungen anzuknüpfen — 

Nein, als ein müder, zu Tode gehetzter irrer Flüchtling 
rette ich mich zu kurzer Rast nach namenlosen Leiden in 
die Mauern der Wunderstadt. 

Wie in ein Märchenland glaube ich mich versetzt, da 
ich nach trostlos öder Wüstenreise die fruchtreiche, von 



188 Samarkand das Wunderland. 

hohen Bergeszügen umgebene Oase des Serafschan mit der 
Wunderblume Samarkand vor mir liegen sehe. 

Ein Schimmer nahender Morgendämmerung wallt um 
die Eänder des Himmels. 

Schlaftrunken schüttehi die Mächte des Dunkels ihr 
Haupt und ziehen sich in ihre düsteren Höhlen zurück. 
Der Morgenstern hebt mit silberner Strahlenhand den Vor- 
hang, welcher den Osten bedeckt, und jählings zuckt ein 
feuriger Glanz am Himmel auf und überströmt Wolken, 
Berge und Oase mit goldig roter Flut, in welcher sich Alles 
wollustvoll badet . . . 

Mein Auge ist geblendet von all der Pracht. 
Noch gestern durchzog ich die tote Steppe. Mit ver- 
zehrender Glut senkte die Sonne ihre Strahlen auf mich 
hernieder und die erstickende, von schweren sandigen 
Körnern erfüllte Wüstenluft machte meine Glieder er- 
schlaffen 

Und nun ! . . . 

Plötzlich ist Alles verwandelt! 

Ich ruhe im kühlen Schatten blühender Bäume. Die 
Oede ist einem frisch pulsrrenden Leben gewichen. Auf 
Wiesen tummeln sich fleissige Männer und arbeitsfrohe 
Frauen. Acker grenzt an Acker, soweit ich schaue. Kein 
Fleckchen Land ist unbebaut. An üppige Bedäkrautwiesen 
reihen sich Baumwollpflanzungen und viereckige Felder mit 
Tabak, türkischem Weizen, Reis, Arbusen, Melonen. Bäche 
sprudeln frisch und befruchtend dahin. An ihren Ufern 
locken dichte Baumreihen. Eine endlose Menge von Gärten 
zeigt sich dem Auge; sie sind von niedrigen Lehnunauem 
umgrenzt, um welche bald schlanke Pappeln mit silber- 
grauen, gezähnten Blättern, bald dunkle Karagatschen mit 



Samarkand das Wunderland. 189 

runden ballonformigen Kronen oder Fruchtbäume mit saf- 
tigen Aepfeln und Birnen, Pfirsichen und Aprikosen neckisch 
winkend herüberschauen. 

Und all dies verdankt der Mensch seinem Fleiss, seiner 
Kunst. Die Natur hier hat ihm nichts Fertiges gegeben, 
nicht einmal einen guten Boden. Sandzungen durchziehen 
das ganze Land und reichen selbst bis in die unmittelbarste 
Nähe von Samarkand. Inmitten von Kulturstätten, von be- 
bauten Gegenden tiifft man Wüsten, welche stundenlang 
dauern und noch vor wenigen Jahrhunderten Salzseen waren. 
Die Bergwellen nördlich und südlich vom Serafschan sind 
mit einem fetten Lehmboden bedeckt, welcher bei der starken 
Hitze und Trockenheit des Sommers eine grosse Menge 
Wasser braucht, um überhaupt irgendwelches Pflanzen- 
leben zu erzeugen. Und sehr reich an Wasser ist das Land 
keineswegs. 

Aber die Bewohner dieses Landes verstanden es schon 
von früh her, das Vorhandene gut zu benutzen und mit ihm 
aus einer dürren trostlosen Steppe eines der blühendsten 
Thäler der Welt zu schaffen. 

Ein sich in verschiedenen Windungen durchkreuzendes 
Netz von Karc^en verteüt das Wasser sporadisch und ver- 
einigt es wieder in wunderbarer Weise ; es fliesst durch alle 
Aecker, es befruchtet jeden Garten — das Kleinste wie 
das Grösste erhält seinen Anteil. 

Dieses Kunstwerk haben hier einfache Landleute schon 
vor vielen Jahrhunderten ohne alle Hülfsmittel der Wissen- 
schaften unternommen und zustande gebracht. 

So kam es, dass die Fruchtbarkeit dieses Thaies schon 
bei den Alten berühmt war. Die Griechen priesen es hoch, 
und die Araber nannten es ein reines, hellglänzendes irdisches 



190 . Samarkand das Wunderland. 

Paradies und stellten es in eine Eeihe mit dem Biwan in 
Fars, dem Ghawtah bei Damaskus und dem Obullah. 

Freilich, heute kann Samarkand nicht mehr so entzücken. 

Aber der Abglanz der früheren poesievollen Schönheit 
dieser Wunderstadt ist doch noch strahlend genug, um den- 
jenigen, der zum ersten Male seinen Fuss in ihren sagen- 
umblühten Kreis setzt, zu bezaubern und hinzureissen. 

Durch das Gewirr der dunkelgrünen Pflanzenschlingen, 
die von der Wurzel bis zur Krone die Aeste ineinander- 
weben, leuchten in lieblichem Kontrast die hellen Moscheen 
und Minarets mit ihren bunten Kuppeln und Türmen. 

Von seltsamem Schauer erfüllt, nähere ich mich den 
Thoren. 

Ist doch das Kapitel der Geschichte von Samarkand 
eines der interessantesten, aber auch am wenigsten bekannten 
in der ganzen Weltgeschichte. Auf den meisten Blättern 
dieses Kapitels liegt ein Schleier, welcher Vieles teilweise. 
Vieles vollständig verhüllt. 

Während in der Neuzeit unermüdliche Gelehrte die ge- 
heimnisvollen Hieroglyphen des Pharaonenreiches ebenso 
klar entzifferten wie die Eunen der Skandinavier und die 
rätselhaften Inschriften und Bilder in den Tempeln der 
Azteken und Inkas; während kein Land im Osten und 
Westen, im Süden und Norden dem Forscherauge ver- 
schlossen blieb und der menschliche Wissensgeist selbst 
fremde Sterne anfzustöbem versucht — verblieb Samarkand 
im tiefsten Dunkel mittelalterlicher Wundersagen und war 
bis vor wenigen Jahrzehnten selbst dem blossen Besuche 
Fremder unzugänglich. 

In den Jahrtausenden des Daseins dieser Stadt kamen 
ilire Bewohner nur zweimal in unmittelbare Berührung 






Samarkand das Wunderland. 191 

mit den Völkern des europäischen Weltteils: zur Zeit 
Alexanders des Grossen und unter Timur. Sonst aber lebten 
sie von der übrigen Weit abgeschlossener als selbst die 
Chinesen, und es war ihnen dies um so leichter, als hier 
die Natur weit stärkere Umzäunungen gebaut hat als die 
künstliche Eiesenmauer des heiligen Blumenreiches der Mitte. 
Endlose Wüsten und Salzsteppen umschliessen das Thal des 
goldstreuenden Serafschan nach der europäischen Richtung 
hin, von den anderen Seiten begrenzen es gigantische Berge, 
und kein Ozean eröffnet zu ihm eine Verbindungsstrasse . . . 

So war es bis in die jüngste Gegenwart: 

Die Samarkander zerfleischten sich in blutigen Bürger- 
kriegen und kümmerten sich nicht um die Aussenwelt. 

Doch ehe sie sichs versahen, stand eine russische Armee 
vor den Mauern ihrer Stadt und bald darauf — im Mai 1868 — 
in denselben. 

Und durch das Thal, welches noch vor wenigen Jahren 
der Fuss eines Fremden nicht hatte betreten dürfen, braust 
heute die russische Lokomotive, und Samarkand, die einzige 
Stadt aus alter Zeit, welche noch bis in unsere Tage mit dem 
Zauber mittelalterlicher Kriegswunder umhüUt war, öifnet 
weit seine Thore . . . 




* ♦ ♦ ♦ * »'*'♦'* * <» ♦ ♦ ♦ w 



Strassenleben. 

Fast wie im Traume schaue ich vom Minaret der Ulug- 
Beg-Medresse über die Dächer und Kuppehi der altehr- 
würdigen Timuridenresidenz. 

Noch ruhen die Schleier der frühesten Morgenröte auf 
der Wunderstadt. Im Norden heben sich die dichtbewaldeten 
Ufer des goldstreuenden Serafschan empor. Winzig er- 
scheint im Nordosten der Tschoban- Attaberg , vor welchem 
die Euinen der Schah-Sindeh-Moschee und diejenigen der 
Medresse-i-Chanym Uegen. Im Osten zucken die ersten 
Sonnenstrahlen leise über den Erdenteppich und zeigen in. 
flüchtigen Linien die Strassen nach Pendaschkent und ür- 
gut. Wende ich den Blick nach Westen, so sehe ich dort 
die Zitadelle der früheren Emire. Ihr gegenüber breitet 
sich der neue russische Stadtteil aus, mit seinen fächerartig 
angelegten Strassen, mit dem stolzen Palast des Gouver- 
neurs, dem öffentlichen Park und der schattigen Promenade. 
Im Süden schHesslich bemerke ich den prächtigen Dom der 
Gur-Emir-Moschee. 

Licht und lichter wird es. 

Da steige ich langsam herab, um mich in das Strassen- 
gewirr zu verlieren, und planlos durchstreife ich die Markt- 
hallen, die Plätze, die engen Gassen der Eingeborenen, die 
breiten der Europäer, die Gärten, AUeen und Bazare. 



Samarkaud das Wunderland. 



Noch iBt Alles tot, kein Lant stört die Morgenstille. 

Aber plötalich tönt von den Minareta der Moscheen der 
eiDtönige Itol der Hnezzins, welche die Gläubigen zum Gebet 
wecken und sie ver- 
sichern: Es gibt keinen 
Gott ausser Allah und 
Holiammed ist sein Pro- 
phet! 

Und da und dort öffnet 
sich hastig die Pforte eines 
nnheimlich still daliegen- 
den einförmigen Hanses, 
und in phantastischem Ge- 
wand huschen halb an- 
gekleidete Menschen her- 
vor und stürzen, schmatzig, 
zerrauft, schreiend in die 
Moscheen . . . 

Tag, heller Tag liegt 
jetzt über der Stadt. 

Jäh, wie von mäch- 
tiger Zauberhand zer- 
rissen, fielen die Schleier 
der Dämmerung. Das sirassenbild. 

Sonnenlicht flutet mit 

seinem blendenden Strahlenregen über die Gegend nnd giesst 
zitternden Glanz über die btinten Kuppeln, die morschen 
Tünne, die platten Dächer und in die engen schmutzigen 
Höfe. 

Laut heulend springen die hässlichen Hunde von ihren 
Lagerstätten auf den Gassen empor. Und die Wa^ht^r der 
Beiiibud Stetn, Vom Kaukasus zam Ulndukusch. 13 



194 Samarkaud das Wunderland. 

Ordnung wecken mit schrillen Pfiffen oder kräftigen Stock- 
hieben die Bettler, welche die Nacht an der Brust der 
Mntter Erde geroht. Verschlafen erheben sich die Kost- 
^ager der Natur und achnüren ihre Bündel und schwanken 
scheltend und Gebete stammelnd von dannen. 

Das Leben der Stadt, das noch vor 
einer Stunde keinen Laut von sich gegeben, 
wogt nun in mächtigen Strömen durch die 
Adern derselben dahin und drölinendes Ge- 
schrei eriflUt die Wege und Plätze. 

Durch die Thore ziehen in Scharen 

GSate aus der fernsten Feme ein und Kanf- 

lente bringen ani Eseln nnd Kamelen allerlei 

Waren, Holz und Getreide, Gras und Milch. 

Der Meldenif des Verkäufers mischt 

sich in das Angebot des Käufers, der Trubel 

der Menschen wetteifert mit dem Brüllen 

der Tiere, weiche sich in den engen knunmen 

Strasse e G^^sen nicht durchzudrängen vermögen nnd 

von ihren ungeduldigen Treibern gransam 

gratoBsen und geprügelt werden. 

Durch die wild dahinwogenden Hassen lanfen Uänner 
in bunten Trachten, beladen mit zahllosen Packen nnd 
Päckchen, Stangen nnd Stöckchen: das sind die Samarkander 
Kleinkrämer, welche allabendlich ihr transportables Magazin 
zusammenklappen und nach Hause schleppen, um es dann 
am andern Morgen an bestimmtem oder beliebigem Orte 
wieder aufzuschlagen. 

Das reichste und originellste Leben entfaltet sich in 
den Bazaren der Altstadt, welche östlich und südöatllich 
von der Neustadt, dem russischen Nowy-Gorod, liegt. 




Samarkand das Wunderland. 195 

Alle Nationen, die in Samarkand leben, treffen sich in 
den mohammedanischen Bazaren. Da sind die stolzen Oez- 
begen, die früheren Herren des Landes; dann die fleissigen 
gewerbti-eibenden Tadschiks, welche gleichsam das gute 
Bürgertum vertreten; die Kirghisen, Kalmücken, Chinesen, 
Tataren, Afghanen, Perser, Hindus, Juden und Eussen. 

Das Hauptleben pulsirt am Vormittag : Die Bazare sind 
erfüllt von langen Eeihen von Kamelen, welche die Pro- 
dukte Samarkands und Zentralasiens nach Eussland und 
Indien, Persien und Afgha- 
nistan zu bringen bestimmt 
sind. Dort naht wieder eine 

Karawane, von Wüstenstaub ^^^ ^iyWM^ÖI>*!ii ^^^ 
noch dicht bedeckt, eben aus ;r;'^i^/äflB^i^biv .«^^K 
dem Osten an, und schon 
wird sie von kaufgierigen 
Händlern förmlich überfallen, Doppelreiter, 

die Waren werden herab- 
gerissen und fast unbesehen abgehandelt. 

Das wirre Durcheinander, das laute Geschrei der Käufer 
und Verkäufer, das Stöhnen und Gebrüll der Tiere ist be- 
täubend. 

In diesem Gelärm behält nur der Kirghise seine Euhe. 
Doch ist es eigentlich weniger Euhe als Verdutztheit. Er, 
der eben aus der Wüste gekommen und zum ersten Mal in 
eine Stadt getreten ist, er steht ganz entsetzt und erstarrt 
da, und weiss nicht, was mit ihm geschieht, was er be- 
ginnen, wohin er sich drehen und wenden soll, und er be- 
greift nicht das Hasten und Drängen und Treiben und 
Toben der Anderen, und bewundert die märchenhafte Pracht 
der Lehmhütten, der Holzbauten, der Ziegelkasemen und 

13* 




196 Samarkand das Wunderland. 

die seltsame Kleidung der Städter und ihren Reichtom und 
ihre Macht . . . 

Abseits von der lännerfüllten Strasse, in offenen Höfchen 
voll schattiger Kühle und Ruhe beschäftigen sich die Seiden- 
händler nnd Seidenweber. Die Letzteren waren schon in 
frühen Jahren weltberülimt und ihre Erzeugnisse gemessen 
auch heute noch in ganz Asien wohlverdientes Ansehen. 

Neben Seidenwebern sehen wir Schuharbeiter, Kleider- 
macher, Mützenhändler, Juweliere und Goldwarenfabrikanten. 

In langen Hallen liegen Reihen von Weizensäcken und 
Weinschläuchen. Seit dem Einzug der Russen erzeugen 
die Samarkander viel Wein und Schnaps — sie haben be- 
reits ein ganzes Dutzend Spiritusfabriken. Gewiss ein 
mächtiger Fortschritt der Zivilisation ! . . . 

Auf den Strassen üben Taschenspieler ihre Künste und 
Barbiere rasieren ihren Kunden in freier Luft Kinn und 
Schädel. Ein wandernder Buchhändler verkauft Firdusis 
»Rustem« : Das Werk ist in Bombay gedruckt; ülustrirt, 
und enthält Skizzen, wie Rüstern mittels Eisenbahn und 
Dampfechiff auf seine Heldenabenteuer auszieht!! 

Schlangenzähmer wechseln ab mit Wunderthätem, 
Krämer preisen poetisch ihre Waren an und schimpfen in 
gröbster Prosa, wenn di« Käufer ihnen zu wenig bieten. 

Und recht in der Mitte all des Geschrei's und Streitrais 
und Drängens befindet sich, ähnlich wie in Bochara, auf offener 
Estrade eine — Kinderschule, wo natürlich die Lehrer nicht die 
Schüler und die Schüler nicht die Lehrer verstehen und die 
eisenbeschlagenen Stöcke der Letzteren deshalb häufig auf un- 
schuldige, unglückliche kldne Köpfe und schwache Schultern 
sausend niederfallen. Und die armen Buben knicks^i zu- 
sammen wie gebrochenes Rohr, aber sie wagen nicht ein- 



Samarkand das Wunderland. 197 

mal, eineE Lant der Klage von sieh zu geben, nnd strengen 
ihre Ohren an, das undentUche Geschrei ihres Lehrers zu 
enträtseln . . . 

Aehnlich wie in den Bazaren geht es 
in den Moscheenhöfen zn. 

Die reizenden Gärten in den Bethäusem 
nnd um dieselben, mit Wasserbehältern 
nnd schattigen Alleen ausgestattet, sind 
ein angenehm lockender Aufenthalt. 

Hier finden sich Handelsleute ein, um 
wichtige Geschäfte zu erledigen. Dort ruht 
eine Gruppe von Männern nichtsthnend im 
Grase. Andere schwatzen lebhaft und laut, 
wieder Andere verzehren ftöhlich ihr Mahl 
ans Brod und Friicht«n. 

Die Menge wogt rastlos hin und her, 
nnd man würde kanm glauben, dass man 
sich im Hofe eines Gotteshauses befindet, 
wenn man nicht hin und wieder über einen 
Beter stolperte, welcher ohne Acht auf 
das Geräusch ringsumher andachtsvoll auf strasseniype, 
seinem Teppich kniet . . . 

Gegen Mittag tritt , im öffentlichen Leben des alten 
Samarkand etwas Ruhe ein. 

An den Ufern der Straasenkanäle nnd an den schattigen 
Wasserbehältern der Moscheen lagern sich die Gläubigen 
zu den heiligen Waschungen ihrer schmutzigen Füsse und 
nicht minder schmutzigen Hände; und dasselbe Wasser be- 
nutzen gleich darauf andere ft'omme Leute zum Ausspülen 
des Mundes oder gar als £rquickuiig spendenden Trunk — 
wohl bekomm's ihnen! 



198 Samarkand das Wunderland. 

Der Nachmittag ist nicht so wild hewegt wie der Vor- 
mittag. Denn die Mohanunedaner arbeiten nicht gern viel 
und machen schon zu möglichst früher Stunde Feierabend. 

Nur die Juden und Hindus bleiben fleissig in ihren Ge- 
schäften bis der Abend anbricht. 

Ich benutze den Nachmittag zu einer Wanderung durch 
den neuen russischen Stadtteil. Im Gegensatz zu der Dumpf- 
heit und Enge, welche in den mohammedanischen Vierteln 
Herz und Sinn bedrücken, macht sich in den russischen 
Sti-assen eine reine freie Luft fühlbar, und gerade, von 
Akazien, Pappeln und Ulmen beschattete Alleen erfreuen 
das Auge. 

Ich bemerke eine Apotheke und grosse reinliche Kranken- 
häuser, Schulen, Kirchen und Kasernen, eine Menge heiterer 
Privatgebäude, Werkstätten, Webereien, Fabriken, einen 
reizenden Stadtpark mit einem Pflanzengarten und einem 
Wärmhaus. Da treffen wir alle Blumen und Bäume, die 
in Zentralasien nui' gedeihen können. Neben Bux, Hollunder 
und Berberize — gelbe, rote und weisse Akazien; neben 
Buchen, Ulmen, Birken und Eichen — Granaten, Jasmin- 
bäume, Linden, Kastanien, Eschen und Pappeln; Alianthus 
und Liguster; Nuss und Harzföhre wechseln mit Tannen 
und Fichten, Weiden, Ahorn und Zypressen; zwischen 
Gleditschien und Chinarosen wiegen sich Mandelbäume, 
Spiräen, Aepfel, Birnen, Pflaumen und Kirschen. 

In der Nähe des Stadtparks befinden sich der prächtige 
Palast des Gouverneurs und das Ofßzierskasino, wo allabend- 
lich frohgesellige Zusammenkunft der Europäer ist. Hier 
hat auch ein gescheidter Kestaurateur eine vortreffliche Küche 
aufgeschlagen. — 



Samarkand das Wunderland. 199 

Sobald es Abend wird und die Sonne der heiligen Stadt 
das Licht entzieht, tritt Stocklinstemis ein und mit ihr fast 
vollständige Ruhe. 

Das stürmische Leben des Tages verrauscht ebenso 
jäh, wie es in der Früh begonnen, und wenn das Abend- 
gebet vorüber, der letzte Ton vom Minaret in der stillen 
Luft verhallt ist, eilt nur noch hier und da ein Nacht- 
schwärmer in die Theestuben. Die Meisten aber ziehen sich 
in ihre Wohnungen zurück und lagern sich auf ihren Teppich 
und verzehren das fette schwere Reisgericht, den Pillaw, 
um gleich darauf die Betten — am Boden liegende Polster 
und Kissen — aufzusuchen. 

Und draussen in den Strassen, über welche einst sieges- 
trunkene Mongolen und Tataren, vor denen die ganze Welt 
erzitterte, dahinzogen, vernimmt man nur das Flüstern des 
Zephyrs oder das Schnarchen des russischen Nachtwächters . . . 




In den Theestuben. 

Die Eingeborenen von Samarkand kennen kein geselliges 
Leben in unserm Sinn, da Männer und Frauen streng ge- 
schieden sind. Sie haben keine Bälle und Konzerte, keine 
Fastnachtsspiele und Maskenfeste. Ihre Unterhaltungen be- 
schränken sich gewöhnlich auf solche für Männer mit Män- 
nern und solche für Frauen mit Frauen. 

Für die wenigen, welche Bedürfnis nach Geplauder 
und Unterhaltung haben, sind die »Theestuben« das Ziel 
der Wünsche. 

Die Theestuben befinden sich im engen buntscheckigen 
Viertel von Baikabak hinter der halbzerfallenen Stadtmauer. 
In ihnen kommen die Leutchen Abends zu Geschwätz und 
oft auch zu Schlägereien zusammen. 

Die Bussen haben seit dem Beginn ihrer Herrschaft 
bereits eine ganz erklekliche Anzahl von Wirtshäusern mit 
Wodka und ähnlich Gutem eröfßaet. Allein die Mohamme- 
daner gehen lieber in ihre altgewohnten Theestuben. 

Dort sieht man den stolzen Oezbegen, der selbst in 
seiner Demütigung noch kühn und fest auftritt und in seinem 
ganzen Benehmen den einstigen Herrscher des Landes kund- 
gibt; den Tadschik, den fleissigen Gewerbsmann und Hand- 



Samarkand das Wunderland. 201 

werker ; den Eirghis-Kaizaken und Kara-Kirghisen ; Chinesen 
und Zigeuner, Afghanen, Perser und Araber. Neben einem 
von Schmutz strotzenden Kalmücken, welcher russische 
Offiziersuniform trägt, sitzt ein verschmitzter Hindu, der 
dem Offizier augenscheinlich eine Art Wechsel präsentirt. 
Zuweilen verliert sich in diese Stuben auch ein Jude, welcher 
ruhig an irgend einem Ecktischchen Platz nimmt und nur 
selten mit den anderen Besuchern ein Wort wechselt. 

Jeder von den Anwesenden bringt sich seinen Theesack 
nebst Zucker oder kernlosen Eosinen selbst mit und kauft 
vom Wirt nur das heisse Wasser. 

Getrunken wird eine Unmasse. Man leert die ziemüch 
grosse Theekanne mehrere Male. Wenn man genug hat, 
nimmt man zum Schluss die Theeblätter heraus und ver- 
zehrt sie extra mit besonderem Genuss ; denn sie sind nach 
Samarkander Geschmack das Beste von Allem. 

Der Dampf, der aus den Kannen der Gäste, aus den 
Ssamowars des Wirtes aufsteigt, erzeugt eine eigene Luft, 
welche gleichsam zum Schreien und Schwatzen anregt. Es 
entsteht unter den Anwesenden eine Theetininkenheit, die 
in ihren Folgen einer Bier- oder Schnapstrunkenheit ver- 
teufelt ähnlich sieht. Wenn die Leute zuviel getrunken 
haben, wenn ihre Nerven aufgeregt, ihre Köpfe erhitzt sLud, 
gibt es Zank und Streit und gewöhnlich auch ganz erbärm- 
liche Prügel. Da fliegen dann die Kannen nur so hin und her, 
als wären es gute deutsche Bierkrüge. Während aber bei 
uns zu Lande eine wohllöbliche Polizei einschreitet, geht es in 
den Theestuben von Samarkand gemütlicher zu. Da prügeln 
sich die Leute, bis sie genug haben, auf ein paar gespaltene 
Schädel mehr oder weniger kommt es ihnen nicht an. 



202 Samarkand das Wunderland. 

Besonders gern prügeln sich die Leute im Sommer, 
Im Winter geht es stiller, friedlicher zu. Dann erscheinen 
die Sänger oder Märchenerzähler, die von einer Theestube 
zur anderen wandern und gegen ein kleines Entgelt Lieder 
und Geschichten, meist unter Begleitung auf einem nicht 
besonders wohltönenden Instrument, einer Art einsaitiger 
Mandoline, vortragen. 

Und nun sind Zank und Streit vergessen. Die Leute 
schlürfen bedächtig ihren Thee, wischen sich den Schweiss 
von ihren Stirnen und lauschen andachtsvoll den Worten 
des Erzählers. 

Der aber sagt und singt von fernen Tagen, von Zeiten 
der Freiheit und Selbstherrlichkeit, von dem grossen Timur, 
von Dschengizchan und Alexander dem Grossen. Es ist eine 
ganz eigentümliche Geschichte, die er von dem Letzteren er- 
zählt, so eigentümlich, dass sie der Mitteilung wol wert ist: 

Vor fünftausend Jahren — so beginnt der Sänger — 
waren die Bewohner von Turkestan Kafirs oder Heiden. 

Damals erstand ein König Hasret Iskander — gesegnet 
sei sein Name in Ewigkeit — und bekehrte alle Völker 
zum Islam. Hasret Iskander war der Sohn eines Kafir- 
herrschers — verflucht sei sein Name in Ewigkeit. 

Als Hasret Iskander noch ein Kind war, träumte seinem 
Vater, der Prinz wolle ein Muselmann werden. Der heidnische 
König — verflucht sei sein Name in Ewigkeit — fasste dess- 
halb den Entschluss, seinen Erstgeborenen sofort zn er- 
würgen und beriet sich mit der Königin darüber. Aber die 
heidnische Königin — verflucht sei ihr Andenken in Ewig- 
keit — sagte; 

»Warte noch ab, mein Herr und König. Prüfe unsem 
Sohn erst. Nimm ihn zum Götzentempel mit imd sieh, ob 



r 



Samarkand das Wunderland. 203 

er sich unserem Gottesdienste fügt. Wenn ja — dann lass 
ihn leben; wenn nicht — so erwürge ihn!« 

Also sprach die gottlose Königin. 

Der König war mit dem Vorschlag zufrieden und that 
nach demselben. Er stellte seinen Sohn auf die Probe. Und 
der Prinz bestand die Probe und blieb am Leben. 

Er blieb am Leben, nach Allahs, des Ewigen, Einzigen, 
ünerforschlichen Beschluss. Denn Allah — gepriesen und 
verherrlicht sei sein heiliger Name von allen Völkern des 
Erdballs — hatte den Hasret Iskander zu Hohem bestimmt. 

Und wie Hasret Iskander dies Hohe erreichte, geschah so : 

Als der Prinz grösser ward, trat an den König die 
Sorge heran, ihn alles Schöne und Nützliche erlernen zu 
lassen, auf dass er einst würdig wäre, den Thron des Landes 
zu besteigen. Nun wusste sich ein verkappter musel- 
männischer Missionär aus Bagdad, namens Abdul Nassr 
Samani, beim König als Lehrer des Prinzen einzuschleichen. 
Er gab diesem alsdann heimlich Unterricht im islamitischen 
Glauben. 

In der Brust des Knaben begannen sich Zweifel an der 
väterlichen Religion zu regen, und er ward sehr unruhig. 
Noch schlimmer wurde es, als der König seinem Thron- 
folger befahl, einen Götzentempel zu bauen. 

In seiner Bedrängnis wandte sich der Prinz hülfeflehend 
an Samani. Und der weise Lehrer wusste Rat zu schaffen. 
Er sagte: »Gehorche, mein Schüler, Deinem Vater! Baue 
den Götzentempel, aber denke Dir im Herzen, was Du bauest, 
sei eine Moschee!« 

Der Prinz that so, und sein Herz bUeb ruhig. 

Als der Bau fertig geworden, ereignete sich etwas noch 
Schrecklicheres. 



'204 Samarkand das Wunderland. 

Denkt euch, wie das Herz des heiligen Prinzen vor 
Entsetzen erbebte, als der ruchlose König zu ihm sprach: 

»Stelle nun im Tempel ein Götzenbild auf und bete 
■es an!« 

Hasret Iskander war in Verzweiflung. Aber wieder 
wusste der weisse Abdul Nassr Samani zu helfen, und zwar 
durch folgendes Mittel: 

»Schreibe« , sagte er zu dem Prinzen, »den Namen 
Allah auf zwei Zettelchen und lege je eins zwischen die 
Finger der rechten und linken Hand. Wenn Du Dich dann 
vor dem Götzen niederwerfen musst, drücke die eine Hand 
an die Stirn, die andere ans Herz, und Du bringst die Ver- 
ehrung und Anbetung nicht dem heidnischen Bilde dar, 
sondern dem geschriebenen Namen Allahs l^^ 

Der Prinz that so, und sein Herz blieb ruhig. 

Auf diese Weise hielt Hasret Iskander am Islam fest, 
ohne sich dem Vater zu verraten. 

Als er endlich gross geworden, trat er vor den König 
und befahl dem ruchlosen Götzendiener, Muselmann zu 
werden. Aber der König weigerte sich. Da fing die Erde 
an ihn zu verschlingen, bis er ganz verschwunden war — 
— sein Andenken sei verflucht in Ewigkeit ! . . . 

Sein Sohn aber ward König und bekannte öffentlich 
den Islam und bekehrte sein Volk und eroberte die Welt 
vom Ganges bis zum Bosporus, vom eisigen Norden 
bis zum palmentragenden Süden, und in seinen Landen 
wurden Allah und sein Prophet Mohammed gepriesen und 
verherrlicht. 



Samarkand daa Wunderland. 20& 

Dies — 80 Bchliesst der Sänger — dies ist die Ge- 
scMcht« von Hasret Iskander, Alexander dem Grossen, 
der unserem Lande den heiligen Glaaben geschenkt. Ge- 
priesen nnd verherrlicht sei sein Andenken in alle Ewig- 
keit '. . . . 



Alexander der Grosse. 




Bei den Juden von Samarkand. 



Die Juden in Mittelasien haben fast niemals eine be- 
neidenswerte Rolle gespielt. Sie waren bis vor wenigen 
Jahren unerhört bedrückt, und es ist geradezu wunderbar, 
wie ilire kleinen schwachen Gemeinden sich unter all der 
Mühsal und Not durch Jahrhunderte erhalten haben. Auch 
heute sind ihre Verhältnisse sowohl in Bochara, das noch 
nominell selbständig ist, wie im russischen Transkaspien recht 
traurige, aber im Vergleich zu denjenigen, welche dort noch 
vor einem Vierteljahrhundert geherrscht haben, wahrhaft 
paradiesische zu nennen. 

Es soll schon, wie eine Legende berichtet, vor mehreren 
tausend Jahren, als noch die Chinesen über Mittelasien 
herrschten, daselbst Juden gegeben haben. Doch ist das 
eine blosse Legende und historisch nicht bewiesen. 

Glaubwürdiger ist, was eine andere Sage berichtet: 
dass nämlich der grosse Timur sieben Familien aus Mesch- 
hed, die sich durch Kunstsinn und als Handwerker ausge- 
zeichnet, nach seiner Eesidenz Samarkand gebracht und 
dort angesiedelt habe. Er bedachte sie reichlich mit Arbeits- 
aufträgen und verlieh ihnen und ihren Kindern und Ejndes- 
kindem Schutz und Gleichberechtigung mit den Eingeborenen. 



208 Samarkand das Wunderland. 

Die Juden müssen sich unter ihm sehr wohl gefühlt haben. 
Sie blieben im Lande, nährten und vermehrten sich redlich. 
Als unter einem Enkel Timurs die Hauptstadt Samarkand 
im Jahre 1500 von den Oezbegen gestürmt wurde, kämpften 
gerade die Juden mit seltener Tapferkeit für die Verteidigung 
von Samarkand, und 24 000 Kohannim- Juden fielen in diesem 
heldenhaften Kampfe. 

Beim Einzug der Eussen unter General Kaufmann, im 
Jahre 1868, gab es in Samarkand kaum tausend Juden. Als 
ich zwanzig Jahre später die ehemalige Timuridenresidenz 
besuchte, war diese Zahl bereits verdreifacht. Das Emirat 
Bochara besitzt nach dortiger amtlicher Feststellung 3000 
bis 4000 Juden. 

Die jetzt in Mittelasien lebenden Kinder Israels geben 
an, dass ihre Ahnen erst vor hundertundfünfzig Jahren aus 
Persien eingewandert seien und dass sie von Euben, Grad 
und Menasse abstammten. 

Die Trachten der mittelasiatischen Juden und Jüdinnen 
sind von denen der eingeborenen Völker wenig verschieden. 
Man erkennt jedoch die Männer äusserlich sofort an ihren» 
häufig bis zum Kinn reichenden Seitenlöckchen. Sie sind 
meist von mittlerer Figur, schmächtig und blass. Ihr Gesicht 
ist von feinem edlen Schnitt und intelligentem Aussehen. 

Die Frauen und besonders die Mädchen zeichnen Blch 
durch seltene Schönheit aus. Gegen Fremde sind sie spröde 
und zurückhhaltend, im häuslichen Kreise aber ungezwungen 
und heiter. 

Das Familienleben ist ein äusserst musterhaftes. Wäh- 
rend die Kmder der Oezbegen und Tadschiks gar keinen 
Respekt vor den Eltern haben, sodass sie dieselben, insbe- 
sondere die Mutter, gelegentlich durchprügehi , sind die 



Samarkand das Wunderland. 209 

Kinder der Juden von der grössten Ehrfurcht und wärmsten 
Liebe für ihre Erzeuger erfüllt. Sie besuchen auch fleissig 
sowohl die von Russen gegründeten, wie ihre eigenen 
Schulen, die sogenannten Cheder, und überragen alle ihre 
andersgläubigen Mitschüler mit ihren vorzüglichen Fort- 
schritten. Kurz, ich gewann von den mittelasiatischen 
Juden, namentlich wenn ich noch die schweren Verhältnisse 
in Betracht ziehe, unter denen sie immer existiren mussten, 
nur freundliche Eindrücke. Namentlich denke ich freudig 
an den Besuch zurück, welchen ich Eeb Mosche , einem der 
angesehensten Juden in Samarkand gemacht. Trotz des 
starken Fremdenzuges, der sich jetzt nach Samarkand er- 
giesst, bestand vor drei Jahren dort noch nicht einmal ein 
anständiges Hotel. Das einzige Gasthaus, dasjenige des 
Herrn Pawitzky, die Zentralnaja-Gostinitza (Hotel Zentral), 
war erstens besetzt, zweitens aber so wenig einladend, dass 
ich mich, trotzdem man im Orient nicht gerade an hol- 
ländische Eeinlichkeit gewöhnt wird, nur im schlimmsten 
Fall hineingewagt hätte. Ich war deshalb sehr froh, dass 
ich einen alten Mann kennen lernte, der mir bereitwillig 
Gastfreundschaft anbot. 

Dieser Mann, Pawelj Awromtschik, hat ein so reiches, 
an seltsamen Abenteuern überreiches Leben gehabt, dass 
sich darüber ein ganzes Buch schreiben Hesse. Er wurde 
als jüdisches Kind in Nischny-Nowgorod an der Wolga ge- 
boren. Im vierzehnten Lebensjahre verlor er seine Eltern 
und aUe seine acht Geschwister, die an einem Pessach- 
Abend bei einem Ueberfall durch betrunkene, fanatische 
Burlaken (Wolgaarbeiter) umkamen. Ein Pope nahm ihn, 
der nur wie durch ein Wunder gerettet ward, zu sich, und 
erwarb sich ein Verdienst um die orthodoxe Kirche, indem 

Bernhard Stern, Vom Kaukasus zum Hindukusch. 14 



210 Samarkand das Wunderland. 

er den Judenjungen taufte, und verschenkte ihn dann an 
einen Offizier in Orenburg. Bei diesem lernte Pawelj Ver- 
schiedenes, Sprachen, Schreiben und Rechnen. Da ward 
sein Herr, der sich sehr gütig gegen ihn benommen, nach 
Zentralasien gesandt. Der dankbare Pawelj begleitete seinen 
Wohlthäter, war aber auf einem Streifzug von räuberischen 
Kirghisen gefangen, von diesen an Turkmenen verkauft, und 
kam nach zahlreichen, meist mit unsäglichen Leiden ver- 
knüpften Abenteuern, die aber hin und wieder auch ihre 
lustige Seite hatten, als Sklave nach Samarkand. Von hier 
flüchtete er sich 1868 beim Herannahen des Generals Kauf- 
mann, des Eroberers von Samarkand zu den Russen. 

Er hatte bei aU diesen Erlebnissen oft den Griauben 
wechseln müssen. Er war anfangs Jude, wurde dann grie- 
chisch-katholisch, dann muhammedanisch, schliesslich wieder 
griechisch. 

Durch seinen langen Aufenthalt in Samarkand war 
Pawelj Awromtschik dort sehr bewandert und wusste die 
interessantesten Plätzchen und Winkel. Ich hätte mir keinen 
besseren Führer wünschen können.. Auch vermochte ich 
mich mit ihm, da er russisch sprach, besser als mit den 
eigentlichen Samarkandem zu verständigen. 

Eines Tages fragte ich meinen guten Alten, ob er auch 
unter den Juden Bekannte hätte. Natürlich und gar gute! 
Zum Beispiel den Seidenhändler Reb Mosche, ja den müsste 
ich kennen lernen. 

»Herr Wohlthäter«, rief er aus, »dem müssen wir noch 
heute einen Besuch machen. Er ist ein für Asien gebildeter 
Mensch, dabei höchst liebenswürdig, und wird sich freuen, 
einen Gast aus dem Abendlande begrüssen zu können.« 



212 Samarkand das Wunderland. 

Und noch am selben Abend, nachdem Awromtschik 
unseren Besnch angekündigt, betraten wir das nette, freund- 
liche Häuschen des Reb Mosche. Derselbe empfing uns an 
der Thür seiner Wohnung. Er trug einen langen Tuchrock, 
um den Leib, einen Gürtel aus Seide, auf dem Haupte ein 
Sammtkäppchen. 

»Der Herr, aus dem Westen,« stellte mich Awrom- 
tschik vor. 

»Friede sei mit dir, Bruder,« sagte der Hausherr he- 
bräisch und reichte mir die Hand. »Tritt ein in mein 
Haus und lasse es dir Wohlgefallen.« Dann setzte er russisch 
hinzu: »Meine Frau und Kinderchen werden dich bald be- 
grüssen. Damit dir aber die Zeit nicht zu lang wird, will 
ich dich auf das Dach meines Hauses geleiten. Von da 
hast du eine prächtige Aussicht, da ist unser Observatorium.« 

Er führte mich auf einer bequemen Treppe zum platten 
Dach empor, wo man angenehm promeniren konnte. Von 
hier aus bot sich ein interessanter Ueberblick über die ganze 
Gasse, auf der vor ihren Wohnungen viele Juden und Jü- 
dinnen in ihrem Feiertagsstaat — es war Sabbatvorabend — 
am Boden hockten, aber nicht mit unterschlagenen Beinen, 
wie es sonst im Orient üblich ist. 

Während ich das malerische Bild betrachtete, kam ein 
kleiner Knabe und meldete dem »Papascha« in russischer 
Sprache, dass das Abendessen bereit stehe. 

Wir stiegen wieder hinab und begaben uns in den 
Garten. 

Dort war in einer Laubhütte ein stattliches, mit schönen 
Stickereien verziertes Zelt aufgeschlagen, um welches Apfel- 
bäume ihren langen Schatten warfen. Auf einem Teppich, 
welcher den Boden deckte, standen vei^schiedene Schüsseln 



214 Samarkand das Wunderland. 

und tiefe Teller mit Speisen und Früchten: Erbsen, Quitten, 
Fleischpasteten, Mehlkuchen und Weintrauben. 

Auf kleinen Kissen, die zum Teil am Boden, zum Teil 
auf niedrigen Sesseln lagen, hockten die Frau des Reb 
Mosche, mehrere Kinder und eine Anzalil Gäste, die mir zu 
Ehren erschienen waren. Sie hatten sich alle sehr nett und 
sauber gekleidet. Besonders freute mich die Anmut der 
Kinder und ihre Reinlichkeit, welch letztere Eigenschaft 
sonst nicht zu den Tugenden der Samarkander gehört. 

Während des Essens ward wenig gesprochen. Nach 
demselben aber entspann sich ein lebhaftes Grespräch, das 
meinem Wunsche gemäss sich hauptsächlich um die Stellung 
der mittelasiatischen Juden, um ihre Geschichte, um ihr 
gegenwärtiges Leben und Treiben drehte. 

)!>Man hat in Europa soviel darüber gehört,« leitete ich 
die Unterhaltung ein, »dass die Juden in Mittelasien bitter- 
lich bedrückt waren. Am schlimmsten soll es in Bochara 
gewesen sein. Aber hier war es wol nicht so arg wie dort?« 

»Oh,« entgegnete mein Gastfreund, Reb Mosche, »doch 
noch arg genug, dass Einem schon beim Hören von den 
verübten Greueln und noch jetzt, wo diese schweren Zeiten 
längst entschwunden scheinen, das Herz erzittert. Was 
hatten wir nicht AUes zu erdulden, da war der Tod oft eine 
wahre Erlösung ! Eine Synagoge durften wir nicht öffentlich 
halten, und so besassen wir im Geheimen ein kleines Bet- 
haus, das anscheinend eine Kaufhalle bildete, in einer ver- 
borgenen Ecke aber unsere Thorarollen und unsere Heilig- 
thümer aufbewahrte. Würden die Mohammedaner davon 
gewusst haben, sie hätten uns sicher alle abgeschlachtet 
Wir mussten uns femer schon in der Kleidung von den 
Anderen unterscheiden. An Stelle des Gürtels durften wir 
nur einen Hanfstrick tragen, und unseren Kopf bedeckte als 



Samarkand das Wunderland. 215 

Erkennungszeichen ein hoher spitzer Filzhut, der die Eecht- 
gläubigen schon von ferne vor der Berührung mit uns 
warnen sollte. Es war den Mohammedanern streng unter- 
sagt, einen Juden zu grüssen, uns aber noch strenger an- 
befohlen, jedem Gläubigen in weitem Bogen aus dem Wege 
zu weichen, wofern wir nicht geprügelt, ja sogar erschlagen 
werden wollten. Mussten wir einmal aus irgend einem 
Grunde einen Mohammedaner besuchen, so durften wir uns 
nur an der Schwelle seines Hauses zeigen und von hier 
unser Anliegen vorbringen. Wenn aber umgekehrt ein 
Rechtgläubiger einen Juden besuchte, so musste der Letztere 
samt seiner Familie aus der Wohnung, diese dem »Gaste« 
überlassen, sich selbst vor die Thüre stellen und da so lange 
bleiben, als es dem Gast drin zu verweilen beliebte, wo der- 
selbe sich häufig — trotz des Absehens gegen die Juden — 
an vorhandenen Speisen gütlich that und Sachen, die ihm 
gefielen, zu sich steckte . . .« 

»Und dies,« fiel ein alter Mann ein, den ich wegen 
seines durchgeistigten Gesichtsausdruckes schon gleich von 
Anfang an mit Sympathie betrachtet hatte, »dies Alles ist 
noch nicht das Schlimmste. Was wir hier zu leiden gehabt, 
bis noch vor wenigen Jahren, das ist unmenschlich, und die 
Zunge, die Alles erzählen wollte, würde erstarren, und der 
Hörer müsste sich selbst einen Dolch ins Herz stossen aus 
Qual über das Vernommene . . . Wer das nicht erlebt, mit 
seinem eigenen Blute bezahlt, an seinem eigenen Leibe ge- 
fühlt hat, — der kann es nicht begi^eif en . . . Wir durften 
nicht Pferd, nicht Esel besteigen, wir mussten wie Ver- 
brecher heimlich zu Fuss schleichen, in jedem Winkel den 
Tod fürchten. Ich hatte einen Bruder — der war krank 
zum Sterben, wir wollten ihn zu einem Heilkünstler bringen. 



216 Samarkand das Wunderland. 

da ein solcher zn uns nicht kommen mochte. Im Dunkel 
der Nacht — denn nachts ist es still bei uns, auch heute 
noch — legten wir ihn in eine bequeme Sänfte, welche 
zwischen zwei Eseln gespannt war, und gißleiteten ihn leise 
durch die Strassen zum mohammedanischen Arzt, der gegen 
kostbare Geschenke menschenfreundlich genug war, den 
Bruder zu untersuchen. Dann wurde der Eückweg ange- 
ti*eten. Fast waren wir schon glücklich zurück, als zwei 
fanatische Beamte des Emirs daher kamen. Kaum erkannten 
sie uns als Juden, da machten sie Lärm, und von allen 
Seiten stürzten aufgebrachte Leute heran und misshandelten 
uns in grausamster Weise. Den todkranken Mann rissen sie 
aus der Sänfte, schleuderten ihn zu Boden, schleppten die Esel 
über ihn und stampften solange mit den Füssen auf ihm hemm, 
bis der Unglückliche entseelt dalag . . . Und wir Anderen 
wurden gefesselt und schweren Strafen unterzogen . . . Der 
Verachtung, dem Hass und dem Spott waren wir freigegeben 
und hatten nicht einmal das Eecht zur Klage, nicht einmal 
das Eecht zur Verteidigung. Wer sich zu beschweren 
wagte, ward in Acht und Bann gethan, sein Hab und Gut 
erklärte man als vogelfrei, seine Frau und seine Töchter 
wurden geschändet, seine Söhne zu Tode gemartert . . . 
Ausser den gewöhnlichen Abgaben entrichteten wir noch 
eine riesige Extrasteuer, die alle unsere Kräfte aufrieb, und 
bei der üeberreichung dieser Steuer an den Vertreter des 
Emirs erhielt der Gemeindevorstand als Zeichen unserer 
ünterthänigkeit zwei Schläge ins Gesicht. Die entsetzlich- 
sten Hetzen waren an der Tagesordnung. Wenn der Emir 
oder einer seiner Beamten Geld brauchte, wurde einfach die 
Ermordung einer grösseren oder kleineren Zahl Juden an- 
gezettelt und deren Eigentum geplündert...« 



Samarkand das Wunderland. 217 

Als der Erzähler schwieg, sassen alle eine Zeitiang er- 
griffen da. Darauf aber fragte ich: 

»Konnten die Juden nicht auswandern?« 

»Das war es ja! Auswandern durfte man trotz alle- 
dem nicht. Wenn Jemand Lust dazu hatte und sie verriet, 
ward er mit Fortnahme all seines Eigentums oder mit Tod 
bestraft ... So war denn die Eroberung Samarkands durch 
•die Eussen für uns ein wahres Griück, die Erlösung aus 
namenlosem Leid.« 

»Es ist sonderbar,« unterbrach ich den Sprecher, »und 
ich habe diese Wahrnehmung oft gemacht, dass jene selben 
Russen, welche für ihre europäischen Unterthanen mosaischen 
Olaubens nicht genug harte Massregeln zu finden wissen, 
sich gegen ihre asiatischen Juden in humaner Weise be- 
nehmen — « 

Der Alte lächelte eigentümlich, als er mich bei diesem 
Worte unterbrach: 

»Nicht benehmen dürfen Sie sagen, sondern benahmen. 
Die Moskowiter betrachteten es mit Recht als eine For- 
derung politischer Klugheit, ihre asiatischen Juden zu be- 
günstigen; sie bekamen uns dadurch zu Verbündeten, was 
hier nicht wenig zu bedeuten hat, wo die früher wilden 
zügellosen Volkselemente, die weder Recht noch Gesetz 
kannten, nur schwer zu bändigen waren. Als General 
Kauffinann 1868 nach Samarkand kam, waren wir Juden 
die ersten, welche ihm entgegenjubelten, die ersten, welche 
ihm Salz und Brod darbrachten; denn. er kam ja als unser 
Befreier. Und wir täuschten uns in ihm nicht. Gleich nach 
seinem Einzug hob er alle unsere Bedrückungen auf. Wir 
durften nun Gürtel und Lammfellmützen, ja sogar Turbane 
tragen, wie die anderen Einwohner; er erlaubte uns freien 



218 Samarkand das Wunderland. 

Handel, jedes Gewerbe, und frohen Mutes ergriffen wir Alles, 
was sich uns darbot. Tüchtige Handwerker erstanden aus 
unserer Mitte, fleissige Arbeiter lieferten wir zu Bauten 
und zur Eisenbahn, und brave Soldaten gaben wir der Armee. 
Wir errichteten eine stattliche Synagoge, in der wir öffent- 
lichen Gottesdienst halten dürfen. Wir glaubten, eine neue 
gute segensreiche Zeit sei für uns angebrochen. Aber der 
Glaube scheint zu trügen. Man hört von neuen Ukasen, 
welche unsere Rechte einschränken, unsere Gewerbe be- 
hindern, unsem Handel schädigen sollen. Der Neid der 
Russen, weil wir uns überall so tüchtig erweisen, regt sich. 
Können wir was dafür, dass sie saufen, während wir ar- 
beiten? Das Halten von Kaufhäusern soll uns verboten 
werden, neue Juden dürfen gar nicht hier herein, von den 
Schulen, wo unsere Kinder stets die besten Zeugnisse er- 
halten, will man sie völlig ausschliessen. Und wenn es so 
fortgeht, werden wir uns bald fragen können, ob der Tausch 
sich gelohnt ?2> . . . 

Spät war es geworden. 

Ich erhob mich, und verabschiedete mich von meinem 
freundlichen Wirt und den Anderen, nachdem ich noch am 
nächsten Morgen in der Synagoge zu erscheinen versprochen 
hatte. 

Das that ich. Das Haus war neu, hübsch und ge- 
räumig, wenn auch nicht zu gross. Der Chor bestand aus 
einigen Sängern mit wohltönenden Stimmen. 

Ich sah in der Synagoge verschiedene Gebetbücher, 
welche teils aus Wilna und Warschau, teils aus Wien 
und London, über Indien oder Russland dorthin gelangt 
waren. Femer zeigte mir Reb Mosche einige Andenken, 
die sich auf Jerusalem beziehen und von dort stammen 



220 Samarkand das Wunderland. 

sollen. Besonders interessant waren verschiedene, sehr 
klein, aber äusserst rein und deutlich geschriebene Dokumente. 
Die Synagoge war von Besuchern dicht geföUt; die Juden 
in Mittelasien sind in religiöser Beziehung sehr streng, 
halten treu den Sabbat und beobachten alle Gesetze und 
Glaubensregeln. 

Nach dem Gottesdienst drängten sich viele an mich 
heran, um den Gast aus dem Abendlande zu begrüssen, 
ihm die Hand zu drücken, und ihm Glück und Segen zu 
wünschen. 



••r 





Zu Tische bei einem Oezbegen. 

Mit meinem Wirt und Freunde Pawel Awromtschick 
bummelte ich im alten Stadtteil. Krumm, eng und dumpf 
sind hier die Gässchen, eher schluchtähnliche Pfade, als 
wirkliche, für menschlichen Verkehr berechnete Strassen. 
An beiden Seiten ziehen sich einförmige Mauern von Erde 
oder Lehm hin, welche nur da und dort eine wahrhaftige 
Pforte, zumeist aber bloss seltsame Spalten als Eingänge 
haben. Denn als ich meinen guten Pawel fragte: 

»Was bedeuten diese Spalten oder Löcher« — 

Da entgegnete er: 

»Diese Löcher, wie der Herr Wohlthäter zu sagen be- 
liebt, diese Löcher sind die Eingänge.« 

Und als ich laut auflachte, fuhr Pawel unbeirrt fort: 

»Wollen Euer Gnaden sich von der Wahrheit meiner 
Worte überzeugen? Gut! Schlüpfen wir durch eins dieser 
Löcher in ein Haus — gleich in dies erste, das einem mir 
befreundeten vornehmen Oezbegen gehört.« 

Er trat vor und ich folgte. Er bückte sich und ver- 
schwand im Loche. Nur seine Hand ragte winkend heraus. 
Ich ergriff sie und ward von ihr ein Stück fortgezogen. 
Nun standen wir beide auf einem düsteren Gang, an dessen 



222 Samarkand das Wunderland. 

Ende durch ein halboffenes Pfortchen ein Garten sichtbar 
ward. Von allen Seiten desselben sah ich hohe Schutz- 
wände emporsteigen, deren Kanten mit spitzen Nägeln und 
scharfen Glasstücken besät waren. 

»Wir sind ja wie in einer von Feinden schwer belagerten 
Festung,« sagte ich, »da kann man das Gruseln bald lernen.« 

»Es ist nicht Alles fürchterlich, was so scheint,« ant- 
wortete Awromtschik mit philosophischer Ruhe. »Diese 
mächtigen Schutzwände, die dem Hause allerdings das An- 
sehen einer kleinen Festung geben, haben keine blutige Be- 
stimmung. Sie dienen nicht zur Abwehr umbarmherziger 
Feinde, nicht einmal als Hindernis für Diebe, sondern sind 
einzig und allein dazu da, vor den Nachbarn die Reize der 
holden Frauen versteckt zu halten, welche hier im Hause 
leben... Aber nun, Herr Wohlthäter, mutig hinein!« 

Wir machten noch einige Schritte und gelangten in den 
Hof. Von hier führte eine leicht angelehnte Holzthür in 
das einstöckige mit einem platten Dach versehene Haus. 
Awromtschik schob die Thüre und einen dahinter befind- 
lichen Teppich bei Seite, und wir traten gleich in eine Art 
Empfangszimmer. In demselben befand sich ausser einer 
Unmasse von Schmutz auch der Hausherr aut einem Teppich 
liegend und rauchend. 

Bei unserem Eintritt wendete er den Kopf bloss ein 
wenig. Als er jedoch Awromtschik erblickte, nickte er uns 
freundlich zu und sagte, ohne sich von seinem Platze zu 
rühren : 

»Friede mit Euch!« 

Und wir erwiderten: 

»Mit dir sei Friede!« 

Awromtschik stellte mich dem Oezbegen vor: 



Samarkand das Wunderland. 223 

)>Ein Gast aus dem Abendlande, der in deinem Hause 
eine Minute das Glück deiner Gesellschaft kosten will,« 
sagte mein Begleiter. 

»Er ist mir willkommen,« entgegnete der Hausherr, 
»auch wenn er soviel Minuten bei mir weilen wollte, als ich 
Haare im Barte habe,« und dabei strich er sich wohlge- 
fällig den langen, bis auf die Brust herabwallenden, rötlich 
schimmernden Bart. Er teilte uns darauf mit, dass er sich 
gerade zu Tisch begeben wollte und lud uns ein, mit ihm 
zu speisen. 

»Karg ist die Mahlzeit, die ich euch biete, aber gross 
der Wunsch, dass sie euch schmecken möchte.« 

Wir nahmen das Anerbieten dankend an. 

Unser Wirt geleitete uns, indem er einen Teppich- 
vorhang zurückschob, aus dem Vorzimmer in das Wohn- 
zimmer, welches zugleich Speisezimmer war. Der Raum er- 
schien anfangs sehr gross, weil nur wenige und nicht hohe 
oder breite Sachen sich darin befanden. Bei näherem Zu- 
sehen fand ich, dass er bloss massig gross war. Der Fuss- 
boden bestand aus eng aneinandergelegten Steinen und war 
mit einem breiten schweren Teppich bedeckt. An den Wän- 
den hingen ebenfalls hübsch gearbeitete Teppiche, und auch 
die Decken waren durch einen solchen malerisch verziert. 
Mehrere Nischen dienten als Schränke und Kommoden; in 
einer hing ein aus einem Kürbis hergestellter Wasserkrug, 
indem man das Innere einfach herausgeschabt hatte. Auf 
der Aussenseite dieses sonderbaren Kruges waren die Figuren 
eines Elephanten, eines Tigers und eines diitten, nicht zu 
erkennenden Tieres, wahrscheinlich einer Hyäne, heraus- 
geschnitzt. Ich habe dieses interessante Stück später durch 



224 Samarkand das Wunderland. 

Vermittlung von Awromtschik erworben und besitze es noch 
als Andenken an meinen Aufenthalt in Samarkand. 

Die glaslosen Fenster des Häuschens hatten die Aus- 
sieht nach dem Hofe. Ich trat an eines und erblickte im 
Garten mehrere unverschleierte, scheinbar junge und recht 
schöne Frauen, die in engen dunklen Hosen und behängt 
mit allerlei klimperndem Tand umhersprangen. Als sie sich 
aber von mir beobachtet sahen, erhoben sie ein jämmerliches 
Gezeter und entschlüpften schleunigst durch irgend eine mir 
unsichtbare Spalte ins Haus. 

Möbelstücke bemerkte ich in der ganzen Wohnung 
keine. Tische, Stühle, Bänke und Bettgestelle waren durch 
kleinere und grössere Kissen, die am Boden lagen, sowie 
durch Sophas ersetzt. Nachdem der Hausherr, ohne sonst 
irgend ein Wort zu sagen, uns durch eine Handbewegung 
eingeladen hatte, Platz zu nehmen, setzten wir uns mit 
unterschlagenen Beinen auf den Boden um einen Teppich, 
auf welchem sich verschiedene Schüsseln mit Speisen be- 
fanden. 

Kurz darauf erschien eine ältere unverschleierte häss- 
liche Frau, die Mutter des Hausheirn. Sie begrüsste uns 
sehr von oben herab und Hess sich neben dem Sohne nieder, 
um die Honneurs zu machen, während zwei Diener die 
Speisen zu und ab trugen. 

Wir wuschen uns die Hände, der Wirt sprach würde- 
voll das Tischgebet und dann gings hastig los. 

Zuerst tauchte Jeder seinen Löffel in die gemeinsame 
Suppenschüssel und führte von der Brühe, soviel er wollte, 
zum Munde. Dabei passirte es dem Hausherrn, dass er 
einen Knochen in den Hals bekam, schnell spukte er ihn 
heraus und direkt in die Schüssel. Das genirte ihn aber 



Samarkand das Wunderland. 225 

nicht und ruhig löffelte er weiter, und wir — wir mussten 
mithalten . . . 

Nach der Suppe kam Weizenbrot in Gestalt dünner 
runder Kuchen, dann das bekannte fette schwere Reisgericht 
der Orientalen, der PiUaw: Huhn mit Bohnen und Schat- 
fleisch. Dies Alles wurde mit den blossen Fingern gegriffen, 
da Gabel und Messer in dem Haushalte unseres Wirtes 
völlig unbekannte Dinge waren. 

Nach der Mahlzeit strich der Hausherr zum Zeichen, 
dass er satt sei, mit den Fingern über Gesicht, Bart und 
Kleidung, und wir mussten nolentes volentes seinem edlen 
Beispiel folgen, da wir ihn sonst beleidigt hätten. Alsdann 
sprach er das Dankgebet und Hess uns zum Schluss Früchte 
und Thee mit kernlosen Eosinen als Dessert reichen. 

Während des Essens wurde nichts gesprochen. Nach 
demselben machte ich mehrere Versuche, den Oezbegen zum 
Reden zu bringen. Allein er war nicht selir gesprächig; 
fortwährend gab er kurze und kühle, nichtssagende Ant- 
worten. Da hörte ich wieder auf und blieb stumm sitzen 
wie die Anderen. 

Nachdem wir noch eine Zeitlang so stumm dagesessen, 
gab mir Awromtschik heimlich ein Zeichen, und wir er- 
hoben uns, dankten unserm stummen Wirt ebenfalls stumm 
für die gebotene Gastfreundschaft, und stumm und still, wie 
wir gekommen, wie der ganze Besuch verlaufen, schoben 
wir wieder ab. 



^S^ 



Bernhard Stern, Vom Kaukasus zum Hindukusch. 15 






Altertümer. 

Wandert man durch die engen Strassen des mohamme- 
danischen Teiles der Stadt, so schaut man mit eigentüm- 
lichem Schauer zu den seltsamen Bauwerken auf, die sich 
allerdings von den übrigen Altertümern in Mittelasien nicht 
viel unterscheiden; aber für den, der geschichtliches und 
poetisches Gefühl hat, reden sie eine besondere gewaltige 
Sprache, erzählen sie wundei-same Märchen. 

Dem nüchternen Forscher, dem trockenen Statistiker, 
der in Samarkand im Hinblick auf die vieltausendjährige 
Geschichte der Stadt eine Menge antiker Monumente er- 
wartet, genügt das Vorhandene und die kurze Zeit des Be- 
stehens desselben nicht. 

Man muss indes bedenken, dass die Einwohner im 
Serafschanthale von jeher hauptsächlich in leichten beweglichen 
Zelten lebten und dass ihre etwaigen grösseren Häuser nicht 
aus Stein, sondern bloss aus Lehm erbaut wurden. Für die 
Herstellung dieser Gebäude ward möglichst wenig Zeit und 
Mühe verwendet. Selbst in der Timuridenperiode ging der 
Bau grosser Gebäude ganz flüchtig von Statten, und ein- 
mal ward eine mächtige Moschee in knapp zehn Tagen auf- 
geführt. Viele Gebäude femer, welche vermöge besserer 



Samarkand das Wunderland. 227 

Bauart die Jahrhunderte wol hätten überdauern können, 
wurden in den vielen barbarischen Kämpfen teilweise oder 
ganz zerstört. 

Als die ältesten Denkmale der Vergangenheit von Sa- 
markand bezeichnet man die endlose Eeihe von Erdhaufen 
und kleinen Hügeln im Norden der heutigen Stadt. Dies 
sollen Ueberreste der frühesten Lehmbauten Samarkands 
sein, und an sie knüpft sich die Sage vom mythischen Türken- 
helden Afrasiab, welcher Alexander den Grossen bekämpfen 
wollte, aber dann, als ihm dies misslang, das von jenem 
innegehaltene Samarkand mit Riesenmassen Sand ver- 
schüttete . . . Vor etwa fünfzehn Jahren wurden in dieser 
Ruinenwüste Ausgrabungen vorgenommen, welche Münzen, 
Krüge und sonderbare Glaswaren zu Tage förderten. 

Die gegenwärtig noch vorhandenen Altertümer stammen 
meist aus dem Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts und sind 
mit Timurs Namen verknüpft. 

Das besterhaltene Denkmal ist das Grab Timurs in der 
Gur-Emir-Moschee. 

Die Gefühle, die mich hier überkamen, kann ich nur 
mit denen vergleichen, die ich vor dem Sarkophage eines 
anderen Welteroberers empfand, der im Invalidendome zu 
Paris im ewigen Schlafe ruht . . . 

Die Gur-Emir-Moschee und der Invalidendom, beide 
bergen sie die irdischen Reste von Männern, die sich aus 
der Tiefe der Menschheit zu den höchsten Höhen empor- 
schwangen, die von unstillbarem Kriegsdurst getrieben fast 
die ganze bekannte Erde mit Blut und Feuer überströmten. 
Während aber der lahme Sohn der Steppe sich bis zum 
letzten Augenblick seines Lebens eines wunderbaren Sieges- 
glückes erfreute und bei seinem Scheiden ein Reich hinter- 

15* 



Samarkand das Wunderland. 



Hess, wie seit dem Perser Kyros, dem Makedonier Ale- 
xander, dem Mongolen Dschengizclian kein Anderer ein 
gleich mächtiges geeint hatte — mnsste der Korse mitten 
im Siegesläufe innehalten imd von der stolzen Höhe, die er 



Moschee Gur-Emir. 

erklommen, jählings wieder herabsteigen, um auf einer ein- 
samen Insel, fem seiner Heimat, fem geiner Gattin und seinem 
unglücklichen Sohne, fem von dem Eeiche seines Bnhmes 
die letzten Jahre seines Lehens thaüos zu vertranem . . . 



Samarkand das Wunderland. 229 

Dafür ist dem Kaiser der Franzosen aber in einem 
prachtvollen Bau eine prachtvolle Kuhestätte beschieden, zu 
welcher Millionen und aber Millionen Menschen wallfahrten, 
um dort den Manen des unvergesslichen Toten Bewun- 
derung zu zoUen und das Herz in der Erinnerung an seine 
mächtigen Thaten höher schlagen zu lassen ; der Kaiser der 
Tataren aber ist schier vergessen im Andenken der Mensch- 
heit und er, vor dem einst die ganze Welt erzittert hat, 
wird nur noch in Schulbüchern oder gelehrten Werken ge- 
nannt, und seine irdische Hülle, gedeckt von einem einfachen 
Steine, ruht in einem halbzerfallenen, nur von wenigen 
Pilgern besuchten Gotteshause . . . 

Wie wird es hier und dort, in der Gur-Emir-Moschee 
und im Pariser Invalidendom, nach Jahrhunderten aus- 
schauen? 

Die äussere Foim der Gur-Emir-Moschee ist ein Achteck, 
auf dem sich eine melonenförmige glasirte Kuppel erhebt. 
Das Gebäude, 1386 erbaut, ist aussen und innen mit Mosaik- 
Arabesken verziert. Zu den Seiten des siebzig Meter hohen 
Domes erheben sich zwei mächtige Minarets aus Ziegel- 
steinen. Früher führten in ihnen Wendeltreppen zur Spitze 
hinauf, von welcher die Gebetsrufe des Muezzins zu den 
Gläubigen herabschallten. Heute aber sind diese Treppen 
zerstört, und kein Muezzin steigt hinauf nnd kein Gebetsruf 
schallt herab. 

Man betritt die Moschee, deren Hauptfront dem mo- 
hammedanischen Gebrauch entsprechend nach dem Süden, 
deren Eingang nach dem Westen liegt, durch ein mit Mo- 
saik ausgelegtes Portal und gelangt in einen Hofraum, 
welcher mit einem Dutzend Karagatschen und Maulbeer- 
bäumen nur mager bepflanzt ist. 



230 Samarkand das Wunderland. 

lieber Steinstufen, durch eine äusserlich glatte, an der 
Innenseite geschnitzte Holzthür kommt man in eine Vor- 
halle, und von hier ins Innere des Grabgewölbes. Gitter- 
fenster und einige Nischen mit reichgeschmückten Inschriften 
bilden die einzigen Abwechslungen an den sonst glatten 
Wänden, welche bis zu einer Höhe von anderthalb Meter 
mit Jaspisplatten ausgelegt sind. 

In der Mitte des Gewölbes liegen acht oder neun Grab- 
steine, welche andeuten, dass in dem darunter befindlichen 
Gemache, in welches man später gelangt, an den betreffen- 
den parallelen Stellen die eigentlichen Gräber sich befinden. 
Der dritte von den genannten Steinen, welcher genau in 
der Mitte der ganzen Moschee liegt, ist der Grabstein Timurs. 
Während die übrigen Steine, unter denen sich auch der des 
Ulug-Beg, des Enkels von Timur, befindet, aus weissem 
Marmor sind, ist derjenige des Kaisers grünlich schwarz, 
etwa zwei Meter lang, vierzig Centimeter breit und beinahe 
ebenso hoch. Er besteht aus einem einzigen Nephritblock, 
welcher der grösste Monolith aus diesem Material ist. Im 
Jahre 1415 soll er als Geschenk einer mongolischen Prin- 
zessin nach Samarkand gebracht worden sein, und bildete 
hier ein Wallfahrtsmotiv für viele Pilger und Andächtige. 
In der Mitte ist er geplatzt, was schon auf dem Transport 
geschehen sein soU. Rings umher stehen Pfeiler mit sym- 
bolischen Fahnen. 

Die eigentliche Begräbnisstätte befindet sich, wie be- 
reits bemerkt, eine Halle tiefer, gerade unter dem be- 
schriebenen Gewölbe. Eine breite Treppe aus gebrannten 
grauen Steinen führt in das völlig schmucklose Gemach, 
welches eine gleiche Anzahl Marmorplatten wie das obere 
Gewölbe hat, und erst unter diesen Steinen ruhen die Toten. 



Samarkand das Wunderland. 231 

ff 

Von der Gur-Emir-Moschee begebe ich mich zum Rhi- 
gistan, einem der schönsten Plätze in Samarkand. Drei 
ringsherum liegende Hochschulen oder Medressen, der in 
der Nähe befindliche Bazar und schliesslich der Umstand, 
dass sich von hier aus eine Menge der besuchtesten Strassen 
abzweigt, geben dem Platz ein äusserst reges Leben. 

Die Medresse an der Westseite des Platzes, benannt 
nach Timurs Enkel Ulug-Beg, ist die kleinste, aber die 
älteste der drei. Sie besitzt bloss ein einziges Stockwerk 
mit 24 Zimmern, jedes für zwei Mollahs oder Studenten be- 
stimmt. Heute ist in dieser Medresse, die einst ein Heim 
der universellen Gelehrsamkeit, insbesondere aber der ma- 
thematischen Wissenschaft bildete, kaum eine Spur davon 
zu finden. Anstatt des früheren regen Geisteslebens macht 
sich eine öde Stille breit ... 

Grösser als die TJlug-Beg-Medresse sind die beiden 
anderen Schulen, die Schirudar und die Tilleh-Karih, welche 
je zwei Stockwerke haben. In der ersteren befinden sich 
vierundsechzig , in der letzteren sechsundfünfzig Zimmer. 

Die Schirudar besitzt ein hohes gewölbtes Portal. An 
den Ecken der Vorderfront stehen Minarets, über den Seiten- 
flügeln erheben sich melonenfönüige Kuppeln. Vom Ein- 
gang blickt in blauen und gelben Farben das persische 
Wappen — der Löwe mit der Sonne — , welches der Me- 
dresse den Namen »Schirudar — die löwentragende« ge- 
geben. Sie wurde 1618 erbaut, und eine Inschrift besagt: 
dass der Mond, als er das herrliche Gebäude fertig gesehen, 
vor Entzücken die Finger an die Lippen gelegt . . . 

Die Tilleh-Karih-Medresse — »die goldbedeckte« — 
ist im Aeusseren schon stark verfallen, im Innern aber noch 
ziemlich erhalten. An der Frontseite hat sie zwei Eeihen 



232 SamarkaDd das Wunderland. 

Fenster. Im Hofe links befindet sich eine Moschee, in 
welcher besondere die reichgeschnifzte Holztreppe auffällt, 
die zu dem Betpnlt ans vergoldetem Marmor emporfUlirt. 
Die gTösate aller Schulen, ein wahres Prachtwerk, war 
die Medresse-i-Chanym , welche zax Zeit Timnra gebaut 
wurde. Sie ist jetzt leider fast vollständig zerfallen, 
tmd aus ihren 
Wandstücken 
und Brüchen 
hat man ganze 
Häuserreihen 
der sie um- 
gebenden 
Strassen aut- 



der Hanptftvnt 
sind nur noch 
die Bogeu des 
Mosaikportales 
Moschee Scbitudar, einigermasseu 

erhalten. Das- 
selbe hatte eine Tiefe von nenn Met«r und war mit Gold 
und Malerei reich verziert. An den Seiten des Eingangs 
standen ehemals schlanke sechseckige Türme, welche jetzt 
eingestürzt sind. 

Die Moschee im rückwärtigen Teil der Medresse-i- 
Chanym ist dagegen noch ziemlich erhalten. Ihr Kuppel- 
gewölbe ist gewaltig hoch, in der Mitte allerdings breit 
auseiuandei^eborsten. In der Moschee befindet sich auf 
mehreren Fleilem ein langes breites Betpult, dessen Haupt- 
wert darin bestand, dass Rückenmarkleidende, wenn sie unter 



Samarkand das Wunderland. 233 

demselben durchkrochen, in wunderbarer Weise geheilt 
wurden. 

In der Nähe der Medresse-i-Chanym liegt das zer- 
fallene Grabmal von Timurs Lieblingsfrau. 

Nach Nordosten steige ich durch eine enge steile Grasse 
zur Moschee Schah-Sindeh auf. Moschee und Kapelle waren 
einst wol prachtvoll. Aber schon längst ist auch hier der 
frühere Glanz erblichen. Der reiche Farbenschmuck an 
Wänden und Decken ist abgefallen oder kaum zu erkennen. 

Diese Moschee ist gleichfalls von Timur erbaut worden, 
und interessant durch eine absonderliche Legende, die ihrer 
Entstehung zugrunde liegt: 

Vor tausend Jahren soU ein Heiliger gelebt haben, 
welcher eines Tages auf den seltsamen Einfall kam, einen 
Schacht auszuhöhlen und in denselben hinabzusteigen, um 
darin für immer zu leben. Er ward nicht mehr gesehen. 
Aber man hatte noch nach Jahrhunderten sichere Anzeichen, 
dass der heilige Kauz da drunten fortlebte. Timur woUte 
sich von seinem wirklichen Wohlbefinden überzeugen und 
beauftragte einen kühnen jungen Mann, aus dem Schachte 
Nachricht zu schaffen. Der Jüngling wurde mit dem Kopfe 
voran in die Höhle hinabgelassen, da er es für respekt- 
widrig hielt, zu einem Heiligen zuerst mit den Füssen 
zu kommen. Auf dem Boden der Grube angelangt, 
sah er dort den fronmien Mann wirklich lebend im in- 
brünstigen Gebete knieen und wurde vor Ueberraschung 
ohnmächtig. Als er wieder erwacht war, bewies sich der 
Heilige sehr liebenswürdig gegen ihn und erlaubte ihm 
auch die Eückkehr ans Licht, unter der Bedingung, dass 
er verschweige, was er gesehen ; sonst würden er und seine 
Nachkommen bis in achte Glied stumm werden. Der junge 



234 Samarkand das Wunderland. 

Mann versprach, reinen Mund zu halten, erfüllte aber, nach 
seinem Abenteuer zu Timur zurütkgekehi't, sein Versprechen 
nicht, und die gedrohte Strale trat ein. Um den Heiligen 
zu besänftigen und zu versöhnen, baute Timur über dem 
Schachte die prächtige Moschee »Schah-Sindeh — der lebende 
König«. 

In diese Moschee gelangt man durch das an der Strasse 
liegende Thor. Beim Eintritt rechts ein kleiner Hof mit 
einem Brunnen, links eine Halle für den Gottesdienst. Eine 
breite Treppe von etwa vierzig Stufen führt zu einer langen 
unbedeckten Gallerie, auf der sich mehrere Grabmäler, da- 
runter diejenigen der Schwester und des Onkels von Timur 
befinden. Am Ende der Gallerie liegt die Moschee mit 
Höfen, Kammern und einer Gruft. In einem kleinen 
Zimmer, in das man durch eine kleine Thtir gelangt, hängt 
an einer Stange die Fahne des Heiligen. Hinter einem 
eisernen Gitter sieht man ein Grabmonument, auf diesem 
einen Haufen Lumpen aus blauem und grünem Zeug. In 
früheren Zeiten pflegten die Herrscher von Samarkand, wenn 
sie von Kriegszügen heimkehrten, dieses Grab zu besuchen^ 
ehe sie im Triumph in die Eesidenz einzogen, und dasselbe 
war deshalb ein berühmter Wallfahrtsort. Als V&mbeiy, 
welcher übrigens die Schah-Sindeh-Moschee für einen ehe- 
maligen Palast und zwar für einen beliebten Sommeraufent- 
halt Timurs hält, vor einem Vierteljahrhundert, als wall- 
fahrender Muselmann verkleidet, dies Grab besuchte, wurden 
ihm drei Banner, ein altes Schwert und ein Brustpanzer 
als Eeliquien des Tatarenkaisers zum Küssen vorgelegt. Ich 
habe ausser den erwähnten Lumpenstücken nichts gesehen. 

In einem anderen Zimmer zeigte man mir ein Exem- 
plar des Koran, welches aufgeschlagen die respektable Länge 



Samarkand das Wunderland. 235 

von etwa zwei Meter und eine Breite von mehr als einem 
Meter hatte. 

In einer unterirdischen Zelle der Moschee lassen sich 
fromme Leute alljährlich einmal zu — vierzigtägigem Fasten 
einschliessen ! Jedesmal melden sich mindestens zehn bis 
zwölf solcher Frommen. Dieselben nehmen nur jeden Abend, 
oder jeden dritten Abend etwas Speise und Wasser zu sich 
— aber in so geringen Portionen, dass man damit kaum 
ein Yöglein satt machen könnte. Die ZeUe ist äusserst 
einfach, schmutzig, voll dumpfer modriger Luft, mit harten 
Bänken und kahlem feuchten Boden. Man begreift gar 
nicht, wie da Menschen zu leben vermögen. 

Nach längerem Aufenthalte in der Schah-Sindeh- 
Moschee trete ich wieder ins Freie. Der Bau befindet sich 
auf einer Anhöhe. Unter ihm dehnt sich der Friedhof — 
ein Friedhof im wahrsten Wortsinn — voll tiefster woh- 
ligster Stille. Nur zuweilen zittert der leise Ruf eines 
Vogels oder das zagende Geräusch eines welk fallenden 
Blattes durch die ünbeweglichkeit . . . 

Meine letzte Exkursion führt mich zum Südende der 
Stadt, wo sich die Zitadelle mit dem Schlosse des Emirs 
befindet. Sie umfasst 37 Hektare und ist von einer zwölf 
Meter hohen Mauer umgeben; hier wohnt teilweise die 
europäische Bevölkerung, namentlich das Militär, hier be- 
findet sich auch die russische Kathedrale. 

Das ehemalige Schloss des Emirs unterscheidet sich 
von aussen wenig von den anderen Gebäuden. Nur sind 
die Mauern etwas höher und regelmässiger. Die einzelnen 
Teile des Palastes sind meist aus Lehm gebaut; einige 
mit Stuck beworfen. Im Schlosse befindet sich das Talar- 
i-Timur, die Empfangshalle des Kaisers, mit dem Krönungs- 



236 Samarkand das Wunderland. 

stein, auf welchem seit Timui' alle Herrscher von Samar- 
kand bis in die neueste Zeit den Thron bestiegen. Der 
Kök-Tasch, blauer Stein, steht in einem grossen Hof, der 
von einer anmutigen GaUerie umgrenzt ist. Hinter dem 
Steine erhebt sich eine Wand mit vier verzierten Nischen. 
Der Steiu selbst ist ein Block aus weissem Marmor mit 
feinen blauen Adern, ganz glatt behauen und nur am oberen 
Ende mit geschmackvollen Arabesken geschmückt. Seine 
Höhe beträgt zwei Ellen, seine Länge fünfzehn Spannen 
und seine Breite sieben Spannen. 

Die Russen haben die einstige Krönungshalle Timurs 
in ein — Hospital umgewandelt , . . 

Das sind Samarkands interessanteste Altertümer. Ausser 
ihnen besitzt die Eesidenz noch 20 unbedeutende Medressen, 
165 zumeist verfallene Moscheen, 33 Karavanserais , 24 
Friedhöfe und zahlreiche Bäder. 




Im Garten der Erlaubnis. 

Entzückend ist die Umgegend von Samarkand, das 
fruchtreiche, von zahllosen Kanälen durchflutete Thal des 
goldstreuenden Serafschan mit all seinen Aeckem and Wiesen, 
Wäldchen und Gärten. 

Besonders lockend winkt der Aufenthalt im »Garten der 
Erlaubnis«, welcher sich acht Kilometer nordöstlich von der 
einstigen Prachtresidenz des Timur erstreckt. 

Gegen Abend wandre ich hinaus, um nach dem Toben 
des Tages in der üppig prangenden Natur friedliche Stille 
zu gemessen. 

Die nahegelegene heilige alte Stadt mit ihren Moscheen 
und Minareten und dem modernen Bahnhof scheint nach und 
nach in der Dämmerung verschwinden zu wollen, und nur 
die von den letzten fernen Sonnenstrahlen wie von Zauber- 
licht umfunkelten Dächer der alten Bauten und die Kuppeln 
der Schah-Sindeh-Moschee und der russischen Kathedrale 
schwimmen Irrlichtem gleich in dem Schattenmeer, in welches 
sich der Serafschan zitternd ergiesst ... 

So rein ist die Luft, die mich umhaucht. Noch aus der 
ersten paradiesischen Weltperiode scheint sie hier zu wehen. 



238 Samarkand das Wunderland. 

Duftende Wonnen senkt ein milder Gott auf mich her- 
nieder, und mem Geist, frei von Zwang und Ueberdruss, 
hebt sich zu Welten empor, die schöner, reiner, besser sind 
Als unsere . . . 

Im Westen ist der Sonnenschein völlig verglommen, und 
nur der Kegel des vor mir befindlichen Tschoban- Atta-Berges 
glüht noch leise — gleichsam wie Kohlen des erloschenen 
Tages. 

Durch die Stille klingen Feiertöne, sie schwingen sich 
zur Höhe hinan, sie flüstern um die Bäume und Blumen und 
sinken melodisch nieder zum Flusse und künden Hochzeit 
in der Natur. 

Die Nacht steckt ihre Himmelslampen an, und ein selt- 
sames Leben beginnt. 

Die Wolken, weiss wie Schnee, sammeln sich im Kreise 
um den Mond, den Gott der Liebe, die Sterne hüpfen fröh- 
lich einher und tanzen in den Milchstrassen den Hochzeits- 
reigen. 

Unten aber, aut dem Teppich frischgrüner Saaten, ist 
das Brautbett. Da liegt das jungfräuliche Thal im duftigen 
Eosengewande, umhüllt mit dem bräutlichen Sclüeier aus 
Abendtau und Nebelfäden. 

Aufs Haupt windet sich die Braut den blühenden Kranz 
aus Myrten. 

Schmetterlinge umflattern ihre Wangen und flüstern ihr 
süsse Märchen zu, und mit dem Murmeln der Quellen, dem 
Plätschern der Kaskaden stimmt der zarte Liebessang der 
Nachtigallen das Hochzeitskonzert. 

Und währenddem naht leise, leise durch zitternde Lianen- 
ranken der holden Braut der Bräutigam — der Friede . . . 

Er beugt sich zu ihr und küsst sie. 



Samarkand das Wanderland. 239 

Er küsst sie, und wonneschauerad erzittert ihr lieblicher 
Leib, und himmlischer Jubel erfüllt die Luft und tausend 
und hunderttausend Stimmen erschallen von allen Zweigen, 
von den Höhen des Himmels, aus den tiefsten Gründen, und 
jede Stimme erzählt von süssestem Glück . . . 

dürft ich mein Leben hier verbringen und wäre mein 
Leben endlos, dass ich diese wundervolle Sprache erlernen 
und die Geheimnisse verstehen könnte, die hier verborgen 
ruhen — im Thale, wo einst die lichte Lehre des Zoroaster 
geglüht. Ein Meer von Segen und Glück flutet durch die 
Lüfte, und ich tauche in seine Wogen wie in ein heiliges Bad 
unter, um neugeboren und . rein und stark aus ihm wieder 
emporzusteigen. 




Momentbilder. 



Bernhard Stern, Vom Kaukasus zum Hindukusch. Iß 



[ 




Auf dem Kasbek. 

Die Bergesriesen hinaulMimmen bis dorthin, wohin 
selbst dem Winde zu fliegen nicht gegönnt ist, wo die 
Wetterdämonen, der Blitz und der Donner, in ihren Wolken- 
betten schlummern — das ist es, wonach ich mich immer 
gesehnt. 

Mutig überspringe ich mächtige Abgründe, und selbst 
die steilsten Felsen bieten meinem Fuss kein Hindernis. 

Traulich begrüsst mich der Kasbek und sendet mir 
zum Willkomm seinen jugendlich stürmischen Sohn, den 
Terek, entgegen. Und dieser geleitet mich an steinigen Ufern 
stets höher und höher. 

Bald ist der letzte Streifen des Thaies meinem Blick 
entschwunden, und rings in der Nähe und in der fernsten 
Feme sehe ich nichts als Eis und Schnee und Schnee und 
Eis. . . 

Tiefste Einsamkeit. 

Kein Baum, kein Vogel, kein Wurm, kein lebendes 
Wesen. 

Nur aus den Steinwänden sprudebi Wasser hervor und 
stürzen mit dumpfem Geräusch in die Tiefe. 

16* 



244 Momentbilder. 

In engen Windungen geht der Weg bald hierhin, bald 
dorthin, bald vorbei an grauenerregenden Abgründen, bald 
zwischen steilen unerklimmbaren Felsen, üeber dem Pfade 
hängen häufig drohende Bergstücke, welche von den Lawinen 
einst herabgerissen worden und seitdem so liegen geblieben 
sind, und ewig stürzen zu wollen scheinen. 

Eiszacken ragen in entsetzlichem Gewirr durcheinander, 
als ob ein Meer im Augenblick heftigster Wut im Frost 
erstarrt wäre . . . 

Auf die schauervoll erhabene Szenerie senkt sich die 
Abenddämmerung. 

Ehe aber vollständige Finsternis eintritt, zucken die 
letzten Sonnenstrahlen noch einmal mächtig auf und schlingen 
flammende Bänder von Gripfel zu Gipfel, züngeln schlangen- 
gleich in Schlünde und Gründe, und tauchen Alles in feurige 
Flut. 

Wie ein Märchenberg glüht der Kasbek, umzogen 
von brennenden Gürteln, bedeckt von rätselhaften Licht- 
hieroglyphen. 

Von Luftwelle zu Luftwelle spannen sich funkelnde 
Brücken, der Aether gestaltet sich zu blitzenden Eiesen- 
diamanten und die aus der Tiefe hervorwirbelnden Schnee- 
massen zerstäuben in flüchtige Regenbogen. 

Die blendenden Funken zucken von Fels zu Fels und 
entflammen auf den Gletscherzinnen mächtige Fackeln. 

Und im Donner der Lawinen, im entfesselten Berg- 
sturm, im krachenden Sturz der Eistrümmer tönt das hehre 
Abendlied der Natur . . . 



^ 



clxlxlbc^^ 



An den Ufern des Terek. 

Stürmische Nacht! 

Grauenvoll hehre Bilder! 

In wüder Pracht braust der Terek dahin, gleich einem 
Genius, der seine Kräfte aus der mächtigen Gebirgsnatur 
des Kasbek schöpft, gleich einem scharfen funkelnden 
Schwert, welches die granitnen Felsen mit gewaltigen 
Streichen teilt. 

Demütig neigen sich vor ihm die stolzesten Bäume, die 
gigantischen Berge. Seine Kraft zersplittert die Zweige und 
reisst von jahrtausendalten Felsen riesige Bruchstücke und 
schleudert sie wie spielend in düstere Abgründe . . . 

Der Himmel über mir ist mit schwarzen Wolken ver- 
hängt. Unter mir drohen tiefe schaurige Abstürze. Zu 
allen Seiten steile Felsen, von denen Regengüsse nieder- 
sti'ömen. Vor mir der schäumende brüllende Fluss, dessen 
Wogen gleich Geistern der Hölle emporsprudeln, über die 
Ufer hüpfen und mich mit wildem höhnischen Gelächter um- 
tanzen . . . 

Mächtige Steine stürzen von oben herab und sperren 
den Pfad. 

Blendend zucken gleich feurigen Lavaströmen Blitze 
dahin und erhellen die Nacht, und dröhnende Donner rollen 
durch die erbebende Luft. 



246 Momentbilder. 



Die Felsen wanken und brechen, und die zertrümmerten 
Stücke fallen tosend ins Wasser. 

Die Wälder stöhnen, hilfesuchend umschlingen die Aeste 
einander, der Sturm aber krächzt sein jubelvolles Zerstörungs- 
lied . . . 

Hoch wirbeln die Schaumwellen des rasenden Flusses 
und zerplatzen in Wasserstaub. Eine kristallene Flut steigt 
aus unendlichen Tiefen empor und sinkt wieder herab wie 
aus Himmelshöhen. Ist es das Silbererz, welches zerflossen 
aus dem Berge in endlosen Bächen sprudelt? Oder ist es 
der Aether, der in Thaumassen niedersinkt ? . . . 

Zitternd im Glanz der Blitze wetterleuchten die Lüfte, 
und aus der Flut braust es wie Geisterstimmenchor. 

Ein Wogen und Wallen geht durch Höhen und Tiefen, 
Himmel und Erde vereinen sich, aus seinen Angeln gerissen 
schwankt das Weltall, der gigantische Kasbek bebt er- 
schüttert in seinem granitenen Fundament, die Felsen wirbeln 
wie blitzende Flocken, und vom Fluss unterwühlt, vom 
Orkan erfasst und dahingerafft, kreist Alles in wildem 
Tanz . . . 

Da plötzlich, jäher fast, als es getobt, steht still das 
Gewitter, und die erschütternde Szenerie ist in ein holdes 
Zauberwerk verwandelt. 

Durch die zerrissenen Eiesenwolken taucht der tiefblaue 
Himmel langsam hervor, und der Mond ruht an ihm wie 
eine zarte Blume am erfrischten feuchten Zweige. Aus seinem 
Kelche aber fliesst weicher Silberglanz hernieder und webt 
buntfarbige Bogen und Bänder in die Atomzersplitterung 
des Terek. 



Momentbilder. 247 

Die starr aufragenden Granitwände leuchten wie glatte 
Spiegelflächen, und über den ruhig gewordenen Hexenkessel 
spannt ein Engel des Friedens leuchtende Stemenschleier. 

Die Luft ist weich und wann und voller Wohlgerüche. 

Unbeweglich sind die Wälder, geisterhaft still stehen 
die Felsen, leise murmelt der Fluss. 

Die Erde schläft . . . 

Stille friedvolle Nacht . . . 



(S^ÜÄP^ 




In der turkmenischen Steppe. 

Wie das Skelett einer toten Welt, welches vom Eot 
der Sonnenglut mit Scheinleben angehaucht ward, liegt vor 
mir die Steppe. 

Bings umher gewahrt das Auge nichts als braungelben 
Boden und einen grenzenlosen aschgrauen Himmel. 

Schwül drückt die Luft, der Atem bleibt stocken, der 
Fuss versagt den Dienst. 

Aber^ wenn ich zu kurzer East niedersinke und das 
müde Haupt auf den nackten Boden zu legen wage, dann 
schreckt es mich wieder wie mit tausend glühenden Pfeilen 
empor und jagt mich weiter, endlos weiter in die öde Un- 
ermesslichkeit . . . 

Nur zuweilen wird die Einförmigkeit durch die Ueber- 
bleibsel einer sturmverschütteten Karawane unterbrochen. 
Aus dem Staub ragen im wirren Durcheinander Kamele und 
Bosse, Männer in Waffenkostümen und Weiber in weissen 
wallenden Gewändern gespenstisch hervor. . 

Doch plötzlich — welch wundervolles Bild erscheint 
meinen ermatteten Augen! 



Momentbilder. 249 

Eine blühende Oase, eine volkreiche Stadt. In den 
Strassen pnlst Msches Leben. Palmenhaine tauchen auf 
und in ihren kühlen Schatten schimmern klare Windungen 
von Süberbächen. Das rieselt und lacht und winkt zum 
frischen kraffcspendenden Trunk! 

Und Lusthäuser lauschen aus duftigen Eosengärten 
und liebliche Paläste laden zu süsser Euhe in ihre stillen 
Hallen. Da prangt jeder Saal mit teppichbedecktem Boden 
und marmornen Wänden, goldgewirkte Polster liegen rund- 
herum, silberne Lischriften künden freundliches Willkommen, 
und feine Netze schützen gegen die Sonnenglut, hindern aber 
nicht den Ausblick in den prunkenden Park, wo um zarte 
Lotosblumen die Zikaden schwärmen und durch Aprikosen- 
bäume lind der Zephyr flüstert, wo die Orange mit dem 
Goldapfel um die Wette glüht und mit dem süssen Vogel- 
sang sich Plätschern der Kaskaden eint — — 

Sehnsuchtsvoll breite ich die Hände nach den Früchten, 
nach der kühlen Flut aus — doch höhnend weicht das holde 
Bild zurück . . . Bittend, klagend, stöhnend eile ich nach . . . 
vergebens ... es entschwindet mehr und mehr, und jäh ist 
all die Herrlichkeit verloren . . . 

Ein Wüstentraum hat mich getäuscht — nichts sehe 
ich mehr von Frucht und Flut — nur öde braune Steppe 
und heissen trockenen Sand — in nächster Nähe und in 
fernster Feme . . . 

Am grauen Himmel steigen matte schwarze Flecken 
auf, anfangs kaum bemerkbar klein. Doch sie wachsen und 
wachsen und plötzlich sind es riesenhafte Wolkengebilde. 

lieber die Steppe weht es schwül und schwer und ver- 



250 Momentbilder. 

dickt die heisse Luft noch mehr. Unheimliches Getöse 
touist von allen Seiten heran — der Wüstenstunn. 

Nah, näher dringt sein Glnthanch zu nnr, seine ver- 
sengenden Arme umschlingen mich mit wilder Gewalt und 
reissen mich zu Boden, und mächtige Sandwogen überfluten 
und begraben mich . . . 




I 



%l^ff %aff ^mt %a^ %fllff %fll# %a^ %li^ %H^ %M# %H^ %H^ ^i^ %fl^ %B^ ^iiV^^W %■!# %l^tf 



In der Oase. 

Ein Thal, von Bergen eingegrenzt, durchzogen von 
einem schmalen Flnss. 

Im Osten erflammen die glühenden Farben der Früh- 
sonne, und es erwacht alles Lebende in der Natur — nicht 
wie im Norden in ewig langer Dämmerung sich mühevoll 
ermunternd, sondern wie mit Einem Zauberschlage. Aus 
finsterer Nacht wird heller Tag, aus tiefem Schlaf schnelles 
Erwachtsein. 

Der goldene Mangovogel ruft der geschiedenen Dunkel- 
heit den Abschiedsgruss nach, ^ber Bülbül singt der Morgen- 
röte das Willkommlied und schwingt sich jubelnd dem Licht 
entgegen. 

Geschwätzig flattert der bunte Meynar von Baum zu 
Baum, auf den Zweigen tummeln sich Pfauen und Papa- 
geien und zwischendurch hüpfen lärmende Affen . . . 

Mittagglut. 

Kein Ast ist durch die Axt gefällt, keine der wunder- 
herrlichen Blumen durch Menschenfuss zertreten. 

Die Schätze und Schönheiten der Natur sind ver- 
schwenderisch ausgeschüttet, und Niemand sieht. Niemand 
geniesst sie. 



252 Momentbilder. 

Geräuschlos fliesst der helle Silberstrom durch die 
dunklen Getriebe, geräuschlos schleichen die Vögel von 
Zweig zu Zweig, matt hängt der Schmetterling am Kelch 
der Rose. 

Kein Lüftchen weht. Still, unbeweglich liegt über dem 
Laubdach die mittägliche Glut . . . 

Abendfriede — heiliger Friede. 

Mond und Sterne steigen am Himmel empor und giessen 
ihr zitterndes Licht durch das eng verschlungene Laub- 
geranke hernieder. 

Gleich der Milchstrasse am Himmel zieht der diamant- 
blinkende Fluss durch die mächtige Wildnis, und in seinen 
Wellen baden sich die Sterne der Erde — die Blumen. 

Geheimnisvolles Flüstern tönt aus jeglichem Blatte, 
und die liesigen Urwaldstämme neigen sich, als ob sie beten 
wollten. Johanniswürmer umschwärmen die Palmen und 
erleuchten sie wie Weihnachtstannen, und lindes Vogel- 
zwitschem stimmt den feierlichen Psalm 




Anhang. 



Kaukasische Marschrouten. 



1 






Die Reisen nach dem Kaukasus mehren sich von Jahr zu 
Jahr. Aber bisher fehlte es an einem orientirenden Handbuch, 
selbst in russischer Sprache. Seit Kurzem ist durch das vor- 
zügliche umfangreiche Werk von Weidenbaum in Tiflis den 
Beisenden, welche russisch verstehen, geholfen. Ich bringe 
hier nun, zum grossen Teil auf Weidenbaums Werk gestützt, 
den ersten Versuch eines kurzen Kaukasusführers in deutscher 
Sprache. 

I. 

Rostow am Don— Wladikawkas. 

Kisenbahn, eröffnet 1874. — 652 Werst. 

Auf kaukasisches Gebiet kommt diese Bahn erst bei der 
Station Kuschtschewka am Flusse Jeja, 81 Werst von Ro- 
stow. Sie geht alsdann durch das Gebiet Kuban, das Gou- 
vernement Stawropol und das Gebiet Terek. Die bemerkens- 
wertesten Punkte zwischen Kuschtschewka und Wladikawkas 
sind: 

Armawir: 291 Werst von Rostow, am linken Ufer des 
Kubanflusses, ein Städtchen mit 4634 armenischen Einwohnern. 

Dshulad: 568 Werst von Rostow, neben der Station 
Kotljarewskaja, am rechten Ufer des Terekflusses , am Fusse 
der nördlichen kabardinischen Gebirgskette. Dshulad wurde 
im Mittelalter, besonders von den orientalischen Schriftstellern, 
vielfach erwähnt. Im Jahre 1394 schlug hier der tatarische 



256 Kaukasische Marschrouten. 



Weltstürmer Timur-Tamerlan den Tochtamysch , Chan der 
goldenen Horde, in einem mörderischen Kampfe. 

Tatartup („der Tatarenhügel"): 600 Werst von Rostow, 
gegenüber der Station Eljchotowo, in einem Hohlweg, am 
linken Ufer des Terek. Ein altes Städtchen, das einst bei den 
Kabardinern und Tschetschenzen in grossem Ansehen gestanden : 
ein in Tatartup geschworener Eid galt als heilig; Verbrecher, 
die sich hierher geflüchtet, waren unantastbar; hier wurden 
wichtige Volksversammlungen und grosse religiöse Feste ab- 
gehalten. Nach der Meinung Einiger scheint Tatartup, dem 
Namen entsprechend, von den Tataren erbaut oder gar schon 
zerstört worden zu sein; die Reisenden Güldenstädt und Klap- 
roth, welche den Ort zu Ende des vorigen und zu An- 
fang unseres Jahrhunderts besucht haben, verlegen seine 
Gründung in die Zeit des schrecklichen Iwan. Als Gülden- 
städt hier war, sah man noch Ruinen einer Moschee, eines 
Bades, zwei ziegelsteinerne alte Kirchen und Spuren eines 
Friedhofes. In einer der Kirchen glaubte Güldenstädt an der 
Wand sogar bildliche Darstellungen der Mutter Gottes und 
Johannes des Täufers zu erkennen. Nach den Angaben der 
damaligen Eingeborenen von Tatartup stammten diese Ruinen 
von den Franken (Genuesen), welche im Mittelalter rege Ver- 
bindungen mit dem Kaukasus besassen. Heute ragt von den 
Zeugen einer alter Vergangenheit nur noch ein morsches ziegel- 
steinernes Minaret melancholisch in die Lüfte. 

Wladikawkas: Die Endstation der Bahn, liegt an beiden 
Seiten des Terekflusses, 7 Werst von dessen Ausfluss aus den 
Gebirgsschluchten in die flache Ebene und 2346 Fuss über dem 
Meeresspiegel. Nach der Unterwerfung Grusiens unter Russ- 
lands Oberhoheit (24. Juli 1783) ergab sich die Notwendigkeit, 
hier eine Befestigung anzulegen, welche bald zu einer sehr 
wichtigen wurde und den Namen Wladikawkas, Herrscher des 
Kaukasus, wol verdiente. Die Stadt, seit 1863 Hauptstadt 



Kaukasische Marschrouten. 257 



des Terekgebietes, besitzt jetzt 33981 Einwohner. Bei den 
Bergbewohnern heisst sie: Kapkay. 

Von der Linie Rostow-Wladikawkas zweigen sieh mehrere 
Wege ab: 

1. 

Von der Station Kissljakowka (99 Werst von Rostow) 
geht ein IITV« Werst weiter Postweg nach Jeysk, Kreisstadt 
im Gebiete Kuban. Jeysk hat einen vortrefflichen Hafen, der 
besonders für die üeberwinterung kleinerer Seeschiffe geeignet 
ist. Die Zahl der Einwohner beläuft sich auf 27 915, von denen 
die meisten Russen sind. Die Gründung der Stadt geschah 
durch Fischhändler und ist hier auch heute noch der Fisch- 
handel in grossem Schwange. Sonst hat Jeysk keine Bedeutung. 

2. 

Von der Station Tichoretzkaja (171 Werst von Rostow) 
geht eine Eisenhahn über lekaterinodar nach Noworossysk. 
(Siehe Marschroute II.) 

3. 

Von der Station Armawir (291 Werst von Rostow) geht 
ein Postweg nach Maykop (114 Werst). Maykop, an der 
Bjelaja gelegen, ist erst seit 1871 Stadt und jetzt mit 27 945 Ein- 
wohnern der administrative Mittelpunkt des Kreises gleichen 
Namens. 30 Werst südlich von Maykop befindet sich die 
„Zarskaja Stanitza** mit einem Monument zum Andenken an 
Alexander den Zweiten, welcher hier im September 1861 ein 
Nachtlager aufschlug. Neben dieser Stanitza liegt auf dem 
Berge Physiapcho das Michaylowsche Athoskloster, welches 
am 17. Mai 1878 gegründet wurde. 

Von Maykop geht eine Chaussee (135 Werst) über den 
bis zu 1300 Fuss hohen Goytinischen oder Tschilipssinschen 
Pass nach Weljaminowskaja, einer kleinen Ortschaft am 
Schwarzen Meere. 

Bernhard Stern, Vom Kaukasus zum Hindukusch. 17 



258 Kaukasische Marschrouten. 



4. 

Von der Station Newinnomysskaja (366 Werst von Ro- 
stow) geht eine Poststrasse von 64 Va Werst nördlich nach der 
Stadt Stawropol. Stawropol, die Hauptstadt des gleichnamigen 
Gouvernements, liegt in einer Ebene etwa 2000 Fuss über dem 
Meere an den unbedeutenden, im Sommer versiegenden Flüssen 
Taschla, Mutnjanka und Mamayka. Besitzt 37 000 Einwohner, 
wurde 1777 gegründet und war früher, namentUch in den vier- 
ziger Jahren, der Mittelpunkt der militärischen und zivilen 
Verwaltung des nördlichen Eaukasiens. Seit Jahrzehnten ging 
jedoch die Bedeutung der Stadt zurück und ward schliesslich 
so gering, dass die Rostow-Wladikawkas-Bahn weit an ihr 
vorübergebaut wurde. 

5. 

Von der Station Newinnomysskaja geht ein südlicher 
Postweg (50 Werst) zur Stadt Batalpaschinsk am Kubanfluss. 
Hier fand am 30. September 1790 eine Schlacht zwischen den 
Russen unter Generalmajor Hermann und den Türken unter 
dem anatolischen Pascha Batäl statt; der letztere wurde ge- 
schlagen und zum Andenken an den Sieg nannten die Russen 
die Ortschaft nach dem besiegten Heerführer. 

Von Batalpaschinsk geht ein Fahrweg am rechten Ufer 
des Kuban in malerischer Steigung bis zum Dorfe Utschjkulan 
am Fusse des Elberus. 

Von diesem Wege zweigt sich, bei der einstigen Befestigung 
Chumarinsky, ein Pfad ab, welcher dem Flusse Teberda ent- 
lang sich immer mehr empor auf den 9075 Fuss hohen Eluchor- 
pass zieht. 

6. 

Von der Station Mineraljnyja wody („Mineralquellen"), 
466 Werst von Rostow, geht ein Postweg (207* Werst) zur Stadt 
PJatygorsk, Hauptort des gleichnamigen Kreises im Terek- 
Gebiet, am südlichen Fusse des Berges Maschuka (1777 Fuss) 
und am linken Ufer des Podkumek gelegen. Der Name der 



Kaukasische Marschrouten. 259 



Stadt, welche 13133 Emwohner zählt, stammt von der Berg- 
gruppe, die sich in der Nähe erhebt und aus fünf Bergen 
(pjatj gor) besteht, deren Höhen zwischen 2808 und 4589 
Fuss wechseln. 

Im Bezirke von Pjatygorsk befinden sich die berühmten 
kaukasischen Mineralquellen. Auf verhältnismässig kleinem 
Räume vereinigen sich hier die verschiedenartigsten Heilquellen: 
In Pjatygorsk selbst sind 20 an Schwefelcalcium und Schwefel- 
natrium reiche Quellen (von 24,4 — 36,4** R.), die zusammen zehn 
Liter pro Sekunde liefern und eine heilsame Wirkung auf die 
Unterleibsorgane und den Stoffwechsel im Allgemeinen aus- 
üben und auch gegen rheumatische Leiden empfohlen werden. 
Die ersten Mitteilungen über die Heilquellen veröffentlichte 
1717 Gottlieb Schober, der Leibarzt Peters des Grossen, 
welcher dieselben indes nicht selbst besuchte, sondern sich 
auf Hörensagen stützte. 1773 kam der Akademiker Gülden- 
städt hierher, und wenige Jahre später verzeichnete die Gegend 
ihre ersten Kurgäste , welche allerdings noch nicht die gross- 
artigen Einrichtungen vorfanden, die heute den Besuchern den 
Aufenthalt ebenso angenehm machen, wie in irgend einem 
grossen Kurort Europas. 

157* Werst westlich von Pjatygorsk, am linken Ufer des 
Podkumek, bei der Stelle, wo in denselben das Flüsschen 
Bugunta mündet, liegt Jessentuky (1979 Fuss über dem Meere) 
mit mehr als 20 alkalischen kalten Quellen (von 7,» — 11,6** R.). 

20'/* Werst südwestlich von Jessentuky befindet sich, bei 
dem Zusammenfluss der beiden Bergströme Kosady oder Olj- 
chowka und Jelkoschu oder Beresowka, in einer Höhe von 
2702 Fuss, Kisslowodsk mit einer kalten kohlenstoffhaltigen 
Quelle (von 11,6° R.), die den tscherkessischen Namen Narsan 
(Heldengetränk) führt. Die Wunderwirkungen dieser Quelle 
wurden schon in früheren Zeiten gepriesen, die Verwertung 
derselben für Heilzwecke geschieht aber erst seit Anfang 
unseres Jahrhunderts. 

17* 



260 Kaukasische Marschrouten. 



13 Werst nördlich von Pjatygorsk endlich liegt Sheles- 
nowodsk in einem Walde, welcher den Beschtauberg mit dem 
Eisenberg (shelesnaja gora) verbindet, an der Sohle des 
letzteren, 2070 Fuss hoch. Hier befinden sich mehr als 20 
eisenhaltige Quellen (von 12 — 42* R.), welche 1810 bekannt 
wurden und seit 1812 in Gebrauch stehen. 

Die kaukasischen Mineralquellen befanden sich von ihrer 
Entdeckung bis 1862 im Besitz der Krone, gingen dann in 
Privatbesitz von Spekulanten über, bis sich 1884 die Krone 
genötigt sah, sie wieder in eigene Verwaltung zu übernehmen. 

Das Thal des Flusses Podkumek oberhalb von Kisslowodsk 
besitzt einige archäologische Merkwürdigkeiten. Bei dem Zu- 
sammenfliessen des Podkumek mit seinem Nebenflüsse Eschkakon 
(15 Werst von Kisslowodsk) befindet sich ein flachgipfliger 
Berg Rum oder Burgussan. Die örtlichen üeberlieferungen 
versichern, dass auf diesem Berge ehemals eine fränkische 
(genuesische) Festung gestanden, der Name des Berges Rum 
deutet aber eher auf die Byzantiner, welche im Orient be- 
kanntlich Rumy hiessen. 

Etwa 40—45 Werst südwestlich von Kisslowodsk erhebt 
sich der Bermamyt bis zu 8569 Fuss ; nach Norden neigt er 
sich sanft, nach Süden fällt er steil bis auf 1000 Fuss. Vom 
Bermamyt eröffnet sich nach Süden ein Ausblick auf den 
Etberus, dessen Gipfel in gerader Richtung von hier 40 Werst 
entfernt ist. Aus dem Elberus entspringen die Quellen der 
Flüsse Kuban und Baksan. Die Höhe des Elberus, welcher 
von den Alten Strobylos, von den Russen früher Schatberg 
genannt wurde und bei den eingeborenen Umwohnern heute 
noch Mingi-tau (Hoher Berg) heisst, übertriift die Höhen aller 
anderen kaukasischen Berge um ein Bedeutendes. Der öst- 
liche Gipfel ist 18431, der westliche 18525 Fuss hoch. Die 
Schneelinie beginnt in der Höhe von 11500 Fuss. Lange Zeit 
galt der Elberus als unzugänglich. Die Karbadiner erzählten, 
dass sein Fuss von Morast umgeben wäre, aber sein Gipfel 



Kaukasische Marschrouten. 261 



von einem mächtigen, in einer weiten Höhle angeschmiedeten 
Riesen bewacht würde. Im Juli 1829 machten Kupfer, Lenz, 
Meyer und Menetry den ersten Versuch den Elberus zu be- 
steigen und kamen über 15000 Fuss hoch. Am 19./31. Juli 
1868 bestieg zum ersten Mal den Gipfel der Engländer Fresh- 
field, am 16/28 Juli 1874 folgte der Engländer Gardiner, am 
11/23 August 1884 der Ungar Moriz D6chy; die letzte Be- 
steigung fand im Jahre 1890 durch einen Russen statt, dessen 
Name mir entfallen ist. Alle begannen den Aufstieg vom Dorfe 
ürusbjew am Ursprung des Baksanflusses. Während die Ge- 
nannten den Gipfel zu erstreben suchten, drangen zu mehr 
oder weniger bemerkenswerten Höhen vor: Dinnik, Gustav 
Radde und Andere, welche teils botanische, teils geologische 
und zoologische Zwecke verfolgten. 

7. 

Von der Station Neslobnaja (490 Werst von Rostow) geht 
ein Postweg über die Stadt Georgjewsk nach dem Dorfe 
Wladimirowka oder Rebrowka (158*/* Werst). 

Georgjewsk (5 Werst von der Station Neslobnaja): Liegt 
am linken Ufer des Podkumek, 1032 Fuss hoch und hat 8290, 
fast ausschliesslich russische Einwohner. Die Gründung der 
Stadt, welche früher nur Festung war, datirt aus dem Jahre 
1777. In der Festung wurde am 24. Juli 1783 der Traktat 
geschlossen, nach welchem der grusische Zar Heraklius der 
Zweite sein Reich für ewige Zeiten unter Russlands Oberhoheit 
stellte. Georgjewsk, welches vor Jahrzehnten, insbesondere 
in dem ersten Viertel unseres Jahrhunderts grosse militärische 
Bedeutung besass, verdient heute nur Beachtung wegen der 
alljährlich dreimal stattfindenden Jahrmärkte, deren Umsatz 
auf beinahe 3 Millionen Rubel geschätzt wird. 

Der Postweg, welcher Georgjewsk mit Wladimirowka ver- 
bindet, geht durch reiche und gut bevölkerte russische Dörfer, 
welche an beiden Ufern der Kuma gelegen und in den acht- 
ziger Jahren des vorigen Jahrhunderts teils von Kriegsleuten, 



262 Kaukasische Marschrouten. 



teils von Landleuten gegründet worden sind. In diesen 
Dörfern werden vorzügliche Weine erzeugt, besonders in 
Madsh&ry, (114 Werst von Georgjewsk) am Ufer der Euma, 
an der Stelle, wo in dieselbe das Flüsschen Mokraja Buy- 
wola mündet. Die Reisenden des vorigen Jahrhunderts — 
Gerber, Gmelin, Güldenstädt, Pallas — sahen an der Stelle 
dieser Stadt zahlreiche zerfallene ziegelsteinerne Bauten, von 
welchen einige als Reste von Moscheen und Mausoleen erkenn- 
bar waren. Als die russischen Niederlassungen an der Kuma 
gegründet wurden, verwendeten die neuen Ansiedler die 
Trümmer für ihre Wohnungen, ein Teil der Ruinen ging auch 
als Baumaterial nach Jekaterinograd, und heute zeigen nur 
Gruben die Stellen, wo die alten Gebäude gestanden, üeber 
die Geschichte des alten Madshary ist fast gar nichts bekannt. 
Früher glaubte man, gestützt auf den blossen Klang des 
Namens, annehmen zu dürfen, dass Ungarn (Magyaren) die 
ersten Bewohner des Ortes gewesen. Auf tatarisch bedeutet 
Madshar ein steinernes Gebäude. Von allen Reisenden, welche 
Madshar besucht haben, richtete zuerst Klaproth die Aufmerk- 
samkeit auf die in den Wällen befindlichen Münzen und Grab- 
steine mit arabischen Inschriften. Die letzteren führten ins 
14., die ersteren, fast ausschliesslich in Ssaray geprägten, ins 
13., 14. und 15. Jahrhundert zurück. Daraus schloss Klap- 
roth, dass die Stadt von den Kiptschak-Chanen erbaut und in 
der Zeit der Verwirrung nach dem Tode des Tochtamysch ver- 
lassen oder zerstört worden sei. Im „Derbend-Nameh", von 
dem eine Kopie sich in der Göttinger Bibliothek befindet, 
wird Madshar als eine Chasarenstadt bezeichnet. Die russi- 
schen Chronisten erwähnen Madshar gelegentlich des Endes 
des Grossfürsten Michael Jarosslawitsch Twersky, welcher im 
November 1319 von üsbeck (Oezbeg), dem Chane der goldnen 
Horde, in der Stadt Tetjakowa zu Tode gemartert wurde; 
die Verwandten des Grossfürsten brachten dessen Leiche „nach 
Madshar, einer Handelsstadt, in welcher viele russische Kauf- 



Kaukasische Marschrouten. 263 



leute lebten und wo eine rechtgläubige Kirche stand." In 
einem geographischen Buche, welches im 16. Jahrhundert ver- 
fasst wurde, geschieht einer Stadt Madshar keine Erwähnung 
mehr, doch wird dort von einem „am rechten Ufer der Kuma 
gelegenen Moschar-Jurt, das aus 7 Moscheen besteht," ge- 
sprochen. 

8. 

Von der Station Prochladnaja (554 Werst von Rostow) 
zweigt sich ein Postweg nach Mosdok, Kisljar und weiter zum 
Brjan-Hafen' am Kaspischen Meere ab und ftlhrt stets längs 
dem linken Ufer des Terek vorbei an der Terek-Kosaken- 
Stanitza (331 Werst). Folgende Punkte dieser Strecke sind 
besonders zu beachten: 

Ickaterinogradskaja Stanitza: 16 Vs Werst von der Station 
Prochladnaja am linken Ufer der Malka, 661 Fuss hoch. Eine 
steinerne Triumphpforte erinnert an russische Waffenthaten 
unter Pawel Ssergeje witsch Potemkin (sprich : Patjömkin). Die 
Bevölkerung besteht heute fast nur aus einem Bataillon Sol- 
daten. , In der Soldatenkirche ruht die Leiche des Helden- 
generals Felix Antonowitsch Krukowsky, welcher 1848 bis 1852 
Hetman der kaukasischen Linienkosaken war und am 18./30. Ja- 
nuar 1852 in einer Winterkampagne am Flusse Gojrta in der 
Kleinen Tschetschna fiel. Die Gegend um die Stanitza heisst 
bei den Einwohnern Besch-tamak, „fünf Mündungen", weil hier 
Terek, Malka, Baksan, Tschegem und Tscherek zusammen- 
fliessen. 

Mosdok: 51 Werst von Prochladnaja am linken Ufer des 
Terek, in sandiger Ebene, 465 Fuss hoch. Die Bevölkerung, 
etwa 13 000 Seelen, besteht aus Bussen, Armeniern, Osseten, 
Kabardinern und anderen Bergbewohnern. Die Gründung der 
Stadt wird ins Jahr 1762 verlegt und dem Fürsten der Kleinen 
Kabarda, Kurgoko Kantschokin, zugeschrieben. Dieser Fürst 
nahm das Christentum an und trat in die Dienste der russi- 
schen Regierung. Eine Merkwürdigkeit der Stadt ist das in der 



264 Kaukasische Marschrouten. 



Himmelfahrtskirche befindliche Bild der Mutter Gottes, welches 
von bekehrten Osseten gespendet wurde und angeblich aus 
der Zeit der grossen grusischen Zarin Tamara stammt. — Von 
Mosdok zweigt sich ein Postweg nach Wladikawkas ab. 

NaOrskaja Stanitza: Ist berühmt durch die sonderbare 
Art, wie hier ein kleines Häuflein Kosakenfrauen am 11. Juni 
1774 eine tatarische Armee von 18000 Mann zum Abzug 
zwang ; während ihre Männer mit der Waffe in der Hand den 
stürmenden Feind zurückzutreiben suchten, kamen die Weiber 
aus den Küchen gestürzt, schleppten Alles, was sie dort hatten, 
mit sich und schütteten es auf die Köpfe der Tataren: heisse 
Speisen, siedende Suppen, zerschmolzene Butter . . . Was die 
tapferste Gegenwehr nicht vermochte, errang Frauenlist : jam- 
mernd zogen die Feinde ab . . . 

Schelkosawodskaja oder Schelkowaja Stanitza (Seiden- 
fabrik-Stanitza) : 201 Werst von der Station Prochladnaja, er- 
hielt seinen Namen von der 1735 hier von einem persischen 
Armenier ins Leben gerufenen Seidenindustrie, welche durch 
lange Jahre in diesem Orte gepflegt ward und berühmte Er- 
zeugnisse lieferte. Auf den Karten des vorigen Jahrhunderts 
hiess Schelkowaja auch Saphrannikowo, nach dem Begründer 
der Seidenfabriken: Saphar Wassiljew. Bei dieser Stanitza 
befindet sich eine üeberfahrt zum rechten Ufer des Terek, 
von wo ein Postweg nach Chassaw-Jurt geht. 

Kisljar: 259 Werst von der Station Prochladnaja, Haupt- 
stadt des gleichnamigen Kreises im Terekgebiet, liegt am linken 
Ufer des Terek (60 Werst von dem Kaspischen Meere), hat 
8778 Einwohner, hauptsächlich Russen und Armenier. Festung 
und Stadt Kisljar wurden 1735 gegründet. Im September 1831 
wurde Kisljar von dem berühmten Propheten Kasi-MuUah er- 
obert und geplündert. Zur Zeit als der Fluss Ssulak noch die 
Grenze zwischen Eussland und Persien bildete und Kisljar die 
einzige russische Stadt des nordöstlichen Kaukasiens war, hatte 
sie einen bedeutenden Handel mit den Bergbewohnern und 



Kaukasische Marschrouten. 265 



grosse Verbindungen mit Astrachan und Persien. Heute ist 
die Wichtigkeit der Stadt sehr gesunken, und die Einwohner 
beschäftigen sich nur mit Gartenkunst oder Weinbau. Dem 
letzteren obliegen drei Viertel der Bevölkerung; die Kisljar- 
schen Weine erscheinen alljährlich auf dem Markte zu Nishny- 
Nowgorod. — 1765 wurde in Kisljar der spätere General 
Peter Iwanowitsch Bagration geboren, welcher in der Schlacht 
bei Borodino ein Heldenende fand. — Das Wort Kisljar be- 
deutet auf tatarisch : Fräulein, und es knüpfen sich an diesen 
Namen allerlei phantastische Erzählungen. 

9. 
Von der Station Eljchotowo (600 Werst von Rostow) geht 
die ossetinische Heerstrasse, auf welcher jedoch keine Post 
eingerichtet ist. Die Strasse führt durch einen von dem Flusse 
Ardon gebildeten Engpass, in welchem sich ein Silber- und 
Bleibergwerk befindet; durch den 9390 Fuss hohen Mamisson- 
Pass über die Hauptgebirgskette, und fällt dann in das Thal 
des Rion, um sich über die Ortschaft Oni durch eine wahrhaft 
paradiesische Gegend nach der Stadt Kutal'ss zu richten. 

n. 
Station Tichoretzkaja— Jekaterinodar— Noworossysk. 

Kisenbahn, eröffnet 1886. — 247 Werst. 

Jekaterinodar : 127 Werst von der Station Tichoretzkaja, 
Hauptstadt des Gebietes Kuban, am linken Ufer des Kuban- 
flusses, 220 Werst von dessen Ursprung. Besitzt 39,610 Ein- 
wohner, welche sich mit Gartenbau, Gemüsebau, Weinbau, 
Fischfang, Ackerbau, Viehzucht beschäftigen , oder auch als 
Tagelöhner dienen. Jährlich finden drei Jahrmärkte mit einem 
Umsatz von 2 Millionen Rubel statt. Die Gründung der Stadt 
reicht ins Jahr 1794 zurück, und geschah zu Ehren der grossen 
Katharina. Seit 1820 befindet sich hier eine Militärschule. 
Die Soldatenkirche ist sehr reich an altertümlichen Gegen- 



266 Kaukasische Marschrouten. 



ständen. Bis 1879 befand sich in der Festung eine 1799 bis 
1801 erbaute mächtige Kirche (je 50 Ssashen hoch, breit und 
lang), welche nur aus Waldholz, ohne Eisenstäbe oder andere 
Metalle, frei auf dem Boden, ohne Fundament, errichtet war ; 
1879 stürzte sie von selbst zusammen. Bei den Tscherkessen 
hiess Jekaterinodar : Bshedug-kaleh (Bshedng-Festung) nach 
der umwohnenden Völkerschaft der Bshedugen. 

Von Jekaterinodar zweigen sich mehrere Poststrassen ab: 

1. 

Von Jekaterinodar geht nördlich eine Poststrasse zur 
Station Umanskaja, wo sie sich mit der Poststrasse vorbindet, 
die von Kissljakowka nach Jeyssk geht. (Siehe Marschroute I. 
Seite 257). 

2. 

Von Jekaterinodar geht westlich, entlang dem rechten 
Ufer des Kuban, ein 187 Werst langer Postweg nach Temrjuk 
und Tamanj. 

Bei der Station Kopyljskaja (74 Werst von Jekaterinodar) 
befand sich einst am rechten Ufer des Kuban, an der Stelle 
wo sich von ihm der Arm Protoka abteilt, die türkische Stadt 
Kopylj oder Kaplu. Heute sind von derselben bloss die 
Festungswälle zu sehen. Während der Türkenherrschaft war 
Kopylj für den Handel zwischen den Nogaiem und trans- 
kubanischen Tscherkessen wichtig. Hier residirte ein Seraskier, 
welcher den Kubankreis im Namen des krymschen Chanes ver- 
waltete. Die Stadt soll damals 4000 Einwohner, 2 Moscheen 
und etwa 500 Buden gehabt haben. 

Temrjuk: 134V« Werst von Jekaterinodar, ist Hauptstadt 
des Kreises gleichen Namens, 244 Fuss hoch, in einem Meer- 
busen des Asow gelegen und hat 13 655 Einwohner, gegen 
2000, die es unter türkischer Herrschaft in der zweiten Hälfte 
des vorigen Jahrhunderts besass. Die Bewohner beschäftigen 
sich hauptsächlich mit Fischhandel; der Hafen ist flach und 



Kaukasische Marschrouten. 267 



deshalb für grössere Schiffe unbrauchbar^ kleinere Dampfer 
aber gehen von hier aus nicht nur nach den benachbarten 
Küstenorten, sondern auch ins Innere des Landes, den Kuban 
hinauf bis Jekaterinodar. — Nördlich von Temrjuk, bei der 
Mündung des Kubanarmes Protoka ins Asowsche Meer, liegt 
Atschujew, eine kleine Ortschaft, welche unter den Türken 
eine gute Festung besass, aber heute nur durch ihren Fisch- 
handel bekannt ist. 

Tamanj : 187 Werst von Jekaterinodar, ein Dörfchen im Kreise 
Temrjuk, 444 Fuss hoch am Bande der Bucht Tamanj gelegen, 
mit 3231 Einwohnern. Unter den Türken gingen Export- und 
Importwaren zwischen den Ländern der Tscherkessen und der 
Kubanschen Tataren über Tamanj; die Stadt besass damals 
6000 Einwohner, viele Häuser, 12 Moscheen, 100 Buden, Gärten, 
Fontänen; in der Festung lag eine Janitscharen-Gamison. — 
Die Halbinsel Tamanj, auf welcher die Stadt liegt, ist viel- 
fach interessant. Um die Hälfte des 6. Jahrhunderts vor 
unserer Zeitrechnung waren hier von Einwanderern aus Milet 
weite und blühende Kolonien gegründet worden. Die klassischen 
Schriftsteller geben eine ziemlich genaue Beschreibung dieser 
Kolonieen und ihrer Städte, aber in der Topographie der 
Halbinsel hat die Natur im Laufe der Jahrhunderte vielfache 
Veränderungen hervorgebracht, sodass es schwer ist, die alten 
Angaben für die jetzige Lage der Halbinsel zu vergleichen. 
Einig sind alle Altertumsforscher darin, dass die Reste eines 
alten Dorfes, welche sich nahe bei Tamanj befinden, der von 
Strabo erwähnten Stadt Korokonda angehören. Zur Zeit des 
byzantinischen Kaiserreiches wurde Tamanj Tamatarcha ge- 
nannt. Bei den Russen des Mittelalters hiess die Stadt mit 
der ganzen Umgegend Tmutarakan und war bis zum zwölften 
Jahrhundert einem russischen Fürsten unterthan; der Name 
Tmutarakan wird auch in den alten Heldenliedern erwähnt; 
(vgl. den von mir herausgegebenen Sagenkranz von Fürst Wladi- 
mirs Tafelrunde, S. 125). Später geriet das Land in Vergessenheit, 



268 Kaukasische Marschrouten. 



so zwar, dass man zu Ende des vorigen Jahrhunderts nicht einmal 
mehr wusste, wo „das märchenhafte Land ** sich befände; die Einen 
suchten es im Rj äsanschen Gebiete, die Anderen am Flusse Worskla. 
Dass aber Tmutarakan sich einstmals hier, bei Tamanj, be- 
funden, entdeckte man 1793, da man bei dem Bau einer 
Festung die Erde aufgrub und einen sogenannten Tmutarakan- 
stein, eine Marmorplatte mit einer russischen Inschrift fand, 
welche unleugbare Beweise lieferte, dass hier das verschwun- 
dene Land. — Bei den Genuesen hiess Tamanj : Matrega oder 
Matega. Seit der Ttirkenherrschaft erhielt die Gegend den 
jetzt gebräuchlichen Namen, welcher übrigens auch tscher- 
kessischen Anklang hat: temene = Morast. — 22 Werst von 
Tamanj, auf dem Wege nach Temrjuk, am Ufer des Tamanj - 
Meerbusens, bei der Poststation Ssennaja, befinden sich die 
Ueberreste der im Altertum bekannt gewesenen Griechenstadt 
Phanagoria; im Meerbusen selbst sieht man noch unter dem 
Wasser Trümmer eines alten Molos. Im Westen von der 
Station Ssennaja befindet sich eine nicht gar grosse Bucht, 
Chimaradne genannt; man glaubt, dass zu Strabos Zeit hier 
die Mündung des Kuban gewesen, welcher in den Tamanj - 
Meerbusen strömte, nachdem er den Achtanisow-Meerbusen 
passirt. Später bedeckte sich die Mündung mit Schlamm- 
vulkanen. Um die Station Ssennaja befinden sich zahlreiche 
Kurgane (Grabhügel). — Auf dem Wege von der Station 
Ssennaja zur Station Peressypka liegt zur Rechten die Station 
Achtaniso wka ; in der Nähe der letzteren befand sich ehemals 
die miletische Kolonie Kepos. — Zwischen den Stationen Peres- 
sypka und Temrjuk befanden sich vor längerer Zeit Trümmer, 
welche man für Ueberreste der alten, von Strabo erwähnten 
Stadt Tyrambe hielt; heute sieht man hier nur noch Spuren 
von Redouten, welche im vorigen Jahrhundert von Ssuworow 
errichtet wurden. — In geologischer Beziehung ist die Halb- 
insel Tamanj bemerkenswert wegen ihrer zahlreichen Schlamm- 
vulkane, ihrer Naphta- und anderen Mineralquellen. 



Kaukasische Marschrouten. 269 



3. 

Nach Süden geht von Jekaterinodar ein Postweg (52 Werst) 
zur Station Kljutschewaja, bei welcher sich, am rechten Ufer 
des Flusses Psekup, das Dörfchen Gorjätschy kljutsch (heisse 
Quelle) befindet, welches wegen seiner salz- und eisenhaltigen 
Quellen (von 24,* — 42° R.) bekannt ist. Das Wasser derselben 
wird von den Umwohnenden zu Heilungszwecken benützt. — 

Von Jekaterinodar geht die Eisenbahn auf die linke Seite 
des Kuban hinüber, nähert sich bei der Station Krymskaja 
dem Fusse des Gebirges und erreicht durch einen Tunnel 
Noworossysk (120 Werst). 

Noworossysk, 1836 gegründet, ist Kreisstadt des Bezirkes 
Tschomomore (Schwarzes Meer), und liegt an der westlichen 
Seite der Bucht von Noworossysk, an der Stelle, wo das 
Flüsschen Zemess mündet. Die Stadt hat eine grosse Zukunft, 
die Einwohnerzahl beträgt 8304 Seelen, der Umsatz des Meer- 
handels jährlich viele Millionen; grossartige Zement- und 
Naphtafabriken ziehen immer mehr Handelsleute und Arbeiter 
heran. — Die Bucht von Noworossysk, welche auf den 
italienischen Karten aus dem 14. bis 16. Jahrhundert Calo 
limena genannt wird, gehört zu den vortrefflichsten der 
Ostseite des Pontus Euxinus. — Südlich von Noworossysk, 
ebenfalls am Meere, liegen die Ruinen der von den Türken 
1722 erbauten Festung gsudshuk-Kaleh. — Die Archäologen 
glauben, dass am Ufer der Noworossyskischen Bucht sich die 
von Strabo erwähnte Stadt Bata befunden hätte. Plinius ver- 
legte hierher die Stadt Hieros. 

Von Noworossysk geht ein Postweg nach Anapa (44 Werst). 

Anapa, eine Stadt im Bezirke von Kuban, am Ufer des 
Schwarzen Meeres, bei der Mündung des Flüsschens Bugur 
(die Russen nennen dasselbe Anapkaja), hat 7604 Einwohner. 
Die Zeit der Gründung und die Bedeutung des Namens sind 
unbekannt. Auf den italienischen Karten des 14. bis 16. Jahr- 
hunderts heisfet Anapa: Mapa. In der Stadt und ihrer Um- 



270 Kaukasische Marschrouten. 



gegend sind viele in alte Zeiten zurückweisende Gegenstände: 
hellenische und römische Münzen, Steine mit griechischen In- 
schriften und Marmorstatuen gefunden worden. Man glaubt, 
dass an der Stelle von Anapa einst die von Strabo erwähnte 
Stadt Gorgyppia gestanden. Zur Zeit, da die Genuesen das 
Schwarze Meer beherrschten, hatten sie in Anapa einen 
Kommandanten. 1475 bemächtigten sich die Türken des Ortes 
und machten denselben zum Centrum der mohammedanischen 
Propaganda unter den Bergbewohnern des nördlichen Kau- 
kasiens; hier war auch ein Hauptmarkt für den Handel mit 
Sklaven und Sklavinnen, welche der Kaukasus der Türkei und 
der Krym durch lange Jahrhunderte lieferte. 1783 erbauten 
die Türken in Anapa eine Festung, welche im Juni 1791 nach 
einem mörderischen Sturm von dem russischen General Gudo- 
witsch erobert wurde, wobei der Scheich Manssur als Ge- 
fangener in die Hände des Siegers fiel. Im Frieden von Jassy 
wurde Anapa den Türken zurückgegeben, später, am 29. April 
1807, zum zweiten Mal von den Bussen eingenommen, 1812 
abermals der Türkei zurückgegeben und endlich am 12. Juli 
1828 zum dritten und letzten Male von den Russen erstürmt. 



in. 



Wladikawkas— Grosny— Temir Chan Schura — 

Petrowsk. 

Postweg; 299 Werst. 
Wladikawkas— Grosny. — 101 Werst. 

Der Postweg von Wladikawkas nach Grosny geht längs 
des linken Ufers des Flusses Ssunsha, auf der sogenannten 
Ssunsha-Linie , welche mit zahlreichen Kosakenstanitzen be- 
deckt ist. 

49 Werst von Wladikawkas liegt die Slepzowskaja Stanitza, 
am linken Ufer der Ssunsha. Auf dem Friedhofe der Stanitza 



Kaukasische Marschrouten. 271 



bandet sich das Grab des Grenerals Slepzöw, welcher am 
10. Dezember 1851 im Kampfe gegen die Tschet^chenzen fiel 
und dessen Tapferkeit noch heute im Munde der Bewohner 
der ganzen Gegend lebt. 

Zwischen den Stationen Slepzowskaja und Michaylowskaja, 
9 Werst von der ersteren und 2 Werst von der Letzteren ent- 
fernt, befinden sich schwefelhaltige Quellen (von 20 und 56** ß). 

Am Wege von der Station Alchan-Jurt zur Stadt Grosny 
sieht man am rechten Ufer der Ssunsha den Aül Aldy, die 
Heimat des üschurma, bekannter unter dem Namen „Scheich 
Manssur", welcher im Jahre 1785 als fanatischer Prediger der 
mohammedanischen Lehre unter den Tschetschenzen erschien 
und den ganzen nördlichen Kaukasus gegen Bussland auf- 
wiegelte. 

Grosny, die Hauptstadt des Kreises gleichen Namens, liegt 
an beiden Ufern des Ssunsha, 419 Fuss hoch. Im Stadtchen, 
welches 6214 Einwohner hat, werden jährlich zwei Jahrmärkte 
bei einem Umsatz von einer Million Rubel abgehalten. Li der 
Umgegend von Grosny befinden sich mehrere Mineral- und 
Naphtaquellen : die Bragunschen und die Mamakay-Mineral- 
wasser. Die letzteren, 18 Werst nordwestlich von Grosny, am 
südlichen Fusse der Terekschen (oder nördlichen Kabardinischen) 
Gebirgskette, bilden ein Bächlein, genannt Naphtjanka, welches 
12 Werst durch die Ebene fliesst und 6 Werst unterhalb 
Grosny in die Ssunsha fallt. Die Quellen enthalten 
eine vortreffliche Naphta. Ihre Temperatur erreicht 59,7^ R. 
Die Bragunschen Mineralquellen oder Teplitzy (Warmquellen) 
befinden sich auf dem nördlichen Abhang der Terekschen 
Gebirgskette, an der Stelle der Vereinigung der Ssunsha mit 
dem Terek, 6 Werst vom Dorfe Bragun, 42 Werst nordöstlich 
von Grosny. Sie sind schwefelhaltig und haben eine Tem- 
peratur bis zu 73^ R. Besonders bei Rheumatismus und 
äusserlichen Krankheiten soll ihre Wirkung gross sein. 



272 Kaukasische Marschrouten. 



l. 

Die Festung Grosny war ehemals der Hauptpunkt der 
Russischen Strasse. So nannten die Tschetschenzen die Heer- 
strasse, welche von den russischen Truppen zur Zeit des 
kaukasischen Krieges durch die waldige Ebene der kleinen 
Tschetschna geschlagen wurde. Sie ging von Grosny über den 
Engpass Chan-Kaleh, bog nach Westen, durchschnitt alle 
Nebenflüsse der Ssunsha und endete bei der Befestigung Pre- 
gradny, welche zwischen den heutigen Stationen Slepzowskaja 
undMichaylowskajalag. Im Herbst 1850 wurde auf der Russischen 
Heerstrasse der Grossfürst, spätere Zar Alexander Nikolaje- 
witsch von Tschetschenzen eingeschlossen, aber von seinen 
Truppen gerettet. — Der obenerwähnte Engpass Chan-Kaleh, 
durch welchen die einstige Bussische Strasse ging, befindet 
sich einige Werst südlich von Grosny zwischen waldigen Höhen ; 
er bildete eine der wichtigsten Etappen auf dem russischen 
Vordringen. Heute ist Chan-Kaleh von Wald ganz entblösst, 
und der Weg geht bergab am Argunj nach Wosdwishenskoje. 
Dieser Ort liegt 25 Werst von Grosny, am linken Ufer des 
Argunj. 7 Werst von Wosdwishenskoje befindet sich daa so- 
genannte Argunsche Thor (Orgunskaja worota) eine Schlucht, 
durch welche der Argunj fluss aus dem Engpaes in die Ebene 
flutet. An dieser Stelle führte Schamyl grosse Wälle auf, die 
jetzt zerstört sind. 

2B Werst südlich von Wosdwishenskoje befindet sich 
Schatoje, eine einstige Befestigung, heute eine blosse Dorf- 
schaft. Von Schatoje geht ein Bergpfad dem Argunj entlang 
zu den Chewsuren-Dörfern Schatilj und Guro. 

12 Werst westlich von Wosdwishenskoje befindet sich das 
Ustarchanow'sche Feld, welches im kaukasischen Kriege den 
Mittelpunkt für die Operationen der Tschetschenzen bildete. 
Zwischen Ustarchanowskoje und Wosdwishenskoje liegt- das 
Dragoner-Feld (Dragunskaja poljana), benannt nach einer im 



Kaukasische Marschrouten. 273 



Jahre 1857 zwischen russischen Dragonern und den Kriegern 
des Schamyl stattgefundenen mörderischen Schlacht. 

15 Werst nordwestlich von Wosdwishenskoje, am Flusse 
Bass, liegt das grosse Tschetschenzen-Aül Schall mit 1100 
Zelten und 8629 Einwohnern. Von 1850 bis 1858 entschieden 
sich alle wichtigen Dinge des Krieges in der Tschetschna hier, 
in und um Schall, welches noch von Schamyl erbaute Festungs- 
wälle besitzt. 

2. 

Nördlich von Grosny geht ein Postweg (307* Werst) zur 
Nikolajewskaja Stanitza, wo er sich an den Postweg von 
Mosdok nach Kisljar anschliesst. Auf diesem Wege befinden 
sich, 18V* Werst von Grosny, die Gorjatschewodskija wody 
(die Heisswasserquellen), welche dem nördlichen Fusse der 
Terek-Gebirgskette entspringen. Diese Quellen werden schon 
im sechzehnten Jahrhundert erwähnt. Sie haben grossen 
Schwefelgehalt, mit einer Beimischung von Naphta ; ihre Tem- 
peratur ist verschieden von 29 — 73^ R. Bei einigen Quellen 
sind Badstuben errichtet, im Sommer befindet sich hier auch 
ein Hospital. 

3. 

Südöstlich von Grosny geht ein Postweg (597* Werst) 
nach der Ortschaft Wedenj oder Wedeno. Von der Station 
Erssenaja (36 Werst von Grosny) geht er durch den Hohlweg des 
Flusses Chulchulay oder Bjelaja. Dieser Hohlweg bildet den 
wichtigsten militärischen und Handelsweg zwischen den Be- 
zirken Terek und Daghestan. — Die Poststation Wedenj oder 
Wedeno befindet sich IV2 Werst von dem Aul gleichen Na- 
mens, welcher die Residenz Schamyls in den letzten Jahren 
seiner Herrschaft war. Dieser Aül wurde nach zweiwöchent- 
licher Belagerung am 1. April 1859 von General Jewdokimow 
im Sturm genommen. — Oberhalb Wedenj erhält die Schlucht 
Chulchulay das Aussehen eines tiefen, finsteren Kraters, 
welcher Chorotschojewskaja, nach dem nahe liegenden Aül Cho- 

Bemhard Stern, Vom Kaukasus zum Hindukusch. 13 



274 Kaukasische Marschrouten. 



rotschay, heisst. Von hier steigt der Weg im Zickzack bis zu 
dem 6130 Fuss hohen, 7 Werst Umfang besitzenden Esenjam- 
See, und fällt dann im Westen bergab bis zum Dorfe Botlich, 
wo er sich in das Netz der daghestanischen Wege verliert. 
Die Strecke von Wedenj bis Botlich ist 67 Werst lang. 

Grosny— Temir Chan Schura. — 154 Werst. 

Auf dieser Teilstrecke durchschneidet der Weg die Flüsse 
Ssunsha und Argunj, wendet sich entlang dem nordöstlichen 
Abhang der Eatschkalykowschen Gebirgskette und über- 
schreitet zahlreiche Flüsse und Flüsschen, welche zum Terek 
eilen (Aksay, Jaman-ssu, Jarak-ssu, Aktasch), um bei Tschir- 
jurt, beim üebergang über den Ssulak, ins Baghestan-Gebiet zu 
münden. Die Bergbewohner unternahm^i von hier früher 
häufig Ueberfälle auf die russischen Stanitzen am Terek, und 
kehrten dann in ihre Aule zurück, welche von der Natur 
selbst vorzüglich geschützt sind. 

48 Werst von Grosny, am Fusse der Eatschkalykowschen 
Gebirgskette, liegt das Tschetschenzendorf Isstl-ssu. 5 Werst 
von demselben, auf dem Wege ins Dorf Oyssungur, befinden 
sich Mineralquellen, welche sich zu einem Flusse vereinen; 
derselbe führt den Namen Issti-ssu (heisses Wasser). Die • 
Quellen enthalten Laugensalz und haben eine Temperatur bis 
zu 65<> R. 

65 Werst von Grosny befinden sich am Flusse Akssay : Flecken 
und Station Gerselj-Aül; 79 Werst von Grosny am rechten 
Ufer des Jarak-ssu: Flecken und Station Chassaw-jurt mit 
dem Stabsquartier des kabardinischen Infanterieregiments, Von 
Chassaw-jurt geht ein 30 Werst langer Postweg nach Schel- 
kosawodskaja und vereinigt sich dort mit dem Postwege nach 
Kisljar. Von Chassaw-jurt geht ferner ein Weg nach Tschir- 
jurt; derselbe durchschneidet den Fluss Aktasch. Fünf Werst 
von Chassaw-jurt, am rechten Ufer des Aktasch, li^ der 
grosse Aül Ender i oder Andrejewo mit mehr als 3000 Ein- 



Kaukasische Marsehrouten. 275 



wohnem : Kumyken, Lesghiem und Hebräern, mit 9 Moseheen 
und Medressen, einer Synagoge und einem stattlichen Bazar. 
Enderi bildete seit alten Zeiten das Handelscentrum zwischen 
den Bewohnern der Ebene einerseits und den Gebirglern der 
Tschetschna und Daghestans andererseits. Hier befand sich 
ein Hauptsklayemnarkt , welcher nicht nur die umliegenden 
Gegenden, sondern auch Persien und Türkei mit schönen 
Haremsdamen versah. Die orientalischen Schriftsteller nennen 
Enderi eine Stadt der Chasaren. In den Berichten der russischen 
Gesandten, welche Grusien im 16. Jahrhundert besuchten, 
figurirt Enderi augenscheinlich unter dem entstellten Namen 
Indily. Später brauchten die Russen für Enderi: Andrejewo, 
und diese letztere Benennung gab den Anlass zu der Legende, 
dass die Gründung der Ortschaft einem Hetman Andreas, einem 
Adjutanten des Jermak, zuzusehreiben sei. Die Kumyken- 
füi-sten, die früheren Herrscher von Enderi, waren seit jeher 
unter russischer Oberhoheit, nahmen aber nichtsdestoweniger 
teil an den Freiheitskämpfen der Kaukasier gegen das Zaren- 
reich. Enderi wurde deshalb vielfach erobert, zerstört und 
wiedererbaut. 1831 leistete hier eine kleine russische Garnison 
von 990 Mann durch 16 Tage tapferen Widerstand, als Kasi- 
MuUah mit einem Heere von 14000 Mann diese gute Position 
erobern wollte; der Prophet sah sich gezwungen abzuziehen. 

Tschir-jurt: 117 Werst von Grosny, ist ein 1846 am 
rechten Ufer des Ssulak gegründeter Flecken mit dem Stabs- 
quartier des daghestanischen Infanterieregiments. Oberhalb 
Tschir-jurt befinden sich heisse Schwefelquellen. 

Temir Chan Schura: Hauptstadt des Bezirkes Daghestan. 
Bis 1834 stand hier bloss ein Dorf, dessen gute Lage als Kreuz- 
punkt der Wege von Kisljar, Salatawien, Awarien, Akuscha 
und Derbend die Gründung einer kleinen Festung nahelegte, 
welche bald der Ausgangsort der wichtigsten russischen Unter- 
nehmungen im Kampfe gegen Daghestan wurde. 1843 hielt 
diese Festung eine Blokade Schamyls aus, 1849 aber fiel sie 

18» 



276 Kaukasische Marschrouten. 



den Kriegern des Propheten in die Hände, welche das Lazareth 
stürmten, in der Meinung, dasselbe wäre das Haus des russischen 
Kommandanten. 1866 erhielt Temir Chan Schura den Titel 
einer Stadt; dieselbe besitzt jetzt 3356 Einwohner. Ihre Haupt- 
sehenswürdigkeit ist ein schlichtes Denkmal des Fürsten 
Argutinsky-Dolgorukow, des Gründers von Temir Chan Schura. 
Der Name der Stadt bedeutet: „See des Temir Chan", denn die 
Ortschaft befindet sich auf einem trockengelegten kleinen See. 
13 Werst südwestlich von Temir Chan Schura, am Fusse 
der Koyssubulin-Gebirgskette, befindet sich Tschukmeskent, um- 
geben von tiefen und steilen Schluchten. In diesem schon von 
Natur schwer zugänglichen, durch künstliche Befestigungen 
noch mehr bewehrten Orte, wurden die Truppen des Kasi- 
Mullah, welche 1000 Mann stark waren, im Dezember 1831 
von einem kleinen Häuflein Russen angegrififen und nach einem 
blutigen Kampfe aus den schützenden Wällen heraus und in 
die Flucht getrieben, wobei sie 150 Mann verloren, darunter 
den Hauptadjutanten und Ratgeber des Propheten, 

Temir Chan Schnra— Petrowsk* — 437« Werst. 

Dieser Teil des Weges ist Chaussee. Bei der Station Alty- 
bujun übersteigt der Weg einen niedrigen Gebirgsrücken des- 
selben Namens und fällt dann zum Meere nach Petrowsk 
hinunter. 

Petrowsk, eine um die Mitte dieses Jahrhunderts entstan- 
dene Hafenstadt im Gebiet Daghestan, befindet sich auf dem 
Orte, wo nach der Tradition Peter der Grosse auf seinem 
Feldzuge nach Persien im August 1722 lagerte. Im kaukasischen 
Kriege spielte Petrowsk eine wichtige Rolle, da über diese 
Stadt (von der Wolga) der Proviant für die russischen Truppen 
kam. Infolgedessen nannten die Kumücken Petrowsk : Andshi- 
kale, Mehlfestung. Die Einwohnerzahl beträgt 4000. 

In der nächsten Umgegend, 37* Werst von Petrowsk, befindet 
sich Tarku oder Tarchu (von dem kumückischen Wort tarchamak 



Kaukasische Marschrouten. 277 



= ein Zelt aufschlagen), von den Russen gewöhnlich Tarki ge- 
heissen. Das Dorf hat eine wunderbare amphitheatralische Lage 
am nordöstlichen, zum Kaspi herunterfallenden Abhänge des 
Tarku-Berges (Tarku-Tau). Die Einwohner sind Kumticken und 
Juden. Die orientalischen Schriftsteller nehmen an, dass sich 
hier einst die Chasarenstadt Ssemender befunden habe. Seit 
dem 15. Jahrhundert war Tarku der Aufenthaltsort der 
Schamchalen oder Schewkalen. 1594 ging der Tereksche 
Wojewod Knjäs Andrey Chworostinin auf Befehl des Zaren 
Fedor Jwanowitsch in das Land der Schewkalen, eroberte und 
zerstörte Tarku, kehrte aber dann wieder zurück. Auch spätere 
Versuche, das Gebiet in ßusslands Gewalt zu bringen, miss- 
langen, bis endlich 1718 der letzte Herrscher von Tarku, Adilj 
Girey, die russische Macht anerkannte. 

Auf dem Berge, über dem Dorfe Tarku, befinden sich 
üeberreste der Festung Burnaja, welche 1821 von Jermolow 
gegründet, aber 1839 wieder aufgegeben wurde. Die Garnison 
von Burnaja übersiedelte nach der kleinen Festung Nisowoje, 
am Ufer des Meeres, unterhalb des Dorfes Tarku; hier fand 
im November 1843 ein schwerer Kampf zwischen den Russen 
und Schamyl statt, bei welchem die ersteren Sieger blieben. 
1844 wurde Nisowoje aufgegeben und nahebei eine andere 
Festung Petrowskoje gegründet, welche sich alsdann zur heu- 
tigen Stadt Petrowsk entwickelte. 

2 Werst südöstlich von Petrowsk befinden sich die Pe- 
trowskyschen Schwefellaugebäder, welche zugleich mit den 
Meerbädem im Sommer viele Kranke nach Petrowsk ziehen. 

15 Werst südöstlich von Petrowsk liegt der Turalinsche 
Salzsee, welcher jährlich bis 150000 Pud Salz liefert. 

IV. 

Wladikawkas— Tiflis. 

Grusinische Heerstrasse (Wojenno grusinskaja doroga): 
20OV2 Werst oder 213,8 km. (Vgl. Seite 16—28.) 



278 Kaukasische Marschrouten. 



V. 

Temir Chan Schura— Baku. 

Postweg: 380 Werst. 

Der Postweg, welcher Temir Chan Schura mit Baku ver- 
bindet, geht längs dem westlichen Ufer des Kaspi durch sehr 
fruchtbares Gebiet. Bei Derbend berührt die Strasse das 
Meer, wendet sich dann wieder ins Innere zur Stadt Kuba und 
kehrt bei der Station Chidyrsinde abermals zum Ufer zurück. 
Bei der Station Pirdagnass gelangt sie endlich auf die steinige 
und unfruchtbare Halbinsel Apscheron. Die wichtigsten Punkte 
der Poststrasse sind: 

Zwischen den Stationen Paraül und Karabudachkent geht 
die Poststrasse durch das kleine Dorf Geli. Hier war 1844 
ein schwerer Zusammenstoss zwischen wenigen hundert russi- 
schen Kosaken und 10000 Anhängern Schamyls, wobei aber die 
ersteren Sieger blieben. 

69*/* Werst von Temir Chan Schura liegt am Flusse Kaka — 
osenj die kleine Ortschaft Deschlagar, deren Bewohnerschaft 
meist aus Soldaten besteht. 

Kajakeni: Ein Kumtickendorf im Kreise Kaytach — Tabas- 
saran, am Flusse Gamri — osenj, 93 V* Werst von Temir. Hier 
befindet sich das Grab des Gelehrten Samuel Gmelin. Unweit 
von Kajakent liegen die Katachskija mineralnyja wody mit 
warmen Schwefelquellen (32^ R.). Ebenda befinden sich auch 
Naphtateiche. Die Ortsbevölkerung benutzt sowohl die Naphta 
als auch das Schwefelwasser zu Heilzwecken. 

5 Werst südlich von der Poststation Chan Mamed Kala 
und 18 Werst nordwestlich von Derbend, am Flusse Darwach, 
befindet sich die Ortschaft Iran Charab. Da sieht man noch 
Erdschanzen, welche 1743 von dem Schach Nadir erbaut wurden, 
als derselbe von seinem Zuge nach Awarien zurückkehrte. 
Hier hatte er schwere Kämpfe gegen die Kaukasier zu be- 



Kaukasische Marschrouten. 279 



stehen und konnte sich kaum retten. Nach diesem Vorfall 
heisst der Ort Iran Charab, das Verderben Irans. 

Darbend: Hafenstadt im Gebiet Daghestan mit 14185 Ein- 
wohnern, 1437» Werst von Temir. Die Stadt beherrscht den 
berühmten Derbendschen Engpass. Das westliche Ufer des 
Kaspi ist der einzige gute Weg aus den Steppen Nordostkau- 
kasiens nach Transkaukasien, ein Weg, welchen von jeher die 
asiatischen Völkerschaften gern einschlugen, wenn sie nach 
Europa vordringen wollten. 

Die Benennung der Stadt ist mannigfaltig. Derbend, die 
gebräuchlichste, ist persisch und bedeutet Thorverschluss oder 
Gitter; die Araber nennen Derbend: Bab ul abab, Thor 
der Thore, oder Bab ul chadid, eiserne Pforte; die Türken 
sagen: Temir kapyssi, ebenfalls Eisenpforte; die Grusinier: 
Dsgwuskari, Meerespforte. Die Stadt ist uralt, die Meinungen 
über die Zeit der Gründung und den Gründer sind ver- 
schieden und weit abweichend. 1722 wurde Derbend von 
Peter dem Grossen eingenommen, aber 1736 an Persien zu- 
rückerstattet, 1796 wiederum von Russland erobert und blieb 
fortan russisch. Derbend steigt wunderbar vom Meere bergan 
und hat prachtvolle Aussichten allüberall hin. Im Norden und 
Süden ist die Stadt von halbzerfallenen Mauern umgeben, 
welche vom Meere an sanft zur Berghohe steigen, wo sich die 
Citadelle Naryn Ealeh befindet. Die Mauern bestehen aus 
grossen glattgehauenen Steinen und haben 478 bis 6 Ssashen 
Höhe bei 4 bis 7 Fuss Dicke. Viele arabische und persische 
aus der Sassanidenzeit stammende Inschriften haben sich er- 
halten. 80 Werst westlich von der Stadt erheben sich die 
Trümmer einer Mauer mit Türmen und Bastionen. Die orien- 
talischen Schriftsteller schreiben die Errichtung derselben Ale- 
xander dem Grossen zu; doch ist sie wahrscheinlicher von den 
persischen Sassanidenherrschern aufgeführt. Bei den Ein- 
gebomen ist die Mauer unter der Benennung Dagh Bary, 
Bergmauer bekannt. Früher glaubte man, dass die Bergmauer 



280 Kaukasische Marschrouten. 



sich mehrere hundert Werste weit längs der ganzen Kaukasus- 
kette hinzöge. 1 Werst nördlich von Derbend liegt ein alter 
mohammedanischer Friedhof, genannt Kyrkljar, die Vierzig. 
Der Sage nach ist hier Selman ben Eabja begraben, der Führer 
der ersten Araber, welche den Islam predigend in Daghestan 
erschienen. Im Kampfe mit den Chasaren fielen fast alle Araber, 
bis zuletzt nur Selman und 40 Getreue Widerstand leisteten; 
lange, lange Zeit — aber endlich unterlagen auch sie. — 
Südlich von der Stadt liegen hinter der Mauer der hebräische 
Stadtteil und zahlreiche grosse Fruchtgärten und ßebenfelder. 

Bei der Station Jalaminskaja, 38 Werst von Derbend, über- 
schreitet die Poststrasse die breite Mündung des Ssamurflusses. 
Zur Zeit starken Regens und beim Schneeschmelzen schwillt 
der Ssamur gewaltig an und das Passieren desselben wird zu 
einem gefährlichen Abenteuer. 

Kuba oder Kudial Kaleh (154 Werst von Derbend): Kreis- 
stadt im Gouvernement Baku, am rechten Ufer des Flusses 
Kudial, hat 13 730 Einwohner und liegt 1988 Fuss hoch. Kuba 
wurde um die Hälfte des vorigen Jahrhunderts von Hussein 
Ali Chan von Kuba als neue Residenz gegründet. Bis Hussein 
Ali residirten die Chane des Landes in der Festung Chudat, 
nördlich von Kuba. Seit 1806 gehört der Ort zu Russland. 
Gegenüber der Stadt, am linken Ufer des Kudial, leben in 
einer besonderen Vorstadt mehrere hebräische Familien. 

12 Werst nordwestlich von Kuba befindet sich Neu-Kuba 
(Nowaja-Kuba) oder Kussary mit dem Stabsquartier eines In- 
fanterie-Regiments. 

40 — 50 Werst westlich von Kuba steigt der Schneegipfel 
des 13951 Fuss hohen Schach Dagh empor. 

Bei der Mündung des Kudial ins Meer, 45 Werst von Kuba, 
befindet sich Nisowaja pristanj oder Niasabad, über welche 
Ortschaft die Produkte des Kreises Kuba transportirt werden. 

5 Werst östlich von der Station Weljweli (21Va Werst von 
Kuba) lag ehemals die Stadt Schabran, welche nach der 



Kaukasische Marschrouten. 281 



Meinung der arabischen Geographen von Chossru dem Ersten 
gegründet worden war. 1669 wurde Schabran von den Ko- 
saken des Stenjka ßasin zerstört, und heute sieht man von 
dem alten Orte nur noch einige Festungsruinen. 

Beschbarmak (tatarisch: der Fünffingerige) : Ein Kalk- 
felsen am Meere, hat 1848 Fuss Höhe und besteht aus einigen 
scharfen Zacken, daher der Name. Am Berge befinden sich 
Reste einer Befestigung. Die mohammedanische Ortsbevölke- 
rung verbindet mit diesem Felsen eine Menge fabelhafter Er- 
zählungen und begibt sich an gewissen Tagen auf den Gipfel 
des Berges zur Anbetung irgend eines Heiligen. Von dem 
Fusse des Felsens ziehen sich bis zum Meere Trümmer eines 
Walles. Die Poststation liegt im alten Karawanserai. Aehnliche 
Kuinen alter Bauwerke befinden sich häufig auf dem Wege 
von Kuba nach Baku. 

Baku, die Hauptstadt des Gouvernements Baku liegt an 
der Bucht gleichen Namens, auf der südlichen Seite der Halb- 
insel Apscheron (vgl. Seite 105—128). 

An den Postweg Temir Chan Schura — Baku schliessen sich 
mehrere Chausseen für leichte Wagen; auf diesen Chausseen 
sind noch keine regelmässigen Postfahrten eingerichtet. 

1. 

Von Deschlagar geht ein Pfad nach Daghestan zum Dorfe 
Lawascha und schliesst sich dort an den Postweg Gunib — 
Temir Ch^n Schura. (Siehe Marschroute VI.) 

2. 

Von der Stadt Kuba geht ein 847» Werst weiter Weg 
über die Ortschaft Kussary nach Achty. In Achty, einem 
Dorf am rechten Ufer des Ssamur, an der Stelle, wo der 
Achtyfluss in denselben mündet, befindet sich der administra- 
tive Chef (Natschalnyk) des Kreises Ssamur. — 5 Werst 
südlich vom Dorfe Achtyv befinden sich die Mineralquellen von 



282 EaukasiBche Marschrouten. 



Achty, welche Schwefellauge enthalten. Von Achty geht die 

achtynische Heerstrasse am Achtyflusse entlang bis zum Dorfe 

Bursh oder Bortsch über den Gebirgspass Ssalawat (9974 Fuss) 

nach Nucha. 

3. 

Von Kuba geht der 15 Werst weite Tenginsche Karawanen- 
weg (persisch : die enge Strasse) nach Schemacha. Von der 
Station Weljweli geht der Weg durch den Engpass des 
Weljweliflusses bergauf bis zum Dorfe Chaltan am Ursprünge 
des Giljginflusses, steigt nahe am Gipfel des Berges Kalgojas 
oder Chylodar (6990 Fuss) über die Hauptgebirgskette und 
fallt nach Passirung der Malakanendörfer Astrachanka und 
Marjewka in die Ebene nach Schemacha. 

4. 
Eine andere bequemere Karawanenstrasse geht von Kuba 
nach Schemacha östlich von der Tenginskaja doroga und heisst 
die Alty-agatsch-Strasse. Sie zweigt sich von der Poststrasse 
bei der Station Kisilburun ab, geht bergauf am Atafluss zu 
dem am Ursprung dieses Flusses in einer Höhe von 3500 Fuss 
liegenden russischen Dorfe Alty-agatsch, steigt über den Sattel 
der Hauptgebirgskette zum südlichen Abhang derselben und 
fällt nach Passirung des russischen Malakanendorfes Chiljmili 
nach Schemacha. Auf diesem seit alten Zeiten in Benutzung 
stehenden Wege findet ein lebhafter Handelsverkehr zwischen 
Kuba und Schemacha statt. 1796 marschirte über diesen 
schmalen Pfad das Armeekorps des Grafen Valerian Subow, 
welches gegen Persien zog. 

VI. 

Temir Chan Schura— Gunib— Chunsach. 

Postvsreg: 190 Werst. 

Dieser Postweg, welcher das Centrum des gebirgigen 
Daghestans, das Land Awarien, durchschneidet, geht von Temir 



Kaukasische Marschrouten. 283 



Chan Schura nach Süden; von der Station Lawaschi wendet 
er sich westlich nach Awarien. Die wichtigsten Punkte dieser 
Strecke sind: 

Dshengutay: Ein grosses , in einer Höhe von 2120 Fuss 
befindliches Kumückendt)rf am Flusse Paraül, war einst die 
ResideuE der Chane von Mechtuly. 

Lawaschi oder Lawaschakund : 3755 Fuss hoch, ein Dorf 
am Ursprung des Flusses Gubden, ist Sitz des Natschalnik des 
Darginschen Kreises. Neben dem Dorfe Lawaschi liegt das 
Dorf Kutischi oder Tschuuli, am Abhang der Berge Kutischi, 
die einen Teil der Gebirgskette Koyssubuli bilden. Die Ein- 
wohner sind Awaren. Kutischi und die umliegenden Höhen 
waren im kaukasischen Kriege häufig der Schauplatz heisser 
Kämpfe zwischen den Russen nnd den Bergbewohnern. 

Vom Dorfe Lawaschi überschreitet die Strasse ein kleines 
Gebirge und fällt dann nach Chodshal machi (machi ist dar- 
ginisch und heisst wörtlich: Landhaus oder Meierei), einem 
grossen Dorf im darginischen Kreise, am rechten Ufer des 
Kasi Kumuch Koyssu, 2779 Fuss hoch. Die Einwohner nennen 
sich „Einwanderer aus Zudachar" und beschäftigen sich mit der 
Fabrikation eines weichen dünnen Wollentuches, welches unter 
dem Namen „lesghische Shawls" in den Handel kommt. — Die 
steinerne Brücke über den Fluss des Dorfes wurde 1861 erbaut. 

15 Werst von Chodshal machi, am rechten Ufer des Kasi 
Kumuch Koyssu, an der Stelle, wo in denselben der Kara 
Koyssu mündet, befindet sich das Dorf Gergebilj oder Chergeb. 
An diesem strategisch sehr wichtigen Punkte fanden im kau- 
kasischen Kriege viele blutige Kämpfe statt. 

30 Werst von Chodshal machi liegt das Dorf Kumuch oder 
Gumuk, die frühere Residenz der Chane von Kasi Kumuch, 
heute Sitz des Natschalnik des Kreises gleichen Namens. 

Von Kumuch geht nach Süden ein schmaler, von den 
Einwohnern getretener Pfad über das Gebirge ins obere Thal 
des Flusses Ssamur, von wo er sich aufs Hauptgebirge windet, 



284 Kaukasische Marschrouten. 



um dann durch den Jelissuy-Engpass in die Ebene des Sakateli- 
kreises niederzusteigen. Auf diesem Wege, dem kürzesten vom 
Terek nach Kachetien, gingen die grusinischen Gesandten, 
welche sich 1588 nach Moskau begaben. Dieser Weg spielte 
auch im kaukasischen Kriege eine grosse Bolle. 

Von der Station Chodshal machi geht ein Postweg über 
die Brücke auf die linke Seite des Kasi Kumuch Koyssn, 
windet sich dem abschüssigen Abhang des Gebirges entlang 
bis zu einer Höhe von 4552 Fuss und führt dann durch den 
Kuppinschen Pass bergab zur Georgiewschen oder Saltinschen 
Brücke (erbaut 1867). Hier teilt sich der Weg: ein Zweig 
rechts wendet sich über die Brücke nach Karadach und Chun- 
sach; ein Zweig links geht oberhalb des rechten Ufers des 
Kara Koyssu und durch den Engpass von Salty über die 
Gunib-Brücke auf das linke Ufer des Kara Koyssu und dann 
bergauf gegen Gunib. 

10 Werst östlich von der Gunib-Brücke, am südwestlichen 
Abhang des Saltyschen Gebirges, welches den Gunibschen 
Kreis vom Darginschen teilt, liegt das Dorf Salty, welches 
unter Schamyl sehr befestigt war, aber heute nur eine schlichte 
Ortschaft ist. 

Südlich vom Dorfe Salty befindet sich das flachgipfelige 
Gebirge Turtschi dagh, welches den Kasi Kumuch Koyssu vom 
Chetztschar tschay, dem rechten Nebenfluss des Kara Koyssu, 
teilt. Der höchste Punkt des Turtschi Dagh ist 7905 Fuss 
hoch. Das Plateau dieses Gebirges bot im kaukasischen Krieg 
prächtige Lagerstätten. — Am westlichen, dem Kara Koyssu 
zugewendeten Abhang des Turtschi dagh liegt das Dorf Tschoch, 
welches 1845 von Schamyl in eine Festung umgewandelt, aber 
1849 von den Russen zerstört wurde. 

Interessante Erinnerungen knüpfen sich an den Berg Gunib 
oder Gunimer (awarisch: Heuschoberberg). Die Form des- 
selben gleicht einem Ungeheuern Kegel; die obere Fläche 
neigt sich von Westen nach Osten; der höchste Punkt liegt 



Kaukasische Marschrouten. 285 



7718 Fuss hoch. Die Abhänge des Berges sind steil und um- 
geben von Schluchten und Abgründen. Das Plateau besitzt 
Wasser, Wald und Feld. Die ünzugänglichkeit dieses Berges 
erweckte 1851 Schamyls Aufmerksamkeit, und der kühne 
Imam liess sich auf dem Gunib, in dem 5000 Fuss hoch 
liegenden Aul gleichen Namens, ein festes schutzhaftes Haus 
erbauen. Als im Jahre 1859 beinahe die ganze Bevölkerung 
der Tschetschna und Daghestans von ßussland besiegt war und 
Schamyls Macht im Niedergang war, zog sich der bedrängte 
Prophet zum letzten Widerstand mit dem letzten kleinen Rest 
seiner Müriden auf den Gunib zurück und befestigte den Berg 
vom Fusse bis zum Scheitel. Die Russen rückten heran, und es 
entwickelte sich ein von beiden Seiten heldenhaft geführter 
Kampf, welchen die ganze Welt mit gespanntester Aufregung 
durch mehrere Wochen verfolgte, bis endlich Schamyl und mit 
ihm die letzte Freiheitshoffnung der kaukasischen Völker 
unterlag . . . Heute ist der Gunib nicht mehr so unzugänglich 
wie damals. Eine gute Chaussee führt in Zickzak am östlichen 
Abhang des Berges, von der Brücke über den Kara Koyssu 
bis zur Festung, welche die Russen hier nach der Unter- 
werfung des Kaukasus erbaut. In Gunib residirt der Natschalnik 
des Kreises gleichen Namens, dessen Wohnhaus sich in einer 
Höhe von 3922 Fuss in wundersamer Lage befindet. Auf dem 
oberen Teil des Berges sieht man die Ruinen des früheren 
Aüles Gunib. Das Haus Schamyls befindet sich in demselben 
Zustand, in welchem es von dem Propheten verlassen wurde, 
als er sich den Russen ergab. In einem Birkenhain beim Aul 
wird unter einem Schutzdach der Stein bewahrt, auf welchem 
der Fürst Barjatinsky am 25. August 1859, 4 Uhr Nachmittags, 
Schamyl als Kriegsgefangenen empfing. 

Von Gunib geht ein direkter Weg entlang dem 
Gunibplateau, durch einen 47 Ssashen langen Tunnel, 
über den westlichen Abhang des Berges und ?ilsdann 
durch die Karadach-Spalte. Dieselbe bildet in einer 



286 Kaukasische Marschrouten. 



zerrissenen Felspartie einen 80 Ssahsen langen, 26 hohen und 
1 bis 2 Ssashen breiten Hohlweg, durch welchen ein schdnbar 
unansehnliches Bächlein fiiesst, das aber zur Regenzeit sich in 
einen reissenden Felsstrom verwandelt und jeden Passanten 
der Spalte mit Untergang bedroht. Von der Earadach-SpaJte 
geht die Strasse noch bis zur 2221 Fuss hohen Earadach- 
Brücke, die über den Awar Koyssu führt, und stösst hier an 
die Poststrasse von Temir Chan Schura nach Gunib und 
Chunsach. Auf dem beschriebenen Wege vom Gunibberge 
zur Karadachschen Brücke befinden sich einige Lager brenn- 
baren Schiefers. 

Die Karadachbrücke über den Awar Koyssu ist in Kriegs- 
fällen sehr wichtig und wird deshalb von einer an der Brücke 
liegenden kleinen Festung beschützt. 

Von der Karadachbrücke geht ein 187 Werst weiter Bei^- 
pfad, anfangs längs dem Awar Koyssu, nach Kachetien. 
102 Werst nach Karadach verlässt der Weg den Fluss Awar, 
wendet sich durch eine von dem Flusse Beshity im Gebirge 
ausgehöhlte Schlucht, überschreitet das Gebirge Mitschitlj, 
steigt zum Ursprung des Andi-Koyssu an, geht durch den 
9292 Fuss hohen Pass Kodor über die Hauptgebirgskette und 
fällt dann wieder in die Tiefe, bis zum Dorfe Schiljdi in Ka- 
chetien. Von diesem Wege teilt sich, beim Znsammenfluss der 
Ströme Beshity und Oschitlj, ein ganz schmaler Pfad, welcher 
sich zum Wantljaschetschen oder Ssazchenissischen Pass windet 
und dann zum Dorf Ssazchenissi herabfällt. 

Von der Karadachbrücke setzt die Poststrasse von Temir 
Chan Schura — Gunib ihren Weg im Zickzack über die flache 
awarische Ebene fort und endigt in Chunsach, einem Dorfe 
im Kreise Awarien. 

Chunsach oder Chunsak: Die einstige Residenz der Chane 
von Awarien, liegt 5544 Fuss hoch an den schroffen und zer- 
rissenen Ufern des Flusses Tokity, welcher in der Mitte des 
Dorfes eine 50 Ssashen hohe Kaskade bildet. In Chunsach wohnt 



Kaukasosche Marschrouten. 287 



der Natschakük von Awarien. Im Dorfe zeigt maa da» Grab 
des Kadi Abdul Muslim ^ welcher der Ortstradition zufolge in 
Awarien den Islam eingeführt. 

Zwischen Chunsach und dem 67 Werst entfernten Dorfe 
Botlich existirt ein Weg^ auf welchem aber keine regel- 
mässige Post verkehrt. Er richtet sich von Chunsach nach 
Nordwesten, geht über eine, die beiden Ufer des Andyftusses 
verbindende Brücke und alsdann längs dem linken Ufer dieses 
Flusses nach Botlich, dem admim'strativen Centrum des Kreises 
Awarien. 3 Werst vom Dorfe entfernt befindet sich eine Festung 
zur Verteidigung der eisernen Brücke, welche hier über den 
Andyfluss führt. Unterhalb der Brücke, am linken und rechten 
Ufer, befinden sich die Dörfer Konchidatelj und Enchely, deren 
Einwohner sich mit dem Gewinne von Salz aus den hier be- 
findlichen Salzquellen beschäftigen. Die Salzgewinnung wurde 
von Schamyl zuerst angeregt und gefördert, indem er die dabei 
beteiligten Einwohner beider Dörfer von Kriegsabgaben be- 
freite. 

Von Botlich geht ein Weg (67 Werst) über den Kerket- 
Pass zur Festung Wedenj. (Siehe Seite 273.) 

vn. 
Noworossysk— Batum. 

Der Verkehr zwischen den Städten Noworossysk und Batum 
und den dazwischen am Ufer des Meeres liegenden Ortschaften 
geschieht vorläufig hauptsächlich zu Wasser. Seit 1882 wird 
an einem längs der ganzen Ostküste des Pontus laufenden 
Landweg von Noworossysk nach Batum und weiter nach Sugdidi 
in Mingrelien gearbeitet; was aber mit viel Mühe verbunden 
ist, da die Gegend wenig Bevölkerung hat und viele Bergströme 
und grössere Flüsse Hindernisse in den Weg legen. Die wich- 
tigsten Punkte dieses Weges sind: 

Noworossysk: Vgl. Seite 269. 



288 Kaukasische Marschrouten. 



Gelendshik: Ein Dörfchen mit 716 Einwohnern, am öst- 
lichen Ufer der Gelendshik -Bucht, welche von der Bora oft 
heimgesucht wird. 

Wulanskoje oder Archipo-Ossipowka: Ein Dörfchen mit 
571 Einwohnern, an der Mündung des Flusses Wulan. 

Dshubgskoje: Ein Dörfchen mit 266 Einwohnern, an der 
Mündung des Flusses Dshubga. Von hier geht eine Landstrasse 
nach Jekaterinodar, und zwar durch die Hohlwege der Flüsse 
Dshubga und Schapssucho über den Dshubga-Pass und entlang 
dem Flusse Schebsch. Von dieser Landstrasse scheidet sich 
am Fusse der Hauptgebirgskette, etwa auf der Hälfte des 
Weges, ein Zweig ab und geht zu den Quellen des Flusses 
Schapssucho und über den Pass Schabanow oder Defan auf 
die nördliche Seite der Hauptgebirgskette in den Hohlweg des 
Flusses Pssekup zur Station Kljutschewaja, von wo ein 
Poststrassenzweig ebenfalls nach Jekaterinodar führt. (Siehe 
Seite 269.) 

Weljaminowskaja oder Tuapse : An der Mündung des Flusses 
Tuapse, mit 307 Einwohnern, bildet den Endpunkt der 1883 
bis 1886 erbauten Strasse Maykop— Tuapse. (Siehe Seite 257.) 

Lasarewskoje : Ein unbedeutendes Dörfchen an der Mün- 
dung des Flusses Psesyap. Hier starb am 15. August 1839 
der russische Dichter Fürst Alexander Iwano witsch Odojewsky, 
welcher wegen Teilnahme an der Verschwörung vom 14. De- 
zember 1825 hierher als gemeiner Soldat verbannt war. — 
Am Ursprung des Psesuap, in unzugänglichen kesseiförmigen 
Gebirgsthälern, lebten früher die Chakutschen oder Chaku- 
tschinzen, ein Volk von Räubern und Mördern, welche die 
ganze Umgegend unsicher machten. Es kostete der russischen 
Regierung Mühe und Opfer, bis diese Bande besiegt und ver- 
nichtet ward. 

Dagomiss: Am Flusse Dagomiss, 9 Werst nördlich vom 
Dache wskaja oder Ssotschi. 



Kaukasische Marschrouten. 289 



Dachowsky oder Sotschi: An der Mündung des Flusses 
Ssotschi. Mit 98 Einwohnern. In Hinsicht auf Klima und 
Bodenbeschaffenheit gehört der Ort zu den besten Punkten 
am Ostufer des Schwarzen Meeres. 

Adler oder Ardiler: Ein Vorgebirge an der Mündung des 
Flusses Mdsymty. Am 7. Juni 1837 wurde hier der Dichter 
Alexander Alexandrowitsch Bestushew-Marlinsky, welcher viele 
wunderschöne Beschreibungen des Kaukasus geschrieben hat 
und hier als Fähnrich kämpfte, getötet. 

Gagry: Ein kleines Dorf, am Ufer des Meeres, bei der 
Mündung des Flüsschens Shuekwara, im Kreise Ssuchum. Die 
steilen Berge lassen hier am Meere nur einen schmalen Pfad, 
welcher zur Zeit der Flut von den Wellen bedeckt wird. In 
Gagry befinden sich die Kuinen einer alten Kirche, deren 
Gründungszeit unbekannt ist. 

Zizunda, bei den Grusinem Bitschwinta: Ein Vorgebirge 
südlich von der Mündung des Flusses Bsybi. In alter Zeit be- 
fand sich hier die reiche miletische Kolonie Pitius, von welcher 
nicht das geringste Denkmal erhalten blieb. Man glaubt, dass 
Zizunda eine verstümmelte Benennung des alten Pitius ist, vom 
griechischen Wort pitus, Fichte, zumal das sonst ganz sandige 
Vorgebirge noch heute mit Fichten reich besetzt ist. Zur Zeit 
der Byzantiner befand sich hier ein Dorf, welches auch auf 
allen späteren italienischen Karten existirt; von diesem Dorfe 
sind einige Keste übriggeblieben, insbesondere ein Tempel, 
dessen Errichtung dem Justinian zugeschrieben wird; doch 
lassen einige architektonische Zeichen erkennen, dass der Bau, 
wenigstens in seiner jetzigen Gestalt, nicht früher als im 
10. Jahrhundert errichtet worden. Seit 1390 residirte in Zizunda 
der georgische Katholikos, dessen Macht sich auf die heutigen 
Provinzen Imeretien, Mingrelien, Gurien, Sswanetien und 
Abchasien erstreckte. Unbekannt ist es, wann der Tempel 
verlassen wurde, doch steht es fest, dass er im 17. Jahr- 
hundert nicht mehr in Benutzung war. Die zahlreichen kost- 

Bemhard Stern, Vom Kaukasus zum Hindukusch. 19 



290 Eaukafiische Marschrouten. 



baren Heiligtümer, die er besessen, sind grossentheils ver- 
schwanden, nur wenige sind erhalten, und werden im 
Kloster Gelati bei KutaYss bewahrt. Der Tempel, welcher 
vielfach zerstört war, wurde 1885 von Athosmönchen renovirt 
und neu geweiht. Georgische Legenden behaupten, dass in 
dieser Kirche die Apostel Andreas und Johannes begraben 
sind. 

Neii-Atho8 oder das Simon-Kananitsky-Kloster: Am Ufer 
des Meeres, bei der Mündung des Flusses Psyrtzcha, 25 Werst 
von Ssuchum, wohin ein Fahrweg geht. Das Kloster ist 1876 
an wüster Stelle, wo sich nur die Buinen eines alten Tem- 
pels befanden, von Athosmönchen gegründet worden und 
Dank den fleissigen Bestrebungen und der unermüdlichen Aus- 
dauer der Mönche zu dem Mittelpunkt einer ziemlich lebhaften 
Gegend geworden. Die Mönche begründeten auch eine Schule 
für die Kinder der Umwohner, femer stellten sie aus den Trümmern 
des vorhergenannten Tempels, in welchem der Apostel Simon 
begraben sein soll, einen neuen Tempel her. 

Am Berge Nakopiaba, welcher an der rechten Seite des 
Flusses Psyrtzcha sich erhebt, liegen Ruinen einer alten Festung 
mit Resten einer Kirche. Man glaubt, dies wären die Trümmer 
des alten, von byzantinischen Schriftstellern mehrfach er- 
wähnten Nikopssija oder Anakopia, welches zur Zeit der georgi- 
schen Herrschaft in Abchasien die Residenz der Bischöfe von 
Tzchom (oder Ssuchum) war. 

Ssuchum: Hauptstadt des Kreises Ssuchum, am Ufer der 
Bucht gleichen Namens, mit 1279 Einwohnern. Hat ein mildes 
Klima und reiche Vegetation. An dieser Stelle soll sich die 
im Altertum berühmte miletische Handelsstadt Dioskurias be- 
funden haben; in Ssuchum sind viele Münzen von Dioskurias 
und Kolchis gefunden worden. (Andere behaupten dass Dios- 
kurias südlich von der Mündung des Flusses Kodor, auf dem 
Vorgebirge Iskuria oder Isgaür, gelegen.) Zur Zeit der römi- 
schen Herrschaft in Abchasien stand hier die Stadt Ssewastopol, 



Kaukasische Marschrouten. 291 



die noch in der genuesischen Epoche in Blüte war, aber 1455 
an die Türken fiel und bald in Yerg^^enheit kam. Später 
erstand hier Ssuchum, in der grusinischen Geschichte Tzchomi 
oder Tzchumi geheissen, und wurde einer der wichtigsten 
Sklayenmärkte. 1725 bauten die Türken zum Schutze der 
Stadt eine Festung, von welcher noch Ruinen existiren. 1810 
fiel Ssuchum an Eussland; im Krymkriege sowol als auch im 
letzten 1877 er Kriege wurde es von den Türken erobert, 
musste aber nach den Friedensschlüssen immer wieder Russ- 
land zurückgegeben werden. — Von Ssuchum geht eine Strasse 
zu Lande über Zebeljda durch den Engpass Dalj, entlang 
dem Flusse Kodor, auf den Kluchorpass und fallt dann zum 
Flusse Teberda, dem linken Nebenflusse des Kuban, hinab. — 
Von Ssuchum geht ein 26 Werst langer Weg südlich nach 
Drandy, einem Kloster am Ufer des Meeres bei der Mündung 
des Kodor ; hier befindet sich ein alter Tempel von origineller 
Architektur. 

Poti: Hafenstadt im Distrikt Ssugdidi, Station der trans- 
kaukasischen Eisenbahn. Hat 4785 Einwohner. Unter den 
Türken stand hier die Festung Fasch, welche 1828 von den 
Russen eingenommen wurde. Die Stadt liegt am linken Ufer 
des südlichen Armes des Rion (des alten Phasis) auf sumpfigem 
Boden. Sie schien kurze Zeit grosse Bedeutung zu gewinnen, 
erfüllte aber nicht die Erwartungen, die man auf sie gestellt 
und wurde in den letzten Jahren von Batum vollständig über- 
flügelt. Von Poti wird besonders viel Kukuruz und Weizen 
versandt: 1886 über 7 Millionen Pud. — Im Altertum befand 
sich hier die berühmte miletische Handelstadt Phasis, welche 
nach Strabo den Handel zwischen Griechenland und Indien 
vermittelte. (Vgl. Seite 81.) 

Batum : Hafenstadt im Kreise Kutal'ss. (Vgl. Seite 83 — 101). 

Batum ist durch einen 191 Werst langen Lastweg mit der 
Stadt Ardagan verbunden ; die Strasse geht entlang dem linken 
Ufer des Tschoroch bis zum Zusammentreffen desselben mit 

19* 



292 Kaukasische Marschrouten. 



dem Flusse Imer chewi, erhebt sich alsdann durch den Hohlweg 
-des Ardanutschtschay auf den Pass Jalanuss-tscham (8442 Fuss), 
welcher das Bassin des Tschoroch von dem des Kur scheidet, 
und wendet sich dann gerade nach Ardagan. Auf diesem Wege 
sind besonders interessant: Artwin und Ardanutsch. Artwln, 
von den Türken Liwane genannt, ist ein kleines Städtchen am 
Ufer des Tschoroch, 80 Werst von Batum, Sitz des NatschaU 
nyks des Artwinschen Kreises. Die Häuser der Stadt kleben 
förmlich wie Blöcke am steilen Berge Tschoroch und die 
Strassen sind so uneben und beinahe senkrecht, dass ein Wagen 
dieselben nicht passiren kann ; in Artwin sind die besten 
Kletterer der Welt. Die Einwohner sind meist katholische 
Armenier, Einwanderer aus der Stadt Ani am Arpatschay. 
In Artwin und der Umgegend sind reiche Fruchtgärten und 
Oelbaumhaine. Der Verkehr zwischen Batum und Artwin 
findet auch häufig zu Wasser auf flachen Boten, Kajucken ge- 
nannt, statt. — Ardanutsch am linken Ufer des Ardanutsch- 
tschay, eines Nebenflusses des Tschoroch, war einst eine der 
wichtigsten Städte des westlichen Grusiens; der Zarewitsch 
WachuBcht nennt als Gründer von Ardanutsch den Zaren 
Wachtang Gurgasslan. In der Geschichte wird die Stadt zuerst 
im 7. Jahrhundert erwähnt, als sie der von Juden abstammen- 
den Familie der Bagratiden gehörte, welche später den Thron 
von Grusien bestieg. Im 8. Jahrhundert wurde Ardanutsch 
von den Arabern zerstört, aber bald wieder neu aufgebaut. 
Konstantin Porphyrius giebt in seinem im zehnten Jahrhundert 
verfassten Buche „über die Verwaltung des Kaisertums" eine 
genaue Beschreibung von Ardanutsch oder Adranutzion, von 
seiner politischen Bedeutung und seinem reichen Handel. Heute 
ist die einst mächtige Stadt ein trauriges Dorf. 

Das Gebiet des Tschoroch und seiner Nebenflüsse ist reich 
an grossartigen christlichen Denkmälern der vorislamitischen 
Zeit; erwähnenswert sind besonders der Parchalsche Tempel, 
das Opisische Kloster und der Tbetische Tempel. — Von der 



Kaukasische Marschrouten. 293 



Endstation des Weges, von Ardagan, wird später VIII. 3. 
Seite 303 die Rede sein. — 

18 Werst von Batum, bei der Mündung des Adsharis-tzkali 
in den Tschoroch, teilt sich von der Batum —Ardaganschen 
Strasse ein Lastweg ab, welcher am Adsharis-tzkali aufwärt»», 
durch die Dörfer Kedy und Chula, über den mehr als 7000 Fuss 
hohen Goderpass über das Arianische Gebirge und durch den 
Hohlweg des Kobliantschay nach Achalzych führt (167 Werst). 

vin. 
Batum -Tiflis— Baku. 

Kisenbahn: 839 Werst. 

Die grossartige kaukasische Eisenbahn begann man 1871 
zu bauen. 1873 wurde die Linie Poti-Tiflis eröffnet, im selben 
Jahre die Strecke Ssamtredi — Batum; im Mai 1883 die Linie 
Tiflis— Baku, 1887 endlich die Zweigbahn von Kutaiss zur 
Hauptlinie. Die wichtigsten Punkte der Bahn bis Tiflis sind: 

Zichiss-dsiri : 15 Werst von Batum, eine Festung neben 
den Euinen einer alten, auf hohem Felsen am Meere gelegenen 
Festung, welche bei den Grusiniern Eadshetiss-ziche heisst. 
Hier lag in alten Zeiten Petra, eine Festung, welche besonders 
im G. Jahrhundert im Kriege der Griechen mit den Persern um 
die Herrschaft über Lasistan eine grosse Rolle spielte. Die 
von Prokopius gelieferte Beschreibung der Lage von Petra 
stimmt genau zur Lage dieser Ruinen, — Bei Zichiss-dsiri be- 
ginnt ein Tunnel, welcher für die Eisenbahn durch den Berg 
Zichiss'dsiri gebrochen wurde. 

KutaYss : Hauptstadt des Gouvernements KutaYss und mili- 
tärischer Mittelpunkt des Kaukasus, an beiden Ufern des Rlon, 
an seinem Austritt aus den Bergen in die Ebene, 8 Werst von der 
Station Rion der transkaspischen Hauptbahnlinie. (Vgl. Seite 57 
bis 70.) 



294 Kaukasische Marschrouten. 



40 Werst nordöstlich von Kutal'ss, am Fusse des Nakeralj- 
gebirges, am Ursprung des Flüsschens Tkwibuli (oder Tkir- 
buli) befinden sich die nach dem Fluss benannten Steinkohlen- 
lager, welche 1845 entdeckt, seit wenigen Jahren erst aus- 
genützt werden. 

Kwirila : Ein Dorf am Zusammenfluss der Kwirila und der 
Dsirula. Im Scharopanschen Kreise, besonders im Bassin des 
Kwirilaflusses, in der Umgebung des Dorfes Tschiaturi, ge- 
fundenes Manganerz wird hierher zur Weiterbeförderung ge- 
bracht. 

Neben Kwirila, auf einem Berggipfel, liegen die Ruinen 
der alten Festung Scharopani oder Schorapani, deren Erbauung 
Wachuscht dem Phamabases (302 — 237 vor unserer Zeitrech- 
nung) zuschreibt. Strabo spricht von der grossen Festung 
Sarapana, welche sich am Phasis, an der Grenze von Kolchis 
und Iberien befände. Prokopius erwähnt ebenfalls den Ort. 

Ssuram : Ein Dorf am östlichen Fuss des Gebirges Ssuram 
oder Lieh. Früher ging die Eisenbahn über den 3027 Fuss hohen 
Pass, jetzt geht sie durch einen wunderbaren 3V2 Werst langen, 
von der Halbstation Zipa bis zum Dorfe Begleti führenden 
Tunnel. An der Grenze von Imeretien und Kartalinien stehend, 
war der Ssuram ehemals von grosser Bedeutung und besass 
eine Festung; dieselbe ist bis auf einige morsche Trümmer 
verschwunden, dafür ist der Berg mit freundlichen Sommer- 
villen bedeckt. 

Gori: Hauptstadt des Distriktes Gori, am linken Ufer des 
Kur, beim Zusammenfluss desselben mit den Flüssen Liachwy 
und Medshudy, 2006 Fuss hoch, mit 5383, beinahe ausschliess- 
lich armenischen Einwohnern. Die Gebäude des Ortes liegen 
am Fusse eines Berges, welcher aus der Mitte der Ebene wie 
eine felsige Insel emporragt. Auf dem Gipfel des Berges liefen 
Trümmer der alten Festung Goris-ziche und Reste einer Kirche. 
Die Zeit der Gründung dieser Stadt ist unbekannt. Von gru- 
sinischen Schriftstellern wird sie zuerst bei der Erwähnung 



Kaukasische Marschrouten. 295 



der Kegierung Tamaras genannt (1184 bis 1212); nach den 
Worten des armenischen Historikers des zwölften Jahrhunderts, 
Matthäus von Edessa, ward Gori 1123 vom Zaren David dem 
Erneuerer gegründet und mit aus Grusien verjagten Armeniern 
besiedelt. Seit dem 16. Jahrhundert bemächtigten sich ab- 
wechselnd Türkei, Persien und Grusien der Stadt, bis sie 1801 
an Eussland fiel. 

12 Werst westlich von Gori befindet sich das Dorf Urbniss. 
Hier stand in uralten Zeiten eine mächtige Stadt, welche 
von Kartlos, einem Sohne des Mzchetos, einem Nachkommen 
des Noah und Stammvater der Georgier, gegründet sein 
soll. In einer Legende von der Apostelin Nina, welche in 
Georgien das Christentum eingeführt, wird Urbniss als eine 
Stadt der Hebräer bezeichnet. Im 8. Jahrhundert wurde 
Urbniss von Arabern zerstört. Im Dorfe liegt eine alte, 
augenscheinlich aus dem 6. Jahrhundert stammende verfallene 
Kirche ohne Kuppel. 

10 Werst südlich von Gori, im schönen und waldigen Ge- 
biet des Flusses Tany, welcher von der rechten Seite in den 
Kur fällt, ist das Dorf Ateni. In alten Zeiten ging über diesen 
Ort eine grosse Strasse von Gori nach Achalzych. Zahlreiche 
Ruinen von gewöhnlichen Gebäuden und Tempeln fesseln das 
Auge, besonders eine durch Architektur und Lage gleich aus- 
gezeichnete Kirche Ssion, um welche sich allerlei Türme, 
Häuser, zerfallene Mauern und Kanäle reihen. Die Kirche ist 
vom grusisch-abchasischen Zaren Bagrat dem Vierten (1027 
bis 1072) erbaut worden und hat eine grosse Aehnlichkeit mit 
der Kirche der heiligen Riphssime in Etschmiadsin. 

10 Werst östlich von Gori, am linken Ufer des Kur, liegt 
die Höhlenstadt Uplis-tziche. Ein felsiger Ausläufer des Ge- 
birges Kwernak, welcher das linke Ufer des Kur begleitet, 
geht hier über den Fluss hinaus und bildet über demselben 
ein hohes zerrissenes Vorgebirge. In diesem Vorgebirge sind 



296 Kaukasische Marschrouten. 



einige Höhlenschichten ausgehauen, welche miteinander durch 
Strassen und Treppen verbunden sind. Die Höhlen haben 
verschiedene Höhe und sind verschiedenartig gearbeitet: 
einige sind grob ausgehauen, andere in Form von vollendeten 
glatten, auf Säulen ruhenden und mit Gravirungen verzierten 
Gewölben, wieder andere haben flache Zimmerdecken und 
ahmen gewöhnliche Wohnungen nach. Dubois de Montpereux 
verlegt die Gründung »dieser seltsamen Stadt in vorchristliche 
Epochen. Grusinische Berichte nennen als Gründer der Stadt 
Uplos, einen Enkel des grusinischen Stammvaters Eartloss. 
Zur Zeit des Einfalls Dschengizchans in Grusien war Uplis- 
tziche nach der Behauptung des Wachuscht noch bewohnt. 

Mzchet: Ein Dorf, Station der Bahn und der grusinischen 
Heerstrasse. (Vgl. Seite 43—56.) 

Tifli8; grusinisch Tbilissi, bei den Mohammedanern Teflis: 
Die alte Residenz des einstigen Königreiches Georgien oder 
Grusien, heute Hauptstadt der Statthalterschaft Transkau- 
kasien. Liegt im Thal, welches der Kur in der Richtung von 
Nordwesten nach Südosten durchströmt. Im Westen ist dieses 
Thal begrenzt vom 2400 Fuss hohen Berg Ischitutruk, auch 
Mta-zminda (heiliger Berg) oder Davidsberg genannt; im Osten 
von der 2160 Fuss hohen Gebirgskette Machat und im Süden 
von dem 1600 Fuss hohen und engen Ssololak-Kamm , durch 
welchen der Kur zwischen steilen Ufern herabkommt. So 
stellt das Thal des Kur, welches von Tiflis fast seiner ganzen 
Breite und Länge nach eingenommen wird, einen nach Norden 
offenen Kessel dar, dessen mittlere Tiefe, nach dem Niveau 
des Kur gemessen, bis 800 Fus3 beträgt. Bei einer Länge von 
etwa 7 Werst (von dem Eintritt des Kur in die Stadt bis zu 
seinem Verlassen derselben) hat der Kessel eine Breite von 
2 bis 2Va Werst. Das Niveau des Kur bei seinem Eintritt in 
Tiflis beträgt 1300 Fuss, bei seinem Austritt aus der Stadt 
1242, also 58 Fuss weniger. Den höchsten Punkt der Stadt 
bildet das Kloster des heiligen David, welches auf dem Vor- 



Kaukasische Marschrouten. 297 



Sprung eines steilen Abhanges des Davidberges 1940 Fuss 
hoch liegt. 

Die Benennung Tbilissi bedeutet warm und stammt von 
den heissen Quellen der Stadt. Gewöhnlich nennen die Gru- 
sinier Tiflis: Kalaki, Stadt. Die Gründung der Stadt schreiben 
die georgischen Schriftsteller dem Zaren Wachtang Gurgusslan 
(446 — 499) zu. Eine Legende berichtet: Einst jagte der Zar 
in dieser Gegend einen Hirschen. Da bemerkte er wie das 
von ihm verwundete Tier in eine der hier befindlichen heissen 
Quellen sprang und gesundet herauskam. Er staunte über 
diese Wunderwirkung der Quelle und beschloss bei derselben 
eine Stadt zu errichten, — Tiflis hat bunte Schicksale durch- 
gemacht, keine Residenz der Welt hat soviel erlebt wie diese. 
In ethnographischer Beziehung ist Tiflis, welches 120000 Ein- 
wohner zählt, der Versammlungsort all der zahlreichen Völker- 
schaften Kaukasiens. — Zu den Hauptsehenswürdigkeiten zählen 
ausser den Resten der alten Königsburg noch folgende Bauten : 
Die Metechkykirche im malerischen Stadtteil Awlabar, 
Auf dem felsigen linken Ufer des Kur, gilt als die älteste 
Kirche in Tiflis; ihre Gründung geschah im 5. Jahrhundert. 
Zu Ende des 17. Jahrhunderts verwandelte der Zar Wachtang 
der Fünfte, auch unter dem Namen Schach Nawas bekannt, 
<iie Kirche in ein Pulvermagazin, aber Zar Hcraklius der 
Zweite stellte sie wieder her und liess sie neu einweihen. In 
der Kirche befindet sich das Grab der heiligen, 458 zu Tode 
gemarterten Schuschanika. Die Festung, in welcher die Kirche 
liegt, stammt aus dem 15. Jahrhundert; sie wird jetzt zu einem 
Gefängnis verwendet, das unter dem Namen Metechky samok, die 
Metechkyburg, bekannt ist. — Der Antschisschati-Tempel, im alten 
Stadtteil, am rechten Ufer des Kur, wurde unter der Regierung 
des Adarnass (619 — 639) vom Katholikoss Wawil erbaut. Der 
Dom lag lange Jahrhunderte in Ruinen und wurde erst gegen 
Ende des 17. Jahrhunderts vom Katholikoss Domenty wieder 
errichtet. Derselbe schenkte der neuerbauten Kirche eine aus 



298 Kaukasische Marschrouten. 



dem 8. Jahrhundert stammende griechische Keliquie, welche bis 
dahin im Dorfe Antschi (Kreis Artwin) bewahrt worden war ; 
daher der Name Antschisschati, Heiligenbild von Antschi. 

Kathedrale Ssion (Ssionsky ssabor), in der ' altea 
Stadt am rechten Ufer des Kur, ist der grösste Tifliser 
Tempel, welchen Wachtang Gurgasslan (446 — 499) zu bauen 
begann und der von Adamass (619—639) beendet wurde. 
Die Kathedrale ist so oft zerstört und wieder erbaut worden^ 
dass sie. in ihrer jetzigen Gestalt kaum etwas von ihrem 
frühesten Bau haben kann; dagegen besitzt sie aus allen 
Epochen zahlreiche und kostbare Heiligtümer, darunter da» 
grösste Heiligtum Georgiens, das Kreuz der Apostelin Nina^ 
welches in einer kostbaren Hülle ruht und bedeckt ist mit dem. 
in Silber geprägten Heiligenbild der Apostelin. — In der 
Ssion-Kathedrale ist auch das Grab des Feldherrn Zizianow,. 
welcher 1806 in Baku heimtückisch ermordet wurde. — Das 
Kloster des heiligen David liegt auf einem Vorsprung des 
Davidberges, 1940 Fuss hoch, 300 Fuss höher als die höchsten 
Stadtwohnungen. Die Gründung des ersten Kirchenbaues an 
dieser Stelle wird dem heiligen David, einem der 13 syrischen^ 
im 6. Jahrhundert nach Grusien gekommenen Mönche, zuge- 
schrieben. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts war der Berg- 
verödet, die Kirche zerstört; erst 1809 wurde sie wieder neu 
errichtet. In einer Grotte bei der Kirche ist das Grab des 
russischen Dichters Gribojedow, welcher am 30. Januar 1829 
in Teheran ermordet wurde. Von der Plattform des Klosters 
ist eine entzückende Aussicht in den Kessel und weithin ins 
Gebirge. — Besondere Aufmerksamkeit verdienen noch die 
armenische Kirche, die Moschee, die Bäder, der asiatische 
Stadtteil, das von dem Deutschen Dr. Gustav Radde geleitete 
kaukasische Museum mit der öffentlichen Bibliothek und das 
auf Befehl des gebildeten und kunstsinnigen Statthalters Fürst 
Dondukow-Korssakow erst vor nicht langer Zeit gegründete 
kriegshistorische Museum. — Tiflis besitzt jetzt etwa 120000 



Kaukasische Marschrouten. 299 



Einwohner: 37610 oder 36,i67o Armenier ; 30 813 oder 29,6»% 
Russen (inbegriffen etwa 10 — 12 000 Beamte und Soldaten)^ 
22156 oder 21,8*70 Grusinier; die übrigen, etwa 20000 oder 
13^0, sind) Perser, Tataren, Griechen, Juden und Deutsche. 
Die letzteren leben ausser in Tiflis in den neben der Haupt- 
stadt liegenden Kolonieen: Alexandershilf, Elisabeththal, 
Marienfeld, Katharinenfeld , Helenenfeld (zusammen etwa 5000 
Deutsche). (Vgl. Abbildungen Seite 31 bis 41.) 

Die wichtigsten Punkte der Bahnstrecke von Tiflis bis 
Baku sind: 

Karajasy: Am linken Ufer des Kur, 37 Werst von Tiflis, 
in der Steppe von Karajasy. 

Im Osten von der Karajasysteppe, an den Abhängen der 
steilen und wasserlosen Gebirgskette des Garedsha, der Wasser- 
scheide des Kur und Jora, liegt in einer Höhe von 2892 Fuss 
die Herberge Davidogaredshy, als deren Gründer man den 
heiligen David nennt; dessen Schüler siedelten sich in den 
Umgegenden an und gründeten noch 11 Herbergen. Alle be- 
stehen aus einer grossen Anzahl hohler Kirchen und Kloster- 
zellen, die auf den Felsen in grossen Zwischenräumen ver- 
streut sind. Der Ueberlieferung zufolge tötete Schach Abbas 
im 17. Jahrhundert in diesen Herbergen 6000 Mönche, und seit 
damals fingen die Klöster und Kirchen an zu verfallen ; heute 
stehen nur noch zwei Klöster im Gebrauch: das Kloster des 
heiligen David und 10 Werst von diesem entfernt das Kloster 
Johannes des Täufers oder Natliss-mtzmeli. 

Schamchor oder Schamkur: Ein altes Städtchen am linken 
Ufer des Schamchortschay. Im siebenten Jahrhundert war dieser 
Ort persisch (in der Provinz Arran), wurde dann von den 
Arabern erobert und spielte eine Zeitlang eine Rolle bei den- 
selben. Heute liegt er in Trümmern, nur die Reste einer 
Festung und eine noch jetzt passirbare Brücke über den Fluss 
sind übrig geblieben. Bis in die vierziger Jahre dieses Jahr- 
hunderts stand inmitten der Ruinen ein 200 Fuss hohes, weit- 



300 Kaukasische Marschrouten. 



hin sichtbares Minaret. 1826 fand hier eine Schlacht zwischen 
Persem und Bussen statt, infolge welcher der Krieg zu Gunsten 
der letzteren fast völlig entschieden ward. — Am Ursprung 
des Schamchor-tschay befinden sich die Kupferschmelzfabriken 
von Kedabek und Kalakent. 

Jelissawetpol : Hauptstadt des gleichnamigen Gouverne- 
ments, am Flusse Ganshintka oder Gansha-tschay, 1449 Fuss 
hoch, mit 20294 Einwohnern. In der armenischen Geschichte 
ist dieser Ort unter dem Namen Gansaka, bei den Mohamme- 
danern unter dem Namen Dshensy, Gendshe oder Gandsha 
bekannt. Er war der Hauptort des Gebietes von Arran. Hier 
ist eine wundervolle von Schach Abbas dem Grossen im 
17. Jahrhundert erbaute Moschee, von zwei Türmen flankirt, 
"die 130-— 150 Fuss Höhe und ß— 7 Fuss im Durchmesser haben. 
Baku: Endstation der transkaukasischen Eisenbahn. — 
Von Stationen der transkaukasischen Bahn zweigen sich 
Wege nach allen Richtungen ab, auf welchen teilweise direkte 
Postfahrten eingerichtet sind: 

l. 

Von der Station Nowo-Ssenaki (Neu-Ssenaka), auf der 
Strecke Poti-Ssamtredi, geht nach Nordwesten ein 42 Werst 
weiter Chausseeweg nach Ssugdidi, der ehemaligen Residenz 
der Dadiane von Mingrelien; auf der Chaussee findet ein or- 
ganisirter Postverkehr statt. 

2. 

Von Kutal'ss geht nach Nordosten, aufwärts durch den 
Hohlweg des Rion, ein Weg nach dem Flecken Oni, dem ad- 
ministrativen Centrum des Distriktes Ratschin und weiter auf 
den Mamisson-Pass. Von Kutal'ss bis Oni regelmässiger Post- 
verkehr. 

3. 

Von der Station Michaylowo geht nach Südwesten, auf- 
wärts durch den Hohlweg des Kur, ein Postweg bis Achalzych; 



Kaukasische Marschrouten. 301 



voii hier geht eine Laststrasse über Achalkalaki nach Ardagan 
und Oljti. Die ganze Strecke ist 327 Werst laug. 

27 Va Werst von Michaylowo liegt 2636 Fuss hoch, am 
Ufer des Kur, in entzückender Gegend Borshom, ein Gut des. 
Grossfürsten Michael Nikolajewitsch, des früheren kaukasischen 
Statthalters. Daneben befinden sich die schwefelhaltigen 
Mineralquellen Jekaterinensky (28,86° C.) und Jewgenjewsky 
(22,76 ° C.) ; liebliche Villen sind hier für Kurgäste erbaut^ 
welche im Sommer gleichwie von der Heilkraft der Quellen 
auch von dem wunderbaren Klima hergezogen werden. 

Azchur: Ein Dorf am rechten Ufer des Kur, 3187 Fuss. 
hoch, mit den Ruinen einer alten Festung, welche den Eingang 
in das Borshomthal (von Achalzych aus) zu sperren berufen war» 
Inmitten der Ruinen liegen die Trümmer eines mächtigen, vom 
Kaiser Heraklius im 7. Jahrhundert erbauten Tempels, welcher 
noch im vorigen Säkulum ganz war, aber dann von den Türken 
zerstört wurde. Das einst hier aufbewahrte Heiligenbild der 
Mutter Gottes von Azchur, welches in ganz Grusien verehrt 
wird, befindet sich jetzt im Kloster von Gelati. 

Achalzych, grusisch: Neuburg, von den Türken Achiska 
genannt : Hauptstadt des gleichnamigen Distrikts, am Ufer des. 
Posscho-tschay, eines linken Nebenflusses des Kur, 3376 Fuss 
hoch. Einstmals war Achalzych die Hauptstadt des eigent- 
lichen grusinischen Gebietes Ssamzche oder Ssemo-Kartli, des. 
oberen Kartaliniens, welches das Bassin des Tschoroch und 
des Oberlaufes des Kur umfasste. Die Zeit der Gründung 
von Achalzych ist unbekannt. In der grusinischen Geschichte 
wird die Stadt zuerst im 12. Jahrhundert erwähnt; doch exi* 
stirte sie wahrscheinlich schon früher, vielleicht unter anderm 
Namen. Im 16. Jahrhundert wurde Achalzych die Hauptstadt 
des türkischen Armeniens und blieb dies bis 1828, wo es vom 
Fürsten Paskewitsch eingenommen wurde. Achalzych war 
unter türkischer Herrschaft ein Hauptstapelplatz für lebende 
Mensehenware und berühmt wegen seines Reichtums. 1828 



302 Kaukasische Marschroaten. 



besass die Stadt 50000 Einwohner, jetzt hat sie 13757. Ihr 
Handel besteht in Vieh, Häuten, Talg, Wachs, Honig. In der 
Umgegend wird viel Wein, Flachs, Tabak, Mais, Waizen, 
Gerste und Baumwolle gebaut. — Am linken Ufer des Posscho- 
tschay befindet sich die alte Stadt mit einer grossen Felsen- 
festung, mehreren armenischen Kirchen, einer Synagoge, 28 meist 
zertrümmerten Moscheen und Medressen und einer sehr schönen, 
aus einer Moschee umgewandelten russischen Kirche, an welche 
sich eine höhere Unterrichtsanstalt schliesst. Seit der Bussen- 
herrschaft breiten sich neue Strassen aus, welche die Neustadt 
bilden. — 24 Weret nordwestlich von Achal-Zych liegen 
417 Fuss hoch im waldigen Pass des Abas-Tumanka, des 
linken Nebenflusses des Posscho-tschay, die Abas-Tumanschen 
Mineralquellen. Dieselben gehören zu den schwachschwefel- 
haltigen und haben eine Temperatur von 30 — 39,9 ° R. Der 
Weg, welcher von Achalzych hierher geht, setzt sich weiter 
fort über die Achalzych- Im eretische Gebirgskette und 
fällt durch das enge Thal des Chani Zkali nach Kutai'ss. 
Kegelmässige Postfahrt findet nur zwischen Achalzych und 
Abas-Tuman statt. — Die Umgebungen von Achalzych sind 
gleichwie das ganze alte Ssamzche reich an Denkmälern alter 
Zeiten: 6 Werst südlich von Achalzych liegt das Ssaphar- 
kloster am Ufer des Urawelj-tschay in malerischer Gegend, 
umgeben von Trümmern 12 grosser und kleiner Kirchen, von 
welchen die bedeutendste, aus dem 14. Jahrhundert stammend, 
sich durch ihre ausgezeichnete Arbeit und durch den mit Bas- 
reliefs verzierten Ikonostas auszeichnet. — 32 Werst westlich 
von Achalzych liegt, an der Laststrasse nach Adsharien, am 
Posscho-tschay, in einer Höhe von 4291 Fuss das aus dem 
11. Jahrhundert stammende, seit dem 16. Jahrhundert voll- 
ständig verlassene, aber trolzdem gut erhaltene Sarsmakloster, 
welches zu den besten grusinischen Kirchenbauwerken gehört. 
— Von Achalzych geht ein Postweg aufwärts durch den Hohl- 
weg des Kur bis zum grossen, uralten, ruinenreichen Dorf 



Kaukasische Marschrouten. 303 



Ohertwiss, welches 3554 Fuss hoch am Zusammenflusse des 
Kur und Achalkalaki liegt. Von Chertwiss geht die Strasse 
weiter aufwärts, entlang dem Achalkalaki-tschay (bei den Gru- 
siniern der Dshawachetische Kur geheissen) und endet auf dem 
5000—6000 Fuss hohen Achalkalaki-Plateau : hier befinden sich 
einige grosse Seen (Toparawan, Tabizchuri, Chontschali und 
viele kleine.) Diese Gegend wird auch Duchoborije genannt, 
weil hier in 8 Dörfern die arbeitsamen Anhänger der Ducho- 
borzen- Sekte leben. 

Achalkalaki (grusinisch : Neustadt) : Distriktsstadt am Ufer 
■des gleichnamigen Flusses, 5545 Fuss, mit 4303 Einwohnern. 
Von Achalkalaki geht ein Postweg (94 Werst) durch Ducho- 
borzendörfer nach Alexandrapol. 

10 Werst westlich von Achalkalaki, im Dorfe Kumudro, 
befinden sich die Ruinen eines grossen und schönen, im 10. 
Jahrhundert erbauten Tempels. 

Westlich von Kumudro liegt Wardsija, ein einst in Grusien 
berühmtes Höhlenkloster. Dasselbe besteht aus mehreren 
Kirchen, einer Menge Klosterzellen und anderen in die Felsen 
gehauenen Räumlichkeiten. Der Sage nach war Wardsija der 
Lieblingsaufenthalt der Zarin Tamara; einer anderen Sage zu- 
folge soll sie sogar hier begraben sein, um ihr Grab streiten 
sich aber viele Ortschaften. An der Wand des Klosters 
Wardsija ist ein Freskenporträt der Tamara erhalten. — Die 
Zeit, wann Wardsija gegründet, und ebenso die Zeit, wann 
das Kloster verlassen wurde, kennt man nicht. Im 14. Jahr- 
hundert zerstörten die Mongolen und Tataren, im 16. Jahr- 
hundert die Perser das Wardsija-Kloster. 

Eine 89 Werst lange Poststrasse geht von Achalkalaki 
südwestlich, zwischen den Seen Tschaldyr und Chosapin und 
hierauf entlang dem rechten Ufer des Kur nach Ardagan. 

Ardagan, grusinisch Artaan : Hauptstadt des gleichnamigen 
Kreises am rechten Ufer des Kur, nahe den Quellen desselben, 
6058 Fuss hoch, mit 844 Einwohnern. Ardagan ist eins der 



304 Kaukasische Marschrouten. 



ältesten grusinischen Dörfer. Seit dem 13. Jahrhundert war 
es die Residenz eines besonderen Eristaws (Fürsten), welcher 
die Provinz Kola (heute Gelj)) verwaltete. Im 16. Jahrhundert 
bemächtigten sich die Türken der Gegend, und seit damals 
sind das Christentum und die grusinische Sprache spurlos aus 
derselben verschwunden. Bloss Ruinen zahlreicher Kirchen 
sind zurückgeblieben. — Ardagan ist durch Bergpfade mit 
Batum und Kars verbunden. 

Ein Postweg, von 99 Werst Länge, geht von Ardagan 
aufwärts, dem Kur entlang, vermittelst des Panshuret-Passes 
(7728 Fuss) über das Gebirge, welches die Bassins des Kur 
und Tschoroch scheidet, und fallt durch den Hohlweg des 
Kanly-ssu in das Thal des Oljti-tschay. Auf dem ganzen 
Wege Ruinen von Festungen und Kirchen, darunter: Ssogomon- 
kala, auf einem hohen Felsen am linken Ufer des Kanlyssu, 
mit einer Festungsruine, zwei malerisch gelegenen Kirchen, 
von denen die eine eine Höhlenkirche mit Fresken und zahl- 
reichen Inschriften ist. Ein zweites Denkmal des Altertums 
liegt beim Dorfe Penjaka, nahe bei dem Zusammenfluss des 
Kanly-ssu mit dem Barduss-tschay. 

Oljti : Administratives Centrum des gleichnamigen Kreises, 
am Flusse Oljti-tschay, 4325 Fuss hoch, mit 462 Einwohnern» 
Auf dem Gipfel des Felsens, an welchem Oljti, ein uralter 
Ort, liegt, sind Ruinen einer Festung, der einstigen Residenz 
der Fürsten von Ssamzche. 

4. 

Von Tiflis geht nordwärts die Grusinische Heerstrasse nach 
Wladikawkas. (Vgl. Seite 17—28.) 

5. 

Von Tiflis geht ostwärts eine Chaussee nach Telaw, 
93V4 Werst. Nach der 30. Werst fällt sie mit dem Posttrakt 
zusammen, welcher Tiflis mit Ssygnach verbindet, trennt sich 
aber bald von demselben, erhebt sich bis zur Wasserscheide 



Kaukasische Marschrouten. 305 



des Jor und Alasanj und fallt dann nach Telaw hinab. Telaw, 
eine alte Stadt mit einer alten Festung und einem alten Palast, 
ist Hauptstadt des gleichnamigen Kreises, auf der rechten Seite 
des Alasanjthales, am Fusse des Berges Ziwi, 2420 Fuss hoch, 
mit 8014 Einwohnern. Nach Wachuscht wurde Telaw vom 
kachetischen Zaren Kirik dem Ersten (893 — 918) gegründet, 
nach grusinischen Chroniken entstand der Ort erst gegen Ende 
des 13. Jahrhunderts. Zu Ende des 17. Jahrhimderts war 
Telaw die Kesidenz des kachetischen Zaren Artschil oder 
Sehach Nasar Chan (1664—1675). 1798 starb hiar der grusi- 
nische Zar Heraklius der Zweite. — In nächster Nähe von 
Telaw befindet sich : das Scfauamtikloster, 6 Werst von Telaw, 
auf dem Wege zum Gomborpass. Die Benennung ist grusinisch 
und bedeutet: inmitten der Berge. Das Kloster wurde zu An- 
fang des 16. Jahrhunderts von der Zarin Tinatina, der Oe- 
mahlin des Kachetinerzaren Lewan des Zweiten, gegründet. 
Der kostbare Ikonostas, der sich hier befindet, kam 1844 als 
Geschenk des Zarewitsch Heraklius aus Moskau. In den letzten 
Jahren der grusinischen H^rschaft war das Schuamti-Kloster ein 
befestigter Zufluchtsort der umwohnenden Bevölkerung. 8 Werst 
westlich von Tdaw, am Wege nach Tioneti, am Flüsschen Ikalto, 
liegt das Kloster Ikalto, welches im 6. Jahrhundert von dem hei- 
ligeii Zeno, einem der 13 syrischen Mönche, gegründet wurde. In 
der Umgebung sind zahlreiche Ruinen alter Kirchen ; ein grusini- 
sches Wort sagt: „In Ikalto gibt es 60 Kirchen weniger 1." 
Im Kloster sind begraben: der heilige Zeno und der Abt Ar- 
senius, ein gelehrter Geistlicher aus der Zeit David des Er- 
neuerers. — 18 Werst nordwestlich von Telaw, am rechten 
Ufer des Alasanj, mitten im weiten Alwanfelde, auf welchem 
die Tuschinen ihre Herden hüten, liegt die Alawerdysehe 
Kathedrale, ein mächtiges Gebäude, 32 Ssashen hoch, 27 Ssashen 
lang und 14 Ssashen breit. Kirik der Erste von Kachetien 
erbaute im 10. Jahrhundert die Kathedrale auf der Stelle der 
früheren Kirche des heiligen Georg, welche von dem heiligen 

Bernhard Stern, Vom Kaukasus zum Hindukusch. 20 



806 Kaukasische Marschrouten. 



Josef, einem der 13 syrischen Väter, errichtet gewesen war. 
Im Innern der Kirche sind zahlreiche alte Heiligenbilder, ein 
aus dem 11. Jahrhundert stammendes, auf Pergament ge- 
schriebenes Evangelium und die Gräber des heiligen Josephs 
von Syrien, einiger Bischöfe, der in Persien vom Schach Abbas 
1627 zu Tode gemarterten Zarin Ketewan und . endlich die 
Gräber des Zaren Alexander von Kachetien und seines Sohnes 
Georg, welche von ihrem Sohn und Bruder Konstantin getötet 
wurden. Die Macht der Bischöfe von Alawerdy erstreckte sich 
einst über die Bischöfe von ganz Kachetien. — Am 14. Sep- 
tember, dem alawerdyschen Feiertag, strömen aus allen Ort- 
schaften Grusiens zahllose Gläubige und selbst mohammeda- 
nische Gebirgsbewohner herbei. — 

Zynondaly: 7 Werst von Telaw, an der Poststrasse nach 
Ssygnach. 

Gremi: Ein Dorf, 20 Werst nordwestlich von Telaw, an 
der linken Seite des Alasanj, bei dem Zusammenfluss desselben 
mit dem Inzoba oder Gremis-zkali, welcher vom südlichen 
Abhang der Hauptgebirgskette herabkommt. Nach dem Zerfall 
Grusiens, im 15. Jahrhundert, wurde Gremi die Residenz der 
Zaren von Kachetien. 1615 zerstörte der Schach Abbas Gremi 
und führte einen grossen Teil der Bevölkerung in die Sklaverei 
nach Persien. Seit damals verfiel die Stadt und sank zu einem 
Dorf herab. Im sechzehnten Jahrhundert wurde Gremi : Krym 
genannt. In dem noch heute existirenden Kloster des Dorfes 
ist der Kachetiner Zar Lewan der Zweite (1520—1574) begraben. 
Entlang dem oberen Teil des Flusses Gremis-zkali geht eine 
Bergstrasse auf den Kodorpass der Hauptgebirgskette und 
weiter in das Innere des Daghestan. Auf dem ersten Teil des 
Weges, am Flusse Gremis, befindet sich der Natlis-mzemely- 
Turm, auf dem Gebirgspass der Kodorturm. 

15 Werst östlich von Gremi, an der linken Seite des Ala- 
sanj, nahe bei dem Dorfe Kwareli, liegen die Trümmer des Ne- 
kresskyklosters, welches schon im 4. Jahrhundert erbaut worden. 



Kaukasische Marschrouten. 307 



Ein 15 Werst langer Weg geht von Telaw, an der linken Seite 
des Alasanj über mehrere unbedeutende Höhenzüge, welche die 
Thäler des Alasanj und Jor scheiden, nach Tioneti. Tioneti, am 
rechten Ufer des Jor, 3627 Fuss hoch, ist das administrative 
Zentrum des Distrikts Tioneti, in welchem die Sommermanöver 
stattfinden. Entlang dem oberen Lauf des Jor geht ein Berg- 
steig nach Chewsurien. 

Entlang dem unteren rechten Ufer des Alasanj geht ein 
627« Werst weiter Weg nach Ssygnach. 

Das breite Thal des Alasanj ist das Hauptgebiet des kau- 
kasischen Weinbaues, insbesondere die Heimat der kachetini- 
schen Weine. 

6. 

Von Tiflis existirt eine 3337« Werst weite Poststrasse nach 
Ssygnach, Sakataly, Nucha und der Station Jewlach an der 
transkaukasischen Eisenbahn. Sie geht von Tiflis östlich, 
überschreitet die Wasserscheiden, welche den Kur vom Jor 
und den Jor vom Alasanj trennen, nähert sich bei dem Stabs- 
quartier Lagodechi dem südlichen Fusse der Hauptgebirgs- 
kette und zieht sich längs dem Gebirge durch Sakataly nach 
Nucha. Von hier biegt sie nach dem Süden ab und schliesst 
sich bei der Station Jewlach an die transkaukasische Bahn. 
Auf dieser Poststrasse sind bemerkenswerte Punkte: 

Ssygnach: Hauptstadt des Distriktes gleichen Namens, 
2597 Fuss hoch, auf dem Gebirge, welches Jor und Alasanj 
scheidet. Hat 10 069 Einwohner. Die Lage und Aussicht des 
Ortes sind entzückend. 2 Werst östlich von Ssygnach liegt 
das Bodby-Kloster , wo im Jahre 334 die Apostelin Nina be- 
graben wurde. — Südöstlich von Ssygnach, zwischen Alasanj 
und Jor, liegt eine breite flache Erhöhung, die Steppe von 
Schirak. Hier ist guter Strohboden, und die Gebirgler von 
Daghestan treiben zur Winterzeit die Herden her. An einigen 
Punkten der Steppe sind Naphtaquellen. 

Am nördlichen Rande der Schirak-Steppe, 29 Werst von 

20* 



308 Kaukasische Marschrouten. 



Ssygnach, befindet sich Zarskije kolodzy (Zarenbrunnen) 
2652 FuBS hoch. Auf naheliegendem Felsen sind die Trümmer 
einer Burg der Zarin Tamara. Im 16. und 17. Jahrhundert 
residirten hier die Zaren von Kachetien. Man glaubt auch, 
dass die im Mittelalter vielfach genannte Stadt Sägern oder 
Sagam sich hier befunden. 

Aus Ssygnach fällt eine Poststrasse ins Thal des Alasanj^ 
durchschneidet es und »eht sich vorbei am Stabsquartier 
Lagodechi in die Gebiete des Sakataly-Er^es, welches am 
südlichen Fusse der Hauptgebirgskette liegt Die grösste Ort- 
schaft daselbst ist Sakataty mit 1237 Einwohnern. Von diesem 
Ort geht entlang dem Flüsschen Dshary ein kleiner Bergstdg 
auf den Gudurpass. 

36 Werst östlich von Sakataly geht eine Poststrasse, vor- 
bei am Dorfe Kach, über den Fluss Kurmuch, welcher auf 
der Hauptgebirgskette seinen Ursprung hat und unter dem 
Nam^i Kara-tschay (schwarzer Fluss) ins Alasanjthal hinab- 
failt. Das Bassin des Kurmuch-tschay gehörte einst zum gru- 
sinffichen Reiche und bildete das selbständige Fürstentum Tssuket. 
Nach der Verheerung des kachetinischen Reiches durch Schach 
Abbas^ entstand hier ein Sultanat JeUssu, nach dem gleich- 
namigen Hauptorte so genannt Seit 1807 ist die Gegend russisch. 

11 Werst vom Dorfe Kach, oberhalb d^ Schlucht des 
Kurmuch-tschay ) befindet sich das Dorf Jellissa (tatarisch: 
50 Quelle). Von demselben 8 Werst entfernt, liegen in einer 
Kluft, genannt Ammam-Dara (Badekluft), die Jellissuyskija 
mineraljnyja wody ; sie gehören zu den 8chwefella4igehaltige% 
haben ^e Temperatur von 38 — 42* C. und zi^en allsommer- 
lich viele tausende Kranke aus den umliegenden Gegenden 
heran. Von Jelissu g^t aufwärts durch den Hohlweg des 
Kurmuch-tschay ein Lastweg in das obere Thal des Ssamur 
und weiter nadi Kumuch. Im 16. Jahrhundert, ab die G^end 
zum kachetinischen Reich gehörte, war diese Strasse eine der 
kürzesten zwischen der Mündung des Terek und Kachetien. 



Kaukasische Marschrouten. 909 



Nueha oder Soheki : Einst die Residenz der Chane von Scheki, 
jetzt die Hauptstadt des Kreises Nucha, am südlichen Fuss 
der Hauptgebirgskette 2454 Fuss hoch, mit 25 757 Einwohnern, 
welche einen bedeutenden Seidenhandel betreiben. Das Chanat 
Scheki entstand im 18. Jahrhundert zur Zeit des Einfalles 
Nadir-Schachs in Kaukasien. Der Sage nach schlug ein ge- 
wisser Hadschi Tscheljabi, der Enkel eines armenischen Prie- 
sters, welcher den Islam angenommen und sich an die Spitze 
des Volkes gestellt, den Schach zurück. Für diese That zum 
Chan ausgerufen, machte Hadschi Tscheljabi Nucha zu sehier 
Residenz. Ein Nachkomme von ihm, Hussein Chan, erbaute 
gegen 1765 über der Stadt eine Festung, und in dieser einen 
Palast, welcher noch jetzt existirt. 1819 ging das Chanat zu 
Grunde, und bekam von Russland den Titel einer Provinz 
Scheki; heute führt die Provinz den offiziellen Namen ^ Kreis 
Nucha". — Der Kreis Nucha wird mit dem Bezirk Ssamur durch 
die achtynische Heerstrasse verbunden. (Siehe Seite 282.) 

7. 

Von der Station Akstafa (88 Werst von Tiflis) geht eine 
Poststrasse nach Kars und ErivanJ. (Siehe Marschroute IX.) 

8. 
Von der Station Jewiach geht eine Poststrasse nach Nucha, 
Sakataly, Ssygnach und Tiflis. (Siehe Seite 307.) 

9. 

Von der Station Jewiach geht südwärts eine Poststrasse 
(105 Werst) über Barda und Schach-bulak nach Schuscha. 

Barda: Ein Tatarendorf östlich von der Poststation Ter- 
tera, am Flusse gleichen Namens, einige Werst vor seiner 
Mtlndung in den Kur. An der Stelle des Dorfes befand sich 
im Altertum die reiche und mächtige Stadt Partaw, die Haupt- 
stadt von Agwanien oder Albanien, welches die Gebiete 
zwischen dem Alasanj, dem Kaspi, dem Kur und dem Ssamur 
umfasste. 



310 Kaukasische Marschrouten. 

Im 7. Jahrhundert wurde Partaw von den Arabern er- 
obert und erscheint fortan unter der Benennung Berda oder 
Berdaa. Nach den Zeugnissen der morgenländischen Schrift- 
steller wurde die Stadt Berda im 14. Jahrhundert von Tamer- 
lan zerstört. Von der einstigen Stadt existirt heute bloss ein 
halbzerstörter Turm. 

Schach-bulak: Trümmer einer Festung an der Poststation 
gleichen Namens. Nach der Ueberlieferung wurde diese 
Festung von Nadir Schach erbaut und später Residenz der 
Chane von Karabach. Nahe bei der Festung befindet sich 
eine Quelle Schach bulak (Schachquelle). 

Schuscha: Hauptstadt des Kreises Schuscha, liegt auf 
steinigem und steilem Berge 5076 Fuss hoch und hat 26 806 
Einwohner. Nach dem Tode des Nadir Schach bemächtigte 
sich sein Eunuch Panach des Reiches Karabach, erklärte sich 
als unabhängigen Chan desselben und erbaute 1755 die Stadt 
Panach-abad oder Schuscha. Der schreckliche Aga-Mohamed, 
ein Nachfolger des Nadir-Schach, zog 1795 gegen Schuscha 
wurde aber von Ibrahim- Chan , dem Sohne des Panach, zu- 
rückgetrieben. Ein zweiter Zug Aga Mohameds brachte zwar 
Schuscha in seine Macht, aber der Schach wurde von seinen 
eigenen Leuten beim Einzug in die eroberte Stadt er- 
mordet. Seit 1805 gehört Schuscha zu Russland. — Südwest- 
lich von Schuscha gehen Lastwege zum Araxes und weiter 
nach Persien. 

10. 

Von der Station KJiirdamir geht eine 70 Werst lange Post- 
strasse nach Schemacha. Schemacha oder Schamachi ist die 
Hauptstadt des Kreises gleichen Namens, 2230 Fuss hoch, liegt 
am Flüsschen Pirssagat und hat 28 545 Einwohner. Die Zeit 
der Gründung Schemachas ist nicht bekannt. Morgenländische 
Historiker erwähnen die Stadt zuerst unter dem Sassaniden Nu- 
schirwan dem Gerechten, welcher sie zur Residenz des Ge- 
bietes von Schirwan machte. Schemacha ward der Mittel- 
punkt für den kaukasischen Seidenhandel; derselbe zog im 



Kaukasische Marschrouten. 311 



14. Jahrhundert viele venezianische und genuesische Eauf- 
leute hierher; dieselben verstümmelten den Namen Schemacha 
in Chamachi und Samaki. Schemachas Blüte begann gegen 
Ende des 17. Jahrhunderts zu welken, als Daghestaner, Perser 
und Türken mehr als einmal die Stadt zerstörten. 1712 ver- 
wüstete Ssurchay Chan von Kasikumuch Schemacha voll- 
ständig, tötete viele dort befindliche russische Seidenhändler 
und verursachte einen Schaden von über 4 Millionen Rubel. 
Dies war die Ursache zu dem persischen Feldzuge Peters des 
Grossen, welcher indessen infolge innerer russischer Wirren 
erfolglos blieb. 1734 eroberte Nadir Schach Schemacha und 
zerstörte abermals die Stadt; die Bewohner aber führte er 
nach einem neugegründeten Ort Neuschemacha (heute steht 
dort das Dorf Akssu). Aber die alte Stadt erstand gar bald 
wieder aus den Trümmern. Seit 1805 gehört Schemacha 
zu Russland, war bis zum 31. Mai 1859 eine blühende 
Gouvernementsstadt, wurde aber dann infolge eines fürchter- 
lichen Erdbebens von vielen Leuten verlassen und um jede 
Bedeutung gebracht. Erdbeben sind in Schemacha häufig 
vorgekommen. Ausser dem genannten waren die schreck- 
lichsten die von 1607 und 1871. 

Nahe bei Schemacha liegen auf hohem Berge Ruinen eines 
Schlosses, das von den Eingeborenen Kis-kala (Mädchenfestung) 
genannt wird; das Schloss war wahrscheinlich die Citadelle 
der Schirwanschachs. 

Von Schemacha gehen über das Hauptgebirge mehrere 
Lastwege nach Kuba. (Siehe Seite 282.) 

11. 

Von der Station Adshi-KabulJ geht eine Poststrasse (1757« 
Werst) südwärts entlang dem linken Ufer des Kur, bis zum 
Oertchen Ssaljany, von hier entlang dem linken Ufer des 
Akuscha und dem flachen Rande des Kaspi nach Lenkoranj. 



312 Kaukasische Marscfaronten. 



Ssaljany oder Ssaljan: Administrativer Mittelpunkt des 
Kreises Dshewad, liegt an der Stelle, wo der Kur sich in zwei 
Arme teilt: in den Kur und Akuscha. Ssaljan ist ein uralter 
Ort. Im sechzehnten Jahrhundert ist von ihm mehrfach die 
Bede. Der Name kommt vom persischen Ssal, Jahr, her : Ein 
persischer Schach belohnte seinen treuen Beamten Ibrahim 
Chan damit, dass er ihm für ein Jahr die Einkünfte dieser 
Ortschaft überliess. Heute ist die Stadt mehr Dorf zu nennen 
und zeichnet sich bloss durch seinen grossen Fischhandel aus. 
27 Werst von Ssaljan befinden sich die Hauptfischereien, welche 
alle der Krone gehören, aber von ihr verpachtet werden. 

LenkoranJ (persisch : Ort des Ankers) : Kreisstadt im Kreise 
gleichen Namens, am Ufer des Meeres, bei der Mündung des 
Lenkoranjflusses, mit 5618 Einwohnern. Der Kreis Lenkoranj 
ist ein Teil des alten Chanates Talysch. — 12 Werst westlich von 
der Stadt befinden sich schwefellaugehaltige Quellen, gewöhn- 
lich Lenkoranjsche, von den Eingeborenen auch Miankunsche 
Quellen genannt. "Sie haben eine Temperatur bis zu-37Va®ß. 

IX. 

Akstafa— Kars— Eriwanj. 

Von Akstafa, Station der transkaukasischen Eisenbahn, 
(88 Werst von Tifds), geht aufwärts durch den Hohlweg des 
Flusses Akstafa eine Postchausseestrasse (72*/* Werst) nach 
dem 4200 Fuss hohen Oertchen Delishan. Hier teilt sich der 
Weg in zwei; ein Zweig richtet sich südlich nach Eriwanj 
und weiter nach der Stadt Ordubad am Araxes, der zweite 
geht westlich nach Alexandrapol, Kars und Ssarakamysch. 

Delishan— Kaj-s—Ssarakamysch. — 239Vi Werst. 

Von Delishan geht westlich, aufwärts durch den Hohlweg 
des Flusses Akstafa und seines Nebenflusses Gamsatscheman- 
tschay, durch einen Pass ins Thal des Flusses Bambak und 



Kaukasische Marschrouten. 313 



folgt dem Lauf desselben bis zur Station Ach-bulak. Von hier 
erhebt sich der Berg auf eine unbedeutende Gebirgsgruppe, 
welche die Wasser des Bambak und Arpatschay scheidet^ und 
fällt nach Alexandrapol (100 Werst von Delishan.) Weiter 
geht die Chaussee immer in westlicher Richtung, bis Kars 
(84 Werst von Alexandrapol), von wo eine vorläufig noch un- 
genügende Strasse nach Sarakamysch führt. 

Die wichtigsten Punkte der Strecke sind: 

Kara Kilissa (tatarisch: Schwarze Kirche): Ein grosses 
armenisches Dorf, 4336 Fuss hoch. Nordwärts geht von hier 
eine Strasse, auf der aber keine Postverbindung statt hat, über 
das hohe Besobdal-Gebirge ins Stabsquartier Dshelal — ogly und 
von da weiter nach Tiflis. 

Alexandrapol: Kreisstadt am linken Ufer des Arpatschay, 
5079 Fuss hoch, mit 22670 Einwohnern, bildete früher den 
Grenzpunkt zwischen Grusien (Georgien), Persien und Türkei. 
Eine Karawanenstrasse führt von hier nach Kars u^d Tiflis. 
In der Stadt befindet sich der „Ehrenhügel" — ein Friedhof, 
auf welchem die im letzten Kriege (1877 — 1878) gefallenen 
russischen Soldaten ruhen. 

Etwa 45 Werst südlich von Alexandrapol liegen, am linken 
Ufer des Arpatschay, die berühmten Kuinen der alten armeni« 
sehen Stadt Ani, welche ausser vielen Anderen auch Karl Koch 
eingehend und schön geschildert hat. Auf weiter Ebene, um- 
geben von teilweise noch erhaltenen Festungsmauern, liegen 
zahllose Trümmer von Kirchen und Moscheen. Die Einge- 
borenen nennen diesen Ort deshalb die Stadt der 1001 Kirchen. 
Auf den Mauern und Häusern haben sich viele Inschriften er- 
halten, welche wichtiges Material für die Chronologie und Ge- 
schichte des mittelalterlichen Armeniens liefern. Der Name 
Ani kommt zuerst im 4. Jahrhundert vor, wo der damals un- 
bedeutende Ort zum Gebiete des Reiches Schirak gehörte. 
Nach der Eroberung Armeniens durch die Araber herrschten 
hier die Bagratiden und machten Ani zu ihrer Residenz. 1046 



314 Kaukasische Marschrouten. 



bemächtigten sich die Byzantiner der Stadt, dann kam sie in 
den Besitz der Seldschucken und 1239 wurde sie von den 
Mongolen zerstört. Aber immer wieder erhob sie sich zu neuer 
Blüte, bis 1319 ein fürchterliches Erdbeben sie für immer zer- 
störte. Ihre Bevölkerung wurde in alle Winde zerstreut, und 
man behauptet, dass die in Galizien lebenden Armenier von 
den Bewohnern Anis abstammen. — Heute irren in den Ruinen 
von Ani nur hie und da einige nomadisirende Kurden oder 
wissbegierige Fremdlinge umher. 

Grossartige Andenken an die frühe christliche Kultur dieses 
Teiles Armeniens trifft man in diesem ganzen, heute Schuragelj 
genannten Kreise, hauptsächlich entlang dem Laufe des Arpa- 
tschay. Besonders bemerkenswert sind das Kloster Choscho- 
Wank, neben Ani, auf einer felsigen, vom Arpatschay umspülten 
Halbinsel. Dasselbe wurde im 10. Jahrhundert von armeni- 
schen, aus Griechenland eingewanderten Mönchen gegründet 
und führte früher den Namen Choromossi- Wank : griechisches 
Kloster. Die Wände sind mit zahlreichen Inschriften bedeckt. 
— Neben dem Kloster stehen zwei Kirchen mit den Gräbern 
einiger Bagratidenzaren. — Am Ende der Halbinsel liegen 
üeberreste einer steinernen Brücke, welche einst auf das linke 
Ufer hinübergeführt. — Am rechten Ufer des Arpatschay, nahe 
bei seiner Mündung, steht Mren, heute Karabach. Hier liegen 
viele Steinkreuze und Ruinen von Kirchen, welche im 7. Jahr- 
hundert erbaut wurden. — Auf der rechten Seite des Arpatschay, 
5 Werst südlich von Mren, liegt Bagran oder Bagaran (arme- 
nisch: Götterwohnung) mit den Resten einer Festung und 
5 halbzerstörten Kirchen. Bagran wurde im Jahre 65 vom 
armenischen Zaren Jerwand dem Zweiten erbaut und war 
später die Residenz der ersten Bagratidenzaren. — 

Von Alexandrapol geht nördlich die sogenannte Zaren- 
strasse nach Achalkalaki (siehe Seite 303), südlich eine Strasse 
ohne Postverbindung nach Ssardar-Abad, Etschmiadsin und 
Eriwanj; die letztere biegt um den westlichen und südlichen 



Kaukasische Marschrouten. 315 



Fuss des Alages und war früher, bis zur Anlegung der 
Strasse durch den Hohlweg des Akstafaflusses, der Haupt- 
handelsweg, wie die wichtigste Heerstrasse aus Grusien nach 
Eriwanj. 

Die ganze Poststrasse von Alexandrapol nach Kars und 
weiter nach Ssarakamysch geht durch eine erhöhte Ebene, auf 
welcher im letzten türkischen Kriege zahllose heisse Kämpfe 
ausgefochten wurden; der Boden ist hier getränkt mit russi- 
schem Blut, jeder Schritt dieses Landes wurde unter schwe^n 
Opfern erkauft. 

Zwischen den Poststationen Argina und Parget, auf der 
Hälfte des Weges zwischen ihnen, geht die Strasse nahe am 
Dorfe Kjürük-dara vorbei. 10 Werst südlich von diesem liegt 
am Flusse Mawrjak-tschay das Dorf Basch-Kadyklar; von 
hier, ebenfalls in südlicher Richtung, sind die Höhen des Ala- 
dshy-Gebirges sichtbar. Alle diese Gegenden waren im letzten 
türkischen Kriege Schauplätze harter Schlachten. 

Kars: Festung und Bezirksstadt des Bezirkes gleichen 
Namens, 6173 Fuss hoch, am Eintritt des Kars-tschay in eine 
felsige Ebene, mit 3137 Einwohnern. Kars ist eine uralte Stadt, 
deren Gründungszeit unbekannt ist. Zuerst wird sie von einem 
armenischen Geschichtsschreiber, dem Katholikoss Johannes 
(9. Jahrhundert), unter dem Namen „starke Festung" erwähnt. 
Die jetzige Benennung entstand aus dem grusinischen Kari 
=: Pforte und bezieht sich auf die Lage der Stadt an der 
Grenze Armeniens und Grusiens. Nachdem Kars verschiedene 
Herren gehabt, fiel es endlich in die Hand der Türken. 1579 
machte es Murad der Dritte zur Schutzfestung Kleinasiens 
gegen Persien und Grusien. Li den russischen Eroberungs- 
kämpfen in Kaukasien spielte Kars immer eine wichtige Rolle, 
bis die Festung im letzten Kriege, am 6. November 1877, nach 
einer berühmten heldenhaften Verteidigung in Russlands Macht 
kam. — Li Kars befinden sich nur wenige erhaltene Denk- 
mäler der vorislamitischen Epoche. Das interessanteste ist eine 



316 Kaukasische Marschrouten. 



alte armenische Kathedrale aus dem 10. Jahrhundert, welche 
von den Türken in eine Moschee verwandelt war, von den 
Russen aber wieder zu einer Kirche des Erzengels Michael 
neugeweiht wurde. Von Kars gehen verschiedene Wege nach 
den wichtigsten Ortschaften des Bezirkes. — 

Die Alexandrapolsche Strasse setzt sich westwärts von 
Kars nach dem Stabsquartier Ssarakamysch fort, welches auf 
dem östlichen Abhang des waldigen Ssoganlug-Gebii^es liegt. 

Längs der Linie Alexandrapol-Kars-Ssarakamysch liegen 
viele russische Duchoborzen- und Malakanendörfer. 

Südwärts von Kars geht eine Poststrasse (71'/* Werst) 
nach Kagisman, dem administrativen Zentrum des Kreises 
gleichen Namens. Kagisman hat 3298 Einwohner. 2 Werst 
von der Stadt, am Ufer des Araxes, befinden sich Salzgruben, 
welche die ganze Gegend mit Salz versorgen. — Von Kagisman 
geht eine Chaussee durch den Hohlweg des Araxes nach Kuljpy 
und Igdyr im Eriwanschen Gouvernement. 

Belishan— Eriwanj— Etschmiadsin.— 121 Werst. 

Von Delishan geht die Eriwansche Chaussee südlich, 
überschreitet in einer Höhe von 7124 Fuss das Gebirge, welches 
den altberühmten See Goktscha umgrenzt, und fUllt dann zum 
russischen, am linken Ufer dieses Sees gelegenen Dorfe Jele- 
nowka herab. Darauf wendet sich der Weg südwestlich und 
zieht durch die flache Ebene, welche im Westen von der vul- 
kanischen Gruppe Alagjos umschlossen wird. Auf diesem 
Wege sind folgende Punkte zu beachten: 

Das Kloster Ssewanga oder Sse-Wank (armenisch: das 
schwarze Kloster): AuL einer felsigen Seite des Goktschasees, 
neben dem Dorfe Jelenowka. Nach historischen Zeugnissen 
hat hier Gregor der Erleuchter (von Kappadocien) die erste 
christliche ELirche im Kaukasus erbaut ; ihre Buinen sind noch 
zu sehen. Neben der Kirche wurde um die Hälfte des 9. Jahr- 
hunderts ein Kloster errichtet, welches noch heute erhalten ist. 



Kaukasische Marschrouten. 317 



N^wo-Bajased : Ein stattlicher Ort, Hauptstadt des Kreises 
gleichen Namens, nahe dem westlichen Ufer des Gotschaisees, 
mit 7120 Einwohnern, durch eine 30 Werst lange Poststrasse 
mit Jelenokwa verbunden. 

EriwaiiJ, von den alten Schriftstellern R«wan genannt: 
Am Ufer des Flusses Sanga, 3229 Fuss hoch, mit 14556 
Einwohnern. Die Armenier schreiben der Stadt ein fabel* 
haftes Alter zu und setzen die Gründung derselben in die Zeit 
Noahs ; nach historischen Zeugnissen existirte sie schon im 7. Jahr^ 
hundert unserer Zeitrechnung. Bedeutung erhielt sie erst seit 
der islamitischen Zeit; seit damals bildete sie einen Zankapfel 
zwischen Persem und Türken. 1582 erbauten hier die Türken 
eine Festung, d^?en Ueberreste noch existiren. 1604 war Eri- 
wanj Eigentum des persischen Schach Abbas des Grossen, 
welcher der alten türkischen Festung eine neue Mauer hinzu- 
fügte. Zur Zeit des grusischen Zaren Heraklius des Zweiten 
residirte in Eriwanj ein Ssardar desselben. 1804 unternahm 
der russische General Zizianow einen vergeblichen Angriff auf 
Eriwanj und musste nach zweimonatlicher Belagerung wieder, 
abziehen: erst dem General Paskewitsch gelang es am 1. Ok* 
tober 1827 die Stadt zu erobern. — In Eriwanj sind be- 
! merkenswert: die Festung mit der Burg und der Moschee 

, des Ssardars und der Kirche, welche von Griechen erbaut, 

i von den Türken in eine Moschee, von den Persern in ein 

Pulvermagazin, von den Russen aber wieder in eine Kirche 
verwandelt wurde ; femer eine durch die Schönheit des Innern 
f und des Thores ausgezeichnete Moschee und das angebliche 

Grab des Apostels Ananias. 

Etschmiadsin : Ein berühmtes Kloster, die Residenz des 
Patriarchen oder Katholikosses aller Armenier, 18 Werst west- 
lich von Eriwanj, beim Dorfe Wagarschapat, auf einer 2837 Fuss 
hohen Ebene. Das Kloster und die zu demselben gehörige 
gdstliche Akademie, eine Buchdruckerei, eine Bibliothek, das 
Wohnhaus des Patriarchen, die Möncfazellen, eine Herberge 



318 Kaukasische Marschrouten. 



für Pilger und verschiedene wirtschaftliche Häuser nehmen 
eine weite Fläche ein, welche ringsum mit dicken und hohen 
Turmmauern umgeben ist. Im Centrum dieser Fläche steht 
der Haupttempel, der 303 vom heiligen Georg, dem Apostel Ar- 
meniens, auf der Stelle, wo ihm Christus erschienen sein soll, 
erbaut wurde. Daher der Name Etschmiadsin : Erscheinung 
des Einzigen. Bei der tatarischen Bevölkerung heisst Etsch- 
miadsin: Utsch-kilissa = Dreikirchen. Um die Hauptkirche 
stehen in Entfernungen von je einer halben oder einer ganzen 
Werst drei Kirchen (Gajana, Kiphssime, Marina), von denen 
jede einzelne von einer Mauer, einem Garten und Wohnungen 
für die Mönche umgeben ist. Sie wurden 618, 630 und 1694 
erbaut. — In der Schatzkammer der Hauptkirche werden viele 
Reliquien bewahrt, die man den Pilgern zur Verehrung zeigt, 
darunter die geweihte Lanze und die Hand des heiligen Jakob. 
Die Bibliothek, deren Inhalt Brosset bereits vor vielen Jahrzehnten 
veröflfentlicht hat, besitzt einige merkwürdige Handschriften, 
darunter ein auf Pergament, im 10. Jahrhundert, geschriebenes 
Evangelium mit Miniaturen. — Etschmiadsin war die Residenz 
der Oberhäupter der armenischen Kirche von den Zeiten des 
heiligen Georg bis 452, wo infolge von Kriegsstürmen der 
Patriarchenstuhl nach Dwin, der neuen Residenz des arme- 
nischen Reiches, gebracht wurde. Später residirten die Pa- 
triarchen lange Zeit in Ani am Arpa-tschay, in der Stadt 
Ssissa in Cilicien und kehrten 1441 endlich wieder nach Etsch- 
miadsin zurück. Politische Verhältnisse und innere Wirren 
in Armenien untergruben die Einigkeit der Geistlichkeit — 
jetzt zählt die armenische Kirche vier selbständige Patriarchen: 
in Etschmiadsin, Konstantinopel, Ssissa in Cilicien und Achtamar 
am See Wan. Der Katholikoss von Etschmiadsin wird von 
den russischen, persischen, indischen und türkischen Armeniern 
erwählt und von der russischen Regierung bestätigt. In der 
Verwaltung wird er von einem Synod unterstützt. — Seit 1827 
gehört Etschmiadsin zu Russland. 



Kaukasische Marschrouten. 319 



Das Dorf Wagarschapat , bei welchem das Kloster Etsch- 
miadsin liegt, erinnert uns mit seinem Namen an die durch 
einige Zeit hier gestandene Residenz der armenischen Zaren. 
Die Stadt wurde 569 vor unserer Zeitrechnung vom Zaren 
Jerwand dem Ersten errichtet und hiess allzuerst Ardimet 
kagak; Stadt der Artemis oder Diana. Zu Ende des zweiten 
Jahrhunderts unserer Zeitrechnung umgab der Zar Wagar- 
schap die Stadt mit einer Mauer und man nannte sie fortan 
Wagarschapat. Die Zaren residirten hier bis 344. Das einzige 
Denkmal jener Zeiten bildet eine hier 1873 gefundene, ins 
Jahr 185 unserer Zeitrechnung zurückweisende Inschrift. 

Aus Wagarschapat geht die sogenannte Zarenstrasse nach 
Alexandrapol (siehe Seite 314) über die frühere Festung Ssardar- 
Abad, welches vom letzten Eriwanschen Ssardar Hussein Chan 
erbaut und 1827 von den Russen erobert wurde. — 7 bis 8 
Werst südlich von Ssardar- Abad, in der Nähe des linken 
Araxesufers, auf dem Hügel Blur, liegen Mauerreste. Hier 
soll nach armenischen üeberlieferungen eine Stadt Armawir 
(nicht zu verwechseln mit dem Orte an der ßostow-Wladi- 
kawkas-Bahn) bereits 2000 Jahre vor Christi Geburt gestanden 
haben. Doch sind durch 1880 von Graf üwarow unter- 
nommene Nachforschungen nur Zeugen für eine vierhundert- 
jährige Vergangenheit ergraben worden. 

Südwestlich von Wagarschapat geht eine Poststrasse (377* 
Werst) nach Igdyr, dem administrativen Centrum des Kreises 
Ssurmali, in der Ebene am nordwestlichen Fuss des Ararat. 

Von Igdyr geht ein Weg für leichte Wagen nach Kagisman. 
Auf diesem Wege, am Austritt des Araxes aus einem Hohlweg 
in die Ebene, am rechten Ufer des Flusses, befinden sich die 
Buinen der grossen Festung Kara kala (tatarisch: Schwarze 
Festung). Hier befand sich im Altertum die Stadt Tigranokert, 
welche im 6. Jahrhundert vor Christi Geburt vom armenischen 
Zaren Tigran gegründet wurde. 



320 Kaukasische Marschrouten. 



Westlich von der Eara-kala, auf der Strasse von dort 
nach Eagisman, lie^ das Dorf Kuljp, armenisch: Gogp, mit 
umfangreichen Steinsalzbrächen, welche schon im 7. Jahrhundert 
berühmt waren. Hier befinden sich drei Kirchenruinen und 
eine Menge Grabsteine, welche für die frühere Bedeutung des 
Ortes Zeugnis ablegen. 

30 Werst westlich von Eriwanj, am Ursprung des engen 
Hohlweges des Flusses Gami-tschay, liegt das Kloster Kegart 
oder Ayriwank (armenisch: Höhlenkloster). Dass^be besteht 
aus mehreren in die Felsen gehauenen Kirchen und wurde 
der Sage nach von dem heiligen Georg im 4. Jahrhundert ge- 
gründet. Ausserdem steht hier eine, im 12. Jahrhundert er- 
baute Kirche, welche keine Höhlenkirche ist, sondern sich an 
die Felsen bloss anlehnt. Hier wurde lange Zeit die geweihte 
Lanze, die grösste Reliquie der armenischen Kirche, bewahrt; 
sie befindet sich jetzt in Etschmiadsin. 

Unterhalb des Klosters Kegart, im Hohlweg des Garnitschay, 
beim Dorfe Basch Garni, befinden sich die Ruinen ier alten 
Stadt Karni oder Garni, welche im 4. Jahrhundert vom arme- 
nischen König Trdat dem Zweiten erbaut wurde. Unter den 
Ruinenhaufen erregen besonderes Interesse die Trümmer eines 
in wundervollem jonischen Style erbauten Hauses. Bei der 
eingeborenen Bevölkerung heissen die Ruinen Tacht-Trdat, 
der Thron des Trdat. 

Bei dem Anstritt des Gamy-tschay in die Ebene, beim 
Dorfe Dwiiiy befand sich ehemals die Stadt Dwin oder Duwin, 
welche um die Hälfte des 4. Jahrhunderts von dem armenischen 
Zaren Chosrow-Pokr gegründet wurde. 300 J^üire später 
wurde Dwin Residenz arabischer Emire, dann ging sie in die 
Hände der Türken, Mongolen und Grusinier über (im 12. Jahr- 
hundert). Von der alten Stadt scheinen nicht die geringsten 
Reste übriggeblieben zu sein. 

15 Werst südlich von dem Dorfe Dwin, nahe dem ünken 
Ufer des Araxes, liegt das Kloster Chor-Wirab (tiefe Grube), 



Kaukasische Marschrouten. 321 



in welchem der heilige Georg, vom Zaren Trdat dazu verur- 
teilt, 30 Jahre verlebte. Die Ruinen einer Festung auf einem 
Fels beim Kloster rühren von der Stadt Artaschat her, welche vom 
armenischen Zaren Artasches zwischen 78 — 120 errichtet wurde. 

Von Eriwanj geht südöstlich eine Poststrasse längs dem 
linken Ufer des Araxes (2217« Werst) nach Nachitschewanj 
und Ordubad. Von der Station Alendshi-tschay teilt sich ein 
24 Werst langer Zweig ab und führt zur Dshuljphinischen 
üeberfahrt über den Araxes, von wo eine grosse persische 
Strasse nach Täbriz und Teheran führt. — Dshuljpha, von den 
Armeniern Dshuga genannt, ist eine unbedeutende Ansiedlung 
auf der Stelle einer uralten verschwundenen Stadt (nur eine 
Steinbrücke existirt noch von ihr), deren Einwohner 1603 von 
Schach Abbas nach Persien geschleppt wurden, wo sie bei 
der Stadt Isfahan einen besonderen Vorort, Nor-Dshuga oder 
Neu-Bshulpha, gründeten. Nachitschewanj: Kreisstadt, 2949 
Fuss hoch, am linken Ufer des Araxes, mit 6911 Einwohnern, 
berühmt durch ihre Steinsalzbrüche, welche man auch schon im 
Altertum gekannt. In alten Gruben findet man von Arbeitern alter 
Zeiten gebrauchte Steinhämmer. Nachitschewanj bedeutet im 
Armenischen „erste Rast", und die Armenier halten den Ort für 
den ältesten der Welt, indem sie glauben, dass Noah hier aus 
der Arche gestiegen. Nach ihrer Meinung liegt hier auch 
Noahs Grab, und auf dem Berge unter einem Grabmal das 
seiner Schwester. Von Nachitschewanj ist auf den ersten 
Blättern der armenischen Geschichte und schon bei Joseph us 
Flavius und Ptolomäus (unter dem Namen Nakssuan) die Rede. 
Die Stadt wurde viel von Persem, Mongolen und Türken zer- 
stört und ist infolgedessen von zahlreichen Ruinen umgeben. 

Am südlichen Rande der Araxesebene, etwa 60 Werst 
südlich von Eriwanj, erhebt sich der 16916 Fuss hohe Schnee- 
kegel des Grossen Ararat. Von der Südostseite stösst an ihn 
der 12840 Fuss hohe Kleine Ararat. Beider Gipfel werden 
durch eine Vertiefung getrennt, auf welcher sich eine Quelle 

Bernhard Stern, Vom Kaukasus zum Hindukusch. 21 



322 Kaukasische Marschrouten. 



befindet, welche Ssardarbulak, Quelle des Ssardar, heisst, weil 
sich der Ssardar von Eriwanj vor der. Sommerglut hierher zu 
flüchten pflegte. Der Grosse Ararat erhebt sich weit über die 
Schneeregion, deren Höhe vom Akademiker Abich am nörd- 
lichen Abhang mit 13710, am südlichen mit 12932 Fuss be- 
stimmt worden ist. Der Kleine Ararat pflegt nur zur Winters- 
zeit mit Schnee bedeckt zu sein. An den Ararat, welcher 
armenisch Massis heisst, knüpfen sich zahllose armenische Le- 
genden, von welchen einige auch in den Legendenkreis der 
anderen Völker übergegangen sind. Der Ararat, der heilige 
Noahberg, galt der örtlichen Bevölkerung als unbesteigbar, 
bis Professor Friedrich Parrot am 27. September 1829 
zum ersten Mal den Gipfel erreichte. Ihm folgten viele For- 
scher, Reisende und Touristen, darunter am 29. Juli 1845 der 
Akademiker Hermann Abich, am 6. August 1850 der Oberst 
Chodsjko. Die meisten Besteigungen wurden von Ssardar bulak 
aus über den südöstlichen Abhang des Schneekegels unter- 
untemommen. 

Der nordöstliche Abhang des Ararat ist von oben nach 
unten von einer tiefen Spalte, genannt das Thal des heiligen 
Jakob, durchschnitten. Durch diese Spalte fällt der Haupt- 
gletscher des Ararat nieder. In dem unteren Teil desselben 
befand sich, 5700 Fuss hoch, das grosse armenische Dorf 
Achuri. Am 20. Juni 1840 stürzte infolge eines Erdbebens 
ein Teil des Gletschers zusammen mit den Felsen in das Thal 
des heiligen Jakob hinab und in den Gletscherbach, welcher 
zurückgedrängt über seine Ufer trat und einen grossen tiefen 
See bildete. Plötzlich aber brachen die Wasser über die Hinder- 
nisse hinweg und flössen verheerend über das Dorf Achuri 
und seine grossen Gärten. Die kleine Zahl Einwohner, welche 
von der Katastrophe verschont blieb, verliess die Reste des 
unglücklichen Ortes und gründete in der Nähe Neu- Achuri. 



Verlag SIEGFRIED CRONBACH, Berlin. 

George Kennan, Sibirien I — Deutsch von 

E. Kirchner. 11. Auflage. 1892. Preis 3 M., geb. 
4 M. 



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licher Zwangsarbeit verurtheilten russischen Professors 
Vaszilij Jakszakov. Mit den Zeichnungen und dem 
Autogramm des Verurtheilten. 1892. Eleg. brosch. 
Preis M. 2.50. 



Clichös und Druck ron Dr. E. Albert & Co., Ifanchen.